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Fundstücke 1. bis 03.KW 2011
g. | Freitag, 21. Januar 2011, 05:43 | Themenbereich: 'Fundstuecke'
Hintergründe und Sichtweisen:
Wieland Elfferding: Wie der bildungstheoretische Neusprech zu einem Steuerungsmedium für die Personalauswahl geworden ist
Michael Butter über Verschwörungstheorien im Nahen Osten und den Vereinigten Staaten
Mehr Demokratie wagen! Für wen? Von wem?
Franz Walter über die FDP und ihre Vorsitzenden
Franz Walter über den rechten Entrüstungsliberalismus
Zwar schon lange bekannt, aber: Die FDP und die Nazis
Über Maulhelden
Leseliste:
Tom Segev: Simon Wiesenthal. Die Biografie
Raymond Martin (I )
Raymond Martin (II)
Sonstiges:
Tonexperimente
Netzbeziehungen: Liebe ist für alle da mit dank an Herrn nnier
Aus dem Reich der Finsternis:
Frau Sarrazin
Was auch immer geschehen sein mag, Frau Sarrazin ist es auf jeden Fall nicht gewesen
Herr Sarrazin liest in München
Neue Wörter:
„die Merkt-ja-doch-keiner-Redakteure“
Samenstaugewinsel
Leseliste:
Sonstiges:
Aus dem Reich der Finsternis:
Neue Wörter:
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Naslöcher IX
g. | Donnerstag, 20. Januar 2011, 05:52 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
„/Wer spitzig dünneu naslöcher hât, der ist ain kriegerSie sehen, an den Naslöchern kann man den Charakter erkennen.
und kriegt gern. wer grôzeu naslöcher hât und
weiteu, der hât klain weishait. wer an der nasen langeu
naslöcher hât und dünneu, der ist gæch und ain tôr und
leiht. wer praiteu naslöcher hât, der ist unkäusch. Wem
diu naslöcher sêr offen sint, der ist zornig von nâtûr.“
(Konrad von Megenberg: Das Buch der Natur.)
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„Jeder unserer Wähler bekommt ein kleines Taschenaquarium.“
g. | Mittwoch, 19. Januar 2011, 05:20 | Themenbereich: 'so dies und das'
ist nun seit Jahren das einzige Versprechen einer politischen Partei, das ich vorbehaltlos begrüßen kann.
Es ist hinreichend konkret, um überprüfbar zu sein und lässt sich somit problemlos von den Wählerinnen und Wählern (soviel Zeit muss sein!) nach der Wahl einfordern. Die Partei kann dieses Versprechen auch nicht relativieren, etwa mit Verweis auf die Haushaltslage oder den Koalitionspartner, schließlich ist die Rede von einem kleinen Taschenaquarium, somit wäre auch ein Ein-Fisch-Aquarium (wie wäre es mit einem Guppy? (durchaus noch wahrheitsgemäß und auch finanzierbar.
Ein Taschenaquarium wollte ich schon immer haben, vielleicht in Form eines Plexiglaswürfels, mit einer kleinen Buchse dran wie bei den Strandbällen, zum Wechseln des Wassers und zum Füttern des Fisches? Das wäre schön. (Und etwas zum Essen, wenn es hart auf hart kommt, hätte man auch immer dabei.)
Außenpolitisch ist der Forderung nach einer Sprengung der Erdkugel, schließlich ist die Situation aussichtslos, durchaus zuzustimmen. Außerdem gäbe es einen wunderschönen Knall.
Innenpoltisch ist die Forderung nach Zwangseinführung des Alkoholismus nur zu unterstützen (Riesling und Spätburgunder für alle!).
Seien Sie doch mal ehrlich: Sind wir nicht alle für den gemäßigten Fortschritt im Rahmen der Gesetze?
Es ist hinreichend konkret, um überprüfbar zu sein und lässt sich somit problemlos von den Wählerinnen und Wählern (soviel Zeit muss sein!) nach der Wahl einfordern. Die Partei kann dieses Versprechen auch nicht relativieren, etwa mit Verweis auf die Haushaltslage oder den Koalitionspartner, schließlich ist die Rede von einem kleinen Taschenaquarium, somit wäre auch ein Ein-Fisch-Aquarium (wie wäre es mit einem Guppy? (durchaus noch wahrheitsgemäß und auch finanzierbar.
Ein Taschenaquarium wollte ich schon immer haben, vielleicht in Form eines Plexiglaswürfels, mit einer kleinen Buchse dran wie bei den Strandbällen, zum Wechseln des Wassers und zum Füttern des Fisches? Das wäre schön. (Und etwas zum Essen, wenn es hart auf hart kommt, hätte man auch immer dabei.)
Außenpolitisch ist der Forderung nach einer Sprengung der Erdkugel, schließlich ist die Situation aussichtslos, durchaus zuzustimmen. Außerdem gäbe es einen wunderschönen Knall.
Innenpoltisch ist die Forderung nach Zwangseinführung des Alkoholismus nur zu unterstützen (Riesling und Spätburgunder für alle!).
Seien Sie doch mal ehrlich: Sind wir nicht alle für den gemäßigten Fortschritt im Rahmen der Gesetze?
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Tageslosung
g. | Dienstag, 18. Januar 2011, 07:17 | Themenbereich: 'amuse gueule'
»Ich - antiamerikanisch?? Ich hab geweint, als Winnetou starb!«
(Harry Rowohlt)
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Pali-Tücher und Dosenschleim
g. | Montag, 17. Januar 2011, 05:23 | Themenbereich: 'Begegnungen'
Nicht, dass ich früher, also etwa zu der Zeit als ich über Altamont erschrak und dankbaren Toten zuhörte, nicht auch mal Uniform getragen hätte. In meinem Führerscheinbild bin ich ja mit Haaren bis auf die Schulter, Fusselbart und Parka abgelichtet. Freaks nannten wir uns, damals in der guten alten Zeit, als Kurt Georg Kiesinger Bundeskanzler und Almdudler („Hm? Schmeckt irgendwie nach alten Socken, nicht?“ ) noch ein Geheimtipp für Geschmacksperversler war, Hippies nannten uns die Anderen. Natürlich diente das Aussehen der Abgrenzung gegen Spießer und Nazis und habichvergessen. Wir wollten anders sein und jeder sollte das erkennen können. „Geh doch nach drüben, wenn es dir hier nicht passt!“ schallte es uns entgegen, das Problem war natürlich, dass es uns hier nicht gepasst hat und drüben auch nicht. So weit so gut: wir und die anderen.
Nun ist das mit den Israelis und den Palästinensern so eine Sache: erstens sind sie auf der anderen Seite des Mittelmeeres und ich habe ja so meine Schwierigkeiten, wenn man sich in Konflikte anderer Leute dergestalt einmischt, dass man Partei ergreift. Wie man eigentlich wissen könnte, ist das bei Konflikten meist so, dass nicht die Einen Recht und die Anderen Unrecht haben, auf welche Seite soll man sich also stellen? Auf die Richtige natürlich! Klar, sowieso, genau!
Es gibt ja viele gut Gründe, israelische Politik zu kritisieren, die Siedlungspolitik beispielsweise, die einen Kompromiss über Land & Wasser zunehmend erschwert, oder oder …
Es ist auch richtig, dass in diesem Konflikt die Israelis die Stärkeren sind, nur kann man sich dann einfach, wenn auch nur symbolisch, auf die Seite der Schwächeren schlagen?
Was ich damit sagen will: ich habe so meine Schwierigkeiten mit dem Tragen der Kufiya habe, auch und gerade, wenn es nur ein modisches Accessoire ist und der Träger über den Hintergrund nichts weiß.
Sago habe ich als Kind einmal probiert und dann nie wieder. Irgendwelche Fruchtsäfte wurden mit Zucker und eben Perlsago aufgekocht und es entstand ein dicker, süßer Schleim. Örks! Meine Mutter meinte, dass Kinder doch Süßes mögen und folglich würde mir auch Sago schmecken. Die These hat nicht hingehauen, Graupen seien gesund und wohlschmeckend, war auch so eine These, die bei mir nicht verfangen hat. Man kann den Perlsago auch mit Milch und Zucker aufkochen, wenn Sahne zu teuer ist und daraus eine Art Pannacotta herstellen. Schmeckt auch ziemlich scheiße. Sago hat noch einen Nachteil: die Kügelchen oder Klümpchen lösen sich nicht vollständig auf und so entsteht … Ich glaube, hier sollte ich die Schilderung abbrechen. Fassen wir zusammen: Nicht schön, nicht wohlschmeckend und die Konsistenz ist nur was für die ganz Harten.
Vor ein paar Tagen nun war es in der Bahn so voll wie es im Winter an jedem Tag ist, weil die S-Bahn GmbH Jahr für Jahr vom Winter überrascht wird. Zu wenige Züge, die zudem noch kürzer sind und seltener fahren führen zu drangvoller Enge. Wer nicht unbedingt zur Arbeit oder Schule muss, kann auf andere Tageszeiten ausweichen. Wem dies nicht vergönnt ist, der hat eben Pech gehabt. Manche Fahrgäste wollen von den Zugabfertigern wissen, wann es wieder besser wird, oder wann der nächste Zug nach da und da kommt. Damit keine falschen Auskünfte gegeben werden können, wird das Personal nicht informiert. Das leuchtet doch ein. Wenn jemand pünktlich irgendwo sein muss, dann hat er eben Pech gehabt.
Da an einigen Bahnhöfen auch gebaut wird, müssen Kräne umgesetzt werden, Zugänge zum Bahnsteig geschlossen und die Fahrgäste zu anderen, behelfsmäßigen Zugängen geleitet werden. Die Bauarbeiter wissen nur, dass „jetze hier dicht gemacht“ wird, wo man jetzt zum Zug kommt aber nicht: „mir hat keener wat jesacht“. Wer nicht mehr so gut zu Fuß ist oder kein geeignetes Schuhwerk für Umwege durch Schneewehen angezogen hat, der hat einfach Pech gehabt.
So weit alles klar?
Jetzt machen wir einen großen zeitlichen Sprung: wir haben alle Hindernisse überwunden, sind auch bereits auf dem Bahnsteig, Füße und Hände lassen sich nur noch unter Schmerzen verwenden, das Schneegestöber pudert einen vorschriftmäßig ein und auch die Brille und die Haare bekommen so viel ab, dass, wenn man es in die Bahn geschafft hat und der Schnee zu tauen anfängt, Tropfen für Tropfen an der Nase entlang, zuerst nach vorne zur Spitze und dann in einem eleganten Schwung am Nasenflügel, der Schwerkraft folgend, auf Oberlippe, Unterlippe und vorwärts zum Kinn, dort sich sammelnd, in den Schal fließen kann. Es gibt natürlich auch Tropfen, die sich hinter dem Ohr vereinigend ohne Umschweife in den Schaal fallen lassen. Irgendwo auf dem Haupt des Menschen gibt es eine Wasserscheide.
Wir stehen also auf dem Bahnsteig, der Zug fährt ein. Der allergrößte Teil der Menschen, die zur Arbeit müssen, bleibt apathisch stehen. Entweder kommt man mit oder eben nicht, drängeln bringt nicht viel. Meistens kommt man ja mit, es sei denn man muss mit der Ringbahn fahren, dann hat man eben Pech gehabt. Ich muss nicht auf den Ring, also bleibe ich stehen, bis der Zug hält und die Türen aufgehen. Ich will einen Schritt nach vorne und in die Bahn einsteigen, als sich ein junger Mann, mit spärlichem Bartwuchs und Topffrisur, mit Pudelmütze und Pali-Tuch vor mich drängelt, um einen halben Schritt später im Zug festzustellen: „Ist ja alles voll hier!“ Was macht der Lackel eigentlich so früh auf dem Bahnsteig, kann der nicht wie jeder anständige Student zu Hause seinen Rausch ausschlafen?
Die anderen zwanzig Fahrgäste drängeln sich an dem Pali-Tuch-Träger vorbei (wetten, dass er ziemlich weit fahren muss und dass sich auf den folgenden Stationen wieder alle an ihm vorbei müssen?) in den Wagon. Wir stehen wie die eingelegten Sardellen eng an eng. Ich denke an meine Zeitung, die ich wohl wieder nicht lesen werde und ergebe mich in mein Schicksal. Der Zug ruckt an, festhalten ist nicht nötig und wäre auch nicht möglich. Jeder hat seine Arme am Körper, die Masse stützt sich gegenseitig. Plötzlich entsteht eine Unruhe. Der Pali-Mann kramt in seinem Beutel und holt eine kleines Döschen und einen Kaffelöffel heraus. Er öffnet die Dose und ein grau-weißer Schleim erscheint unter dem Deckel, mit Bröckchen drin. Das Zeug sieht aus wie das Katzenfutter, das ich manchmal meinen Mädels aufmachen muss. Die finden das klasse, gesund und wohlschmeckend, ich muss jedes Mal meinen Kopf wegdrehen, weil es ekelhaft aussieht und penetrant nach Fisch riecht (übrigens: Frischer Fisch ist etwas anderes, der riecht nämlich nicht nach Fisch). Mit leeren Augen löffelt das Pali-Männchen seinen Pannacottaersatz mit alten Heringstücken darin, die Fahrgäste um ihn herum – so auch ich – kämpfen bei Anblick und Geruch dieses Zeugs mit … Aber an dieser Stelle sollten wir, denke ich, den Bericht abbrechen.
Ob es wohl einen Zusammenhang gibt zwischen dem Tragen von Pali-Tüchern und dem Genuss von Dosenschleim? Irgendetwas Tiefenpsychologisches, an dem sich unsere Schulweisheit bislang die Zähne ausgebissen hat?
Nun ist das mit den Israelis und den Palästinensern so eine Sache: erstens sind sie auf der anderen Seite des Mittelmeeres und ich habe ja so meine Schwierigkeiten, wenn man sich in Konflikte anderer Leute dergestalt einmischt, dass man Partei ergreift. Wie man eigentlich wissen könnte, ist das bei Konflikten meist so, dass nicht die Einen Recht und die Anderen Unrecht haben, auf welche Seite soll man sich also stellen? Auf die Richtige natürlich! Klar, sowieso, genau!
Es gibt ja viele gut Gründe, israelische Politik zu kritisieren, die Siedlungspolitik beispielsweise, die einen Kompromiss über Land & Wasser zunehmend erschwert, oder oder …
Es ist auch richtig, dass in diesem Konflikt die Israelis die Stärkeren sind, nur kann man sich dann einfach, wenn auch nur symbolisch, auf die Seite der Schwächeren schlagen?
Was ich damit sagen will: ich habe so meine Schwierigkeiten mit dem Tragen der Kufiya habe, auch und gerade, wenn es nur ein modisches Accessoire ist und der Träger über den Hintergrund nichts weiß.
Sago habe ich als Kind einmal probiert und dann nie wieder. Irgendwelche Fruchtsäfte wurden mit Zucker und eben Perlsago aufgekocht und es entstand ein dicker, süßer Schleim. Örks! Meine Mutter meinte, dass Kinder doch Süßes mögen und folglich würde mir auch Sago schmecken. Die These hat nicht hingehauen, Graupen seien gesund und wohlschmeckend, war auch so eine These, die bei mir nicht verfangen hat. Man kann den Perlsago auch mit Milch und Zucker aufkochen, wenn Sahne zu teuer ist und daraus eine Art Pannacotta herstellen. Schmeckt auch ziemlich scheiße. Sago hat noch einen Nachteil: die Kügelchen oder Klümpchen lösen sich nicht vollständig auf und so entsteht … Ich glaube, hier sollte ich die Schilderung abbrechen. Fassen wir zusammen: Nicht schön, nicht wohlschmeckend und die Konsistenz ist nur was für die ganz Harten.
Vor ein paar Tagen nun war es in der Bahn so voll wie es im Winter an jedem Tag ist, weil die S-Bahn GmbH Jahr für Jahr vom Winter überrascht wird. Zu wenige Züge, die zudem noch kürzer sind und seltener fahren führen zu drangvoller Enge. Wer nicht unbedingt zur Arbeit oder Schule muss, kann auf andere Tageszeiten ausweichen. Wem dies nicht vergönnt ist, der hat eben Pech gehabt. Manche Fahrgäste wollen von den Zugabfertigern wissen, wann es wieder besser wird, oder wann der nächste Zug nach da und da kommt. Damit keine falschen Auskünfte gegeben werden können, wird das Personal nicht informiert. Das leuchtet doch ein. Wenn jemand pünktlich irgendwo sein muss, dann hat er eben Pech gehabt.
Da an einigen Bahnhöfen auch gebaut wird, müssen Kräne umgesetzt werden, Zugänge zum Bahnsteig geschlossen und die Fahrgäste zu anderen, behelfsmäßigen Zugängen geleitet werden. Die Bauarbeiter wissen nur, dass „jetze hier dicht gemacht“ wird, wo man jetzt zum Zug kommt aber nicht: „mir hat keener wat jesacht“. Wer nicht mehr so gut zu Fuß ist oder kein geeignetes Schuhwerk für Umwege durch Schneewehen angezogen hat, der hat einfach Pech gehabt.
So weit alles klar?
Jetzt machen wir einen großen zeitlichen Sprung: wir haben alle Hindernisse überwunden, sind auch bereits auf dem Bahnsteig, Füße und Hände lassen sich nur noch unter Schmerzen verwenden, das Schneegestöber pudert einen vorschriftmäßig ein und auch die Brille und die Haare bekommen so viel ab, dass, wenn man es in die Bahn geschafft hat und der Schnee zu tauen anfängt, Tropfen für Tropfen an der Nase entlang, zuerst nach vorne zur Spitze und dann in einem eleganten Schwung am Nasenflügel, der Schwerkraft folgend, auf Oberlippe, Unterlippe und vorwärts zum Kinn, dort sich sammelnd, in den Schal fließen kann. Es gibt natürlich auch Tropfen, die sich hinter dem Ohr vereinigend ohne Umschweife in den Schaal fallen lassen. Irgendwo auf dem Haupt des Menschen gibt es eine Wasserscheide.
Wir stehen also auf dem Bahnsteig, der Zug fährt ein. Der allergrößte Teil der Menschen, die zur Arbeit müssen, bleibt apathisch stehen. Entweder kommt man mit oder eben nicht, drängeln bringt nicht viel. Meistens kommt man ja mit, es sei denn man muss mit der Ringbahn fahren, dann hat man eben Pech gehabt. Ich muss nicht auf den Ring, also bleibe ich stehen, bis der Zug hält und die Türen aufgehen. Ich will einen Schritt nach vorne und in die Bahn einsteigen, als sich ein junger Mann, mit spärlichem Bartwuchs und Topffrisur, mit Pudelmütze und Pali-Tuch vor mich drängelt, um einen halben Schritt später im Zug festzustellen: „Ist ja alles voll hier!“ Was macht der Lackel eigentlich so früh auf dem Bahnsteig, kann der nicht wie jeder anständige Student zu Hause seinen Rausch ausschlafen?
Die anderen zwanzig Fahrgäste drängeln sich an dem Pali-Tuch-Träger vorbei (wetten, dass er ziemlich weit fahren muss und dass sich auf den folgenden Stationen wieder alle an ihm vorbei müssen?) in den Wagon. Wir stehen wie die eingelegten Sardellen eng an eng. Ich denke an meine Zeitung, die ich wohl wieder nicht lesen werde und ergebe mich in mein Schicksal. Der Zug ruckt an, festhalten ist nicht nötig und wäre auch nicht möglich. Jeder hat seine Arme am Körper, die Masse stützt sich gegenseitig. Plötzlich entsteht eine Unruhe. Der Pali-Mann kramt in seinem Beutel und holt eine kleines Döschen und einen Kaffelöffel heraus. Er öffnet die Dose und ein grau-weißer Schleim erscheint unter dem Deckel, mit Bröckchen drin. Das Zeug sieht aus wie das Katzenfutter, das ich manchmal meinen Mädels aufmachen muss. Die finden das klasse, gesund und wohlschmeckend, ich muss jedes Mal meinen Kopf wegdrehen, weil es ekelhaft aussieht und penetrant nach Fisch riecht (übrigens: Frischer Fisch ist etwas anderes, der riecht nämlich nicht nach Fisch). Mit leeren Augen löffelt das Pali-Männchen seinen Pannacottaersatz mit alten Heringstücken darin, die Fahrgäste um ihn herum – so auch ich – kämpfen bei Anblick und Geruch dieses Zeugs mit … Aber an dieser Stelle sollten wir, denke ich, den Bericht abbrechen.
Ob es wohl einen Zusammenhang gibt zwischen dem Tragen von Pali-Tüchern und dem Genuss von Dosenschleim? Irgendetwas Tiefenpsychologisches, an dem sich unsere Schulweisheit bislang die Zähne ausgebissen hat?
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In der Bahn
g. | Freitag, 14. Januar 2011, 05:59 | Themenbereich: 'Begegnungen'
Der Zug hält, Gedränge beim Aus- und Einsteigen. Ich lese konzentriert einen Artikel von Harald Schuhmann im Tagesspiegel. Ein Satz, gesprochen von einer hellen Frauenstimme, dringt vom Bahnsteig herein:
„Ficken, Fressen, Saufen, Rauchen und …“ Dann wehte der Wind ihre weiteren Worte weg. Mit wem sie wohl über was geredet hat?
„Ficken, Fressen, Saufen, Rauchen und …“ Dann wehte der Wind ihre weiteren Worte weg. Mit wem sie wohl über was geredet hat?
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Ein Weib
g. | Donnerstag, 13. Januar 2011, 05:38 | Themenbereich: 'amuse gueule'
Sie hatten sich beide so herzlich lieb,
Spitzbübin war sie, er war ein Dieb.
Wenn er Schelmenstreiche machte,
Sie warf sich aufs Bette und lachte.
Der Tag verging in Freud und Lust,
Des Nachts lag sie an seiner Brust.
Als man ins Gefängnis ihn brachte,
Sie stand am Fenster und lachte.
Er ließ ihr sagen: »O komm zu mir,
Ich sehne mich so sehr nach dir,
Ich rufe nach dir, ich schmachte« –
Sie schüttelt' das Haupt und lachte.
Um sechse des Morgens ward er gehenkt,
Um sieben ward er ins Grab gesenkt;
Sie aber schon um achte
Trank roten Wein und lachte.
(Heinrich Heine)
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Die Wahrheit über die Mondlandung
g. | Mittwoch, 12. Januar 2011, 05:34 | Themenbereich: 'auf Reisen'
Pucalpa ist eine Stadt am Rio Ucayali im Amazonasgebiet von Peru. Wenn Sie von Pucalpa zunächst das Passagierschiff flussabwärts nehmen bis etwa Contamana und dann mit dem Peque Peque, das seinen Namen vom Geräusch des Außenbordmotors erhalten hat, noch etwas weiter, dann erst links Richtung Pampa Hermosa und dann noch mal rechts und um ein paar Ecken, dann landen sie an einem Ort an einem Flüsschen, der nur aus einem Häuschen besteht. Der Ort hat meines Wissens keinen Namen. In dem Häuschen, das nur aus Holzresten zusammengeflochten war und wahrscheinlich nicht mehr existiert, lebte Ende der 70er Jahre Jorge, der sich und seine Familie durch das Fällen und Verkaufen von tropischen Edelholzbäumen ernährte. Damals war er etwa Mitte 30. Ob er noch lebt?
Das Flüsschen war zu dieser Jahreszeit, außerhalb der Regenzeit, etwa 20 m breit, das Land, das es zu dieser Jahreszeit an dieser Stelle gab, war mit Regenwald bedeckt. Der tropische Regenwald ist eine ganz eigene Welt, vom Fluss aus stellt er sich als 40 m hohe grüne Wand dar. Tiere sind selten zu sehen, aber permanent zu hören. Das hat etwas Unheimliches. Insbesondere Papageien lärmen und streiten sich ohne Pause, nur gelegentlich von den durchdringenden Schreien von Brüllaffen unterbrochen. Zu sehen sind die Affen nie. Vögel, insbesondere Aras kann man, wenn sie einen Ausflug ins Freie über den Flüssen machen, von Zeit zu Zeit erblicken, alle anderen Tiere, außer Insekten aller Art, nur höchst selten. Der Regenwald ist auch voller Geschichten. Werner Herzog hat eine davon in Szene gesetzt.

Wer im Wald und auf dem Fluss ist, erzählt und hört gerne Geschichten. Fernsehen und Radio waren damals sehr, sehr selten. Von den Shipibos beispielsweise, einem in dieser Gegend ansässigen Volk, wird erzählt, dass sie die Flussdelfine für Götter halten, die von Zeit zu Zeit junge Frauen des Nachts in ihren Hütten aufsuchen, um mit ihnen ein Kind zu zeugen, das dann, da es ja ein Kind der Götter ist, vom ganzen Stamm aufgezogen und von allen bevorzugt behandelt wird. (Charmante Lösung eines gesellschaftlichen Problems, nicht?)
Jorge war für seine Verhältnisse ein kluger, nachdenklicher und gebildeter Mann, mit dem wir halbe Nächte am Flussufer über Empfängnisverhütung ( „Weißt du, G. wir haben jetzt zwei Kinder, das genügt eigentlich. Jetzt passen wir auf.“ Ich nickte, Jorges Frau flüsterte uns zu, dass sie drei Kinder hätten, aber eines an schlechtem Wasser gestorben sei.) über die Erhaltung des Waldes ( „Wir sind jetzt verpflichtet für jeden gefällten Baum, zwei neue zu pflanzen. Ich mache das, nur: wer kontrolliert das hier draußen?“ ) und vieles andere, diskutierten.
Eines Abends saßen wir am Fluss am Lagerfeuer und neben dem Kerosinkocher und tranken ein lauwarmes Bier. Bier ist hier immer lauwarm, da Gaskühlschränke so teuer sind, dass sie kaum jemand besitzt. Beim durchdringenden Schrei eines Aras fiel mir fast die Flasche aus dem Gesicht, als er mir sein, im flackernden Schein des Feuers nur undeutlich auszumachendes Gesicht zuwandte:
„Sag mal, glaubst du, dass die Amerikaner auf dem Mond waren?“
Er sah mich gespannt an.
Klar, wollte ich gerade anheben. Ich habe es im Fernsehen gesehen, wie sie gelandet sind. Jorges Frau stellte den Kocher ab und stellte den Topf mit der Fischsuppe zwischen uns. Wir aßen und tranken, kaum wahrnehmbar wehte vom Fluss her ein leichter Wind über die kaum hundert Quadratmeter große, gerodete Fläche, die am Rande mit Kochbananen und Papaya bepflanzt war, in der Luft konnte man einen feucht-süßlichen Geruch wahrnehmen. Nach dem Essen wandte er mir wieder sein Gesicht zu und sagte:
„Die Amerikaner? Da Oben?“
Er deutete mit seiner Hand auf den satten Vollmond, der über unserer kleinen Lichtung im Wald hoch oben über den 40 m hohen Baumwipfeln am Himmel stand.
„Das glaube ich nicht!“
Ich blickte nach oben, ein großer Vogel flog durch mein Sichtfeld. Ich hatte plötzlich den Eindruck, dass es still geworden sei, im Regenwald hinter Pucalpa in Peru.
Ich sah ihn wieder an. In diese Stille sollte ich die Behauptung aufstellen, dass die Amerikaner tatsächlich auf dem Mond gelandet waren? Ich wäre mir wie ein blöder Aufschneider und Lügner vorgekommen. So zuckte ich nur mit den Achseln und lächelte hilflos.
Was meinen Sie, waren die Amerikaner wirklich auf dem Mond?
Das Flüsschen war zu dieser Jahreszeit, außerhalb der Regenzeit, etwa 20 m breit, das Land, das es zu dieser Jahreszeit an dieser Stelle gab, war mit Regenwald bedeckt. Der tropische Regenwald ist eine ganz eigene Welt, vom Fluss aus stellt er sich als 40 m hohe grüne Wand dar. Tiere sind selten zu sehen, aber permanent zu hören. Das hat etwas Unheimliches. Insbesondere Papageien lärmen und streiten sich ohne Pause, nur gelegentlich von den durchdringenden Schreien von Brüllaffen unterbrochen. Zu sehen sind die Affen nie. Vögel, insbesondere Aras kann man, wenn sie einen Ausflug ins Freie über den Flüssen machen, von Zeit zu Zeit erblicken, alle anderen Tiere, außer Insekten aller Art, nur höchst selten. Der Regenwald ist auch voller Geschichten. Werner Herzog hat eine davon in Szene gesetzt.

Wer im Wald und auf dem Fluss ist, erzählt und hört gerne Geschichten. Fernsehen und Radio waren damals sehr, sehr selten. Von den Shipibos beispielsweise, einem in dieser Gegend ansässigen Volk, wird erzählt, dass sie die Flussdelfine für Götter halten, die von Zeit zu Zeit junge Frauen des Nachts in ihren Hütten aufsuchen, um mit ihnen ein Kind zu zeugen, das dann, da es ja ein Kind der Götter ist, vom ganzen Stamm aufgezogen und von allen bevorzugt behandelt wird. (Charmante Lösung eines gesellschaftlichen Problems, nicht?)
Jorge war für seine Verhältnisse ein kluger, nachdenklicher und gebildeter Mann, mit dem wir halbe Nächte am Flussufer über Empfängnisverhütung ( „Weißt du, G. wir haben jetzt zwei Kinder, das genügt eigentlich. Jetzt passen wir auf.“ Ich nickte, Jorges Frau flüsterte uns zu, dass sie drei Kinder hätten, aber eines an schlechtem Wasser gestorben sei.) über die Erhaltung des Waldes ( „Wir sind jetzt verpflichtet für jeden gefällten Baum, zwei neue zu pflanzen. Ich mache das, nur: wer kontrolliert das hier draußen?“ ) und vieles andere, diskutierten.
Eines Abends saßen wir am Fluss am Lagerfeuer und neben dem Kerosinkocher und tranken ein lauwarmes Bier. Bier ist hier immer lauwarm, da Gaskühlschränke so teuer sind, dass sie kaum jemand besitzt. Beim durchdringenden Schrei eines Aras fiel mir fast die Flasche aus dem Gesicht, als er mir sein, im flackernden Schein des Feuers nur undeutlich auszumachendes Gesicht zuwandte:
„Sag mal, glaubst du, dass die Amerikaner auf dem Mond waren?“
Er sah mich gespannt an.
Klar, wollte ich gerade anheben. Ich habe es im Fernsehen gesehen, wie sie gelandet sind. Jorges Frau stellte den Kocher ab und stellte den Topf mit der Fischsuppe zwischen uns. Wir aßen und tranken, kaum wahrnehmbar wehte vom Fluss her ein leichter Wind über die kaum hundert Quadratmeter große, gerodete Fläche, die am Rande mit Kochbananen und Papaya bepflanzt war, in der Luft konnte man einen feucht-süßlichen Geruch wahrnehmen. Nach dem Essen wandte er mir wieder sein Gesicht zu und sagte:
„Die Amerikaner? Da Oben?“
Er deutete mit seiner Hand auf den satten Vollmond, der über unserer kleinen Lichtung im Wald hoch oben über den 40 m hohen Baumwipfeln am Himmel stand.
„Das glaube ich nicht!“
Ich blickte nach oben, ein großer Vogel flog durch mein Sichtfeld. Ich hatte plötzlich den Eindruck, dass es still geworden sei, im Regenwald hinter Pucalpa in Peru.
Ich sah ihn wieder an. In diese Stille sollte ich die Behauptung aufstellen, dass die Amerikaner tatsächlich auf dem Mond gelandet waren? Ich wäre mir wie ein blöder Aufschneider und Lügner vorgekommen. So zuckte ich nur mit den Achseln und lächelte hilflos.
Was meinen Sie, waren die Amerikaner wirklich auf dem Mond?
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Tageslosung
g. | Dienstag, 11. Januar 2011, 06:08 | Themenbereich: 'amuse gueule'
„Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte.“oder wie es Adorno ausdrückte:
(Georg Büchner: Lenz)
„In Krahl, da hausen die Wölfe.“
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Wem die Stunde schlägt
g. | Montag, 10. Januar 2011, 05:39 | Themenbereich: 'Begegnungen'
Meine erste Armbanduhr habe ich mit 14 zur Konfirmation erhalten. Mitte der 60er Jahre war es keineswegs üblich, dass Kinder Uhren besaßen, vielmehr war es wie der Kauf des ersten Füllers in der zweiten Klasse der Grundschule ein ritualisiertes Ereignis. Uhren waren teuer, man bekam sie zur Konfirmation oder Firmung als erste Stufe des Erwachsenwerdens.
Ich bin in einer Neubausiedlung am Waldrand aufgewachsen und natürlich haben wir Kinder im Wald gespielt. Wir haben Baumhäuser gebaut, Gefangene befreit und Dämme in den kleinen Bach gebaut, der nur wenige Schritte in den Wald hinein, floss. Unser so geschaffener kleiner See wurde mit Krebsen, Molchen und Forellen bestückt, die wir im nahe gelegenen Flüsschen einsammelten.
Dabei behielten wir immer auch die Zeit im Auge bzw. im Ohr, denn parallel zum Lernen der Uhr ( „Wenn der große Zeiger oben auf der Zwölf steht und der kleine Zeiger bei der Drei, dann ist es genau drei Uhr. Wenn der kleine Zeiger auf der Drei steht und der Große auch auf der Drei, dann ist es viertel vier.“ ) wurde uns auch beigebracht auf die Kirchturmuhr zu hören. Die dunkle Glocke schlägt die Stunden, die Helle die Viertelstunden. Man muss nur mitzählen. Damit das auch klappt, wurde bei jeder Gelegenheit, also immer wenn die Kirchturmuhr anschlug und meine Eltern oder meine Brüder daran dachten, geübt. Bong, Bong, Bong! „Hörst du? Zuerst die dunkle Glocke. Na?“ Ich musste dann mitzählen und dann die Stunde sagen. „Jetzt die helle Glocke, hörst du?“ Bing. Viertel vier, ganz einfach. So konnten wir als Kinder immer feststellen, wie spät es war. Insbesondere Im Sommer, wenn es lange hell ist, war das wichtig. Mein Vater kam kurz nach sechs von der Arbeit nach Hause und kurz danach gab es Abendbrot, zu dem wir uns alle versammelten. Wenn man nicht pünktlich kam, gab es Ärger und da wir gelernt hatten, auf die Uhr zu hören, gab es auch keine Entschuldigung. Na gut, gelegentlich durfte man es im Eifer des Spiels auch mal vergessen. Aber eben nur als Ausnahme.
Noch heute zähle ich im Stillen mit, wenn Glocken ertönen. Gelernt ist schließlich gelernt.
Inzwischen bekommen Kinder Uhren wohl schon viel früher und es besteht keine Notwendigkeit mehr auf die Glockenschläge zu achten.
Letztens wollte ein junger Mann von mir wissen, wie spät es eigentlich sei. Bevor ich den Ärmel meiner dicken Winterjacke hochziehen konnte, schlug die Uhr an und so habe ich einfach, ohne nachzudenken, mitgezählt.
Der junge Mann wurde ungeduldig und fragte sich wohl, was ich da tue.
„Viertel nach drei“ sagte ich zu ihm.
„Woher wollen Sie das wissen?“
„Die Uhr hat gerade geschlagen.“
„Das wäre mir viel zu mühsam“ meinte er und ging.
Tja, dachte ich, keine Uhr haben, aber auf den Glockenschlag zu hören, mühsam finden.
Schade eigentlich, dass niemand mehr darauf hört, welche Stunde es geschlagen hat.
Ich bin in einer Neubausiedlung am Waldrand aufgewachsen und natürlich haben wir Kinder im Wald gespielt. Wir haben Baumhäuser gebaut, Gefangene befreit und Dämme in den kleinen Bach gebaut, der nur wenige Schritte in den Wald hinein, floss. Unser so geschaffener kleiner See wurde mit Krebsen, Molchen und Forellen bestückt, die wir im nahe gelegenen Flüsschen einsammelten.
Dabei behielten wir immer auch die Zeit im Auge bzw. im Ohr, denn parallel zum Lernen der Uhr ( „Wenn der große Zeiger oben auf der Zwölf steht und der kleine Zeiger bei der Drei, dann ist es genau drei Uhr. Wenn der kleine Zeiger auf der Drei steht und der Große auch auf der Drei, dann ist es viertel vier.“ ) wurde uns auch beigebracht auf die Kirchturmuhr zu hören. Die dunkle Glocke schlägt die Stunden, die Helle die Viertelstunden. Man muss nur mitzählen. Damit das auch klappt, wurde bei jeder Gelegenheit, also immer wenn die Kirchturmuhr anschlug und meine Eltern oder meine Brüder daran dachten, geübt. Bong, Bong, Bong! „Hörst du? Zuerst die dunkle Glocke. Na?“ Ich musste dann mitzählen und dann die Stunde sagen. „Jetzt die helle Glocke, hörst du?“ Bing. Viertel vier, ganz einfach. So konnten wir als Kinder immer feststellen, wie spät es war. Insbesondere Im Sommer, wenn es lange hell ist, war das wichtig. Mein Vater kam kurz nach sechs von der Arbeit nach Hause und kurz danach gab es Abendbrot, zu dem wir uns alle versammelten. Wenn man nicht pünktlich kam, gab es Ärger und da wir gelernt hatten, auf die Uhr zu hören, gab es auch keine Entschuldigung. Na gut, gelegentlich durfte man es im Eifer des Spiels auch mal vergessen. Aber eben nur als Ausnahme.
Noch heute zähle ich im Stillen mit, wenn Glocken ertönen. Gelernt ist schließlich gelernt.
Inzwischen bekommen Kinder Uhren wohl schon viel früher und es besteht keine Notwendigkeit mehr auf die Glockenschläge zu achten.
Letztens wollte ein junger Mann von mir wissen, wie spät es eigentlich sei. Bevor ich den Ärmel meiner dicken Winterjacke hochziehen konnte, schlug die Uhr an und so habe ich einfach, ohne nachzudenken, mitgezählt.
Der junge Mann wurde ungeduldig und fragte sich wohl, was ich da tue.
„Viertel nach drei“ sagte ich zu ihm.
„Woher wollen Sie das wissen?“
„Die Uhr hat gerade geschlagen.“
„Das wäre mir viel zu mühsam“ meinte er und ging.
Tja, dachte ich, keine Uhr haben, aber auf den Glockenschlag zu hören, mühsam finden.
Schade eigentlich, dass niemand mehr darauf hört, welche Stunde es geschlagen hat.
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Fundstücke 1.KW 2011 und Reste 2010
g. | Freitag, 7. Januar 2011, 06:24 | Themenbereich: 'Fundstuecke'
Über Glaubensfragen und den Stolz einer säkularen Gesellschaft
von Jan Philipp Reemtsma
Jürgen Nielsen-Sikora über Ernst Jünger
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Friedrich Wilhelm August Schmidt,
g. | Donnerstag, 6. Januar 2011, 06:23 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
der Pastor von Werneuchen ist heute kaum noch jemand ein Begriff. In gewisser Weise ist das schade:
Darüber hinaus ist dem guten Pastor auch noch aufgefallen, dass es mit dem Kunstschönen und dem Naturschönen alles nicht so einfach ist.
Ich finde ja, dass unser poetisierender Pastor mit seinen Gedichten etwa die Lukullus bereichert hätte.
DorfkircheUnser Pastor war ein Dilettant im Wortsinne, also einer der Freude an seinem Tun hat und sich einen Teufel um die literarische Qualität sorgt.
Wie schön die Fensterscheiben, rund und düster!
Des Altars Decke, wo die Motte kreucht!
Die schwarzen Spinngewebe, die der Küster
Selbst mit dem längsten Kehrwisch nicht erreicht!
Wie schön der Todtenkränze flittern,
die hier bestäubt am kleinen Chore zittern!“
„Ich bin weit davon entfernt, Forderungen zu machen, weit davon entfernt, mit irgendeinem unsrer Dichter von Werth mich messen zu wollen;“schrieb er in seinem Vorbericht zur Ausgabe seiner Gedichte von 1796. Und weiter:
„aber das glaube ich mit Wahrheit behaupten zu können: dass selbst von schätzbaren Dichtern die Natur selten wahr kopiert worden sei. Man hat an ihrer Einfalt gekünstelt. Solche Verschönerungen wird man in diesen Blättern zwar vermissen, keine Vergleichungen ihrer Reitze mit Gold, Silber u.v.m. darin antreffen; aber demohnerachtet hoffe ich, mein kleines Publikum zu finden.“Der olle Wieland hat das klar erkannt, für ihn war der Pastor ein selten vorkommendes Naturtalent, das man nicht mit den Maßstäben der Literaturkritik messen sollte: „Wenn Amseln und Grasmücken in ihrer Art lieblich singen, warum soll ich mich verdrießen lassen, daß sie keine Nachtigallen sind.“ schrieb er zur üblichen zeitgenössischen Kritik, die insbesondere Schmidts Sujetwahl bekrittelte.
Darüber hinaus ist dem guten Pastor auch noch aufgefallen, dass es mit dem Kunstschönen und dem Naturschönen alles nicht so einfach ist.
An den MondSein rührendes Bemühen um die Rehabilitierung von Motten und Spinnen klappt nicht immer und so wurde er vielfach verspottet. Er habe eine runde, stattliche Figur mit einem Kohlhaupte obenan gehabt, schrieb etwa Friedrich Zelter an Goethe, der seinerseits den dichtenden Pastor mit einer Persiflage durchaus auch anerkennend berühmt gemacht hat.
Abends um eilf Uhr im Fenster.
So manchen Abend traut‘ ich hier
In stummer Liebe Leid,
In meiner Schwermuth kuckst du dann
Mich freundlich durch die Weiden an,
Daß mich’s im Herzen freut.
Wenn doch wie du, mein Mädchen, mild
Wie du so freundlich wär‘.
O such sie, lieber Mond, und schein‘
Ihr in die blauen Aeugelein,
Und mach‘ ihr’s Herzchen schwer.“
Ich finde ja, dass unser poetisierender Pastor mit seinen Gedichten etwa die Lukullus bereichert hätte.
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Luisa oder Frech kommt weiter
Ein Katzenleben
Ein Katzenleben
g. | Mittwoch, 5. Januar 2011, 05:47 | Themenbereich: 'Lilly und Luisa'
Ich weiß nicht wie du im Frühjahr 2000 warst, als du geboren wurdest. Als wir kurz vor Weihnachten 2001 im Tierheim waren, um uns Katzen auszusuchen, hobst du nur kurz den Kopf, als wir euer Gelass betraten. Ein kurzer, prüfender Blick und wir wurden als tauglich eingestuft. Deine Schwester hatte wohl das Tierheim ziemlich satt und baggerte uns vehement an. Sie veranstaltete ein riesen Geschrei und rieb ihr Köpfchen an uns, während du nur interessiert, aber müde, das Schauspiel beobachtetest.
Wir packten euch ein und erledigten den Papierkram. Zu Hause wurde sofort das Klo und die Futtervorräte begutachtet und ausprobiert. Schien zu passen. Nach einigen Tagen fingst du mit deinen Erziehungsmaßnahmen an. Wenn du hungrig warst oder einer von uns falsch lag, so dass du dich nicht auf der Brust zusammen rollen konntest, gab es einen kurzen Befehlslaut. Wenn der Fehler dann behoben war, fraßt du mit Appetit oder legtest dich auf die Brust unters Kinn. Man hat halt so seine Vorstellungen und Warten war deine Sache nicht. Wenn du etwas wolltest, verfolgtest du deine Interessen beharrlich und ohne lästige Zurückhaltung.
Nach einigen Tagen hattest du das neue Revier ausgetestet und warst in der Lage im gekonnten Galopp durch die Wohnung zu düsen und knapp unter der Decke auf Bücherregalen oder dem Kühlschrank die Lage zu sondieren. Hauptsache man hat alles unter Kontrolle.
Wenn wir zu Abend gegessen haben, genügte ein Satz auf den Tisch. Das Angebot kurz prüfen und so lange, gegebenenfalls unter Einsatz einer kurzen Unmutsäußerung, auf die Wurst starren, bis sich jemand erweichte und dir den Fettrand des Schinkens abschnitt und hinlegte.
Nach jedem Aufenthalt in der Katzenpension wurdest du zutraulicher. Wenn ich abends nach Hause kam, hast du dich nach dem Fressen erst mal auf den Rücken geworfen und wolltest einige Bauchstreichler abhaben. Wenn ich noch mit Kochen beschäftigt war, zogst du beleidigt ab in unser Schlafzimmer und legtest dich aufs Bett. Wenn ich dann kam, war wieder auf den Rücken schmeißen angesagt und wohliges Schnurren, wenn dann die geforderten Streicheleinheiten endlich verabreicht wurden.
Du warst immer eine schmale Katze, kaum 3,5 Kilo schwer. In der Pension hattest du allerdings keine Schwierigkeiten einen fast dreimal so großen Main-Coon-Kater, der zudem noch Freigänger war, mit einem gezielten Fauchen auf Abstand zu halten. Überhaupt warst du eine mutige kleine Katze, allerdings manchmal auch ziemlich dumm.
Eines Sommers konntest du dich nicht bremsen in deiner Abenteuerlust und bist von unserem Balkon auf den Anbau des Treppenhauses gesprungen. Die Entfernung hast du richtig eingeschätzt und bist sicher gelandet. Was du nicht bedacht hattest, ist: wie komme ich da wieder runter, wenn ringsum ein Abgrund von drei Stockwerken ist? Wir öffneten dann das Fenster im Treppenhaus und haben dich wieder herein geholt. Zitternd am ganzen Körper, trugen wir dich wieder in die Wohnung, in dein vertrautes Revier. Nach dem Schrecken und einigen Streicheleinheiten hast du erst mal deine Schwester angegriffen, um den Stress abzubauen. Sie ist allerdings stärker als du und so hast du eine ordentliche Tracht Prügel abbekommen. So kann es gehen, wenn man sich mit Stärkeren anlegt. Meistens bist du aber damit durchgekommen. Frech kommt eben doch weiter.
Nach sechs Jahren wuchs dir eine riesige Beule auf der Stirn. Die Tierärztin hat das Geschwulst entfernt und es an ein Labor geschickt. Leider war es ein Tumor. Das hat dich aber nicht weiter gestört. Genauso wenig, wie dich die Entfernung deines Auges wiederum ein Jahr später groß gestört hatte. So wurdest du eine Piratenkatze.
Die Wochen vor Weihnachten waren dann aber richtig schlimm. Du hast nicht mehr gefressen und lange war unklar, ob der Tumor damals doch gestreut hatte. Deine Blutwerte waren jedenfalls schrecklich. Eine Woche vor Weihnachten sind wir dann mit dir in die Tierklinik gefahren. Die S-Bahn hatte eine halbe Stunde Verspätung und wir froren beide erbärmlich auf dem Bahnsteig. Ich wusste vor Sorge nicht mehr ein und aus und hoffte dich noch rechtzeitig in die Klinik zu bringen, bevor du an Unterkühlung stirbst. Wir haben es dann geschafft, aber nach dem Röntgen und der Ultraschalluntersuchung war leider klar, dass du dir FIP, eine tödliche Katzenkrankheit, zugezogen hast. Du lässt wohl keine ernste Erkrankung aus?
Am Abend kam meine Frau nach Hause und wir fuhren wieder in die Klinik, um uns zu verabschieden und das Tier einschläfern zu lassen. Zuerst eine kleine Menge Pentobarbital, um sie schlafen zu legen und dann die Überdosis. Ein letztes Zucken, dann hattest du es überstanden.
Was soll man sagen? Die Entscheidung über Leben und Tod ist fürchterlich. Nach fast zehn Jahren bist du uns ans Herz gewachsen. Ich hoffe, du hattest ein schönes Leben bei uns.
Wir packten euch ein und erledigten den Papierkram. Zu Hause wurde sofort das Klo und die Futtervorräte begutachtet und ausprobiert. Schien zu passen. Nach einigen Tagen fingst du mit deinen Erziehungsmaßnahmen an. Wenn du hungrig warst oder einer von uns falsch lag, so dass du dich nicht auf der Brust zusammen rollen konntest, gab es einen kurzen Befehlslaut. Wenn der Fehler dann behoben war, fraßt du mit Appetit oder legtest dich auf die Brust unters Kinn. Man hat halt so seine Vorstellungen und Warten war deine Sache nicht. Wenn du etwas wolltest, verfolgtest du deine Interessen beharrlich und ohne lästige Zurückhaltung.
Nach einigen Tagen hattest du das neue Revier ausgetestet und warst in der Lage im gekonnten Galopp durch die Wohnung zu düsen und knapp unter der Decke auf Bücherregalen oder dem Kühlschrank die Lage zu sondieren. Hauptsache man hat alles unter Kontrolle.
Wenn wir zu Abend gegessen haben, genügte ein Satz auf den Tisch. Das Angebot kurz prüfen und so lange, gegebenenfalls unter Einsatz einer kurzen Unmutsäußerung, auf die Wurst starren, bis sich jemand erweichte und dir den Fettrand des Schinkens abschnitt und hinlegte.
Nach jedem Aufenthalt in der Katzenpension wurdest du zutraulicher. Wenn ich abends nach Hause kam, hast du dich nach dem Fressen erst mal auf den Rücken geworfen und wolltest einige Bauchstreichler abhaben. Wenn ich noch mit Kochen beschäftigt war, zogst du beleidigt ab in unser Schlafzimmer und legtest dich aufs Bett. Wenn ich dann kam, war wieder auf den Rücken schmeißen angesagt und wohliges Schnurren, wenn dann die geforderten Streicheleinheiten endlich verabreicht wurden.
Du warst immer eine schmale Katze, kaum 3,5 Kilo schwer. In der Pension hattest du allerdings keine Schwierigkeiten einen fast dreimal so großen Main-Coon-Kater, der zudem noch Freigänger war, mit einem gezielten Fauchen auf Abstand zu halten. Überhaupt warst du eine mutige kleine Katze, allerdings manchmal auch ziemlich dumm. Eines Sommers konntest du dich nicht bremsen in deiner Abenteuerlust und bist von unserem Balkon auf den Anbau des Treppenhauses gesprungen. Die Entfernung hast du richtig eingeschätzt und bist sicher gelandet. Was du nicht bedacht hattest, ist: wie komme ich da wieder runter, wenn ringsum ein Abgrund von drei Stockwerken ist? Wir öffneten dann das Fenster im Treppenhaus und haben dich wieder herein geholt. Zitternd am ganzen Körper, trugen wir dich wieder in die Wohnung, in dein vertrautes Revier. Nach dem Schrecken und einigen Streicheleinheiten hast du erst mal deine Schwester angegriffen, um den Stress abzubauen. Sie ist allerdings stärker als du und so hast du eine ordentliche Tracht Prügel abbekommen. So kann es gehen, wenn man sich mit Stärkeren anlegt. Meistens bist du aber damit durchgekommen. Frech kommt eben doch weiter.
Nach sechs Jahren wuchs dir eine riesige Beule auf der Stirn. Die Tierärztin hat das Geschwulst entfernt und es an ein Labor geschickt. Leider war es ein Tumor. Das hat dich aber nicht weiter gestört. Genauso wenig, wie dich die Entfernung deines Auges wiederum ein Jahr später groß gestört hatte. So wurdest du eine Piratenkatze.
Die Wochen vor Weihnachten waren dann aber richtig schlimm. Du hast nicht mehr gefressen und lange war unklar, ob der Tumor damals doch gestreut hatte. Deine Blutwerte waren jedenfalls schrecklich. Eine Woche vor Weihnachten sind wir dann mit dir in die Tierklinik gefahren. Die S-Bahn hatte eine halbe Stunde Verspätung und wir froren beide erbärmlich auf dem Bahnsteig. Ich wusste vor Sorge nicht mehr ein und aus und hoffte dich noch rechtzeitig in die Klinik zu bringen, bevor du an Unterkühlung stirbst. Wir haben es dann geschafft, aber nach dem Röntgen und der Ultraschalluntersuchung war leider klar, dass du dir FIP, eine tödliche Katzenkrankheit, zugezogen hast. Du lässt wohl keine ernste Erkrankung aus?
Am Abend kam meine Frau nach Hause und wir fuhren wieder in die Klinik, um uns zu verabschieden und das Tier einschläfern zu lassen. Zuerst eine kleine Menge Pentobarbital, um sie schlafen zu legen und dann die Überdosis. Ein letztes Zucken, dann hattest du es überstanden.
Was soll man sagen? Die Entscheidung über Leben und Tod ist fürchterlich. Nach fast zehn Jahren bist du uns ans Herz gewachsen. Ich hoffe, du hattest ein schönes Leben bei uns.
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Naslöcher XIII
g. | Dienstag, 4. Januar 2011, 06:11 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
"Es gibt heuer eine gewisse Art Leute meistens junge Dichter die das Wort DEUTSCH fast immer mit offenen Naslöchern aussprechen"
(Georg Christoph Lichtenberg)
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