Der hinkende Bote

Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten

Donnerstag, 10. Februar 2011
Selbstbildnis mit Socken und Tieren

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Mittwoch, 9. Februar 2011
Selbstbildnis mit Socken und Tier

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Dienstag, 8. Februar 2011
Wundersame Maschinen V
Anno Domini 1585 baute der Augsburger Hans Schlottheim (wahrscheinlich) für Karl V. ein mechanisches Schiff, das ursprünglich mit Rädern versehen war und sich auf Schienen bewegen konnte. Während sich das Schiff bewegte, spielte eine Orgel, während die Trompeter ihre Instrumente erheben und andere Trommeln und Zimbeln schlagen. Die Matrosen hissen die Segel und am Heck sitzt Karl V. unter einem Baldachin und fuchtelt mit seinem Zepter in der Luft, während er huldvoll den Würdenträgern zunickt.


(Wikipedia)

Hans Schlottheim (1545–1625) baute viele prachtvolle Uhren und Krippenspiele mit morgenländischen Weisen und selbstlaufenden Krebsen von unerhörtem Prunk. Leider waren seine Kunden aus dem Hochadel säumige Zahler, so dass er einige Jahre später völlig verarmt starb. (→ Radiofeature bei BR 2 (wird wohl demnächst wieder gelöscht)

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Montag, 7. Februar 2011
Selbstbildnis mit Socke und Tier

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Freitag, 4. Februar 2011
Noch ein Prediger
Ich hatte ja das eine oder andere Mal schon von Predigern berichtet, der Ungewöhnlichste war sicher jener junge Mann mit Schottenrock, Springerstiefeln und ausgemergeltem, nacktem Oberkörper, den man Anfang der 80er gelegentlich in der U-Bahn traf.

Stets schlich er gebeugten Hauptes in den Wagon, vor sich hin murmelnd über dunkle Mächte, das Schicksal und die Zukunft der Geister. Er richtete sein Wort niemals an die Fahrgäste. Einmal beobachtete ich ihn, wie er konzentriert und abwesend zugleich, gegen die Tür zur Tunnelwand sprach, jedes seiner Worte mit unverständlichen Gesten unterstreichend.

Nach einer oder zwei Stationen zog er eine Gasmaske aus einem schmierigen Beutel, setzte sie auf und brüllte:
„Angriff!“
Dann warf er sich zu Boden, zitterte, um nach wenigen Sekunden wieder aufzuspringen und in seinem Singsang fortzufahren.

Ich habe mich immer gefragt, wie sich sein Verhalten, seine verschobene Welt, bis zu seinem jetzigen Zustand hin entwickelt hatte. Das, was man beobachten konnte, hätte eher zu einem alten Mann gepasst, der durch die Gasangriffe des 1. Weltkrieges traumatisiert wurde. Dafür war er zu jung.

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Donnerstag, 3. Februar 2011
Wundersame Maschinen IV
Der französische Ingenieur Salomon de Caus (1576–1626) begann 1616 mit dem Bau des Hortus Palatinus, einer der bedeutendsten Gartenanlage seiner Zeit.
Die Gartenanlage erstreckt sich über vier Ebenen. In der großen Grotte auf der zweiten Ebene waren Wasserspiele vorgesehen.


(Wikipedia)

Auf der vierten Ebene, der Aussichts- und Promenierterrasse, war auch ein Maschinenraum vorgesehen. In diesem Raum sollten mit Wasser angetriebene Maschinen in Blasebälgen die Luft zu Winddruck verdichten. Eine Orgelmaschine drehte durch Wasserkraft über das Zahnradgetriebe eine Walze und betätigte eine Klaviatur.


(Wikipedia)

Leider wurde der Auftraggeber dieser wundersamen Spielerei, Kurfürst Friedrich V., 1619 König von Böhmen und verlegte seine Residenz nach Prag. So wurde die Gartenanlage nie fertiggestellt. Die Anlage enthielt unter anderem auch ein Jahreszeitenbeet, bei der die Blüte jeden Monat um drei Felder vorrückte.

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Mittwoch, 2. Februar 2011
Herabwürdigungen für jede Gelegenheit,
heute: der Proktophantasmist
Das Schöne an diesen Latinismen ist ja, dass sie keiner versteht und das heißt, man kann jedermann so bezeichnen, ohne eine Beleidigungsklage zu riskieren: Proktophantasmist, elender!

Erfunden hat es der Geheimrat von Goethe, der sich zeitlebens mit Friedrich Nicolai gezankt hat. Nun gut, Friedrich Nicolai konnte auch schon mal kräftig hinlangen, aber die Gebrechen eines Kontrahenten auszunutzen und einen Proktophantasmisten im Faust auftreten zu lassen, nur weil man nicht glauben kann, dass mit Blutegeln auch böse Geister zu vertreiben sind, gehört zu den bemerkenswerteren Grobheiten der Literaturgeschichte.

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Dienstag, 1. Februar 2011
Wundersame Maschinen III
Leonardo da Vinci (1452–1519) fertigte, neben vielen anderen Maschinen, die funktionierten oder auch nicht, zwischen 1494 und 1498 einen blechernen Ritter. In Auftrag hatten ihn die Sforzas, das berühmteste Herrschergeschlecht Mailands gegeben.

Er diente der Belustigung des Mailänder Hofes und konnte seine Arme bewegen, sich aufsetzen und den Kopf drehen. Ein System von Zahnrädern, Gestängen und Seilen erlaubte es, ihn von einem Nebenraum aus zu bedienen.

Der Blechritter von Leonardo da Vinci

Faszinierend ist auch seine Unendlichkeitsmaschine, ein System von hintereinander gesetzten Getrieben, die die Bewegung des vorhergegangenen sieben Mal so langsam aufnimmt. Das letzte Getriebe ist einbetoniert. Obwohl es andauernd in Bewegung ist, sprengt es nicht den Beton oder kommt zum Stillstand.

Die Unendlichkeitsmaschine in Funktion

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Montag, 31. Januar 2011
Migrationshintergründler unter sich
Im Bus: Ein junger Vater mit seinen zwei Töchtern im Vorschulalter. Die Töchter reden deutsch miteinander. Mit ihrem Vater aber nur Spanisch.
Die beiden Kleinen sind ganz aus dem Häuschen wegen einem Bogen Klebebildchen mit Sternen und Engeln und ...

„Wir haben ganz viel Glitzerzeug!“
„Oh ja,“ antwortet die Schwester mit glänzenden Augen.

Vatern will irgend etwas wissen, die Beiden antworten in flüssigem Spanisch, um unmittelbar danach die Angelegenheit untereinander auf deutsch weiter zu besprechen, garniert mit Auskünften an den Vater auf Spanisch.

„No, son Engel!“

Okay, jedes Wort kann man im Spanischen auch nicht gleich wissen.

Perfekt zweisprachig, die beiden Kleinen. Solche Szenen kann man häufig, in der Regel auf Türkisch, beobachten. Da ich aber leider kein Türkisch kann, war das mal eine nette Abwechslung, die ganze Unterhaltung zu verstehen und nicht nur die eine Hälfte.

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Freitag, 28. Januar 2011
Tageslosung
„Für uns sind in den letzten Jahrhunderten die alten Religionen geborsten. Aber ich glaube nicht so folgenlos, dass wir uns der Aufklärung harmlos freuen dürfen. Eine Religion band Mächte, deren freies Wirken zu fürchten ist.“
(Walter Benjamin: Dialog über die Religiosität der Gegenwart)

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Donnerstag, 27. Januar 2011
Wundersame Maschinen II
Thomas von Aquin (1225–1274) soll einen mechanischen Türsteher besessen haben, der jeden Besucher mit „Salve“ begrüßte und ihn zunächst fragte, was er den wolle bevor er ihn vorließ. Irgendwann ging ihm aber sein Türsteher mit der andauernden Fragerei auf die Nerven und er zerschlug ihn. Wie die Maschine funktioniert hat, ist nicht überliefert. Schade eigentlich.
Man könnte natürlich überlegen, ob diese martialischen Türsteher vor den Diskotheken nicht durch solch einen Automaten ersetzt werden sollten. „Du kommst hier net rein!“ würde er ja auch fehlerfrei hinbekommen. Den bewährten Vorzimmerdrachen, der hochgestellte Persönlichkeiten bestimmt, höflich, ausgeglichen und unnachgiebig vor allzu dämlichem Begehr schützt, könnte er aber vermutlich nicht ersetzen.

Die Araber hingegen waren in dieser Zeit doch etwas zu praktisch orientiert, gebaut und beschrieben wurden in erster Linie Uhren und Wasserschöpfräder. Immerhin baute Badī' az-Zamān Abū l-'Izz ibn Ismā'īl ibn ar-Razzāz al-Dschazarī eine wunderbare Elefantenuhr, bei der jede halbe Stunde der Elefantenführer ein Becken schlägt und ein mechanischer Vogel zu singen anfängt.

Elefantenuhr des al-Dschazari

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Mittwoch, 26. Januar 2011
Mein Kartoffelhändler ist kein Digital Native
Ich lege auch keinen Wert darauf. Von Kartoffeln versteht er etwas, das ist mir wichtiger. Er ist ein freundlicher Mensch, hat gute Kartoffeln und eine große Auswahl. Zudem beschäftigt er zwei Looser, die ein wenig Zeit und Geduld beim Kartoffelkauf beanspruchen. Jeden Samstag nimmt er einen der Beiden mit auf den Markt, obwohl es ohne ihre Hilfe schneller gehen würde. Ich mag das. Wenn es zu lange dauert, mit dem Finden der gewünschten Sorte und dem Abwiegen der Menge, greift er schon mal ein und plaudert mit seinen Kunden. Schließlich will man die Zeit am Stand angenehm verbringen.

Nun, wir standen also in der Schlange und vor uns tipperte ein junger Mann schrecklich aufgeregt auf seinem Taschentelefon herum. Als er an der Reihe war, schien er mit seinen Eilnachrichten noch nicht zu Stuhle gekommen zu sein und konnte auf die Frage:
„Was darf’s denn sein?“
keine rechte Antwort geben. Er gab etwas von sich, das wie „Rumpf“ klang. Der sehbehinderte Assistent des Kartoffelhändlers konnte damit nichts anfangen und versuchte es mit einem erneuten:
„Was darf’s denn sein?“
„Äh, also ...“ und quälte sein Telefonino weiter.
Der Kartoffelhändler griff in das Geschehen ein:
„Vielleicht eine festkochende Sorte? Wollen Sie Salat machen?“
Da sich in der Schlange Unruhe breit machte, beschloss er die Welt etwas später zu benachrichtigen und drückte eine Taste:
„Scheiße, jetzt muss ich alles noch einmal machen?“
„Wenn man auf ‚abbrechen’ drückt, dann wird das nichts.“ Gab ihm mein Kartoffelhändler zu verstehen. Der Kartoffelkauf ging dann doch noch einigermaßen zügig über die Bühne, obgleich der junge Mann nicht angeben konnte, ob er fest oder mehlig Kochende haben wollte. Wahrscheinlich waren die Anweisungen zum Kartoffelkauf nicht detailliert genug oder das Manual dazu war ene maschinelle Übersetzung aus dem Chinesischen.
Meine Liebste meinte dann zum Abschluss:

„Simsen kann er nicht und Kartoffeln koofen auch nicht!“

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Dienstag, 25. Januar 2011
Wundersame Maschinen I
Hephaistos, der Gott der Schmiede, so heißt es, habe schon selbstfahrende Fahrzeuge und künstliche, intelligente Dienerinnen erzeugt. Baupläne für diese wundersamen Maschinen sind leider nicht überliefert. Der Berühmteste ist Talos, ein aus Bronze geschmiedeter Riese. Europa bekam ihn als Bewacher von Zeus. Wurde Europa bedroht, begab sich Talos ins Feuer, und umarmte den Angreifer, der so verbrannte. Talos umwanderte Kreta dreimal täglich und verjagte jeden, der die Insel betrat.

Heron von Alexandria, genannt Mechanicus, scheint der erste Ingenieur und Bastler
in einer langen, erlauchten Reihe von Erfindern gewesen zu sein. Seine eindrucksvollsten Gerätschaften dienten dazu, in den Tempeln Alexandrias passende Wunder zu erzeugen.
So erfand er das sich selbst entzündende Opferfeuer, Blitz und Donner (für die Auftritte von Zeus?), automatische Musik und bei bestimmten Gelegenheiten floss Wein aus dem Becher einer Figur. Auch das automatische Öffnen und Schließen der Tempeltüren beeindruckte die Gläubigen.
Vielleicht sollten solche Apparate wieder in den Kirchen eingeführt werden?
Am Besten gefällt mir sein Aerophon:

Windorgel des Heron von Alexandria

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Montag, 24. Januar 2011
Berlin in Zahlen (1930)
Laßt uns Berlin statistisch erfassen!
Berlin ist eine ausführliche Stadt,
die 190 Krankenkassen
und 916 ha Friedhöfe hat.

53.000 Berliner sterben im Jahr,
und nur 43.000 kommen zur Welt.
Die Differenz bringt der Stadt aber keine Gefahr,
weil sie 60.000 Berliner durch Zuzug erhält.
Hurra!

Berlin besitzt ziemlich 900 Brücken
und verbraucht an Fleisch 303.000.000 Kilogramm.
Berlin hat pro Jahr rund 40 Morde, die glücken.
Und seine breiteste Straße heißt Kurfürstendamm.

Berlin hat jährlich 27.600 Unfälle.
Und 57.600 Bewohner verlassen Kirche und Glauben.
Berlin hat 606 Konkurse, reelle und unreelle,
und 700.000 Hühner, Gänse und Tauben.
Halleluja!

Berlin hat 20.100 Schank- und Gaststätten,
6.300 Ärzte und 8.400 Damenschneider
und 117.000 Familien, die gerne eine Wohnung hätten.
Aber sie haben keine. Leider.

Ob sich das Lesen solcher Zahlen auch lohnt?
Oder ob sie nicht aufschlußreich sind und nur scheinen?
Berlin wird von 4½.000.000 Menschen bewohnt
und nur, laut Statistik, von 32.600 Schweinen.
Wie meinen?
(Erich Kästner)

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