Der hinkende Bote

Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten

Mittwoch, 2. März 2011
Wundersame Maschinen VIII
Der Bremer Salutierautomat begrüßte jeden Besucher des Gildenhauses der Bremer Kaufmannschaft, der die Treppe zum ersten Stock hinaufstieg, indem er sein Visier öffnete, die rechte Hand zum Gruß reckte um hernach unter Kopfnicken wieder in seine Ausgangstellung zurückzusinken. Der Complimentarius begrüßte die Besucher seit etwa dem 17. Jahrhundert und war über lange Jahrhunderte eine der Bremer Touristenattraktionen. Der Harnisch des salutierenden Ritters soll dem Junker Balthasar von Esens gehört haben, der die Bremer Kaufmannschaft lange Zeit mit seinen Überfällen schädigte und nach Niederlage und Tod seinen Harnisch als Trophäe der siegreichen Kaufleute abgeben musste. So sah alle Welt, wie die Bremer mit Strauchdieben umzugehen pflegen.

der Complimentarius


Heute steht er unsalutierend im Focke-Museum.

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Dienstag, 1. März 2011
Wie ist doch die Zeitung interessant
Wie ist doch die Zeitung interessant
für unser liebes Vaterland!
Was haben wir heute nicht alles vernommen!
Die Fürstin ist gestern niedergekommen,
und morgen wird der Herzog kommen,
Hier ist der König heimgekommen,
dort ist der Kaiser durchgekommen,
bald werden sie alle zusammenkommen -
Wie interessant ! wie interessant!
Gott segne das liebe Vaterland!

Wie ist die Zeitung doch interessant
für unser liebes Vaterland!
Was ist uns nicht alles berichtet worden!
Ein Portepeefähnrich ist Leutnant geworden,
ein Oberhofprediger erhielt einen Orden,
die Lakaien erhielten silberne Borden,
die höchsten Herrschaften gehen nach Norden,
und zeitig ist es Frühling geworden -
Wie interessant ! wie interessant!
Gott segne das liebe Vaterland!

(Hoffmann von Fallersleben 28. Mai.1841)

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Montag, 28. Februar 2011
Naslöcher XI
„Ich wurde kleiner und kleiner. Erst wie eine mittelgroße Kartoffel, dann wie eine Schweizerpille, dann wie ein Stecknadelkopf, dann noch kleiner und immer noch kleiner, bis es nicht mehr ging. Ich war zum Punkt geworden. Im selben Moment erfaßte mich"s wie das geräuschvolle Sausen des Windes. Ich wurde hinausgewirbelt. Als ich mich umdrehte, sah ich in meine eigenen Naslöcher.“
(Wilhelm Busch)
Naslochträume.

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Freitag, 25. Februar 2011
Fundstücke 04. bis. 08. KW 2011
Hintergründe und Sichtweisen:
  • Noam Chomsky: Unterstellte Zustimmung - Überlegungen zur Theorie und Praxis der Demokratie
  • Der Historiker Stephan Malinowski im Gespräch über die Feudalisierung des Bürgertums, die Krise des deutschen Adels und die Geburt des Führerkults aus dem Geist des Wilhelminismus via metalust
  • Der Wertbegriff bei Karl Marx
  • Michael Tobias Koltan: Die Konzeption der Geschichte in der „Deutschen Ideologie“ von Karl Marx und Friedrich Engels
  • Über den Fortschrittsbegriff der Sozialdemokraten
  • Das Ende der Aufklärung? Safranski gegen Greffrath


  • kluges und interessantes:
  • Dirk Schäfer über Edward L. Bernays, den Vater der Propaganda.
    via exportabel
  • Wenn “antiwestlich”, dann “totalitär” – wenn “prowestlich”, dann bloß “autoritär”
  • Wolfram Schütte über den Arbiter elegantiarum Karl Theodor zu Guttenberg
  • Die Fortsetzung: »Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz.«
  • Hajo Steinert: Wie sich ein Verteidigungsminister verteidigt


  • Rober Misik über den Kommunsimus der Gesine Lötsch
  • Und eine Art Entgegnung von Frau Lötsch


  • Arabische Volksbewegungen & europäische »Volksdemokratien«. Von WOLFRAM SCHÜTTE
  • Filmregisseur Veiel über seinen Berlinale-Beitrag "Wer wenn nicht wir"


  • Neue Wörter:
  • Projektorauge


  • amüsantes:
  • Der traurigste Bär der Welt via Astrid Paprotta
  • Magali Heißler hat einen wunderschönen Verriss über Cora Stephan geschrieben


  • Sonstiges:
  • Falco - no time for Revolution
  • Der Witz der Vorstädte
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    Donnerstag, 24. Februar 2011
    Wundersame Maschinen VII
    Athanasius Kircher (1602–1680) war einer der letzten Universalgelehrten Europas, Kepler nannte ihn Doctor Centum Artium, den Doktor der hundert Wissenschaften.
    Er erfand eine Komponiermaschine, baute einen sprechenden Kopf und singende Vögel, eine Windharfe und versuchte sich am Perpetuum Mobile (Das kriegen sie ja alle nicht hin, diese Ingenieure. Elende Stümper!).
    Seine magnetische Uhr galt zwar als secrete de la nature, nur bedurfte das Wunder einer von einer Sonnenblume angetriebenen Uhr, die auch nachts die Zeit anzeigen konnte, umfangreicher Vorbereitungen so dass sich bei den Zuschauern nicht ganz das Gefühl des verblüfften Schauers einstellen wollte.



    Im Collegio Romano, dem Hauptquartier der Societas Jesu, ist ihm eine Ausstellung gewidmet.

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    Mittwoch, 23. Februar 2011
    Verstörend

    "1945-1998" by Isao Hashimoto (Japan, © 2003)

    via revierflaneur

    leider ist über den Künstler, Isao Hashimoto, im WWW wenig bis nicht zu finden. Weiß jemand mehr?

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    Dienstag, 22. Februar 2011
    Von Höckschen auf Stöckschen
    Eichendorff zum Gedenken
    Manchmal schießen mir Formulierungen durch den Kopf und dann grüble ich: von wem stammt das noch mal und wie war eigentlich der Zusammenhang?
    Nun ist es so, dass nicht jeder Schriftsteller die gleichen rudimentären Spuren in meinem Gedächtnis hinterlässt. Es ist eher selten.
    Viel häufiger erinnere ich mich relativ genau, von wem ein Satz, ein Ausdruck oder eine Schilderung stammt und meist kann ich auch noch an den Titel des Textes ungefähr erinnern.
    Eine andere Gruppe von Texten rauscht, ohne dass eine Erinnerung daran zurückbleibt, an mir vorbei. So ergeht es mir mit den gelben Heftchen von SuKultur, die es auf Berliner S-Bahnhöfen aus dem Automaten gibt. Die Idee, Lesestoff neben Süßigkeiten und Energydrinks für einen Euro zum Herauslassen anzubieten, finde ich ganz zauberhaft, zumal es mir gelegentlich passiert, dass ich nichts zum Lesen für die Fahrt dabei habe und sich auch kein Ausgleich durch zu belauschende Gespräche ergibt. (Überhaupt: Wenn ich nichts zu lesen habe ist es in der Bahn immer langweilig, wenn ich hingegen von einem Buch gefesselt bin, spricht um mich der nackte Wahnsinn.) Okay, wo waren wir? Richtig: Manche Texte rauschen vorbei.
    Die dritte und seltenste Gruppe sind Autoren, die ich eher so mittel finde, die aber hier und da ein oder einige Stücke oder Stückchen hinterlassen haben, die mir gefallen. Meist sind mir nur noch einzelne Sätze oder Satzfetzen im Gedächtnis, zu allem Übel häufig auch noch über die Jahre verändert. Das Gedächtnis ist ein seltsames Ding.

    Zu dieser Gruppe gehört der Freiherr Joseph von Eichendorff.
    Denkt man an Eichendorff, fällt einem ja sofort „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt der in die Wurstfabrik, ...“ ein (Haben eigentlich alle Schüler die gleichen Verballhornungen gemacht?). Na egal.

    Vor einiger Zeit nun schoss mir „Lug und Trug ist aller Männer Treu“ durch den Kopf, eine Sentenz, die man ja durchaus in einer Debatte über Männer und Frauen, die Liebe und das Leben, einstreuen kann, ohne des Chauvinismus verdächtigt zu werden und ohne gleich fürchterlich dem zustimmen zu müssen, was einem da als Erkenntnis zugemutet wird.
    Eichendorff dachte ich sogleich, das stammt von Eichendorff. Der hat doch so Zeug geschrieben, wohlklingend und für alle Zeiten und viele Gelegenheiten passend, vor allem, wenn man sich nicht auf eine Diskussion einlassen will. Eichendorff, klar, aber wo und in welchem Zusammenhang?
    Also flugs eine Suchmaschine angeworfen, denn händisch in der Bibliothek zu wühlen ...
    Hm, nicht wirklich befriedigend. Doch nicht Eichendorff? Hm, aber es wurde ja auch sonst nix gefunden. Also anders. Okay, dass es eine Blume namens Männertreu gibt, nun ja, nun ja. Und dass man dann bei, etwas weiter unten müssen Sie gucken, bei Hans Talhoffer landet ist nicht uninteressant, schließlich macht einen die Berufsbezeichnung Lohnkämpfer doch neugierig (Warum lese ich ein ums andere Mal ‚Feuchthandschriften’ statt ‚Fechthandschriften’?). In seinem Kampfbuch heißt es:
    „Junger Mann, nun lerne Gott zu lieben und die Frauen zu ehren. Sprich gut von den Frauen und sei tapfer, wie ein Mann es sein soll, und hüte dich vor Lug und Trug. Trachte nach Redlichkeit und befleißige dich in der Ritterschaft. Mit Freuden sollst du üben: Steinwerfen und Stangen drücken, Tanzen und Springen, Fechten und Ringen, Lanzenstechen und Turnierkampf, und dazu schönen Frauen zu hofieren. Sei aufgelegt zu Lust und Scherz: Fechten verlangt Herz.“
    Dass man die Frauen ehren und sich vor Lug und Trug hüten soll ist ja völlig richtig, nur mit meiner Sentenz „Lug und Trug ist aller Männer Treu“ hat das nicht zu tun. Also weiter. Am Besten direkt bei Eichendorff und die Suchbegriffe weiter öffnen:
    Nix, also auf anderem Wege.

    Hach, die Kunst der Hochstapelei ist etwas Wunderbares. Der Hochstapler lässt die Grenzen zwischen den Individuen verschwinden und darüber sollte man auch mal etwas schreiben. Dabei fällt mir ein: Es gibt doch diese afrikanische Geschichte von dem Mann, der sich neben seinem Esel zum Schlafen nieder legt und in der Nacht kommt jemand vorbei, der ihm die Decke wegnimmt, seinen Lendenschurz anlegt, den er zum Schlafen abgelegt hatte und sich dann neben den Esel legt. Am Morgen steht der Mann auf, sieht den Fremden mit seinem Lendenschurz auf seiner Decke neben seinem Esel liegen und ruft: „Wehe, dieser dort trägt meinen Lendenschurz und liegt auf meiner Decke neben meinem Esel. Das ist also Soundso (der Name ist mir entfallen). Wer bin dann aber ich?“
    Nach dieser afrikanischen Geschichte muss ich auch mal suchen und einen Blogeintrag über Identität schreiben. Sie wäre ein schöner Anlass.

    Aber zurück zu Eichendorff und zu Lug und Trug. Tja, wo könnte man denn noch suchen? Immer wenn man das Internet mal braucht, dann funktioniert es nicht. Also doch zu Fuß suchen!

    Im Taugenichts wird die Stelle wohl nicht zu finden sein, schließlich geht es darin eher um das Gegenteil, nämlich dass der treue Taugenichts von der schönsten aller Frauen zumindest zunächst ignoriert wird.

    Schuhmann hat doch eine Reihe von Liedern Eichendorffs vertont, vielleicht findet sich da etwas?
    „I. In der Fremde

    Aus der Heimat hinter den Blitzen rot
    da kommen die Wolken her,
    aber Vater und Mutter sind lange tot,
    es kennt mich dort keiner mehr.

    Wie bald, ach wie bald kommt die stille Zeit,
    da ruhe ich auch, und über mir
    rauschet die schöne Waldeinsamkeit.
    und keiner kennt mich mehr hier. „
    Waldeinsamkeit, das war doch Tieck? Ja:
    "Waldeinsamkeit,
    die mich erfreut,
    So morgen wie heut
    In ewger Zeit,
    O wie mich freut
    Waldeinsamkeit"
    (Ludwig Tieck: Der blonde Eckbert)
    Wenn man diese Zeilen liest, hat man unwillkürlich das Gefühl, dass Ludwig Tieck das ironisch meint: „O wie mich freut Waldeinsamkeit". Bei Gelegenheit muss ich mal den Eckbert lesen. Bei Eichendorff scheint die Waldeinsamkeit völlig ungebrochen. Nun ja, wie dem auch sei, zum Problem des ‚Lug und Trug‘ trägt das nun nicht so sehr viel bei, also weiter suchen.

    Ha, aber hier:
    III. Waldesgespräch

    Es ist schon spät, es ist schon kalt,
    was reit'st du einsam durch den Wald?
    der Wald ist lang, du bist allein,
    du schöne Braut! Ich führ' dich heim!

    „Gross ist der Männer Trug und List,
    vor Schmerz mein Herz gebrochen ist,
    wohl irrt das Waldhorn her und hin,
    o flieh'! du weisst nicht, wer ich bin.“

    So reich geschmückt ist Ross und Weib,
    so wunderschön der junge Leib,
    jetzt kenn' ich dich, Gott steh mir bei!
    Du bist die Hexe Loreley!

    „Du kennst mich wohl, vom hohen Stein
    schaut still mein Schloss tief in den Rhein.
    es ist schon spät, es ist schon kalt,
    kommst nimmermehr aus diesem Wald!“
    War es das?
    „Gross ist der Männer Trug und List,
    vor Schmerz mein Herz gebrochen ist, …“
    Vielleicht, aber sehen zunächst wir weiter, ob nicht noch etwas passenderes zu finden ist.

    Das folgende Gedicht von Eichendorff hat natürlich überhaupt nichts mit Lug und Trug zu tun, ich bin nur beim Stöbern zufällig darauf gestoßen:
    „Schläft ein Lied in allen Dingen,
    Die da träumen fort und fort,
    Und die Welt hebt an zu singen,
    Triffst du nur das Zauberwort.“
    Na ja, vielleicht, doch, nur eben nichts mit der Treue der Männer.

    „Lug und Trug“: mal nachdenken. Lug und Trug hat ja mit dem Leben und so zu tun, vielleicht hat Eichendorff ein Memento Mori geschrieben?

    Hat er:
    „Memento mori
    Schnapp Austern, Dukaten,
    Mußt dennoch sterben!
    Dann tafeln die Maden
    Und lachen die Erben.“
    Gar nicht übel, nur leider nichts zum Thema. Die Richtung könnte aber stimmen, eine Klage über die Welt, die von Lug und Trug regiert wird.

    Da gab es doch, wie ging das noch mal, „üb’ immer Treu und Redlichkeit“, aber das war nicht von Eichendorff, oder?
    Ludwig Heinrich Christoph Hölty
    Der alte Landmann

    Üb' immer Treu und Redlichkeit
    Bis an dein kühles Grab,
    Und weiche keinen Finge breit
    Von Gottes Wegen ab!

    Dann wirst du wie auf grünen Au'n
    Durch's Pilgerleben gehn,
    Dann kannst du ohne Furcht und Grau'n
    Dem Tod in's Antlitz sehn.

    Dann wird die Sichel und der Pflug
    In deiner Hand so leicht;
    Dann singest du bei'm Wasserkrug,
    Als wär' dir Wein gereicht.

    Dem Bösewicht wird alles schwer,
    Er tue, was er tu';
    Das Laster treibt ihn hin und her
    Und lässt ihm keine Ruh',

    Der schöne Frühling lacht ihm nicht,
    Ihm lacht kein Ehrenfeld;
    Er ist auf Lug und Trug erpicht
    Und wünscht sich nichts als Geld.

    Der Wind im Hain, das Laub im Baum
    Saust ihm Entsetzen zu;
    Er findet nach des Lebens Raum
    Im Grabe keine Ruh'. -

    Sohn, übe Treu' und Redlichkeit
    Bis an dein kühles Grab,
    Und weiche keinen Finger breit
    Von Gottes Wegen ab!

    Dann suchen Enkel deine Gruft
    Und weinen Tränen drauf,
    Und Sonnenblumen, voll von Duft,
    Blühn aus den Tränen auf.
    „Au'n“ und „Grau'n“. So etwas hätte Eichendorff dann doch nicht geschrieben.
    Man stößt auf Allerlei, wenn man Gedichtsammlungen nach dem Leben, der Liebe usw. durchstöbert:
    Novalis
    Was passt, das muss sich ründen

    Was passt, das muss sich ründen,
    Was sich versteht, sich finden,
    Was gut ist, sich verbinden,
    Was liebt, zusammen sein.
    Was hindert, muss entweichen,
    Was krumm ist, muss sich gleichen,
    Was fern ist, sich erreichen,
    Was keimt, das muss gedeihn.

    Gib treulich mir die Hände,
    Sei Bruder mir und wende
    Den Blick vor deinem Ende
    Nicht wieder weg von mir.
    Ein Tempel, wo wir knieen,
    Ein Ort, wohin wir ziehen,
    Ein Glück, für das wir glühen,
    Ein Himmel mir und dir!
    Oder vielleicht ganz allgemein nach Männer und Frauen schauen?
    „Der verliebte Reisende

    1

    Da fahr ich still im Wagen,
    Du bist so weit von mir,
    Wohin er mich mag tragen,
    Ich bleibe doch bei dir.

    Da fliegen Wälder, Klüfte
    Und schöne Täler tief,
    Und Lerchen hoch in Lüften,
    Als ob dein' Stimme rief.

    Die Sonne lustig scheinet
    Weit über das Revier,
    Ich bin so froh verweinet
    Und singe still in mir.

    Vom Berge geht's hinunter,
    Das Posthorn schallt im Grund,
    Mein' Seel wird mir so munter,
    Grüß dich aus Herzensgrund.

    2

    Ich geh durch die dunklen Gassen
    Und wandre von Haus zu Haus,
    Ich kann mich noch immer nicht fassen,
    Sieht alles so trübe aus.

    Da gehen viel Männer und Frauen,
    Die alle so lustig sehn,
    Die fahren und lachen und bauen,
    Daß mir die Sinne vergehn.

    Oft wenn ich bläuliche Streifen
    Seh über die Dächer fliehn,
    Sonnenschein draußen schweifen,
    Wolken am Himmel ziehn:

    Da treten mitten im Scherze
    Die Tränen ins Auge mir,
    Denn die mich lieben von Herzen
    Sind alle so weit von hier.

    3

    Lied, mit Tränen halb geschrieben,
    Dorthin über Berg und Kluft,
    Wo die Liebste mein geblieben,
    Schwing dich durch die blaue Luft!

    Ist sie rot und lustig, sage:
    Ich sei krank von Herzensgrund;
    Weint sie nachts, sinnt still bei Tage,
    Ja, dann sag: ich sei gesund!

    Ist vorbei ihr treues Lieben,
    Nun, so end auch Lust und Not,
    Und zu allen, die mich lieben,
    Flieg und sage: ich sei tot!

    4

    Ach Liebchen, dich ließ ich zurücke,
    Mein liebes, herziges Kind,
    Da lauern viel Menschen voll Tücke,
    Die sind dir so feindlich gesinnt.

    Die möchten so gerne zerstören
    Auf Erden das schone Fest
    Ach, könnte das Lieben aufhören,
    So mögen sie nehmen den Rest.

    Und alle die grünen Orte,
    Wo wir gegangen im Wald,
    Die sind nun wohl anders geworden,
    Da ist's nun so still und kalt.

    Da sind nun am kalten Himmel
    Viel tausend Sterne gestellt,
    Es scheint ihr goldnes Gewimmel
    Weit übers beschneite Feld.

    Mein' Seele ist so beklommen,
    Die Gassen sind leer und tot,
    Da hab ich die Laute genommen
    Und singe in meiner Not.

    Ach, wär ich im stillen Hafen!
    Kalte Winde am Fenster gehn,
    Schlaf ruhig, mein Liebchen, schlafe,
    Treu' Liebe wird ewig bestehn!

    5

    Grün war die Weide,
    Der Himmel blau,
    Wir saßen beide
    Auf glänzender Au.

    Sind's Nachtigallen
    Wieder, was ruft,
    Lerchen, die schallen
    Aus warmer Luft?

    Ich hör die Lieder,
    Fern, ohne dich,
    Lenz ist's wohl wieder,
    Doch nicht für mich.

    6

    Wolken, wälderwärts gegangen,
    Wolken, fliegend übers Haus,
    Könnt ich an euch fest mich hangen,
    Mit euch fliegen weit hinaus!

    Tag'lang durch die Wälder schweif ich,
    Voll Gedanken sitz ich still,
    In die Saiten flüchtig greif ich,
    Wieder dann auf einmal still.

    Schöne, rührende Geschichten
    Fallen ein mir, wo ich steh,
    Lustig muß ich schreiben, dichten,
    Ist mir selber gleich so weh.

    Manches Lied, das ich geschrieben
    Wohl vor manchem langen Jahr,
    Da die Welt vom treuen Lieben
    Schön mir überglänzet war;

    Find ich's wieder jetzt voll Bangen:
    Werd ich wunderbar gerührt,
    Denn so lang ist das vergangen,
    Was mich zu dem Lied verführt.

    Diese Wolken ziehen weiter,
    Alle Vögel sind erweckt,
    Und die Gegend glänzet heiter,
    Weit und fröhlich aufgedeckt.

    Regen flüchtig abwärts gehen,
    Scheint die Sonne zwischendrein,
    Und dein Haus, dein Garten stehen
    Überm Wald im stillen Schein.

    Doch du harrst nicht mehr mit Schmerzen,
    Wo so lang dein Liebster sei -
    Und mich tötet noch im Herzen
    Dieser Schmerzen Zauberei.“
    (Eichendorff)
    Der hat schon Sachen gemacht, der Eichendorff, immer anders und immer wieder gleich. Mit „Lug und Trug ist aller Männer treu“ bin ich leider kein Stück weitere gekommen. Kann mir jemand helfen?

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    Montag, 21. Februar 2011
    Vielleicht
    wird der Baron KT zu G ja noch berühmter als Herostratos.
    Er ist auf gutem Wege.

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    Freitag, 18. Februar 2011
    „Vieles, was ausgesprochen wird, trifft nicht zu."
    Wer würde diesem berühmten Seufzer des weltbekannten Psychologen Ernst August Dölle widersprechen wollen oder können?

    Aber lassen wir Ernst August Dölle zunächst im Dunkel der Geschichte und wenden wir uns Friedrich Gottlob Nagelmann zu, geboren zu Insterburg, Ostpreußen, Sohn des Forstrates Wenzel Wilhelm Nagelmann und seiner Gattin Sophie Charlotte, geb. Kleinschmidt. Sein weiterer Lebensweg ist eher unerfreulich und Ausdruck chauvinistischer Geschichtsklitterung.

    Für Edmund Friedemann Dräcker , Ministerialrat im Außenministerium von 1910 bis zu seiner Pensionierung 1953, spricht lediglich seine Geburt als Flucht vor ausufernden Sitzungen. Seine Biografie, insbesondere das Hissen der bundesdeutschen Flagge auf einer Eisscholle in der Antarktis 1982, verrät mehr über die Denkweise im Auswärtigen Amt, als es den Erfindern lieb sein kann.

    Charmanter stellt sich dagegen das Wirken des Regisseurs Alan Smithee dar.

    Gegen Jakob Maria Mierscheid, Abgeordneter des Deutschen Bundestages seit 1979, lässt sich nichts sagen. Insbesondere seine Theorie (Mierscheid-Gesetz) über den Zusammenhang von Wahlergebnissen der SPD und der Rohstahlproduktion in der Bundesrepublik wurde Grundlage fast sämtlicher liberaler Wirtschaftstheorien und dient in Grundlagenkursen zur Statistik nach wie vor als Anschauungsmaterial zur statistischen Korrelation.

    Ernst August Dölle war leider kein vergleichbarer Ruhm beschieden, trotz seiner bahnbrechenden Erkenntnisse und Ausführungen zu den erkenntnistheoretischen Grundlagen der Psychologie, denn, getreu seinem Lebensmotto "plausibel im Inhalt und dunkel in der Aussageweise":
    Psychologie
    "ist (zweifellos einf. g.) methodal die reflexive Intentionalität der Seele in ihrem lauschend-vernehmenden Modus und materialiter das Insgesamt der Noemata der reflexiven Intentionalität als lauschend Vernommenes."
    Nur der hartgesottenste Ketzer könnte da widersprechen, aber lassen wir zum Abschluss noch einmal Professor Dölle selbst zu Wort kommen:
    "Vieles, was man sagen könnte. wird nicht ausgesprochen."

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    Donnerstag, 17. Februar 2011
    Naslöcher X
    „hysterische Damen, in ihren Naslöchern schlummert das Grauen“
    (Kurt Tucholsky: Die Weltbühne, 21. Juli 1925, Nr. 29, S. 97.)

    Ich hatte eine Tante, deren Naslöcher mich, als ich ein Kind war, ob ihrer schieren Größe etwas ängstigten, das Grauen schlummerte allerdings nicht in ihnen. Sie, also die Tante, war sehr nett und keineswegs hysterisch. Sie hat mich mit pasta asciutta bekannt gemacht, solche Tanten sind zweifelsohne liebenswert

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    Mittwoch, 16. Februar 2011
    Wundersame Maschinen VI
    Im Salzburger Land hat sich der Fürsterzbischof Markus Sittikus von Hohenems 1613 im Garten seines Schlosses Hellbrunn eine Gartenanlage bauen lassen, die zum skurrilsten gehört, was die Renaissance hervorgebracht hat. Die Anlage wurde von Santino Solari, statuarius idem et architectus, erbaut.

    Ein vielfältiges „Teatro delle acque“ nach italienischem Vorbild, Markus Sittikus galt als Halbitaliener, das „Germaul“, eine aus Kupfer getriebene Figur mit riesigen Ohren, die die Augen verdreht und die Zunge heraus streckt, Griechische Götter, Hirschmenschen und Forstteufel und ein weitläufiger Schlosspark sind zu bestaunen.
    Am Fürstentisch nahmen die Besucher des Markus Sittikus Platz und wurden sogleich mit Wasser bespritzt.

    Im Schloss selbst, befindet sich die Vogelsanggrotte, in der Vogelstimmen über hydraulische Künste erzeugt werden. Schade ist, dass der Drache, der einst die Grotte beherrschte nicht mehr zu sehen ist.

    Einhundert Jahre später wurde der Anlage noch das mechanische Theater hinzugefügt. Auf einer halbrunden Bühne wird das Leben in einer Kleinstadt dargestellt. Vor den Häusern wird musiziert, Schausteller tanzen mit Bären, über 100 Figuren hämmern und sägen und auch ein Trupp Soldaten marschiert durch die Stadt. Untermalt wird die Szenerie durch eine wasserbetriebene Orgel.

    Das mechanische Theater
    (Wikipedia)

    Einen Eindruck der Hellbrunner Wasserspiele und des mechanischen Theaters vermittelt ein etwas dämliches Touristenfilmchen.

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    Dienstag, 15. Februar 2011
    Heraus zur Wahl, Hamburger,
    wenn ihr richtige Kerle seid.Spot on.

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    Montag, 14. Februar 2011
    Mit 14 da macht man noch Sachen ...
    Ich war als Heranwachsender ein ganz fürchterlich ernsthaftes Kind und zugleich voller Lebensdurst wie es einem Pubertierenden ja auch angemessen ist.

    Plötzlich wurde Sexualkundeunterricht Ende der 60er Jahre vom Kultusministerium vorgeschrieben. Auch in Baden-Württemberg war die neue Zeit, wenn auch sehr gemäßigt, angekommen. An unserer Schule ward das nicht gerne gesehen und so drückte sich vor diesem Thema wer konnte. Wer es nicht konnte, war unser Biologielehrer, der sich aber immerhin auf sein Fachgebiet zurück ziehen und strikt nur die anatomischen Fakten der Humanbiologie lehrte. Es wurden ausführlich die Fortpflanzungsorgane und ihre Funktion gelehrt und gelernt. Vor der Beschreibung oder Erläuterung, wie das nun praktisch funktioniert, drückte er sich, obwohl vielleicht auch ein Biologe dazu hätte etwas sagen können.
    Dem Pfarrer L. nun wurde aufgegeben, uns die Liebe und ihre Irrungen und Wirrungen zu erklären. Wir sprachen also im Religionsunterricht Texte verschiedener Autoren mit unterschiedlichem weltanschaulichem Hintergrund, von C.G. Jung über Wilhelm Reich bis Habe ich vergessen, durch. Das war durchaus interessant, nur das ganze Feld dazwischen, von wie funktioniert das eigentlich ganz praktisch, wenn ein Mann eine Frau trifft (geschweige denn das ganze Feld des gleichgeschlechtlichen Sex; erst viele Jahre nach dem Abitur habe ich von einem Schulfreund gehört, dass er mit einem anderen Mann zusammen lebt: wie der wohl diese Zeit erlebt hat?), wie nimmt man Kontakt auf, wie findet man heraus, ob die Frau mit einem in die Kiste will (das war ein großes Thema für uns 13/14-jährige Jungs), was mögen Frauen und Männer und welche Unterschiede gibt es dabei. Solche Fragen beschäftigten uns. Auf diese Fragen bekamen wir keine Antwort.
    Stattdessen gab es einen Elternabend zum Thema Sexualkundeunterricht, an dem wir Schüler auch teilnehmen durften (der einzige Elternabend meiner gesamten Schulzeit übrigens, an dem wir Schüler teilnehmen durften, an den anderen Abenden wurde über uns, nicht mit uns geredet.)
    Der Elternabend begann mit dem Einwurf eines Vaters, dass er die Einrichtung von Praxisräumen in der Schule überzogen fände und so ging es die erste halbe Stunde weiter. Unser Pfarrer L. schlug sich tapfer und versuchte das ganze Ensemble an Latrinenparolen, das sich in den Köpfen der Eltern zum Thema Sexualkundeunterricht angesammelt hatte, auszuräumen. Es war fürchterlich.
    Die Mehrheit der Eltern wollte definitiv nicht, dass in der Schule oder an anderen Orten über mehr als Heiraten und Kinderkriegen und das in sehr allgemeiner Form, gesprochen wurde.
    Im Nachhinein denke ich, das das Thema nur von einem einigermaßen aufgeklärten Pfarrer, der nicht unbedingt im Ruf stand ein linker Vogel zu sein, im Unterricht behandelt werden konnte. Die Mehrheit der Eltern (mein Vater und meine Mutter nahmen das alles viel gelassener) hätte alles andere nicht mitgemacht. Was wir Schüler wollten und was uns beschäftigte, war völlig uninteressant.

    Unser Pfarrer und Religionslehrer L. war klug, humorlos, freundlich, einigermaßen welterfahren und nahm seine Aufgabe, Jugendlichen etwas beizubringen, sehr ernst.

    Wir rechneten es Pfarrer L. hoch an, dass er uns vor dem Furor der verklemmten Spießer geschützt hatte und wir rechneten es ihm auch hoch an, dass er uns ernst nahm und wir im Religionsunterricht vieles diskutieren konnten, was sonst keinen Platz erhielt. Der Religionsunterricht wurde von ihm eher als philosophische und politische Weltkunde gestaltet und so haben wir ‚Reli’, wie das Fach so bei uns hieß auch nicht mit dem Übergang in die Oberstufe einfach abgewählt. Ich habe es z. B. als drittes Fach für die Abiturprüfung gewählt.

    Der Pfarrer L. war einige Jahre in Indien als Entwicklungshelfer tätig gewesen und erzählte uns einiges aus dieser Zeit, um uns die Notwendigkeit von Entwicklungshilfe nicht nur politisch, sondern auch ganz praktisch anschaulich nahe zu bringen. Der Unterricht wurde dadurch lebendig und seine Anschauungen zu diesem und anderen Themen waren für uns ein Einstieg in eine offenere und realitätsnäheren Weltsicht, wie sie in unserer schwäbischen Kleinstadt (noch tief vom Nationalsozialismus geprägt) Ende der 60/Anfang der 70er sehr selten war. Soll heißen: er hatte für unseren Geschmack vernünftige Ansichten, er konnte sie vermitteln und wirkte, da sie erfahrungsgesättigt waren, dadurch auch glaubwürdig.
    Er brachte uns auch zu einer, nennen wir es mal, realitätstüchtigeren Moral:
    Ich erinnere mich an eine Geschichte, die er uns im Zusammenhang mit einer Diskussion über Freiheit und Erziehung im Unterricht erzählt hat. Konkret ging es in der Diskussion, wenn ich mich recht erinnere, um die Prügelstrafe, die glaube ich damals für Eltern und Lehrer gerade abgeschafft wurde.
    Er arbeitete im Norden Indiens (Näheres ist mir nicht mehr in Erinnerung) in einer Gegend, die durchaus strengere Winter kennt. Ihr Haus wurde von einem Kanonenofen beheizt, dessen Gusseisen im Laufe des Tages glühend wurde. Sein drei oder vierjähriger Sohn war von dem Ofen fasziniert und wollte im Überschwang das schöne, flirrende Rot berühren. Die Ermahnungen seiner Eltern nahm er nicht ernst, schließlich bekommt man als Kind alles mögliche verboten. Erfahrungen muss man schon auch selber machen. Nur: seine Hand wäre Zeit seines Lebens verkrüppelt geblieben. Schließlich wussten sich seine Eltern keinen Ausweg mehr, nach dem der Kleine mehrfach versucht hatte den Ofen zu berühren. Sie gaben ihm eine Ohrfeige. Eine Ohrfeige aus Not und so war dem Kleinen sehr klar, dass es hier nicht um eines der üblichen Verbote ging. Hätte ich anders entschieden? Natürlich nicht. Hätte ich ebenfalls ein schlechtes Gewissen gehabt? Ja, hätte ich. Denn eine Übertretung der eigenen Überzeugungen ist allemal ein Anlass, über die Maßstäbe, die man an sich und andere legt, zu reflektieren. Der Maßstab ist richtig, nur kann man sich nicht immer daran halten. Das war schon immer das Problem mit der Moral, die über der konkreten Situation zu stehen hat, sonst kann man sie ja nicht als Maßstab verwenden und damit messen, d. h. sein Denken, Fühlen und Handeln an ihr beurteilen.
    Das Problem aller moralischen Urteile ist ja, dass sie niemals absolut sein dürfen.
    In der Theorie kann man das problemlos auflösen:
    „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
    Im alltäglichen Vollzug muss man stets im Widerspruch bleiben, wenn man nicht zum Terroristen werden will.

    Während der Religionsunterricht stark von philosophischen und politischen Themen geprägt war, wurde im Konfirmandenunterricht, den der Pfarrer L. auch abhielt, denn er war gleichzeitig unser Gemeindepfarrer, Luther und seine Zeit und biblische Themen behandelt. Die Unterrichtsform war ‚modern’, soll heißen es wurde die Lutherzeit und die Auseinandersetzung mit der Amtskirche in Rom anhand einer Zeitung in moderner Form, behandelt. Sie hieß, glaube ich, Nachrichten aus Wittenberg? Na egal. Es gab verschiedene Artikel, die als Kommentar, Nachricht oder Leitartikel aufgemacht waren. Da wurde dann über den Ablasshandel des Tetzel berichtet und über die Stellungnahme Luthers dazu.

    Wir besprachen die Bergpredigt, das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis des Doktor Martinus Luther:
    „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“

    Was ist das?

    „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was Not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn’ all mein Verdienst und Würdigkeit: für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und zu gehorsam zu sein schuldig bin.

    Das ist gewisslich wahr.“
    (Martin Luther, Der Kleine Katechismus [EG 883.2.1])

    Ich kratzte mich am Kopf. Was sollte ich damit anfangen? „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat?“ Nein, das waren meine Eltern. „samt allen Kreaturen?“ Und was ist mit der Evolution? „Mich täglich versorgt“ Das wüsste ich aber.
    Na so in dieser Weise ging die Debatte. Als 14-jähriger ist man ja noch besonders klug, umfassend naiv und wahrheitssuchend.

    Natürlich versuchte unser Pfarrer uns auf die Bildlichkeit des Bekenntnisses aufmerksam zu machen und natürlich erklärte er uns, dass Luther von Darwin noch nichts wusste.
    Er erläuterte uns den modernen Glauben, der sich an die Erkenntnisse des 19. und 20. Jahrhunderts angepasst habe. Natürlich würde heute kein Protestant, der einigermaßen bei Verstand ist, die Evolutionstheorie in Frage stellen und niemand würde behaupten, dass Gott einen täglich mit allem Lebensnotwendigen versorgt.

    Wie ich schon eingangs schrieb, war ich ein ganz fürchterlich ernsthafter junger Mann. Ich ließ mir seine Deutung durch den Kopf gehen und sprach mit meinem acht Jahre älteren Bruder darüber, dass mich das alles nicht überzeugt. Aber wenn mich das nicht überzeugt, wieso sollte ich mich konfirmieren lassen? Schließlich wird man mit der Konfirmation in die Gemeinde aufgenommen?
    Ich beschloss also am nächsten Sonntag den Gottesdienst von Pfarrer L. zu besuchen und mich dem Glauben auszusetzen. So hoffte ich, entscheiden zu können, ob ich mich konfirmieren lassen will oder nicht. Mit 14 macht man noch Sachen ...

    Ich stiefelte also am folgenden Sonntag in den Gottesdienst und fremdelte die ganzen zwei Stunden. Pfarrer L. beobachtete mich die ganze Zeit. Ich war der einzige seiner Konfirmanden, der den Weg in den Gottesdienst gesucht hatte. Ich beobachtete ihn und die anderen Gottesdienstbesucher. Mit niemand in der Gemeinde fühlte ich mich verbunden. Mit der Predigt konnte ich nicht anfangen, Gott blieb mir so fremd und dubios wie vorher.
    Mein Bruder meinte anschließend, dass wir halt von den Eltern nicht christlich erzogen worden seien und daher keinen Bezug dazu hätten. Das leuchtete mir ein. Glaube und Christentum funktioniert nur bei Leuten, denen es von Kindheit an nahe gebracht wurde. Aber wenn das bei mir nicht der Fall war, warum sollte ich mich konfirmieren lassen?
    Wegen der Geschenke, meinte mein Bruder. Nimm es einfach mit und in ein paar Wochen kannst du ja aus der Kirche austreten und den ganzen Scheiß vergessen.
    Für einen ernsthaften jungen Mann war das kein gangbarer Weg.
    Mein Bruder sah mir tief in die Augen. Schau, meinte er, mann muss im Leben vieles machen, was der letzte Scheiß ist. Manchmal auch, um niemanden zu verletzten, wie bei der Konfirmation. Die ganze Verwandtschaft sei da und die Eltern würden sich auf ein Familienfest freuen. Ich sei der Jüngste und mit der Konfirmation sei auch ein Lebensabschnitt abgeschlossen und der erste Schritt ins Erwachsenenleben getan. Ich solle doch niemand enttäuschen und die Show einfach mitmachen.
    Und so wurde ich konfirmiert und trat sechs Wochen später aus der Kirche aus.
    Zu diesem Zeitpunkt kam ich mir ziemlich materialistisch und inkonsequent vor. Ich habe mich über mich selbst geärgert.

    Einige Jahre später habe ich den Wehrdienst verweigert und kam zum Zivildienst in ein großes Klinikum. Unter uns Zivildienstleistenden gab es auch einen, der sich auch weigerte den Zivildienst abzuleisten. Das Argument war, dass man auch als Zivi dem Krieg Vorschub leiste, in dem man sozusagen an der Heimatfront diene und so erst die Voraussetzungen schaffe, dass Andere in den Krieg ziehen könnten. Der Totalverweigerer wurde ins Gefängnis gesteckt und wir haben Mahnwachen und Aktionen für seine Freilassung veranstaltet. Irgendwann hatte dann die Staatsmacht ein Einsehen und ließ ihn frei, allerdings erst nach seiner Verurteilung zu einer längeren Gefängnisstrafe, die ihm einen Eintrag im Strafregister bescherte. Es sollte ein Exempel statuiert werden. Er nahm das auf sich, für seine Überzeugungen.
    Was für ein Scheißdreck.
    So wurde ich endgültig vom moralischen Rigorismus geheilt.

    Das alles ereignete sich vor über 40 Jahren. Was aus dem Pfarrer L. wohl geworden ist?
    Wenn ich heute zurückblicke, denke ich mir, dass der L. ein kluger, sympathischer Mann war, der uns Kindern neue, vernünftigere Denk- und Sichtweisen vermittelt hat. Dafür bin ich ihm dankbar. Es bleibt aber die Frage, die wir uns schon damals stellten: was hatte das alles mit seinem Glauben zu tun? Für einen gläubigen Menschen ist es zweifellos eine sinnvolle Anstrengung seinen Glauben mit der Moderne in Einklang zu bringen, nur was soll ein Ungläubiger wie ich mit derlei Rationalisierungen anfangen?
    Für uns Jugendliche war der L. etwas zu weichgespült, zu verständnisvoll, sein Leben verlief für unseren Geschmack zu bruchlos, zu langweilig, zu leidenschaftslos.

    _______________________
    Das ist sehr flott heruntergeschrieben. Wenn es an einigen Stellen zu sprunghaft und inkonsistent daherkommt, bitte ich um Verzeihung.

    Jetzt fehlt natürlich noch das Gegenbild. Da brauche ich aber noch ein bisschen Zeit.

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    Freitag, 11. Februar 2011
    Wirre Gedanken über Graham Green, Geheimagenten und das geplante Leben
    Heutzutage, so hört man, seien die jungen Leute ganz versessen darauf, schon im Vorschulalter ihren späteren Lebensweg in den Griff zu bekommen. Musik und Sport und mindestens zwei Fremdsprachen und überhaupt, das müsse schon sein. Ich hatte mal einen Schuldirektor, der immer mit so schönen und bleibenden Sätzen wie ‚Was Hänschen nicht lernt, das ...“ hausieren ging. Er wäre sicher begeistert über die heutige Generation, die seinen Lebensweisheiten folgt, ohne dass er sie mit solchen Sentenzen dazu anhalten muss, aber das ist eine andere Geschichte, zumal wir damals (aufgemerkt: „Papa erzählt vom Krieg!“) seinen Lebenserfahrungen nicht getraut haben, da er Napola-Zögling war. („Ja, ja, das kommt davon, wenn man auf die Altvorderen nicht hören will!“)
    Nun ja, damals also, waren wir eher begeistert von Weisheiten wie: „Trau keinem über 30!“ und viele meiner Schulfreunde und dann meiner Kommilitonen und Kommilitoninnen, verzehrten sich vor Sorge, dass sie später im Beruf und wenn sie eine Familie hätten ganz fürchterlich angepasst seien. Die Furcht vor Verspießerung im Alter (das ist, wenn man aus der verlängerten Adoleszenz während des Studiums heraustritt) war allgegenwärtig. Heute, aber das können Sie sich sicher denken ...

    Ach Übrigens, kennen Sie Fredl Fesl?
    Na egal, er hat in den 70ern mal ein Gstanzl gesungen/gesprochen, in dem es um das aufgeschobene Leben ging. Aus dem Gedächtnis zitiert ging das ungefähr so:
    „Wenn mer erst mal aus der Schul ist,
    Wenn mer erst mal im Beruf steht,
    Wenn mer erst mal verheiratet ist,
    Wenn mer erst mal a Häusle hat,
    wenn mer erstmal Kinder hat,
    wenn des Häusle erstmal abbezahlt ist,
    wenn die Kinder aus dem Haus sind,
    wenn die Kinder erstmal selber Kinder ham,
    wenn mer erstmal in Rente ist,
    wenn mer erstmal tot ist
    ... dann wird alles anders.“
    Also, so ungefähr wenigstens. Aufgefallen ist mir die Ambivalenz, in der sich das Gstanzl bewegt. Wahrscheinlich hat es deshalb damals nicht wirklich großen Erfolg bei, ja bei wem? gehabt.

    Etwas größeren Erfolg hatte ein Roman von Graham Green: Die Reisen mit meiner Tante. Das gab es als RoRoRo-Taschenbuch mit grünem Einband, wenn ich mich recht erinnere. Die Geschichte ist schnell angedeutet: Der Direktor einer englischen Provinzbank hat sich im Ruhestand auf die Züchtung von Dahlien kapriziert und führt ein gemächliches Leben. Zur Beerdigung seiner Mutter erscheint auch seine Tante, die Schwester seiner Mutter, mit ihrem kiffenden Liebhaber, Wordsworth, der nach der Beerdigung aufgrund widriger Umstände gezwungen ist, die Asche der Mutter in den Fluss zu kippen, um sein Gras in der Urne verstecken zu können. In der Folge ereignet sich noch so dies und das und gegen Ende der Geschichte verbringt der ehemalige Bankdirektor seinen Lebensabend damit, im brasilianischen Urwald Konterbande über die Grenze zu schmuggeln. Liiert ist unser Held mit einer jungen Frau, deren Vater im Hauptberuf CIA-Agent ist und Wert auf ein geregeltes Leben legt:
    „Er nahm sein Notizbuch aus der Tasche und begann wieder seine geheimnisvollen Zahlenkolonnen zu kritzeln.
    »Forschungsergebnisse?« fragte ich.
    »Ach«, sagte er, »das ist privat.«
    »Schließen Sie Wetten ab, wie weit das Schiff kommt?«
    »Nein, nein. Für Wetten habe ich nichts übrig.« Wieder sah er mich melancholisch und besorgt zugleich an. »Ich habe noch nie mit jemandem darüber gesprochen, Henry«, sagte er. »Die meisten Menschen würden es komisch finden. Ich zähle die Sekunden, die ich zum Pinkeln brauche, und dann schreibe ich auf, wie lange es gedauert hat, und die Uhrzeit. Haben Sie sich schon einmal klargemacht, dass wir jedes Jahr einen ganzen Tag verpinkeln?«
    »Du meine Güte«, sagte ich.
    »Ich kann es beweisen, Henry. Sehen Sie her.« Er öffnete sein Notizbuch und zeigte mir eine Seite. Das sah ungefähr so aus:

    28. Juli

    7 h 15: 17’’

    10 h 45: 37’’

    12 h 30: 50’’

    13 h 15: 32’’

    13 h 40: 50’’

    14 h 05: 20’’

    15 h 45: 37’’

    18 h 40: 28’’

    20 h 30: ? Vergessen zu zählen

    4 Min. 31 Sek.

    Er sagte: »Man muss nur mit sieben multiplizieren. Das ergibt dann eine halbe Stunde pro Woche. Oder sechsundzwanzig Stunden im Jahr.«
    (Graham Greene: Die Reisen mit meiner Tante, Rowohlt 1977 S. 161/2)

    Ach, und da wir gerade bei Geheimagenten angelangt sind: Beim abendlichen zappen durch die Programme landete ich eines Tages auch bei einem Bericht über den BND. In einer Sequenz zeigten sie Bewerber für den Beruf des Spions. Zumindest für mich verblüffend war, dass nicht einer der Schlapphüte in spe als Motiv für seine Bewerbung beim Bundesnachrichtendienst Freiheit & Abenteuer erwähnte. In Erinnerung geblieben ist mir die Aussage eines Bewerbers:
    „Ich wollte schon immer Beamter werden. Leider bin ich von verschiedenen Ämtern abgelehnt worden, und so dachte ich mir, bewirb dich doch mal beim BND.“
    Nach allem was man so hört, ist diese Geisteshaltung durchaus typisch für bundesdeutsche Nachrichtendienste. Vielleicht ist das nicht das Schlechteste.

    Sie sehen, die Furcht vor einem Leben, das sich in geordneten Bahnen von der behüteten Kindheit, über Schule, Studium oder Ausbildung, in Beruf und Familie und am Ende in Siechtum und Tod, bewegt, war zumindest für einen Teil meiner Generation prägend. Die Furcht, das donnernde Leben zu verpassen, war ausgeprägter als die Sorge, vor den Herausforderungen des Lebens zu scheitern. Wobei man sich beim scheitern, aber das wäre nochmals eine andere Geschichte …

    Lutz Niethammer hat mal in einer Straße in Köln(?) versucht, dieses geplante, langweilige Leben dingfest zu machen. Er befragte alle Bewohner dieser Straße nach ihren Erlebnissen und Erfahrungen, privat und beruflich. Keiner der Befragten hatte einen Lebensweg, der von der Geburt bis zum Tode in geordneten Bahnen verlief.
    Wovor haben wir uns dann eigentlich damals gefürchtet?
    Meine Antwort wäre: vor den Sehnsüchten unserer Eltern, die ein oder zwei Kriege und den Faschismus in den Knochen hatten und sich nach einigen Jahren in Sicherheit sehnten. Wir haben diese Sehnsucht für die Wirklichkeit gehalten. Das geordnete Leben von der Wiege bis zur Bahre existierte nie, zumindest für die niederen Schichten.

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