... neuere Einträge
An der Gedächtniskirche
g. | Montag, 3. Januar 2011, 06:24 | Themenbereich: 'Begegnungen'
Auf dem Alexanderplatz durften wir ja bereits einer Begegnung mit einem Prediger beiwohnen, heute soll’s um die Sowieso gehen (wie hieß sie noch gleich? Helga? Gerda? Na egal.) Sie war eine ältere Dame mit eisengrauen Haaren und einem freundlichen und aufmerksamen Gesicht. Als ich sie das erste Mal sah, dachte ich noch, die sieht aber der Uta Ranke-Heinemann ziemlich ähnlich.
Meist traf ich sie auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche. Außer ihr, war und ist an diesem Weihnachtsmarkt nicht besonderes, wie überall tönt „Stille Nacht“ aus jedem Stand, es gibt das zu kaufen, was es auf jedem Weihnachtsmarkt zu kaufen gibt und der Glühwein fällt wie ebenfalls auf jedem Weihnachtsmarkt eigentlich unter die Kampfmittelverordnung (Warum wird das Zeug eigentlich nicht in der Nordsee verklappt?)
Sie trug einen warmen Mantel und stand meist auf einer Obstkiste direkt vor der Kirche. Insbesondere jüngere Pärchen weckten ihre Aufmerksamkeit und stachelten sie an, ihnen ihre Botschaft zu vermitteln. Ein strahlender Blick in die Augen und ihre Stimme schwoll an:
„Ficken, Kinder, ihr müsst mehr ficken!“
Und dann legte sie ausführlich und mit guten Argumenten dar, warum ihre Erachtens die Menschen zu wenig schnackseln (Fürstin Gloria von Turn und Taxis). Ihre Freundlichkeit und Eloquenz machte es einem als Passanten sehr schwer, sich der anschwellenden Redeflut zu entziehen. Meist blieben die Leute stehen und wenn sie nicht völlig verbiestert waren, hörten sie ihr aufmerksam zu. Ich habe ihr eigentlich immer ganz gerne zugehört und stets am Ende ihrer Ausführungen beteuert, dass ich ihre Ratschläge für meinen weiteren Lebensweg beherzigen werde.
Irgendwann wurden ihre pädagogischen Versuche seltener und büßten auch etwas an Glanz und Geschliffenheit ein. Sie wurde alt und dann tauchte sie nicht mehr auf.
Nachtrag:
Die Dame hieß Helga Goetze: ein Nachruf & die Website & ein Interview
Mein Gedächtnis ist gar nicht so schlecht.
Meist traf ich sie auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche. Außer ihr, war und ist an diesem Weihnachtsmarkt nicht besonderes, wie überall tönt „Stille Nacht“ aus jedem Stand, es gibt das zu kaufen, was es auf jedem Weihnachtsmarkt zu kaufen gibt und der Glühwein fällt wie ebenfalls auf jedem Weihnachtsmarkt eigentlich unter die Kampfmittelverordnung (Warum wird das Zeug eigentlich nicht in der Nordsee verklappt?)
Sie trug einen warmen Mantel und stand meist auf einer Obstkiste direkt vor der Kirche. Insbesondere jüngere Pärchen weckten ihre Aufmerksamkeit und stachelten sie an, ihnen ihre Botschaft zu vermitteln. Ein strahlender Blick in die Augen und ihre Stimme schwoll an:
„Ficken, Kinder, ihr müsst mehr ficken!“
Und dann legte sie ausführlich und mit guten Argumenten dar, warum ihre Erachtens die Menschen zu wenig schnackseln (Fürstin Gloria von Turn und Taxis). Ihre Freundlichkeit und Eloquenz machte es einem als Passanten sehr schwer, sich der anschwellenden Redeflut zu entziehen. Meist blieben die Leute stehen und wenn sie nicht völlig verbiestert waren, hörten sie ihr aufmerksam zu. Ich habe ihr eigentlich immer ganz gerne zugehört und stets am Ende ihrer Ausführungen beteuert, dass ich ihre Ratschläge für meinen weiteren Lebensweg beherzigen werde.
Irgendwann wurden ihre pädagogischen Versuche seltener und büßten auch etwas an Glanz und Geschliffenheit ein. Sie wurde alt und dann tauchte sie nicht mehr auf.
Nachtrag:
Die Dame hieß Helga Goetze: ein Nachruf & die Website & ein Interview
Mein Gedächtnis ist gar nicht so schlecht.
Permalink (2 Kommentare) Kommentieren
... 1031 x aufgerufen
Das Nasloch in Geschichte und Gegenwart.
Der Ausbau des hinkenden Boten zum führenden Organ der Naslochforschung schreitet unaufhaltsam voran:
Permalink (0 Kommentare) Kommentieren
... 1065 x aufgerufen
Ich wünsche meinen geneigten Leserinnen und Lesern frohe Feiertage
g. | Freitag, 24. Dezember 2010, 09:27 | Themenbereich: 'Fundstuecke'
und ein wunderschönes neues Jahr. Sind sie in Begleitung eines Hundes, haben sie genug zu essen dabei?
Permalink (0 Kommentare) Kommentieren
... 770 x aufgerufen
Feiertagsruhe bis 3. Januar
g. | Freitag, 17. Dezember 2010, 05:19 | Themenbereich: 'so dies und das'
Permalink (0 Kommentare) Kommentieren
... 622 x aufgerufen
Kriegsweihnachten mit Steffie
g. | Donnerstag, 16. Dezember 2010, 05:35 | Themenbereich: 'so dies und das'
Unser Freiherr ist mit seiner Steffie zum Feiern nach Afghanistan geflogen. Der Berliner Tagesspiegel erinnerte vor einigen Tagen an die lange Tradition der Truppenbetreuung. In diesem Zusammenhang wurde geschildert, dass früher selbstverständlich auch die fleischlichen Gelüste der Krieger bedient wurden. Vermutlich wurde dies zweimal nur der Vollständigkeit halber erwähnt.
Permalink (0 Kommentare) Kommentieren
... 595 x aufgerufen
Ludwig Tieck: Die beiden merkwürdigsten Tage aus Siegmunds Leben XXVII
g. | Mittwoch, 15. Dezember 2010, 05:36 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Er schlief bald ein und lag noch in süßer Ruhe, als ihn der Markör weckte und ihm ein Billet vom feinsten Postpapier überreichte. Noch schlaftrunken erbrach er es. Es war eine außerordentlich höfliche Einladung vom Präsidenten, ihm die Ehre seines Besuchs zu gönnen; er habe gestern vergessen, sich nach manchen Umständen zu erkundigen, die ihn sehr interessierten.Und so kommt alles wieder ins Lot.
Siegmund sprang schon aus dem Bette, ehe er noch zu Ende gelesen hatte, seine gestrigen Skrupel fielen ihm gar nicht einmal ein. Er rief den ersten vorübergehenden Friseur hinauf, zog sich so eilig an, daß es dadurch eine Viertelstunde länger währte, und lief trabend zum Präsidenten. Der Bediente führte ihn in das Schlafzimmer des gnädigen Herrn, der um Verzeihung bat, daß er ihn schon so früh inkommodiert habe. Siegmund wußte gar nicht, wie er die großen und ausgesuchten Höflichkeiten beantworten sollte. Der Präsident erklärte, daß er den Brief des Generals noch einmal überlesen und sich gestern aus Zerstreuung in der Person geirrt habe, er habe schon seit lange so viel von der Geschicklichkeit und den unbeschreiblich großen Talenten des Empfohlenen rühmen gehört, daß er ihm die verlangte Stelle unmöglich, ohne die größte Ungerechtigkeit zu begehen, abschlagen könne.
Kurz, alles ward in dieser Unterredung berichtigt; Siegmund war Rat, und mietete sich sogleich, als er den Präsidenten verließ, seine künftige Wohnung, forderte im Wirtshause die Rechnung, und erschrak zwar nicht, aber erstaunte doch ein wenig über die große Summe.Eine feine Geschichte. Haben Sie sie mit Vergnügen am Bildschirm lesen können?
Alles schien hier in der Stadt sein Gewerbe philosophisch zu treiben, denn als der Wirt das langgezogene Gesicht des Bezahlenden sah, sagte er ganz kalt: »Man kann es unsereinem nicht übelnehmen, wenn man den Vorteil nimmt, wo man ihn findet; ich lasse mir auch dafür etwas bezahlen, daß mein Gasthof der beste ist, und jeder Eingehende kann doch nachher erzählen daß er hier logiert habe. Ober fünf Jahre ungefähr wird es auch bei mir etwas wohlfeiler sein, denn ich denke, daß ich dann die Summe wieder erübrigt habe, um die mich einmal ein verkleideter Herzog betrog.«
»Der Bürger muß also auch bei Ihnen die Schulden der Fürsten bezahlen?« fragte Siegmund lachend.
»Zum Glück ist mein Gasthof hier in der Stadt der einzige recht gute«, fuhr der dicke Mann ungestört fort; »ich habe daher die Summe, auf die ich hoffe, schon so gut wie in der Tasche. Der Goldschmied ist ein Narr, der das abfallende Silber nicht sammelt.«
Die Rechnung ward quittiert, Siegmund zog aus und in seine neue Wohnung.
Als er auf den Mittag wieder im Gasthofe aß, sprang ihm der kleine Bellmann in die Arme, und freute sich, daß ein so würdiger Mann die erledigte Stelle erhalten habe. Seine Freude war ungeheuchelt, denn er hatte die Aussicht, in wenigen Wochen mit einer andern ebenso einträglichen Würde bekleidet zu werden.
Der Zeitungsschreiber machte in seinem Blatte einen großen Artikel aus der Ankunft und Einführung des neuen Rats.
Siegmund, der Präsident und das Mädchen lebten seit der Zeit in der größten Eintracht die Schöne stimmte ihr demokratisches Gemüt etwas aristokratischer, und schon am folgenden Tage sah man den Präsidenten in der Gesellschaft Siegmunds reiten. Siegmund tat ihm den Gefallen, nur wenig zu schließen, und mit dem Pferde etwas ungeschickt umzugehen. Der Präsident gab ihm viele Regeln; Siegmund dankte und lernte besser reiten.
Der General antwortete auf das Danksagungsschreiben des Rats: er habe wohl gewußt, daß der Präsident nicht unterlassen könne, seine Empfehlung zu beachten. –
Dies sind die beiden merkwürdigsten Lebenstage aus Siegmunds Geschichte. – Der Leser, der nur ein halb gutes Buch über die Moral gelesen hat, wird leicht die schnell erfundene sophistische Scharade auflösen können; folglich braucht sich der Verfasser gar nicht weiter darüber zu erklären, daß er die aufgestellten Personen nicht für Ideale auszugeben gesonnen sei
Permalink (0 Kommentare) Kommentieren
... 713 x aufgerufen
Vom Leben mit Sozialpädagoginnen
(womit nicht Positives über Pädagogen, Psychologen/-innen, usw. angedeutet sein soll)
(womit nicht Positives über Pädagogen, Psychologen/-innen, usw. angedeutet sein soll)
g. | Dienstag, 14. Dezember 2010, 05:59 | Themenbereich: 'Begegnungen'
In meinem langen, bewegten Leben begab es sich auch dereinst, dass ich mehr oder weniger freiwillig mit einem Rudel Sozialpädagoginnen zusammenlebte. (Sie beginnen sich schon jetzt zu fürchten? Weichei!)
Als Student macht man ja so einiges mit, das man in reiferen Jahren dann versucht abzustreiten oder mit dem Mantel der ungenauen Erinnerung bedeckt. Ich zog also, meiner Erinnerung nach, eigentlich ganz frohen Mutes in eine Wohngemeinschaft mit Maschinenbauern, Physikern, Entsorgungstechnikern und eben auch mehreren Sozialpädagoginnen. Was mir vor dem Einzug nicht klar war, dass es einen mittelgroßen Kampf der Geschlechter in der WG gab. Was ich aus früheren Wohngemeinschaften ja schon kannte, waren die endlosen Debatten zum Thema Sauberkeit, für mich neu waren die kleinen Gefechte, die auf der einen Seite mit erbitterter Grundsätzlichkeit und auf der anderen mit wurschtiger Ausdauer, ausgetragen wurden. So lag auf der Toilette beispielsweise ein älterer Playboy. Nicht weil die Herren der Schöpfung vor dem Spülgang das dringende Bedürfnis verspürten nackte Tatsachen zu vergleichen oder zu bewundern, sondern um die Damen des Hauses zu ärgern. An einem der ersten Abende wurde ich dann folgerichtig von der einen Fraktion mit der Frage, wie ich es denn mit der Pornographie so halten würde, konfrontiert. Mir schwante ja übles und so versuchte ich mich mit einem desinteressierten ‚da nicht so für‘, wie man heute so sagen würde, heraus zu reden, schließlich dämmerte mir, dass ich mit Aussagen wie: „Was an Bildern von nackten Frauen antörnend sein soll ist mir nicht klar; ich bin mehr so fürs Reale“ oder: „Wenn ich ehrlich sein soll, finde ich ja diese ganzen einschlägigen Utensilien eher lustig. Riesige Rüttelstäbe in Bananenform oder aufblasbare Kunststoffliebhaberinnen kann ich von Zeit zu Zeit durchaus komisch finden“ eher auf ein ablehnendes Echo treffen würde. Weitschweifiges Drumherumgerede führte dann aber doch zu einer Entspannung der Debatte. Mir wurden lediglich tote Prinzen zur Lektüre empfohlen. Nun ja, nun ja, ich war ja damals jung und dumm, soll heißen eine kleine Nachschulung über Gleichberechtigung und Chancengleichheit hatte ich durchaus nötig, nur der Tod des Märchenprinzen?
And now for something completely different
Wissen Sie (noch) was Kefir ist?
Kefir ist eine der Geiseln der Menschheit. Dieser Pilz verdoppelt seine Masse bei Raumtemperatur in etwa 14 Tagen. Wenn man ihn teilt, ordentlich mit Milch füttert und nur wenig davon verzehrt, verdoppeln sich die beiden Teile wiederum in 14 Tagen, die dann wieder geteilt werden und so breitet sich der Kefir bald darauf in einer unendlichen Kettenreaktion in unendlichen, still vor sich hinwuchernden und säuerlich müffelnden Massen von Einweckgläsern in der ganzen Wohnung aus. Sie werden dem Fortpflanzungstrieb dieses Pilzes nicht mehr Herr. Kefir war beliebt bei alternativen Sozialpädagoginnen und so wurde dieses Geschöpft auch in unsere Wohngemeinschaft eingeschleppt und vermehrte sich exponentiell. Gegessen oder getrunken wurde davon wenig, obgleich er als ungeheuer gesund galt und das Leben fast bis ins Unendliche verlängern sollte. Die Kefirmassen wuchsen und die Debatten um die Vernichtung des Eindringlings wurden immer härter.
Leider hatte sich die Kefirdebatte schon weit von allen Sinnhaftigkeiten entfernt, es ging ums Grundsätzliche und wie immer wenn’s grundsätzlich wird, wurde erbittert gekämpft. Drohungen, Finten, Unterstellungen jagten sich am Abendbrottisch, wochenlang. Bis, ja bis zum Beginn der Semesterferien. Die Semesterferien veränderten die Gefechtslage, denn der Entsorgungstechniker hatte ein Praktikum bei einem bekannteren Berliner Entsorger, alle anderen fuhren zu ihren Eltern oder mussten sich auf dem Jobmarkt, meist in Westdeutschland, verdingen. Wer sollte sich um den Kefir kümmern? Ich war der einzige Kandidat, dem von unsren Mitbewohnerinnen genug Vertrauen (zu unrecht übrigens) entgegengebracht wurde, ihn zu hegen und zu pflegen und nicht schon am ersten Tag das ganze Kefirgeschwür in dem Müll zu werfen. Ich hatte jedoch einen Job in Süddeutschland. Unser Entsorgungstechniker schwor (scheinheilig, was sonst) einen Eid: Er werde den Kefir nicht anrühren und ihm kein Leid zufügen. Beruhigt fuhren unsere Pädagoginnen weg. Nach ihrer Rückkehr lag der Kefir vertrocknet in seinen Fortpflanzungsgläsern. Er hatte ihn nicht angerührt.
And now for something completely different
Ich hatte ja gelegentlich angedeutet, dass ich bei der Frage, wer mit wem und mit wie vielen, eine eher laxe Haltung einnehme. Muss man alles nicht so eng sehen und insbesondere nicht moralisch. Allerdings gibt es Grenzen, die man gefälligst einhalten sollte, schließlich wollen manche Leute nachts auch schlafen:
Unsere beiden Sozialpädagoginnen schleppten eines Abends einen ihrer Professoren an, eisengrauen Matte bis auf die Schultern und eine so sanfte, mitfühlende Aussprache, dass man Pickel von kriegen konnte. Na egal, Besuch ist Besuch und wenn man jedes Mal, wenn einem ein Besucher seiner Mitbewohner auf den Wecker geht (wenn ich da nur an den Animateur auf Urlaub denke, aber das ist eine andere Geschichte), sich aufregen würde …
Ja, nur diesmal war es etwas arg. Sogar unsere WG-Katze fand sein Angeschleime derart widerlich, dass sie prophylaktisch ihre Zähne in seinen Knöchel rammte und erst danach fauchte und sich in Sicherheit brachte. Wir haben ihr dann zwei Tage später etwas Leckeres zum Fressen gekauft und sie gelobt: „Das hast du fein gemacht, Mietzi!“
Also, der Abend nervte so vor sich hin und nach dem Abendessen gingen wir dann in die Kneipe und ließen den Professor mit seinen Studentinnen alleine.
Gegen zwei Uhr kamen wir dann etwas angeheitert zurück und legten uns sofort schlafen, schließlich wartete ein harter Studientag am Ende der Nacht auf uns.
Eine halbe Stunde später hörte ich ein, zunächst unterdrücktes, eine weitere Viertelstunde darauf, ein hemmungsloses Schluchzen auf dem Gang. Ich ging hinaus. Eine unserer Mitbewohnerinnen hockte vor der Tür ihrer Kommilitonin und weinte bitterlich. Es stellte sich heraus, dass sich ihre Rivalin mit dem Herrn Professor gerade in ihrem Zimmer vergnügte. („Wenn du das Ohr gegen die Tür presst, kannst du es hören!“ „Ich glaub’s dir ja.“) Ich tröstete sie so gut ich konnte und als sie sich bereit erklärt hatte, in ihrem Zimmer weiter um ihre Niederlage zu weinen, ging ich wieder ins Bett und schlief wieder ein.
Nach einer weiteren Stunde wachte ich erneut auf, weil wieder Weinen aus dem Flur zu mir ins Zimmer drang. Verdammt noch mal, sie hatte doch versprochen in ihr Zimmer zu gehen und nicht die ganze WG mit ihrem Weinen wach zu halten? Genervt ging ich auf den Flur. Zunächst konnte ich niemand entdecken, dann sah ich am Ende des Ganges vor dem Zimmer der Dame, die ich getröstet hatte, die Andere sitzen und herzergreifend flennen. Es stellte sich heraus, dass sich in der Stunde zwischen den Weinattacken das Blatt gewendet hatte. Inzwischen hatte sich der Herr Professor der anderen Dame zugewandt und die erste saß vor der Tür der anderen und weinte über ihre Zurücksetzung.
Die nächsten Wochen teilten sich die beiden Damen weiterhin den Liebhaber, allerdings hatten wir darauf bestanden, dass dies künftig in der Wohnung des Professors stattfinden müsse. Der Mensch will schließlich schlafen.
Als Student macht man ja so einiges mit, das man in reiferen Jahren dann versucht abzustreiten oder mit dem Mantel der ungenauen Erinnerung bedeckt. Ich zog also, meiner Erinnerung nach, eigentlich ganz frohen Mutes in eine Wohngemeinschaft mit Maschinenbauern, Physikern, Entsorgungstechnikern und eben auch mehreren Sozialpädagoginnen. Was mir vor dem Einzug nicht klar war, dass es einen mittelgroßen Kampf der Geschlechter in der WG gab. Was ich aus früheren Wohngemeinschaften ja schon kannte, waren die endlosen Debatten zum Thema Sauberkeit, für mich neu waren die kleinen Gefechte, die auf der einen Seite mit erbitterter Grundsätzlichkeit und auf der anderen mit wurschtiger Ausdauer, ausgetragen wurden. So lag auf der Toilette beispielsweise ein älterer Playboy. Nicht weil die Herren der Schöpfung vor dem Spülgang das dringende Bedürfnis verspürten nackte Tatsachen zu vergleichen oder zu bewundern, sondern um die Damen des Hauses zu ärgern. An einem der ersten Abende wurde ich dann folgerichtig von der einen Fraktion mit der Frage, wie ich es denn mit der Pornographie so halten würde, konfrontiert. Mir schwante ja übles und so versuchte ich mich mit einem desinteressierten ‚da nicht so für‘, wie man heute so sagen würde, heraus zu reden, schließlich dämmerte mir, dass ich mit Aussagen wie: „Was an Bildern von nackten Frauen antörnend sein soll ist mir nicht klar; ich bin mehr so fürs Reale“ oder: „Wenn ich ehrlich sein soll, finde ich ja diese ganzen einschlägigen Utensilien eher lustig. Riesige Rüttelstäbe in Bananenform oder aufblasbare Kunststoffliebhaberinnen kann ich von Zeit zu Zeit durchaus komisch finden“ eher auf ein ablehnendes Echo treffen würde. Weitschweifiges Drumherumgerede führte dann aber doch zu einer Entspannung der Debatte. Mir wurden lediglich tote Prinzen zur Lektüre empfohlen. Nun ja, nun ja, ich war ja damals jung und dumm, soll heißen eine kleine Nachschulung über Gleichberechtigung und Chancengleichheit hatte ich durchaus nötig, nur der Tod des Märchenprinzen?
And now for something completely different
Wissen Sie (noch) was Kefir ist?
Kefir ist eine der Geiseln der Menschheit. Dieser Pilz verdoppelt seine Masse bei Raumtemperatur in etwa 14 Tagen. Wenn man ihn teilt, ordentlich mit Milch füttert und nur wenig davon verzehrt, verdoppeln sich die beiden Teile wiederum in 14 Tagen, die dann wieder geteilt werden und so breitet sich der Kefir bald darauf in einer unendlichen Kettenreaktion in unendlichen, still vor sich hinwuchernden und säuerlich müffelnden Massen von Einweckgläsern in der ganzen Wohnung aus. Sie werden dem Fortpflanzungstrieb dieses Pilzes nicht mehr Herr. Kefir war beliebt bei alternativen Sozialpädagoginnen und so wurde dieses Geschöpft auch in unsere Wohngemeinschaft eingeschleppt und vermehrte sich exponentiell. Gegessen oder getrunken wurde davon wenig, obgleich er als ungeheuer gesund galt und das Leben fast bis ins Unendliche verlängern sollte. Die Kefirmassen wuchsen und die Debatten um die Vernichtung des Eindringlings wurden immer härter.
Leider hatte sich die Kefirdebatte schon weit von allen Sinnhaftigkeiten entfernt, es ging ums Grundsätzliche und wie immer wenn’s grundsätzlich wird, wurde erbittert gekämpft. Drohungen, Finten, Unterstellungen jagten sich am Abendbrottisch, wochenlang. Bis, ja bis zum Beginn der Semesterferien. Die Semesterferien veränderten die Gefechtslage, denn der Entsorgungstechniker hatte ein Praktikum bei einem bekannteren Berliner Entsorger, alle anderen fuhren zu ihren Eltern oder mussten sich auf dem Jobmarkt, meist in Westdeutschland, verdingen. Wer sollte sich um den Kefir kümmern? Ich war der einzige Kandidat, dem von unsren Mitbewohnerinnen genug Vertrauen (zu unrecht übrigens) entgegengebracht wurde, ihn zu hegen und zu pflegen und nicht schon am ersten Tag das ganze Kefirgeschwür in dem Müll zu werfen. Ich hatte jedoch einen Job in Süddeutschland. Unser Entsorgungstechniker schwor (scheinheilig, was sonst) einen Eid: Er werde den Kefir nicht anrühren und ihm kein Leid zufügen. Beruhigt fuhren unsere Pädagoginnen weg. Nach ihrer Rückkehr lag der Kefir vertrocknet in seinen Fortpflanzungsgläsern. Er hatte ihn nicht angerührt.
And now for something completely different
Ich hatte ja gelegentlich angedeutet, dass ich bei der Frage, wer mit wem und mit wie vielen, eine eher laxe Haltung einnehme. Muss man alles nicht so eng sehen und insbesondere nicht moralisch. Allerdings gibt es Grenzen, die man gefälligst einhalten sollte, schließlich wollen manche Leute nachts auch schlafen:
Unsere beiden Sozialpädagoginnen schleppten eines Abends einen ihrer Professoren an, eisengrauen Matte bis auf die Schultern und eine so sanfte, mitfühlende Aussprache, dass man Pickel von kriegen konnte. Na egal, Besuch ist Besuch und wenn man jedes Mal, wenn einem ein Besucher seiner Mitbewohner auf den Wecker geht (wenn ich da nur an den Animateur auf Urlaub denke, aber das ist eine andere Geschichte), sich aufregen würde …
Ja, nur diesmal war es etwas arg. Sogar unsere WG-Katze fand sein Angeschleime derart widerlich, dass sie prophylaktisch ihre Zähne in seinen Knöchel rammte und erst danach fauchte und sich in Sicherheit brachte. Wir haben ihr dann zwei Tage später etwas Leckeres zum Fressen gekauft und sie gelobt: „Das hast du fein gemacht, Mietzi!“
Also, der Abend nervte so vor sich hin und nach dem Abendessen gingen wir dann in die Kneipe und ließen den Professor mit seinen Studentinnen alleine.
Gegen zwei Uhr kamen wir dann etwas angeheitert zurück und legten uns sofort schlafen, schließlich wartete ein harter Studientag am Ende der Nacht auf uns.
Eine halbe Stunde später hörte ich ein, zunächst unterdrücktes, eine weitere Viertelstunde darauf, ein hemmungsloses Schluchzen auf dem Gang. Ich ging hinaus. Eine unserer Mitbewohnerinnen hockte vor der Tür ihrer Kommilitonin und weinte bitterlich. Es stellte sich heraus, dass sich ihre Rivalin mit dem Herrn Professor gerade in ihrem Zimmer vergnügte. („Wenn du das Ohr gegen die Tür presst, kannst du es hören!“ „Ich glaub’s dir ja.“) Ich tröstete sie so gut ich konnte und als sie sich bereit erklärt hatte, in ihrem Zimmer weiter um ihre Niederlage zu weinen, ging ich wieder ins Bett und schlief wieder ein.
Nach einer weiteren Stunde wachte ich erneut auf, weil wieder Weinen aus dem Flur zu mir ins Zimmer drang. Verdammt noch mal, sie hatte doch versprochen in ihr Zimmer zu gehen und nicht die ganze WG mit ihrem Weinen wach zu halten? Genervt ging ich auf den Flur. Zunächst konnte ich niemand entdecken, dann sah ich am Ende des Ganges vor dem Zimmer der Dame, die ich getröstet hatte, die Andere sitzen und herzergreifend flennen. Es stellte sich heraus, dass sich in der Stunde zwischen den Weinattacken das Blatt gewendet hatte. Inzwischen hatte sich der Herr Professor der anderen Dame zugewandt und die erste saß vor der Tür der anderen und weinte über ihre Zurücksetzung.
Die nächsten Wochen teilten sich die beiden Damen weiterhin den Liebhaber, allerdings hatten wir darauf bestanden, dass dies künftig in der Wohnung des Professors stattfinden müsse. Der Mensch will schließlich schlafen.
Permalink (0 Kommentare) Kommentieren
... 667 x aufgerufen
Ludwig Tieck: Die beiden merkwürdigsten Tage aus Siegmunds Leben XXVI
g. | Montag, 13. Dezember 2010, 05:48 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Es ward sogleich zum Präsidenten geschickt, der nicht zu kommen ermangelte. – Als sich Siegmund auskleidete, um zu Bette zu gehen, sagte er zu sich selbst: »Einem Freudenmädchen soll ich also vielleicht mein Glück verdanken? Nicht meinen Talenten und Kenntnissen? – Aber ich verdanke es mir ja doch selbst; meine Gestalt hat dies Mädchen ja so für mich eingenommen. Es hätte mir wahrhaftig weniger Ehre gemacht, wenn ich bloß dem vornehmen Fürwort des langweiligen Generals, der mich nicht kannte und nicht besonders leiden mochte, alles schuldig geworden wäre. – Ich bin nicht der erste, und werde auch nicht der letzte sein, der durch ein Frauenzimmer eine Stelle erhält; sie geben uns als Säugling Milch und als Männer Brot, und es ist gewöhnlich noch anstößiger, wie viele durch eine verheiratete Frau oder durch Heirat versorgt werden.«Nach solchem Räsonnement legt er sich schlafen und darf auf den Erfolg der Mission hoffen.
Permalink (0 Kommentare) Kommentieren
... 654 x aufgerufen
Ludwig Tieck: Die beiden merkwürdigsten Tage aus Siegmunds Leben XXV
g. | Freitag, 10. Dezember 2010, 06:52 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Die Schöne drückte einen zärtlichen Kuß auf die schmeichelnden Lippen. – »Ich habe Sie heut abend kommen sehn«, sagte sie, »und Ihnen bloß die Tür eröffnet, weil Sie mir gefallen, und weil ich Sie jetzt sogar liebe, ohne Vorteil von Ihnen zu hoffen. Ich denke, meine Liebe ist uneigennütziger, als die anständige Zärtlichkeit mancher Ehefrau.«Da fühlt man sich an Walter Serner erinnert.
Siegmund ward immer mehr bezaubert; er schloß sie an sein klopfendes Herz und überdeckte Wangen und Busen mit feurigen Küssen.
»Ich habe einen Einfall!« rief die Geliebte wie begeistert aus, »ich habe einen Einfall, für den Sie mir gewiß danken werden. – Sie sollen sehn, daß ich nicht nur uneigennützig bin, sondern daß ich mich auch aufopfern kann, wenn ich mich jemandes Freundin nenne. – Ich habe mir einmal vorgesetzt, daß Sie hier in der Stadt bleiben sollen, und ich will für Sie den unangenehmsten Schritt tun: ich will mich nämlich mit dem Präsidenten in Kapitulation einlassen.«Nach den unterschiedlichen Anlässen, sich zu bedanken, ist die Sache endgültig eingefädelt.
Siegmund konnte nicht Worte genug finden, ihr zu danken. – Sie gab ihm in derselben Nacht noch zu mehrerem Dank Gelegenheit, und er verließ sie, um sich in seinem Gasthofe von dem philosophischen Räsonnement zu erholen, das ihn ermüdet hatte.
Permalink (0 Kommentare) Kommentieren
... 744 x aufgerufen
Jürgen Theobaldy
g. | Donnerstag, 9. Dezember 2010, 06:11 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
hatte ich völlig vergessen, bis mir beim Ausräumen der Bücherschränke (alle paar Jahre muss man ja renovieren) ein kleines Lyrikheft wieder in die Hände rutschte. Sein Titel ist: Sperrsitz. Ich hatte das Heft Anfang/Mitte der 70er gekauft und damals mit großem Vergnügen gelesen. Nun macht es bekanntlich einen großen Unterschied, ob man mit 20 Gedichte ansprechend findet oder mit 50. Um es kurz zu machen: beim Blättern und erneuten Lesen der Texte bin ich immer noch ganz angetan. Aber urteilen Sie selbst:
Zum Abschluss noch eine Prosa-Leseprobe.
Abenteuer mit DichtungEr hat über die Jahre noch einige Gedichte und Romane geschrieben und lebt jetzt in der Schweiz.
Als ich Goethe ermunterte einzusteigen
war er sofort dabei
Während wir fuhren
wollte er alles ganz genau wissen
ich ließ ihn mal Gas geben
und er brüllte: „Ins Freie!“
und trommelte auf das Armaturenbrett
Ich drehte das Radio voll auf
er langte vorn herum
brach den Scheibenwischer ab
und dann rasten wir durch das Dorf
über den Steg und in den Acker
wo wir uns lachend und schreiend
aus der Karre wälzten
(Sperrsitz Palmenpresse 1973)
Nah bei der Boutique
Der Mann, betrunken auf dem Trottoir
an einem Nachmittag im März,
macht die Leute hilflos, hilflos
wie er ist, um hochzukommen, er fällt
zurück und wieder auf den Stein.
Vier, fünf Leute stehen herum,
jeder wortlos und für sich,
ein Mann mit naßgekämmten Haaren
tritt aus der Griechenbar, zieht
an seiner Zigarette und sieht her.
Er wartet: Die Leute warten darauf,
daß jemand kommt in Uniform und hilft
und sie von diesem Bild befreit,
das sie beklommen macht und hart,
dann taucht der Stadtbus auf.
Der Mann, er bleibt zurück,
elend in der Mittagssonne, nah
bei der Boutique, wo sich die junge Frau
in Fenster beugt und das glitzernde
Jackett aus seinen Augen nimmt.
Arbeit mit Papier
Aus jedem Gedicht kannst du
eine Schwalbe machen.
Du mußt es aber richtig falten.
Aus jedem Gedicht, hörst du,
auch aus dem missglückten.
Nun denke dir den Himmel dazu.
Zum Abschluss noch eine Prosa-Leseprobe.
Permalink (2 Kommentare) Kommentieren
... 2672 x aufgerufen
Ludwig Tieck: Die beiden merkwürdigsten Tage aus Siegmunds Leben XXIV
g. | Mittwoch, 8. Dezember 2010, 05:59 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
»Jeder«, fuhr die Rednerin fort, »sucht die Armseligkeiten seiner Nebenmenschen dazu zu brauchen, sich einen ebnen Weg durchs Leben zu bahnen; der eine kleidet sich, wie sein Gönner es gern sieht; ein anderer hat dieselbe politische und philosophische Meinung, die man von ihm fordert; ein dritter heiratet, um reich zu werden; ein vierter übervorteilt im Handel; jeder lügt, hintergeht, spielt den Scharlatan; die ganze Welt maskiert, und nur die Macht der Schönheit soll von dieser allgemeinen Sucht, andre zu beherrschen, ausgeschlossen bleiben?1797 dürfte es nur wenige Menschen gegeben haben, die so einer Laxheit der (sexuellen) Moralvorstellungen das Wort geredet haben.
So lebe ich angenehm und im Wohlstande. Fremde, die, wenn nicht mir, einem andern Mädchen ihren Reichtum hingetragen haben würden, vermehrten mein Vermögen; Narren verfolgten mir, und drangen mir, sosehr ich mich weigerte, ihre Börse auf. – Aber ich wähle auch aus; ich bin, so wie Sie mich hier sehn, aufs eifrigste Demokratin, und hasse und verachte alles, was sich Edelmann nennt so habe ich Ihren Präsidenten immer mit dem größten Spott abgewiesen, sosehr er sich mir aufgedrängt hat. – Ich habe schon manchen Armen unterstützt, und mancher Familie aufgeholfen, und so kann ich nicht einsehn, warum ich nicht mit mir zufrieden sein, sondern mich für ein verworfenes Geschöpf halten sollte?«
»Sie sind die liebenswürdigste Philosophin von der Welt!« rief Siegmund aus. »Ich habe noch kein Frauenzimmer gefunden, deren Seelengröße sich mit der Ihrigen messen dürfte.«
Permalink (0 Kommentare) Kommentieren
... 649 x aufgerufen
Warum ich monogam geworden bin
g. | Dienstag, 7. Dezember 2010, 05:24 | Themenbereich: 'Begegnungen'
Meine Damalige, eine Charlottenburger Pflanze (ich hatte und habe ein Faible für eingeborene Frauen), hatte eine Zehlendorf-Connection, alles ALer (=Alternative Liste, sie können sich erinnern?) mit deren Gefolge ich dann eine Zeit lang am Rande dieser Partei mitgewurschtelt habe; aber das ist eine andere Geschichte. Auf jeden Fall hatte sie einen Freund aus Kindertagen, der als Betriebswirt schon gutes Geld verdiente und eine ziemlich feste Freundin sein Eigen nannte.
Eigentlich, dachte er sich, sollte und wollte er eine Familie gründen, nur so irgendwie und so endgültig vielleicht doch nicht.
Zum besseren Verständnis sollte ich wohl vorausschicken, dass es in den 80ern in Berlin zwei Stadtmagazine gab, den Tip und die Zitty, die man insofern unterscheiden konnte, als dass die redaktionellen Beiträge in dem einen Magazin nicht ganz so schrecklich waren, wie in dem anderen. Die beiden Magazine gibt es immer noch, nur unterscheiden kann man sie nicht mehr. Aber egal, niemand damals und wohl auch heute, kauft sich so ein Veranstaltungsblättchen, um die Artikel zu lesen. Damals, wie das heute ist kann ich nicht sagen, unterschieden sich die Kontaktanzeigen der beiden Magazine allerdings sehr deutlich. Im Zitty inserierten eher die alternativ angehauchten Jungs und Mädels, im Tip fühlten sich die eher braven Damen und Herren zu Hause. Zumindest bezüglich der äußeren Erscheinung, dort waren die Damen geschminkt, die Herren trugen gewaschene Kleidung und hier liefen die Jungs eher verlottert herum und die Mädels trugen Patschuli auf. Einen Hang zur Esoterik war ihnen gemeinsam. Der Schulfreund meiner Verflossenen nun hatte grundsätzlich etwa drei bis vier „Tipkisten“, wie man damals sagte, also Damen, die er über die Kontaktanzeigen des Tip kennengelernt hatte, parallel zu laufen. „Zittykisten“ verschmähte er, na ja, nicht jeder hat so wenig Vorurteile wie sagen wir …
Sie müssen wissen, dass Anfang der 80er Jahre noch kein Gedanke an Taschentelefone oder Email-Kommunikation zu verschwenden war. Die komplette Logistik musste, vom Festnetzanschluss der eigenen Wohnung oder von Telefonzellen aus, in extremen Fällen über Telegramme, bewerkstelligt werden. Keine leichte Aufgabe, zumal die eine oder andere Dame ganz gerne einen spontanen Besuch im Repertoire hatte. Nach den ersten Unfällen beschloss er folgerichtig sein umfangreich paralleles Sexualleben nur noch aushäusig zu praktizieren. Aber auch dies konnte nicht völlig unfallfrei organisiert werden, schließlich hat der Mensch Lieblingskneipen, die Zahl der Kinos ist beschränkt und in den jeweiligen Szenen kannte man sich auch untereinander. Tatsache war, dass, wann immer wir zusammen ausgingen, er sich immer nervös vergewisserte, ob nicht irgendeine seiner zahllosen Verflossenen oder in Aussicht genommenen am Nebentisch saß oder – was wohl auch schon vorgekommen war – gar zwei aktuelle oder verflossene Liebschaften sich zusammen getan hatten um, wie er gelegentlich argwöhnte, auf Rache sinnen und ihm in seinen häufiger frequentierten Kneipen auflauerten. Wenn Sie mich fragen: Die Leute gehen einfach zu viel ins Kino, da kriegt man solche Ängste von.
Meine Damalige fand nun seinen Lebenswandel so ein bisschen frauenfeindlich und machte ihm Vorhaltungen. Den ganzen Abend. Wenn sie ihm keine Vorhaltungen machte, wollte sie pfeilgerade wissen, warum er denn mindestens vier Frauen gleichzeitig „zu laufen“ habe und warum die denn nichts voneinander wissen dürften. Nun, das mit der Geheimhaltung war schnell geklärt, da sein Interesse insbesondere Frauen galt, die eher „was Festes“ wollten und diese Interessenlage selbstverständlich nicht mit seiner Vielweiberei zusammenging (bei den Mormonen soll das früher ja anders gewesen sein, behauptet zumindest Karl May), mussten die Damen natürlich streng separiert werden. Das andere, warum er diesen unendlich komplexen Kreislauf organisierte, war nicht oder nur tiefenpsychologisch erklärbar. Den ganzen Abend. Irgendwann im Laufe der Zeit, habe ich mich dann geweigert diesen Exerzitien beizuwohnen.
Na wie dem auch sei, ich bin ja nicht so der Moralapostel und solange alle erwachsen sind, gibt es ja keinen Grund, warum man das kreuz und quer und wer mit wem und mit wie vielen, so furchtbar eng sehen sollte. Aber sagen Sie selbst: anstrengend ist das aber doch, oder?
Eigentlich, dachte er sich, sollte und wollte er eine Familie gründen, nur so irgendwie und so endgültig vielleicht doch nicht.
Zum besseren Verständnis sollte ich wohl vorausschicken, dass es in den 80ern in Berlin zwei Stadtmagazine gab, den Tip und die Zitty, die man insofern unterscheiden konnte, als dass die redaktionellen Beiträge in dem einen Magazin nicht ganz so schrecklich waren, wie in dem anderen. Die beiden Magazine gibt es immer noch, nur unterscheiden kann man sie nicht mehr. Aber egal, niemand damals und wohl auch heute, kauft sich so ein Veranstaltungsblättchen, um die Artikel zu lesen. Damals, wie das heute ist kann ich nicht sagen, unterschieden sich die Kontaktanzeigen der beiden Magazine allerdings sehr deutlich. Im Zitty inserierten eher die alternativ angehauchten Jungs und Mädels, im Tip fühlten sich die eher braven Damen und Herren zu Hause. Zumindest bezüglich der äußeren Erscheinung, dort waren die Damen geschminkt, die Herren trugen gewaschene Kleidung und hier liefen die Jungs eher verlottert herum und die Mädels trugen Patschuli auf. Einen Hang zur Esoterik war ihnen gemeinsam. Der Schulfreund meiner Verflossenen nun hatte grundsätzlich etwa drei bis vier „Tipkisten“, wie man damals sagte, also Damen, die er über die Kontaktanzeigen des Tip kennengelernt hatte, parallel zu laufen. „Zittykisten“ verschmähte er, na ja, nicht jeder hat so wenig Vorurteile wie sagen wir …
Sie müssen wissen, dass Anfang der 80er Jahre noch kein Gedanke an Taschentelefone oder Email-Kommunikation zu verschwenden war. Die komplette Logistik musste, vom Festnetzanschluss der eigenen Wohnung oder von Telefonzellen aus, in extremen Fällen über Telegramme, bewerkstelligt werden. Keine leichte Aufgabe, zumal die eine oder andere Dame ganz gerne einen spontanen Besuch im Repertoire hatte. Nach den ersten Unfällen beschloss er folgerichtig sein umfangreich paralleles Sexualleben nur noch aushäusig zu praktizieren. Aber auch dies konnte nicht völlig unfallfrei organisiert werden, schließlich hat der Mensch Lieblingskneipen, die Zahl der Kinos ist beschränkt und in den jeweiligen Szenen kannte man sich auch untereinander. Tatsache war, dass, wann immer wir zusammen ausgingen, er sich immer nervös vergewisserte, ob nicht irgendeine seiner zahllosen Verflossenen oder in Aussicht genommenen am Nebentisch saß oder – was wohl auch schon vorgekommen war – gar zwei aktuelle oder verflossene Liebschaften sich zusammen getan hatten um, wie er gelegentlich argwöhnte, auf Rache sinnen und ihm in seinen häufiger frequentierten Kneipen auflauerten. Wenn Sie mich fragen: Die Leute gehen einfach zu viel ins Kino, da kriegt man solche Ängste von.
Meine Damalige fand nun seinen Lebenswandel so ein bisschen frauenfeindlich und machte ihm Vorhaltungen. Den ganzen Abend. Wenn sie ihm keine Vorhaltungen machte, wollte sie pfeilgerade wissen, warum er denn mindestens vier Frauen gleichzeitig „zu laufen“ habe und warum die denn nichts voneinander wissen dürften. Nun, das mit der Geheimhaltung war schnell geklärt, da sein Interesse insbesondere Frauen galt, die eher „was Festes“ wollten und diese Interessenlage selbstverständlich nicht mit seiner Vielweiberei zusammenging (bei den Mormonen soll das früher ja anders gewesen sein, behauptet zumindest Karl May), mussten die Damen natürlich streng separiert werden. Das andere, warum er diesen unendlich komplexen Kreislauf organisierte, war nicht oder nur tiefenpsychologisch erklärbar. Den ganzen Abend. Irgendwann im Laufe der Zeit, habe ich mich dann geweigert diesen Exerzitien beizuwohnen.
Na wie dem auch sei, ich bin ja nicht so der Moralapostel und solange alle erwachsen sind, gibt es ja keinen Grund, warum man das kreuz und quer und wer mit wem und mit wie vielen, so furchtbar eng sehen sollte. Aber sagen Sie selbst: anstrengend ist das aber doch, oder?
Permalink (3 Kommentare) Kommentieren
... 848 x aufgerufen
Ludwig Tieck: Die beiden merkwürdigsten Tage aus Siegmunds Leben XXIII
g. | Montag, 6. Dezember 2010, 06:55 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
»Ich glaube nun Sie zu kennen«, fuhr die Schöne fort; »jetzt will ich Ihnen auch etwas von meiner Geschichte ganz aufrichtig erzählen, damit Sie sehen, wie sehr man sich in manchen Leuten irren kann.Und wenn die Künstler von der Schönheit leben, warum sollte sie nicht auch?
Ich bin ein armes Mädchen, meine Eltern sind früh gestorben, meine Erziehung war nicht die beste; was ich ohngefähr weiß, oder von Bildung erhalten habe, habe ich mir ganz allein zu danken. Man hat mich von Jugend auf ziemlich hübsch gefunden, und ich bin am Ende überredet worden, es selbst zu glauben.
Da ich kein Vermögen hatte, suchte ich meinen Unterhalt durch Sticken, Putzmachen und andere dergleichen Beschäftigungen zu erwerben; meine Anbeter verfolgten mich unaufhörlich, und ich überlegte mir meine Situation etwas vernünftiger, und seit der Zeit lebe ich vergnügter, und bin nicht so sehr, wie vordem, dem Mangel ausgesetzt.
Man darf nur um sich her die Beschäftigungen der Menschen und das Triebwerk ihrer Tätigkeit betrachten, so findet man sehr bald, daß nichts als Eigennutz alle Maschinen in Bewegung bringt, und forscht man nach dem reellen Nutzen bei den meisten Beschäftigungen, so ist es kein anderer, als daß der Magen der Arbeitenden angefüllt wird. –
Gelehrte, schöne Geister, Musiker, alle Arten von Menschen leben von den Talenten, die ihnen die Natur mitgegeben hat. – Warum soll es denn nur erlaubt sein, mit geistigen Schätzen oder körperlichen Kräften zu wuchern? – Warum soll man nicht auch andre Vorzüge geltend machen dürfen? Wenn die Menschen närrisch genug sind, ihr Vermögen einem Mädchen aufzuopfern, das sie für schön halten, warum sollte man nicht aus dieser Narrheit Nutzen ziehn, so wie Marktschreier, Doktoren, Seiltänzer und Schriftsteller die Schwächen der Menschen nutzen? Ich fand, daß es kein Gewerbe gebe, bei welchem nicht eine Art von Betrug stattfände, und daß die Dummheit, sich betrügen zu lassen, die List des Betrügers gewissermaßen rechtfertigt. – Sie lächeln über meine Geständnisse, und werden gewiß in Ihrem Herzen glauben, daß ich recht habe.«Die beiden reden sich in Feuer.
Permalink (0 Kommentare) Kommentieren
... 809 x aufgerufen
Fundstücke 35.KW bis 48.KW
g. | Freitag, 3. Dezember 2010, 05:46 | Themenbereich: 'Fundstuecke'
amüsantes:
Sonntagszuschlag gibt es nur wegen Kirche
Karl Hans Janke, der Erfinder des Atom-Magnetischen Elektroden-Strahl-Triebwerks für Luft und Raumfahrzeuge
Nutzlose Dinge?
Klaus Bittermann über Walser, Martin & Ferres, Veronica & Gabriel, Sigmar
Atheistische Katzen
Eine Geschichte von Anmut, Schönheit und Würde: Bei den von der Leyens zu Hause
schön:
Bahnbilder
Die Geräusche von Paris via adresscomptoir
kluges und/oder interessantes:
Ex-Abteilungsleiter über Mitarbeiter mit SS-Vergangenheit beim Bundesnachrichtendienst
Der KBW als Elite-Akademie
Victoria Woodhull - die vergessene Pionierin Frauenrechtlerin, erste Präsidentschaftskandidatin in den USA.
Georg Seeßlen: Die Konsenspartei Anmerkungen zu Politik und Diskurs der Grünen
Enrico Ferri: Religion und Verbrechen
Heribert Prantl: Der Missbrauch der Juden durch die Politik
JOSEF BORDAT: Sieben Thesen zu Katastrophen
„In diesen Medizinwerkstätten für menschliche Körper - die mittlerweile auch nach den Kriterien von Rentabilität geführt werden - herrscht ein physischer Pragmatismus“
"Es gibt keine Integrationsmisere in Deutschland"
Jürgen Link über die –anten, die typisch auszugrenzenden Gruppen
"Westerwelle hat Sarrazin den Weg bereitet"
Zur Integra-Migration
Vom Rassismus und Sexismus zum Klassismus
Tom Schimmeck: wem gehören die Medien?
Über den Faschismusbegriff
Wolfgang Wippermann über Extremismus und Faschismus
Georg Seeßlen: Schon wieder: Sitten- und Sinnverfall der intellektuellen Debatte
Neue Wörter:
bequengeln
wandkalt
the instinct not to Sitzpinkel runs very deep
Keine Angst, ich “eschofiere” mich nicht ;-)
Boutade
„obwohl ich ein ausgesprochener Aufbewahrer bin“
Leseliste:
André Schiffrin: Paris, New York und zurück. Politische Lehrjahre eines Verlegers.
Aus dem Amerikanischen von Andrea Marenzeller.
Berlin: Matthes & Seitz 2010. 254 Seiten. 22,90 Euro Rezension
Tamim Ansary: Die unbekannte Mitte der Welt - Globalgeschichte aus islamischer Sicht. Campus, 360 Seiten, 24,90 Euro, ISBN 978-3-593-38837-3
Rezension
Jean-Michel Palmier: Walter Benjamin. Lumpensammler, Engel und bucklicht Männlein. Ästhetik und Politik bei Walter Benjamin.
Berlin: Suhrkamp Verlag 2009. 1372 Seiten. Preis: 64 Euro
Rezension
Agnes Hammer: Dorfbeben Rezension
António Lobo Antunes: Drittes Buch der Chroniken
Rezension von Wolfram Schütte: Aus dem Tagebuch eines Schriftstellers
Hannah Arendt, Gershom Scholem, »Der Briefwechsel«, Herausgegeben von Marie Luise Knott, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2010, 695 Seiten Rezension von Klaus Bittermann
Ermanno Cavazzoni: Das kleine Buch der Riesen. via adresscomptoir
Jörn Klare Was bin ich wert? Eine Preisermittlung
suhrkamp taschenbuch 4168, Broschur, 268 Seiten
ISBN: 978-3-518-46168-6, 14,90 € Interview mit dem Autor
schön:
kluges und/oder interessantes:
Neue Wörter:
Leseliste:
Aus dem Amerikanischen von Andrea Marenzeller.
Berlin: Matthes & Seitz 2010. 254 Seiten. 22,90 Euro Rezension
Rezension
Berlin: Suhrkamp Verlag 2009. 1372 Seiten. Preis: 64 Euro
Rezension
Rezension von Wolfram Schütte: Aus dem Tagebuch eines Schriftstellers
suhrkamp taschenbuch 4168, Broschur, 268 Seiten
ISBN: 978-3-518-46168-6, 14,90 € Interview mit dem Autor
Permalink (0 Kommentare) Kommentieren
... 758 x aufgerufen
... ältere Einträge