Der hinkende Bote

Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten

Ein Gespräch unter Bäumen III
von Navene über den Dosso Spirano nach Malcesine

Fabio wachte früh auf, sein Schädel brummte von dem schlechten Wein zum Abendessen. Warum hatte er nur so viel getrunken? Richtig, Agneta war nicht gekommen. Er hatte in der Agentur angerufen, aber die wussten nur, dass sie mit Björn ‚um die Häuser gezogen‘ sei und dann hatte er es auf dem Handy probiert. Leider erreichte er nur die Mailbox. Er machte sich einen Kaffee und überlegte. Wo konnte sie sein? Bei Björn? Er rief Björn an, aber der war noch schwer betrunken und zudem allein. Wo konnte sie sein? Er trank seinen Kaffee aus und rief in der Agentur an, um sich krank zu melden. Heute arbeiten? Ach nein, besser nicht.

Er setzte sich in seine Werkstatt und nahm einige Holzstücke in die Hand. Pappel, sinnierte er, minderwertiges Holz, aber leicht zu bearbeiten. Was sollte er schnitzen? Eine Krippe? Das arbeiten an den Eseln hatte er immer gemocht, aber eigentlich war ihm nicht nach religiösen Motiven. Er nahm ein längeres Kantholz zur Hand und versuchte sich ein Bild von der sich herausschälenden Figur zu machen, manchmal zeigt einem ja das Holz den Weg.

Das Telefon klingelte.
„Pronto?“
Es war Agneta.
„Fabio, Lieber, ich komme nicht zurück, wollte ich dir nur sagen.“
„Agneta, was ist geschehen?“
„Ich habe mich verliebt.“
„In Björn?“
„Aber nein, Dummerchen, in Benny, seinen Stellvertreter. Wir gehen nach Australien.“
„Wie nach Australien?“
„Nun, das ist schwer zu erklären und eigentlich will ich es auch nicht erklären. Er ist die Liebe meines Lebens. Aber lass uns vernünftig sein. Könntest du die eine neue Wohnung suchen? Wenn wir zurückkommen, wollen wir zusammen ziehen.“
„Äh? Wie?“
„Na in einem halben Jahr ungefähr. Du machst das dann, Schatz?“
„Ja, nein, weiß nicht, aber …“
„Doch, doch, sei so lieb. Jetzt muss ich Schluss machen, der Flieger geht gleich. Tschühüss!“
„Äh? Tschüss!“


Meine Liebste war stehen geblieben und sah mich an:
„Du träumst immer noch?“
„Ich spinne nur ein bisschen, so für mich.“
„Willst du es nicht erzählen?“
„Na ja, meine Phantasie ist nur etwas abgeglitten. Ich habe mir gerade eine wundersame Geschichte von einem Herrgottsschnitzer, den es nach Berlin verschlagen hat ausspintisiert und jetzt denke ich darüber nach, wie ich noch Elfen oder Trolle, Kobolde und Riesen unterbringe, und …“
„.. und Zwerge, Seeungeheuer, die aus dem Gardasee auftauchen und Touristen zum Abendbrot verschlingen?“
„Ein Ungeheuer, das Touristen verschlingt? Gute Idee, die Touristen, die belegte Brötchen mit Pommes essen, die Skaligerburg aus Kunststoff und Kochschürzen mit aufgedruckten nackten Damen kaufen?“
„Die sind sicher besonders lecker.“

Wir gingen weiter.

Fabio kratze sich am Kopf. Australien? Er nahm das Kantholz und schnitt es in fünf gleiche Teile. Er musste aufstoßen. Er holte sich ein Glas Wein. Australien, was will sie denn in Australien? Er nahm sich das erste Stück Holz vor. Zuerst die Proportionen anreißen, dann Arme und Beine, Messer wechseln, einen Schluck Wein und dann das Gesicht. Schön, aber etwas fleischig, na ja, warum nicht. Er schnitzte die Figur fertig und betrachtete sie mit Wohlwollen.

„Ich nenne dich Wommele, das passt zu deinem feisten Gesicht und dem ewigen Lächeln. Ein bisschen falsch sieht es aus, dein Lächeln. Wahrscheinlich wirst du alle lieben, die dir nützlich sein könnten.“

Er nahm das nächst Stück Holz und trank einen Schluck. Warum ist sie mit Benny durchgebrannt? Björn war doch hinter ihr her? Er riss die Konturen an und schnitze drauf los. Die zweite Figur war nicht so gelungen.
„Du siehst ein bisschen lahmarschig aus, ich werde dich Hinkel taufen.“ Ein Langweiler ist er, der Hinkel, dachte er, wer soll ihn ernst nehmen?

Er trank einen Schluck Wein. Sollte er morgen wieder in die Agentur gehen? Was sollte er den anderen sagen? Die nächste Figur geriet etwas füllig und erhielt einen krawalligen Ausdruck. Er musste wieder aufstoßen. ‚Hoffentlich vertrage ich den Wein‘, dachte er. Ach Agneta, was machst du für einen Unsinn und so erschuf er eine weibliche Figur.
„Irgendwie erinnerst du mich an den Wastl aus diesen seltsamen, deutschen Volksstücken, die sie im Fernsehen übertragen. Eine Wasteline aus Kienholz. Ich werde dich Kienastl rufen. Du sollst dich in den hässlichsten und arrogantesten Kerl verlieben, der aufzutreiben ist.“

Er musste kichern, nahm sich das nächste Holz und brabbelte weiter vor sich hin. Langsam geriet er in Rage. Was bildete sich diese Frau eigentlich ein, mit einem drittklassigen Werbefuzzi nach Australien und ihn einfach sitzen lassen? Er musste wieder aufstoßen, dabei verrutschte ihm das Schnitzmesser und die Oberlippe der Figur erhielt einen tiefen Ratscher. Er hielt sie vor sich.
„Eine Schönheit bist du ja nicht geworden.“
Neben der Schnitzbank lag ein altes Stück Filz mit dem er sonst den überschüssigen Leim von den Figuren wischte. Er schnitt einen schmalen Streifen davon ab und klebte ihn über die missglückte Oberlippe.
„So wird es gehen, Sarri, so muss es gehen.“

Er nahm sich vor bei der nächsten Figur aufzupassen und nicht wieder eine Kerbe an unpassender Stelle einzuritzen. Konzentriert arbeitete er und – in der Tat – die Figur hatte keinen Fehler. Alle Proportionen stimmten, nicht zu dick und nicht zu dünn.
„Perfekt bist du geworden.“ Er sah die Figur an.
„Man könnte auch sagen aalglatt, Bürschlein.“ Er sah sie nochmals an.
„Irgendetwas stimmt nicht mit dir. Dein Name soll Wolfander sein.“

Sein Aufstoßen wurde immer schlimmer, lieber noch einen Schluck Wein und weil er so gut schmeckte und ihm half, nicht an Agneta zu denken, trank er noch einen Schluck. Er geriet in heitere Stimmung und schnitze drauf los. Immer schneller schnitze er und schon nach einigen Minuten war er fertig.
„Au weh, ich hätte doch vorher anreißen sollen. Zu klein, zu dick bist du geraten.“ Er sah ihn genauer an.
„Du bist der dümmste von allen, da hilft nichts. Du sollst von aller Welt Lindul genannt werden.“
Erschöpft hielt er inne.
„Man sollte nicht schon am Vormittag so viel Wein trinken.“

Dieses Aufstoßen war unangenehm, vielleicht sollte er sich etwas hinlegen? Ach Quatsch. Er holte sich eine weitere Flasche. Agneta ist ein Miststück. Er wird sie verfluchen, genau, schließlich hatte er von seinem Großvater die dunklen Künste erlernt. Psst, das darf niemand wissen. Weil … Urps, dieses Aufstoßen, ekelhaft. Ich werde es Agneta zeigen, genau, ich schnitze mir Dämonen und lasse Agneta von ihnen um den Erdball jagen. Oder besser noch, ich nehme gleich die fünf hier, sie sind so gut wie richtige Dämonen. Urps, lästig dieses Aufstoßen, aber egal.

Er trank noch einen Schluck, sprach die von alters her vorgeschriebenen Formeln, vollführte auch allerlei dazu gehörigen Gesten, trank ab und zu einen Schluck und nach dem ihm die dunklen Mächte beigestanden hatten, zwinkerten ihm die phantastischen Fünf ins Gesicht.

„Komm Alter, trink noch einen Schluck und dann ruhst du dich aus, während wir Wache halten und deinen Schlaf segnen.“ sprach Kienastl.
„Genau, Schlaf und Erholung werden dir gut tun.“ sagte Wolfander und die anderen stimmten mit ein. So kam es, dass sich unser braver Herrgottsschnitzer zur Ruhe begab, obwohl es doch erst elf Uhr geschlagen hatte.
Auf den Schlaf ihres Schöpfers hatten die Fünf nur gewartet und so schüttelten sie sich die Hand und zogen fröhlich in die Welt hinaus, ihr Glück zu machen. In der Stube waberten und wrasten die dunklen Mächte von Wand zu Wand und konnten den Gehorsam der Puppen doch nicht erzwingen, den ihre Macht beschränkte sich auf die Lebenden, denen sie Beistand oder Verderbnis bringen.

Als Fabio nach kurzem, erholsamem Schlaf wieder erwachte, trat er in seine Stube und sah, dass seine Geschöpfe entflohen waren und
„Wehe euch, ihr Undankbaren,“ sprach er und die dunklen Mächte nahmen seine Worte begierig auf, „ihr sollt verflucht sein für alle Zeiten!“
Er suchte nach der Flasche.



Wir traten aus dem Wald.
„Hei, mein Schöner. Gehen wir noch ein Eis essen?“
„Klar, warum nicht. Unten am Hafen?“
„Kar und dann gehen wir einkaufen und kochen uns etwas Schönes.“
„Nudeln mit Steinpilzen?“
„Zum Beispiel.“

Wir gingen weiter, Olivenhaine säumten jetzt den Weg, der Verkehr nahm zu und die Stadt wurde sichtbar. Na ja, irgendwann, dachte ich, spinne ich die Geschichte zu Ende, wenn mir ein schönes Ende einfällt.

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