Der hinkende Bote

Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten

Dienstag, 25. Oktober 2011
Schlechte Morde 1: Großmutter vor U-Bahn schupsen
noch ein Kurzroman
Ganz schlecht, weil: auf Bahnhof viele Leute, wo zugucken! Und überhaupt, wenn Oma schlecht auf Beinen, wie dann auf U-Bahn? Geht nicht.
Mit Taxi zu Bahnhof: auch schlecht, weil Taxifahrer Polizei sagen und was Oma sagen, wenn mit Taxi zur U-Bahn? Und wenn Taxifahrer über Familie reden, z.B. dass Onkel oder Kumpel Darmoperation oder was weiß ich? Ganz schlecht.
Und überhaupt, warum eigentlich Oma abmurksen? Eigentlich blöde, weil Oma gut für Vorlesen, also so Geschichten für Kinder und so. Wenn aber keine Kinder? Na ja, na gut, dann: Klo sauber machen! Eigentlich eklig, aber wenn Oma machen? Andererseits: wenn Oma gebrechlich? Dann nur Haare vom Kopf fressen! Oder wie Miesepeter sagt: Hüftgelenk zu teuer. Ganz schlecht, also Zack! Aber, darf niemand sehen, sonst Polizei, Martinshorn, einsperren, Gericht, Urteil und dann haben wir den Salat. Geht nicht. Lebenslänglich! Zack! Also: Oma leben lassen!

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Montag, 24. Oktober 2011
Über- bzw. unterschätze Wortarten I

Dieser Satz kein Verb

schrieb ich meinem Kollegen an den Rand eines längeren Textes (Wir lesen immer gegenseitig Korrektur). In den eigenen Texten übersieht man ja insbesondere die groben Fehler, weil man automatisch im Kopf ergänzt.

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Freitag, 21. Oktober 2011
Fundstücke 35. bis 42.KW
kluges und interessantes:
  • Zur Abwechslung mal eine Einschätzung ohne Beißzwang zum Thema Antisemitismus in der Linkspartei
  • Ali und Heather: alles eine Frage der Perspektive
  • Richard David Precht über Sloterdijk
  • „Wer dem kollektiven Verlust der Tugend auf S-Bahn-Höfen und in Bankkathedralen etwas entgegensetzen will, muss sich nicht zwischen Freiheit und Gleichheit entscheiden.“ Ja, aber ...
  • Der unbequeme Richter


  • Hintergründe und Sichtweisen:
  • 80 Jahre Bankenkrise 1931: Großbanken gerettet, Demokratie verloren
  • Kleine Geschichte der Staatsverschuldung
  • „Politically Incorrect“
  • Günter Franzen: Als die RAF entstand
  • Nimmt Gewalt gegen Polizisten wirklich zu?
  • Route der Migration und die zugehörige Dokumentation der Ausstellungskonzeption (2,6 Mb)
  • 17. September 1911: Teuerungsrevolte in Ottakring
  • Der Jurist Till Kreutzer fordert grundlegende Änderungen im Immaterialgüterrecht
  • dhonau über Individuen, die Gesichter der Renaissance und die Grünen als letzte Bürger
  • Warum wir an höhere Mächte glauben (Na ja)


  • Neue Wörter:
    gauche caviar wurde François Mitterand und sein korrupter Intrigantenstadel genannt.

    amüsantes:
  • Tödliche Tapeten
  • Lasst uns nach Unabhängigkeit streben 1
  • Lasst uns nach Unabhängigkeit streben 2
  • es ist aber alles nicht so einfach


  • Literatur und umliegende Dörfer:
  • Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts (Leserunde im Klassikerforum)
  • f.c. delius: Rede zur Eröffnung der Marbacher Ausstellung “Protest!Literatur um 1968″ im Literaturhaus Berlin
  • Willy Brandts Verhältnis zu Kunst und Künstlern
  • Der Jerusalemer Kreis versammelt die ¬letzten deutschsprachigen Autoren aus der Generation Paul ¬Celans
  • Ein Stück über religiöse Hingabe am HAU-Theater in Berlin
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    Donnerstag, 20. Oktober 2011
    Endlich Internet auch in Friedrichshain

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    Mittwoch, 19. Oktober 2011
    Schnipsel
    Manchmal lese ich irgendwo etwas und es fällt mir dazu etwas mehr oder weniger komisches oder kluges ein, das schreibe ich dann auf:

    1. Es ist schon einige Zeit her, dass ein großer Stein die Mexikaner verfehlte, den meisten Dinosauriern aber den Garaus machte. Warum er einige von ihnen verschonte ist unklar.
    2. Formulierung oder Vormulierung, da kann ich mich gerade gar nicht entscheiden, was mir besser gefällt.
    3. Ich bin ein Sensibelchen: wenn sich die Leute Löcher ins Gesicht machen, bin ich unangenehm berührt.
    4. Das Tal zwischen den Brüsten wurde mal Busen genannt, zudem war er mal eine Beule und wenn das Meer ins Land beult, ist das ein Meerbusen. Eigentlich ganz einfach . Ausserdem soll es Leute geben, die ganz ungeniert von die Busen (Plural) reden.

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    Dienstag, 18. Oktober 2011
    Lob der Frauen 5
    „Dreimal hoch die Frauen!

    Sag wem sind Frauen gleich
    die so hold und anmutreich
    Darf ich "Rosen" sagen?
    Nein! Will ungalant nicht sein
    da ein jedes Röselein
    Dornen pflegt zu tragen

    Sind sie Schmetterlingen gleich
    prangen bunt und farbenreich
    gaukelnd, schaukelnd, zierlich
    Nein, mein Freund, ein Schmetterling
    ist ein loses Flatterding
    sag, wär das manierlich

    Gleichen sie dem Edelstein
    schön gefaßt und strahlenrein
    Nein! ´s ist rasch begriffen
    Gibt´s doch manchen Edelstein
    ohne Feuer, ohne Schein
    falsch und ungeschliffen

    Doch, wenn man sie Sterne nennt
    die am Lebensfirmament
    wir voll Sehnsucht schauen
    Falsch, mein Freund, auch so nicht geht´s
    Sterne sind unnahbar stets
    aber nicht die Frauen

    Sonne an dem Himmelszelt
    ist die Frau der Männerwelt
    ja, so wird sich´s decken
    Nein ,durch der Gelehrten Schar
    ward es uns ja sonnenklar
    daß die Sonn´ hat Flecken

    Frauen unvergleichlich sind
    Wonnesüß und sanft und lind
    Schönstes, was zu schauen
    Drauf ´nen Schluck, 'nen reichlichen
    Hoch die Unvergleichlichen
    Dreimal hoch die Frauen!
    (Volkslied)


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    Montag, 17. Oktober 2011
    Nachricht über Nachrichten von Nachrichten aus längst vergangener Zeit
    Am 10. Oktober 1954 saß Arno Schmidt beim Schein einer 25-Watt-Glühbirne (mutmaßlich), im Gegensatz zur Unschlittkerze, die der ursprüngliche Verfasser zur Beleuchtung genutzt hatte, an seinem Schreibtisch in Gau-Bickelheim gerade von seinen Archivstudien in Ost-Berlin zurückgekehrt und las die „Nachricht nebst Verzeichnis von denen bey der am 26. July 1760 erfolgten Einnahme von Glatz in Österreichische Hände gefallenen Effecten und sämtl. Vermögen“, das August de la Motte Fouqué, der älteste und kränklichste Sohn des Generals Heinrich August de la Motte Fouqué, der wiederum der Großvater des Dichters Friedrich Heinrich Karl Freiherr de la Motte Fouqué war, mithin der Großonkel des Dichters, in jener Nacht gefertigt hatte.

    August de la Motte Fouqué schrieb das Verzeichnis mit einem Gänsekiel, den er nach jedem Halbsatz in das neben dem Papier stehende Tintenfass tauchen musste, um seine Spitze zu benetzen. Von Zeit zu Zeit wurde der Gänsekiel stumpf und musste mit einem kleinen Messer nachgeschnitten werden.

    Arno Schmidt schrieb entweder unmittelbar auf seiner Schreibmaschine oder benutzte zunächst einen Füllfederhalter, das Gelesene skizzierend und später dann korrigierend, um es noch später an der Schreibmaschine in die Reinschrift zu übertragen und an einigen Stellen vielleicht auch noch zu ergänzen.
    Die Folioseiten des August de la Motte Fouqué werden wohl als Fotografien (Fotokopien gab es ja noch nicht in den 50ern) vor ihm gelegen haben? Oder ging Arno Schmidt mit Schreibblock, Füller oder Bleistift ins Archiv, um Seite für Seite abzuschreiben?

    Leider teilt uns Arno Schmidt nicht mit, wie viele Folioseiten hinterlassen wurden.
    Listen und Verzeichnisse haben ja ihre ganz eigene Faszination. Dass sich Arno Schmidt in das Verzeichnis vertieft hat, kann ich nachvollziehen, taucht einen die Vorstellungskraft doch unversehens in das luxuriöse Leben eines Generals des 18. Jahrhunderts. Sie können, wenn Sie möchten auf die Fußnoten klicken und sich in die fernen oder nahen Welten dahinter entführen lassen: [Klick!]
    Hier nun in Auszügen die Aufstellung:

    • „Meubles“ [1]
      • „1 Canapee[2] von carmoisin=Stoff[3] mit Silber, nebst 6 Fauteuils, Taburett [4] und Stühlen“
      • andere Möbel sind aus „Petit-Point-Arbeit“ [5]
      • oder „Englisch=Rohr, mit Polstern von feuerfarbener Seide“ [6]


    • Gesamtwert der Möbel: 5.000 Thaler (1 Thaler sei, wie Arno Schmidt schreibt, 12 D=Mark, also 6 Euro wert)

    • die Bilder
      • „127 theils große, theils kleine Schildereyen mit vergoldeten, auch schwarzen Rähmen“ [7]

    • die Gardinen
      • „10 Stück grün=taffetne [8] Gardinen mit gehörigen Falbelas“ [9]
      • und „rothwollene mit gelbem Bande“
      • sowie „3 complette Ledertapeten“
      • und „1 Hautelisse=Tapete [10] vom König: 600 Thaler!“

    • die Wäsche
      • „10 Dutzend Züchen und Bettücher aus feiner Leinwand“ (Züchen=Stoffart?)
      • „28 Bettlaken, jedes zu 15 Ellen; die Elle à 12 Groschen = 210 Thaler“
      • „9 Stück bleumourant [11] Livree=Tuch“ [12]
      • „8 Ellen gelben Rasch“[13]
      • „Rest Tuch, etwa 8 Ellen à 6 Groschen“

    • das Silberzeug
      • „1 große Terrine [14], so ciselieret“[15]
      • „1 Thee=Maschine nebst Kohlen=Pfanne und Zange“[16]


    • sehr kostbar auch das „ächte Porcellaine“
      • „1 Dutzend feine Thee=Tassen, vergoldet, mit indianischen Figuren“
      • „6 Chocolate [17]=Köpfchen“ [18] also ‚cups’ wie Schmidt vermutet.

    • „Chrystall und Glass“
      • „18 Caraphinen, fein geschliffen und mit Gold“ [19]

      • „1 Carneolen Wein=Glas, 100 Thaler“[20]


      • und als sehr wertvolles Geschenk des König Friedrich:
      • „1 chrystallen Tonneau mit Deckel und preussischen Armaturen: 300 Thaler“ [21]
      • sowie „3 kupferne marmites“ das sind Schmortöpfe

    • Feldequipage und Reitzeug
      • „6 Chaises percées“[22]
      • „1 Ponceau sammtene Chabraque mit Gold bordiret: 300 Thaler“[23]

    • die Bibliothek
      • „1 Schrank mit Oevres militaires, sowie historischen, auch coquetten Büchern“ [24]
      • „33 theils große, theils kleinere Folianten von antiquen und kostbaren Kupfferstücken nach denen berühmtesten Meistern: 10.000 Thaler“ als Geschenk des Königs.

    • Dazu:
      Einige „Wispel und Scheffel Hafer“ sowie „40 Klaffter Brennholtz“ : der August de la Motte Fouqué war ein akkurater Mann, der jegliche Werte verzeichnete.

    • Im Garten
      • „über 200 Stück Orange=, Citronen= und Lorbeer=Bäume“
      • „desgleichen an 100 Nelcken= und Rosen=Stöcke; auch verschieden ander Blumen=Werck“ der Wert betrug 1.500 Thaler.

    • „Baar=Geld und Pretiosis“
      • „1 massiv goldene viereckigte Tabatiere[25] mit Brillianten: 1.000 Thaler“
      • und eine andere Tabatiere „en forme einer Füsilier=Mütze von Amethyst in Gold gefaßt“

    • die Kellerbestände
      • „41 Krüge Provencer=Öl[26] aus Glogau“
      • „20 Eymer Wein=Essig“
      • „3 Oxhoft Pontac“ „d.h. rund 700 Liter Rotwein aus Pau“ wie Arno Schmidt anmerkt.
      • „7 Ohm Rheinwein, 45er“ = 1000 Liter
      • „40 Bouteillen Canarien=Seckt“[27]
      • „110 Bouteillen Vin de Cap“[28]
      • mehrere „Cognac=Fässgen“
      • „107 Bout. Alten Franz=Wein“
      • mehrere Gebinde „Tokayer und Rebersdorffer“
    • Im Keller lagerten insgesamt für 30.000 Mark oder 15.000 Euro Gesöffe.
      (Schmidt BA,Werkgruppe III, Bd. 1, S. 150 - 152)

    Insgesamt lagerten Wertgegenstände im Wert von 101.810 Thaler und 20 Groschen im Schloss, das sind ca. 1,25 Mio. Mark oder 625.000 Euro.

    Anmerkungen:
  • [Zurück!] Zum Begriff Folio, faltet man einen Pergamentbogen ein erstes Mal, so erhält man das Folioformat. Diese Frage stellte sich bereits Lichtenberg.
  • [1] die Meubles, die Mobilien kann man, zumindest wenn man über entsprechende Transportmittel verfügt, mitnehmen, bei den Immobilien wird das schon schwieriger.
  • [2] Kanapee, das [frz. canapé, von griechisch kōnōpeĩon »Mückenschleier«, mlat. canopeum = Mückenschleier,»Himmelbett (mit einem Mückenschleier)« Sofa mit Rücken- und Seitenlehne.
    „Das Canapēh, des -es, plur. die -e, ein breiter zierlicher Stuhl mit einer Rücklehne, worauf mehrere Personen sitzen können, und welcher auch die Stelle eines Ruhebettes vertreten kann; ein Faulbett. Aus dem Franz. Canapé, welches aber in dieser Sprache selbst ein neues Wort seyn soll, dessen Abkunft noch unbekannt ist. Das mittlere Latein. Canapeum bedeutet einen Himmel über ein Bett, welche Bedeutung das Engl. Canopy noch jetzt hat. Ein Canapeh in der heutigen Bedeutung hieß in den spätern Zeiten Roms Bisellium. S. auch Sopha.“
    (Adelung)
  • [3]
    Carmosiren, Carmusiren, verb. reg. act. ein Kunstwort der Jubelierer, welches eigentlich einfassen, mit einem Rande versehen, bedeutet. Einen Edelstein carmusiren, einen Rand von kleinern Edelsteinen um denselben machen. Carmusir-Gut, sehr kleine Edelsteine, die nur zum Carmusiren taugen. Obgleich dieses Wort zunächst aus dem Französischen entlehnet ist, so hat es doch seinen Ursprung in Norden. Denn Karm bedeutet noch jetzt im Schwed. einen Rand, und karmisera ist in eben dieser Sprache unser carmusiren.
    (Adelung)
  • [4] Ein Taburett ist ein Schemel, der – wie man hört – am Hofe Ludwigs des XIV. nur den Herzoginnen zustand, während der Rest des Hofstaates stehen musste. Die wenigen Lehnstühle standen nur den Fürstinnen zu.
  • [5] Petit-Point das; frz., „kleiner Punkt“, feinste Nadelarbeit mit bis zu 25 Perlstichen (halber Kreuzstich) auf 1 cm feinstem Kanevas (Gitterleinen).
  • [6] Englisch=Rohr: Stuhlrohrgeflecht aus England, die im 17. Jahrhundert in Mode kamen.
  • [7] Bilderrahmen waren im 18. Jahrhundert oft wertvoller als die eigentlichen Bilder. Oft hatten sie vergoldete Rahmen, in Deutschland teilweise auch schwarze mit Goldstreifen, so nimmt es nicht Wunder, dass unser junger Freund den Rahmen und ihrem Wert mehr Aufmerksamkeit schenkt als den Bildnissen und ihrem künstlerischen Wert.
  • [8] Taft ist eine Webart. Die Kettfäden stehen eng zusammen, ein dicker Schussfaden wird eingearbeitet. Es entsteht so eine Ripsstruktur.
  • [9] im Französischen ("falbalas") für "Rüsche" oder "Auftakelei". Falbala kennen Sie wahrscheinlich alle.
  • [10]
    Haute-lisse ist eine Art von Gewebe oder Tapete, aus Seide und Wolle gewürkt, welche auch bisweilen mit Gold und Silber erhöht ist, und verschiedene Figuren von Menschen, Thieren, Landschaften etc. vorstellt.“
    (Brockhaus von 1809)
  • [11] "bleu mourant" = "sterbendes Blau" (= "mattblau"). „Mir is janz blümerant“ sagt bekanntlich der Berliner.
  • [12]
    „Die Livrēe, plur. die -n, die Kleidung eines Bedienten, so fern sie von einem Herren auf eine einförmige Art allen seinen Bedienten gegeben wird.“
    (Adelung)
  • [13]
    „Rasch, der: ein leichter, lockerer und geringer wollener Zeug: Tuch= oder Walkrasch, Kronrasch, Krämpelrasch. … mit Gold und Silber gewirkte Zeuge werden Gold- und Silberrasch genannt“ aus: Vollständiges Wörterbuch der deutschen Sprache. Von Doktor Theodor Heinsius, Wien 1830.
    (siehe auch Pierer 1857)
  • [14] Terrine (französisch: Terre, „irdene“) Suppenschüssel.
  • [15] „Unter Ziselieren versteht man in der Metallverarbeitung eine alte Form der Bearbeitung von Metallen, bei der das Metall nicht geschnitten, sondern über eine weiche Unterlage mit Hammer und Punzen getrieben oder gedrückt wird, so dass Linien und reliefplastische Formen entstehen, die ähnlich aussehen wie Abgüsse von negativen Hohlschnitten, jedoch mit weicheren Kanten.“ siehe auch: Graveur, Ziseleur, Gürtler und Gelbgiesser.
  • [16] Teemaschine: z.B.: Caymatik. Das ist eine (elektrisch beheizte) mehrteilige Porzellankanne, die nach dem Samowarprinzip arbeitet. Oder der Samowar, der Selbstkocher: wenn bei der Teemaschine noch ein oder mehrere Podstakannik dabei gewesen wären, hätte es der brave August sicher vermerkt. Vielleicht aber darf man sich die feinen, vergoldeten Teetassen aus ächtem Porcellaine mit indianischen (indisch? wahrscheinlich) Figuren so vorstellen.
  • [17] Schokolade, die Speise der Götter. Den Wirkstoff nennt man demzufolge Theobromin. Dass der Schokolade gelegentlich Rinderblut beigemischt werde ist ein Gerücht. Kein Gerücht ist hingegen, dass auf den Kanarischen Inseln süße Blutwurst gegessen wird. Die Begeisterung der Einheimischen für diese Speise kann ich allerdings nicht nachvollziehen. Über Schokolade kann man schöne Filme machen: Bittersüße Schokolade und noch schöner: Chocolat
  • [18] Schokoladentasse: Ob diese Tasse aus der KPM stammt, kann ich natürlich nicht sagen:
    „Der Modellmeister der Manufaktur, Friedrich Elias Meyer, schuf die noch heute mustergültigen Formen Reliefzierat, Neuzierat, Antikzierat (Rocaille) und Neuosier, welche als beispielhaft für das friderizianische Rokoko gelten.“
  • [19] Caraphinen: Karaffine , alte Bezeichnung für kleine * Karaffe, im 19. Jh. in Wien auch "Karaffindl" genannt. Die Wiener natürlich, machen im 19. Jahrhundert aus der kleinen Karaffe ein Karaffindl.
    Eigentlich aber kommt das Wort aus dem Arabischen:
    „Eine Karaffe (von arabisch ‏غرافة‎, DMG ġarrāfa, ,Wasserheberad mit Schaufeln‘) ist ein Tafelgefäß aus geschliffenem Glas oder Kristallglas, das meist eine flaschenähnliche Form hat“
    (Wikipedia)
  • [20] Carneolen: Ein ganzes Weinglas aus Karneol? Wohl eher nur mit Karneolen besetzt.
  • [21] Tonneau: wohl ein verschließbares Fass in der Größe von 900 Litern, über die preußische Armatur habe ich nicht herausfinden können.
  • [22] Chaises percées: eigentlich Kommoden, wohl Damensattel?
  • [23] Ponceau: leuchtend orange gefärbte Schabracke, also eine Satteldecke, von türkisch: çaprak.
  • [24] Welche Bücher „coquetten“ Inhalts damals wohl gelesen wurden? (Die philosophische Therese von Jean-Baptiste de Boyer Marquis d'Argens?)
  • [25] Tabatiere: Schnupftabakdose, so in dieser Art.
  • [26] Provencer=Öl: feinstes Olivenöl aus der Provence, vielleicht eine Kriegsbeute?
  • [27] Canarien=Seckt: Malvasier aus Madeira.
  • [28] Vin de Cap: wahrscheinlich bretonischer Malvasier.
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    Freitag, 14. Oktober 2011
    Im Streit
    In der Bahn, Tochter zur Mutter:
    Du bist ja gar nicht wichtig. Du hast ja keinen Blackberry!"

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    Donnerstag, 13. Oktober 2011
    Nachtrag zu Ruge II: Treue, diesmal bei den Katholiken
    „Ich selber tue das nicht, weil es eine lange Geschichte ist, die auch zu meiner eigenen Geschichte gehört, und weil ich den Eindruck habe, dass viel Zukunftsfähiges da verborgen ist, wenn wir Tradition nicht länger verstehen als was, was man in eine Kiste packt und den Deckel drauf tut und unbeschadet von einer Generation zur anderen weitergibt, sondern wenn wir Tradition als etwas verstehen, was immer neu und auch an jeder Generation neu sich erproben muss.“
    (Quelle)

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    Mittwoch, 12. Oktober 2011
    Lob der Frauen 4
    Schon im Alten Testament wird ein Loblied auf die Frauen gesungen:

    „1 Dies sind die Worte des Königs Lamuel, die Lehre, die ihn seine Mutter lehrete:
    2 Ach, mein Auserwählter, ach, du Sohn meines Leibes, ach, mein gewünschter Sohn,
    3 laß nicht den Weibern dein Vermögen und gehe die Wege nicht, darin sich die Könige verderben!
    4 O, nicht den Königen, Lamuel, gib den Königen nicht Wein zu trinken noch den Fürsten stark Getränke.
    5 Sie möchten trinken und der Rechte vergessen und verändern die Sache irgend der elenden Leute.
    6 Gebet stark Getränke denen, die umkommen sollen, und den Wein den betrübten Seelen,
    7 daß sie trinken und ihres Elendes vergessen und ihres Unglücks nicht mehr gedenken.
    8 Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.
    9 Tu deinen Mund auf und richte recht und räche den Elenden und Armen.
    10 Wem ein tugendsam Weib bescheret ist, die ist viel edler denn die köstlichsten Perlen.
    11 Ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen, und Nahrung wird ihm nicht mangeln.
    12 Sie tut ihm Liebes und kein Leides sein Leben lang.
    13 Sie gehet mit Wolle und Flachs um und arbeitet gerne mit ihren Händen.
    14 Sie ist wie ein Kaufmannsschiff, das seine Nahrung von ferne bringt.
    15 Sie stehet des Nachts auf und gibt Futter ihrem Hause und Essen ihren Dirnen.
    16 Sie denkt nach einem Acker und kauft ihn und pflanzt einen Weinberg von den Früchten ihrer Hände.
    17 Sie gürtet ihre Lenden fest und stärkt ihre Arme.
    18 Sie merkt, wie ihr Handel Frommen bringt; ihre Leuchte verlöscht des Nachts nicht.
    19 Sie streckt ihre Hand nach dem Rocken, und ihre Finger fassen die Spindel.
    20 Sie breitet ihre Hände aus zu dem Armen und reichet ihre Hand dem Dürftigen.
    21 Sie fürchtet ihres Hauses nicht vor dem Schnee, denn ihr ganzes Haus hat zwiefache Kleider.
    22 Sie macht ihr selbst Decken; weiße Seide und Purpur ist ihr Kleid.
    23 Ihr Mann ist berühmt in den Toren, wenn er sitzt bei den Ältesten des Landes.
    24 Sie macht einen Rock und verkauft ihn; einen Gürtel gibt sie dem Krämer.
    25 Ihr Schmuck ist, daß sie reinlich und fleißig ist; und wird hernach lachen.
    26 Sie tut ihren Mund auf mit Weisheit, und auf ihrer Zunge ist holdselige Lehre.
    27 Sie schauet, wie es in ihrem Hause zugehet, und isset ihr Brot nicht mit Faulheit.
    28 Ihre Söhne kommen auf und preisen sie selig; ihr Mann lobt sie.
    29 Viele Töchter bringen Reichtum; du aber übertriffst sie alle.
    30 Lieblich und schön sein ist nichts; ein Weib, das den Herrn fürchtet, soll man loben.
    31 Sie wird gerühmt werden von den Früchten ihrer Hände; und ihre Werke werden sie loben in den Toren.“
    (Sprüche 31 nach der Luther-Übersetzung)
    Da hab ich mich mein ganzen Leben dran gehalten und keinem Weib mein Vermögen gegeben. Dies fiel mir auch deshalb besonders leicht, da ich kein Vermögen hatte. Erst seit ich a klein’s Vermögen hab, denk ich anders drüber. (Als Nicht-König falle ich ja eh nicht unter das Sauf-Verbot, also auch da: klar eingehalten. Wobei die Rechtsvorschrift nicht betrunken Recht zu sprechen unmittelbar einleuchtend ist. Und so Elend, dass ich mir aus diesem Grunde einen auf die Glocke gießen müsste, habe ich mich auch noch nicht gefühlt.) Vielleicht bin ich ja doch ein gottesfürchtiger Mann.

    Hach, das Alte Testament hat immer so etwas Lebenspraktisches.

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    Dienstag, 11. Oktober 2011
    Nachtrag zu Ruge I: „Kuldur und Obdimismus“
    Der antikommunistische Impetus ist an sich nicht überraschend, die Gleichsetzung des Sächsischen mit dem Ost-Slang hätte ich, trotz Ulbricht, angesichts der zahlreichen Flüchtlinge aus Sachsen, nicht erwartet.



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    Montag, 10. Oktober 2011
    Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts
    Vorab: der Roman ist schön geschrieben und beschönigt nichts. Ich kann ihn eigentlich nur uneingeschränkt empfehlen. Dass er dann nur sehr am Rande meine Frageinteressen berührt, dafür kann er natürlich nichts.

    Was ich mir erhofft hatte, gerade vor dem Hintergrund des Titels, war eine Auseinandersetzung mit der DDR als gescheitertem Versuch der Vollendung des Projektes der Aufklärung. Darum geht es leider so gut wie gar nicht. Mein zweites Frageinteresse war eine differenziertere Auseinandersetzung mit der Entwicklung der DDR in ideologischer Sicht, sprich in welchen Phasen war aus welchen Gründen die ‚stalinistische’ Politikform herrschend bzw. vorherrschend. Dies wird für meinen Geschmack nur unzureichend reflektiert und dargestellt.
    Kurz zum Inhalt:
    Erzählt wird die Familiengeschichte der Umnitzers. Eine Zusammenfassung der Handlung können Sie in einer der Rezensionen nachlesen. Tsp., ndr und wenn Sie Frau Radisch aushalten? Eine Leseprobe finden Sie hier und hier liest Eugen Ruge selbst.

    Und nun einige verstreute Gedanken zu zwei Figuren:

    Zu Wilhelm
    „Wilhelm überlegte. Natürlich wusste er, dass er 1919 in die Partei eingetreten war. Er hatte es in Dutzenden Lebensläufen geschrieben. Er hatte es Hunderte Male erzählt: den Genossen, den Arbeitern vom Karl-Marx-Werk, den Jungen Pionieren, aber wenn er zurückdachte, wenn er wirklich versuchte, sich an den Tag zu erinnern, dann erinnerte er sich eigentlich nur noch daran, wie Karl Liebknecht zu ihm gesagt hatte:
    - Junge, putz dir doch mal die Nase!
    Oder war es gar nicht Liebknecht gewesen? Oder war das gar nicht beim Eintritt in die Partei?“ (S. 190)
    Die Figur ist für meinen Geschmack etwas zu plakativ gezeichnet, zu stereotyp stalinistisch, ein Hauch sympathischer, verständnisvoller wäre angebracht gewesen. Seine Erfahrungen im Nationalsozialismus klingen nur entfernt an und der Deutungshorizont dieser Erfahrungen für die DDR-Politik wird genau so eingeschränkt thematisiert wie das Verheizen durch Stalin für nationalistische Großmachtpolitik während der NS-Zeit.
    Ich fand es schon in den 70ern und finde es auch heute noch unanständig, dass der Antifaschismus der KPDer bzw. der SED-Altkader (oder wie soll man sie nennen?) nicht anerkannt wird. Die Ablehnung des Stalinismus ist für diese Missachtung nur der unwesentlichste Grund. Überhaupt kam mir die DDR 1989/90/91 (vorher hatte ich mich nur am Rande mit ihr auseinandergesetzt) sehr traditionsverhaftet (nicht nur in dieser Beziehung), unmodern?, rückwärtsbezogen, sowohl bei den Befürwortern wie Gegnern, vor. Ich denke noch mit Grausen und Faszination an die Geschichtskabinette, die mir damals aller Orten begegneten. (Die Ausstellung zur Köpenicker Blutwoche ist eines der wenigen Überbleibsel, die man noch sehen kann.) Inzwischen sind die meisten Kabinette entsorgt. Das Hochhalten des antifaschistischen Widerstandes war ja nicht nur Staffage, es war auch Zentrum des Selbstverständnisses der staatstragenden Gruppen der DDR. In der Bundesrepublik war es bekanntlich weitgehend entgegengesetzt.
    Obwohl aus dieser Generation kaum noch jemand lebt, werden politische Auseinandersetzungen in Deutschland auch nach 1990 davon immer noch geprägt.
    Dazu kann ich ihnen als weiterführende Lektüre den allseits klugen und gebildeten Daniel Rapoport empfehlen. (Und falls sie den Aufsatz von Rapoport gelesen haben: Saul Ascher könnte man anlässlich des Europatümelns der Rechten auch mal wieder ausgraben.)

    Zu Kurt
    Kurt ist für meinen Geschmack die interessanteste Figur.
    „Lubjanka, Moskau 1941.
    Jetzt sah er ihn vor sich. Frappierende Ähnlichkeit: die schmalen Augen, der Bürstenhaarschnitt und sogar die Art, wie er den Aktenordner aufgeschlagen, wie er darin geblättert hatte, ohne hineinzuschauen:
    - Sie haben Kritik an der Außenpolitik des genossen Stalin geäußert.
    Der Sachverhalt: Anlässlich des „Freundschaftsvertrags“ zwischen Stalin und Hitler hatte Kurt damals an Bruder Werner geschrieben, die Zukunft werde erweisen, ob es vorteilhaft sei, mit einem Verbrecher Freundschaft zu schließen.
    Zehn Jahre Lagerhaft.
    Wegen antisowjetischer Propaganda und Bildung einer konspirativen Organisation. Die Organisation waren: er und sein Bruder.“ (S. 182)
    Kurt steht trotz seiner zehn Jahre Haft und anschließenden Verbannung treu zur DDR. Er arbeitet als Historiker der Arbeiterbewegung und produziert Aufsatz um Aufsatz, Buch um Buch am DDR-Geschichtsbild. Leider wird nicht deutlich warum, unklar bleibt auch – zumindest mir – wie sich dieses Bild von der unmittelbaren Nachkriegszeit über die Ulbricht-Ära hin zu Honecker ändert.

    Ein Freund von mir, gelernter DDR-Bürger und Historiker erzählte mir, wie er seine Dissertation auf Geheiß der SED so lange umschreiben musste, bis er sie selbst nicht mehr erkannte und die Thesen der Arbeit nicht mehr mit den Quellen in Einklang gebracht werden konnten. Ich kann mich noch sehr gut an diesen Abend erinnern, als wir trinkend und diskutierend, versuchten einander zu verstehen. Was mir nicht in den Kopf wollte, warum er sich das gefallen ließ (das hatte ich nach einer Stunde kapiert) und warum er nach dieser Erfahrung trotzdem in der SED blieb (es hatte nichts mit Karrieregesichtspunkten zu tun) bzw. warum er sich innerlich nicht davon lösen konnte. Diese Treue will mir immer noch nicht in den Kopf.
    Jetzt, zwanzig Jahre später, denkt er an einem System der ökonomischen Planung herum, das moderne Rechentechnik für die Feinplanung nutzbar machen will. Auf mein Argument, dass man doch zumindest Eines von der DDR lernen könne, nämlich dass sich Mikroökonomie nicht vernünftig planen lasse, auch mit bester Rechentechnik nicht, sah er mich bedröppelt an.
    Ja das sind so die Sachen, die mich beschäftigen.

    Apropos Ökonomie: Anfang der 90er quatschte ich lange mit einem Agrarökonomen der DDR über die 50er, 60er und 70er Jahre. Er erzählte mir, dass das Lebensgefühl in den 50er und 60er Jahren in der DDR sehr unterschiedlich war. Während in der Anfangszeit Fortschritte beim Aufbau des Landes („immer ein bischen weniger als im Westen, aber immerhin“) spürbar waren, sei dies später verloren gegangen und der alltäglichen Erfahrung von Verschleiß, von Rückgang habe Platz machen müssen („Weißt du, wenn du jeden Tag zur Arbeit gehst und das Gefühl hast, es wird immer weniger, dann kannst du eigentlich auch zu Hause bleiben“). Das hat mir sehr zu denken gegeben. Ich bin ja immer noch auf der Suche nach einem Text, der dieses so beschriebene Lebensgefühl bestätigt oder widerlegt. Darüber hinaus scheint es mit den Phasen der Lockerung und Verhärtung auf der ideologischen Ebene in der DDR zu korrespondieren.

    Ergänzung 11.10.2011:
    Ein Interview mit Ruge im Tagesspiegel

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    Freitag, 7. Oktober 2011
    Wieder da

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    Mittwoch, 7. September 2011
    Sommerpause bis 10. Oktober
    Bis dahin hoffe ich eine ordentliche Paella zu essen und vielleicht schaffe ich es sogar die letzten Geheimnisse dieses Gerichtes zu entschlüsseln.

    Mitnehmen will ich auf jeden Fall Eugen Ruges Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Ich verspreche mir davon ein etwas genaueres und richtigeres Bild der Politik der DDR. Ob es ein ebenso großer Reinfall wird wie Joel Agee damals?

    Neugierig geworden bin ich zunächst über eine Rezension im Tagesspiegel (Hinweis: muss man nicht lesen, den Artikel in der FAZ gleich zweimal nicht.), noch mehr allerdings durch sein Interview zum Roman. Ich bin gespannt.

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