Der hinkende Bote

Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten

Freitag, 19. Oktober 2012
Fundstücke 37. – 42. KW
Hintergründe und Sichtweisen:
  • Judith Butler darüber, was sie über Hisbollah und Hamas wirklich gesagt hat. (Das macht ihre Aussage nicht wirklich vernünftiger)
  • Judith Butlers moralisierender Anarchismus und unhinterfragter Antiimperialismus
  • Klaus Bittermann: Judith Butler ist für Antirassismus
  • Eric Hobsbawm: Wie man die Welt verändert. Über Marx und den Marxismus
  • In der Vorhautdebatte kam eine Frage zu kurz: Ändert sich der Sex, wenn sie weg ist? Leider ja. Ein Erfahrungsbericht
  • Unser IQ ist in den letzten 100 Jahren stark gestiegen. Warum, erklärt der Psychologe James Flynn
  • Regisseurin Margarethe von Trottas Hannah-Arendt-Film feiert in Toronto Premiere Margarethe von Trotta und Barbara Sukowa im Gespräch mit Susanne Burg (Margarethe von Trotta gräbt ja immer interessante Themen aus. Wenn die Filme nur nicht immer so getragen-depressiv wären)
  • Trennungsgeschichten aus der Berliner Migrationsgesellschaft
  • Rezension: Owen Jones, Prolls. Die Dämonisierung der Arbeiterklasse , Mainz 2012, VAT Verlag André Thiele
  • Die Zeitschrift sieht auch insgesamt interessant aus
  • Das Fallmanagement der Begriffe • Sprachen und Medien des Politischen (Dünn und ziemlich schräge, aber gegen den Strich gelesen, interessant)
  • Hanns Martin Schleyer und Gattin
  • Richard Schuberth Was sind echte Österreicher, Araber, Slawen, Klingonen? via adresscomptoir
  • Wolfgang Bittner über Plagiatoren
  • Und noch etwas über das Thema via Stillstand
  • Die Auslandsberichterstattung über die Wahlen in Venezuela (eigentlich bin ich in der Causa Chavez ja Royalist und halte es mit Juan Carlos)
  • In der Vorhautdebatte kam eine Frage zu kurz: Ändert sich der Sex, wenn sie weg ist? Leider ja. Ein Erfahrungsbericht
  • Unser IQ ist in den letzten 100 Jahren stark gestiegen. Warum, erklärt der Psychologe James Flynn


  • kluges und interessantes:
  • Die Angst der Deutschen, ewig in die Ecke des Antisemitismus gedrängt zu werden, ist unberechtigt. Zu Unrecht stünden sie dort jedoch nicht.
  • Polizisten „haben keine Erfahrung mit Prekariat, Bildungsdefiziten und Arbeitslosigkeit. Polizisten haben mit der problematischen Klientel als Gegenüber biografisch nichts gemeinsam.“ Das war vor 20 Jahren noch anders.
  • (mit Dank an kid37 )
  • Warum Marx immer noch aktuell ist Interview mit Andreas Arndt (Andreas Arndt ist ein verdammt kluger Mensch)
  • Der Soziologe Richard Sennett über moderne Formen der Zusammenarbeit
  • Mit welcher Duden-Ausgabe arbeitet der Journalist Andreas Unterberger? (Jesus meine Zuversicht, wenn man sich die Neger-sagen-Verteidiger in den Kommentaren anschaut, kann es einem schlecht werden. Was treibt solche Leute?)
  • Ulrich Busch: Kritik linker Kapitalismuskritik
  • Peter Steinbach über den Historiker Saul Friedländer
  • Annalist ist immer so herrlich pragmatisch: “Ich habe einfach keine Referentin gefunden!”


  • Zu Literatur und Sprache
  • Interview mit Günter Grass über die Gruppe 47
  • Wolfram Schütte über Rayk Wieland: Kein Feuer, das nicht brennt
  • Flix (Text und Zeichnungen): Don Quijote
  • Klaus Bittermann über John Jeremiah Sullivan »Pulphead. Vom Ende Amerikas«
  • Christine Lavants Erzählung »Das Wechselbälgchen« (Christine Lavant wäre mal eine kleine Recherche wert)


  • Neue Wörter und Wendungen:
  • dampfplaudernde Gutmenschen = Flachdachleckortung?
  • Den ‚Passat‘ erschießen“. (das Auto ist gemeint, in irgendeinem Tatort oder so)
  • Cicisbeo“ (ital. auch cavalier servente ‚dienender Kavalier‘) war im 18. und 19. Jahrhundert in Italien ein galanter Höfling, der der Dame des Hauses bei Abwesenheit des Hausherrn zu gesellschaftlichen Anlässen als Begleiter diente. Er entspricht in etwa dem spanischen cortejo; ein ähnlicher Begriff ist der aus dem Französischen entlehnte Galan.
  • Faselmorast
  • “ehrliche Prosa”?
  • Plagiatsschnitt per nostre Politos
  • Eigenartig = die Verwendung im Sinne von der eigenen Art entsprechend kannte ich noch nicht.


  • amüsantes:
  • Gemüsewaffen
  • Permalink (5 Kommentare)   Kommentieren


    ... 1557 x aufgerufen



    Donnerstag, 18. Oktober 2012
    Schnipsel
    Manchmal lese ich irgendwo etwas und es fällt mir dazu etwas mehr oder weniger komisches oder kluges ein, das schreibe ich dann auf:

    1. „Die Götter oder das Schicksal haben vergleichsweise selten die Hände, wohl aber die Hand im Spiel. Wo die Hand wirkt, da ist Edles, wenigstens Großes zu erwarten.“ (Georg Seeßlen)
    2. Aus der Reihe Sätze fürs Leben: „Sächsisch ist die einzige Sprache der Welt, die für Gorgonzola und Gurkensalat das gleiche Wort verwendet.“ Via Chris Kurbjuhn
    3. Die Unbehaustheit ist kein reines Adoleszenzproblem.
    4. Der gebutlerte Kleinmädchenfeminismus (über die Kerle braucht man gar nicht erst zu reden) geht mir ungeheuer auf die Nerven, bei Schwulen und Lesben u.a. fängt der Kram auch schon an. Irgendwann frage ich mal jemand woher das Bedürfnis kommt, die ganze Welt aus einem Punkte zu explicieren.
    5. „Miese Schlampe reimt sich schon irgendwie auf Energiesparlampe.“
    6. Das ist ja furchtbar. Reiche werden in der Krise langsamer reicher - haben Wissenschaftler jetzt herausgefunden.
    7. „allzu viele, mir unterbreitete, detaillierte Darstellungen sexueller Kalamitäten“ eine schöne Sentenz zu dem Problem, warum einem manche Beschreibungen/Erzählungen auf die Nerven gehen.
    8. „Bankenkrise ist, wenn Börsenexperten im Fernsehen komische Gesichter machen, als hätten sie ein Skateboard im Mund“ ( ein Kind )
    9. Wie ist die höhere Aggressivität von Männern im Vergleich zu Frauen, die sich beispielsweise in einer höheren Rate der Gewaltkriminalität äußert, zu erklären? Mit Rollenbildern in einer patriarchalen Gesellschaft kommt man ein Stück weit, aber wie weit? Vielleicht sollte man mal in der Ethnologie suchen: Männlichkeitsbilder und Aggressivität in weniger stark patriarchal geprägten Gesellschaften oder so; ob es dazu etwas gibt? Krieg ist m. E. eine andere Nummer, die gesondert zu untersuchen wäre. Zu diesem Thema kann man z. B. bei Neitzel/Welzer: Soldaten fündig werden. (Auch eines der vielen Bücher über die ich schon immer mal etwas schreiben wollte.) Und: Motive (Frauenhass, Ausländerhass, Rassenhass, …) ist etwas für die Kriminalpolizei zu Täterermittlung und keine Erklärungskategorie. Zu prüfen wäre auch, ob es ein höheres Aggressionspotenzial von Männern in allen Gesellschaften zu allen Zeiten gab. Manche behaupten das ja so in ihrem Wahn. Ach ja, und über Kriminalität wollte ich ja auch schon lange mal etwas schreiben.
    10. ... und das mit der critcal whiteness ist ja auch so eine Sache. Die, die es nötig hätten, werden sich nicht damit auseniandersetzen und die, die sich damit auseinandersetzen haben es nötig. Zwischen Gewissensprüfung und Ute Ohoven.

    Permalink (0 Kommentare)   Kommentieren


    ... 798 x aufgerufen



    Mittwoch, 17. Oktober 2012
    gefährliches Meer

    Permalink (0 Kommentare)   Kommentieren


    ... 883 x aufgerufen



    Freitag, 14. September 2012
    Unterbrechung bis Mitte Oktober
    Gönnen Sie sich doch mal eine kleine Pause!

    Permalink (0 Kommentare)   Kommentieren


    ... 885 x aufgerufen



    Donnerstag, 13. September 2012
    Schnipsel
    Manchmal lese, sehe oder höre ich irgendwo etwas und es fällt mir dazu etwas mehr oder weniger Komisches oder Kluges ein, das schreibe ich dann in der Hoffnung es damit nicht mehr zu vergessen auf:

    1. von Dormagen nach Darmstadt über Ekel, Kotzen, Faulebutter, Gammelshausen nach Essen. In Sachsen-Anhalt kann man von Unterkaka nach Oberkaka umziehen. Und wer noch nicht genug hat sollte einen Besuch in Linsengericht, Hahnschenkel oder Knoblauch erwägen. Kloberg, Kothausen, Köttel b. Lahm nicht zu vergessen. Und natürlich Freigericht.
    2. Es gibt kaum etwas das mir würschter ist als die Frage ob Frau Wulff eine Vergangenheit hat oder nicht.
    3. Stieselig habe ich schon lange nicht mehr gehört. Von „Stie|sel, Stießel, der; -s, - [wohl landsch. umgebildet aus Stößel, zu mhd. stieʒen = stoßen] (ugs. abwertend): Mann, der sich in Ärger hervorrufender Weise unhöflich, unfreundlich, flegelig benimmt, verhält“. Hach und flegelig, ein flegeliger Flegel, sich flegelnd durch die Stadt bewegen.
    4. „Isch geh jetzt zum Lache ins Basement“ (Bodo Bach)
    5. „Karl Lagefeld – halb Mensch, halb Sonnebrille.“ (dito)
    6. "In Hamburg sagt man, sieh zu daß du Land gewinnst, du Wichser". Kann man jetze natürlich nur zu Männern sagen. Da wäre eine geschlechtsneutrale Formulierung von Nöten.
    7. Irgendwelche Kämpfe gegen Zentren, so abstrakte, oder so, die eine Einheit bilden sollen oder auch nicht. Was wird denn da zusammengenagelt?
    8. Die Frage, was der Mensch sei ist ja auch so eine. „Der Mensch“ der Einzelne als Natur und Sozialwesen, als Mitglied einer Gruppe oder als Teil einer Gesellschaft. Und was der Unterschied zwischen Gesellschaft und Gruppe ist, wäre zuvörderst zu fragen. Nicht nur vom Einzelnen über die Gruppe zur Gesellschaft denken, sondern auch umgekehrt. Sonst wird es quatschig.
    9. Ein Jude ist ein Christ, der kein Schweinefleisch isst. Ein Christ ist ein Anhänger einer jüdischen Sekte.
    10. „Vielleicht schreibe ich mal eine meiner vielen Autobiographien darüber.“ I agree.
    11. Warum es keine Zeitgeistansage gibt, werde ich nie verstehen. Man könnte sich einen Haufen blöder Magazine sparen.
    12. Die nachfolgende Degeneration hat’s auch nicht leicht.
    13. Wenn viele mitreden ist das noch lange kein demokratischer Prozess.

    Permalink (2 Kommentare)   Kommentieren


    ... 963 x aufgerufen



    Mittwoch, 12. September 2012
    Ungewöhnlich, witzig und gekonnt




    Hübsch seine Sicht auf die Wahlkampagne der Republikaner

    Mehr von Terry Border

    Permalink (0 Kommentare)   Kommentieren


    ... 837 x aufgerufen



    Dienstag, 11. September 2012
    Der Indianer aus Königsberg
    Als sich Johann Georg Kant am 18. November 1715, frisch vermählt, im Hundegatt einschiffte, um auszuwandern, konnte er noch nichts von den vielfältigen Irrungen und Wirrungen ahnen, die ihn und insbesondere seinen Sohn in der neuen Welt erwarten sollten. Die Überfahrt war stürmisch und die Verpflegung an Port der Botany Bay schlecht.

    Kapitän Ahab brachte die Auswanderer wider Erwarten sicher in die Plymouth Colony und einige Jahre später wurde der junge Immi als viertes Kind der Eheleute geboren. Schon nach kurzer Zeit zeigte sich, dass der Junge rechtschaffen lebensuntüchtig war und so wurde er von den holländischen Nachbarn aus Nieuw Amsterdam bald in landestypischer Manier Icant genannt.

    Der kleine Immanuel freundete sich bald mit Einheimischen an und ahmte auch schnell die Sitte, das Haar nicht offen, sondern am Hinterkopf zu einem Zopf zusammengebunden zu tragen, nach. Aus dieser Zeit stammt auch seine weitgehende Unempfindlichkeit für Schmerz. Die Gewohnheit das Haar zum Zopf geflochten zu tragen, die er auch in späteren Jahren als Professor an der Universität Königsberg beibehalten sollte, brachten ihm vielfältige Spottverse und Philosophenwitze ein, die ihm seine Studenten ob dieser Haartracht und seinen noch immer beachtlichen Fertigkeiten im Turnen zueigneten.
    „Mensch, hast Kant gekannt? Der konnte Handstand mit einer Hand!“
    Nach einigen Jahren erkannte der Vater, dass er hier, in diesem seltsamen Lande, wohl doch nicht sein Glück würde machen können und beschloss in die Heimat zurückzukehren, um fortan ein rechtschaffenes Leben als Sattlermeister in Ostpreußen zu führen.

    __________________
    Der obige Text soll Schülerinnen und Schülern als Hilfestellung für ihre Hausarbeiten dienen. Diese bislang noch weitgehend unbeachteten Informationen aus dem Leben von Immanuel Kant sind auch weit unverdächtiger als die Standardlebensbeschreibungen, wie sie üblicherweise etwa von der Wikipedia zur Verfügung gestellt werden. Eine gute Note ist damit praktisch garantiert.

    Permalink (2 Kommentare)   Kommentieren


    ... 1024 x aufgerufen



    Montag, 10. September 2012
    Naslöcher XVIII
    „ Der Schleifer aber, der nichts anders glaubte, als daß der Bruder eine ihm nützliche und zustehende Urkunde vernichte, fiel über ihn her, und augenblicklich verkrallten sich ihre Hände in den beidseitigen Halsbinden, und die Greise hämmerten sich mit den kurzen, kraftlosen Faustschlägen auf die Köpfe. Mit Mühe brachte man sie auseinander und schrie ihnen, als sie atemlos dastanden, den Sachverhalt in die Ohren. Allein, sobald sie vernahmen, daß irgend jemand auf das Schriftstück, das notdürftig zusammengefügt auf dem Tische lag, sechstausend Franken ausbezahlt erhalten habe, gerieten sie, ohne sich um etwas anderes zu kümmern, wieder aneinander, zerklaubten sich aber diesmal in kürzester Frist Kinn und Backen und zerrissen sich die Naslöcher.“
    (Gottfried Keller: Martin Salander)

    Permalink (0 Kommentare)   Kommentieren


    ... 752 x aufgerufen



    Freitag, 7. September 2012
    Fundstücke 33. – 36. KW
    Hintergründe und Sichtweisen:
  • "arte" zeigt Film über den US-Dokumentarfilmer Julien Bryan, der 1937 in Deutschland drehen durfte
  • Prostitution im Fahrwasser der Auswanderung: Die Ausstellung "Der Gelbe Schein" im Centrum Judaicum in Berlin
  • Robert Misik: Hat ein entwickelter Finanzmarkt eine produktive Funktion für Wirtschaft und Gesellschaft?
  • Caroline Fetscher: Streit und Judith Butler (hübscher Einschub: „originellen theoretischen Schlüssen“ oder wie Biolek zu zusammengematschten Speisen mal sagt: „schmeckt interessant“)
  • Christian Köllerer über Life, death, and hope in a Mumbai undercity
  • Christian Hoppe, ein katholischer Theologe, über das Katholischsein (sehr verdienstvoll, dass das mal sachlich dargestellt wird)


  • kluges und interessantes:
  • Pussy Riot und die wohlfeile Empörung
  • Georg Seeßlen über Tarzan: "Greenpeace-Aktivist und Unterhosenmodell"
  • Wolfgang Michal: Wie aus Internet-Plattformen Verlage werden
  • „Die Dinge werden durch Apps handhabbar, ohne dass man sich körperlich auf sie einlassen muss.“


  • Zu Literatur und Sprache
  • Hans Ulrich Gumbrecht: die kulturelle Regel der alltäglichen Unsichtbarkeit und Unnennbarkeit von Penis und Vulva
  • Wolfram Schütte über Virginia Woolf: Augenblicke des Daseins. Autobiographische Skizzen
  • Interview mit Peter O. Chotjewitz : „Ehe ich schreibe wie die gehe ich lieber wieder als Maler und Anstreicher.“ (Man beachte die Formulierung)
  • Franz Dobler über Tommaso Di Ciaula und Peter O. Chotjewitz


  • Neue Wörter und Wendungen:
  • „Schrägbeäuger“
  • Der Innenfriedrich (Küppersbusch)
  • Kneipensitzerexistenz
  • Anweinen = jemanden um etwas bitten.
  • Wischofon
  • porn style
  • Altlabersammlung
  • Organspendenkrisengipfel
  • endbescheuert
  • gedanklichen Modernisierungsverlierer (Sarrazin, Höhler, Spitzer)
  • leckerisch = liederlich


  • amüsantes:
  • Schmähkritik: Roger Willemsen über Heidi Klum
  • „Möge Gott uns allen gnädig sein! Was soll aus dieser Welt werden, wenn Menschen jetzt schon einen Haushalt mit Kindern als “Familie” bezeichnen“
  • Joachim Lottmann vs. Wolfgang Koeppen
  • Ey .. du … Ich hab deine Mutter gefickt


  • so dies und das:
  • WOLFRAM SCHÜTTE über Elisabeth Tova Bailey: Das Geräusch einer Schnecke beim Essen
  • Beckenpinkler
  • Streetart
  • Interview mit Janko Lauenberger, Leadgitarrist von Sinti Swing
  • Zum Thema Onlinekommunikation bei Tageszeitungen: DER UNAUFHALTSAME ABSTIEG DER TAGESZEITUNG »DER STANDARD«
  • Ein blödes Buch über ein spannendes Thema: Geschichte der Peinlichkeit
  • Permalink (2 Kommentare)   Kommentieren


    ... 1433 x aufgerufen



    Donnerstag, 6. September 2012
    Schnipsel
    Manchmal lese, sehe oder höre ich irgendwo etwas und es fällt mir dazu etwas mehr oder weniger Komisches oder Kluges ein, das schreibe ich dann in der Hoffnung es damit nicht mehr zu vergessen auf:

    1. "Könnten es nicht eine Schule ohne Schüler und Unterricht geben? Ich stelle mir das sehr schön vor." Kann man verstehen, als Lehrer oder als Schüler.
    2. Was man nicht verstehen will, ist zumindest unverständlich. Kann man das umgekehrt auch sagen? Was unverständlich ist muss man auch nicht verstehen?
    3. Seit ich im letzten Spiegel den Artikel über schlechtes Benehmen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gelesen habe und dabei auf den Satz einer (Mittelschichts-)Mutter zu ihrem unzureichend fußballspielenden Sohn: „Spiel endlich richtig, du Kackarschmongole!“ hingewiesen wurde, denke ich darüber nach, inwiefern denn die Bezeichnung „Kackarschmongole“ beleidigend ist (und auch darüber, wie neue Beleidigungen entstehen). Das fängt bei dem Kackarsch an (Ärsche zum Sitzen, Ärsche zum kacken, kacken irgendwie nicht gut) und geht dann weiter zum Mongolen. Bei Mongolen denke ich an Dschingis Khan und wenn mich die Assoziationen ganz schlimm heimsuchen an dieses Lied damals, für den Grand Prix d’Eurovision. Was ist an den Mongolen so besonders schlimm? Mongolen so irgendwie aus Asien und so irgendwie rückständig?
    4. Küppersbusch bringt die Beschneidungsdebatte auf den Punkt: „Wir akzeptieren hier Unrecht aus religiöser Toleranz und Respekt gerade vor dem Judentum. Dafür übernehmen wir die Verantwortung.“
    5. Derailing bedeutet eigentlich nur entgleist. Wenn jemand derailing vorgeworfen wird geht es um den Vorwurf des Trollverhaltens. Der Betreffende wolle die Diskussion entgleisen lassen und sei an einer Auseinandersetzung gar nicht interessiert. Die Bedeutung wurde wohl ausgeweitet auf a) nicht Akzeptieren der formulierten Position weil der Widerspruch von Ignoranz/ Uneingestandenem/ Unbewusstem geleitet war und b) zur Abwehr anderslautender Positionen.
    6. Ob es eine Zweitreligion gibt oder geben kann ist natürlich so eine Frage, hübsch wäre es aber schon und praktisch zudem. Die Sikhs zum Beispiel sollen ja eigentlich den ganzen Tag mit einem Dolch herumlaufen, da das beim Security-Check am Flughafen aber schrecklich anstrengend wird, lassen sie es einfach. Mit einer Zweitreligion für Flughäfen hätte man kein Problem.
    7. Heißt das jetzt eigentlich unerträglich maniriert oder unerträglich mariniert? Wenn ein unerträglich arroganter Autor am Schreibtisch herumsitzt und an seinen Sätzen schnitzt.
    8. Mich überkommt die Lust, Robert Menasses Don Juan de la Mancha und den Don Juan (was nehmen wir denn da? Mozart, E.T.A. Hoffmann oder Peter Altenberg?) und den Don Quichotte parallel zu lesen. Den Stapel ungelesener Bücher immer weiter zu erhöhen ergibt aber auch nicht viel Sinn. Mal sehen.
    9. Ob Uschi Obermaier wichtiger für die Emanzipation war als tja wer? Simone de Beauvoir sicher nicht, aber vielleicht mehr als der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen? Ich muss das mal alles zusammenschreiben.
    10. Sätze fürs Leben: „Es muss schön gewesen sein, als man Menschen einfach kennenlernen konnte, in dem man mit ihnen sprach.“
    11. Eine „Diskursathletin aus der Oberliga der Poststrukturalisten“ soll Judith Butler sein.
    12. Thilo „stubenreines Deutschland“ Sarrazin. Nicht schlecht, Wolfgang Michal.

    Permalink (0 Kommentare)   Kommentieren


    ... 867 x aufgerufen



    Mittwoch, 5. September 2012
    Ulcus Molle Info
    Mal wieder ein Beitrag aus der beliebten Reihe: Papa erzählt vom Krieg.

    Der Ausgangpunkt der Assoziations- und Recherchekette war wahrscheinlich Jean Stubenzweigs letzte Erwähnung von Tucholsky (Weinregale bringen mich ja immer zum Träumen), dann ging es flott in den Gedanken zur Weltbühne, mit einem kurzen Abstecher zum Blättchen , Helmut Höge war mal Autor des Blättchens, heute bloggt er bei der TAZ. Na ja, TAZ ist nicht so mein Fall, (allerdings bringt mich sein Post über das vorübergehende Glühbirnenverbot zur Agentur Standardtext und deren/seiner Marotte in jedem ihrer/seiner Produkte eine Glühbirne (das Thema Dunkelbirne beleuchten wir jetzt auch nicht. Wobei eigentlich klar sein dürfte, das sie von Daniel Düsentrieb erfunden wurde [Das Helferlein! Sag ich mal so, andeutungsweise] auftauchen zu lassen) aber er hatte früher auch für verschiedene Beatnik-Blättchen (was ein Beatnik ist erkläre ich jetzt nicht) geschrieben, darunter auch das Ulcus Molle Info , das ich die 70er Jahre hindurch abonniert hatte. Und jetzt sitze ich da und versuche mich zu erinnern. Kerouac usw. gab es zu lesen und Fauser, viel Fauser, P.P. Zahl , der mir gerade im verkruschtelten Buchladen von Wendelin Niedlich (früher musste man den Buchladen kennen, heute ist es da so: ach na ja) erscheint.

    War von Zahl nicht das Gedicht „Das sollen die Völker mal unter sich ausmachen?“

    "agit 883" schwimmt mir nur noch sehr dunkel vor das innere Auge. Wenn ich mich recht erinnere waren wir halb fasziniert, halb abgestoßen. Irgendwann später geriet "agit 883" dann in den RAF und ML-Dunstkreis.

    Carl Weissner hatte meiner Erinnerung nach auch einiges im Ulcus Molle Info veröffentlicht.

    Das Ulcus Molle Info war auf jeden Fall DIE „Relaisstation für all die ungezählten Wirrköpfe, Geschäftemacher, politischen und religiösen Fanatiker, angehenden und abgehenden Schriftsteller, ernsthaften Büchermacher und tanzenden Derwische sämtlicher Spielarten des Irrationalismus, die offenbar das ausmachten, was Moll die »Szene« nannte.“

    Manchmal schießt mir durch den Kopf, ob nicht dieses ganze Kulturklimbim wichtiger war (zumindest nach 1967) als die großen Dinge, die ‚politisch‘ sich gebärdeten. Dazu Hans Pfizinger .

    Permalink (0 Kommentare)   Kommentieren


    ... 1097 x aufgerufen



    Dienstag, 4. September 2012
    exzentrisches umkreiseln
    Vor vier Jahren fing die Geschichte an und seitdem habe ich immer mal wieder versucht einigermaßen systematisch an einem Thema zu bleiben. Das ist nie gelungen. Entweder hatte ich dann keine Lust mehr oder ich musste wie ein Verrückter arbeiten und habe es einfach nicht geschafft oder meine Liebste musste wie eine Verrückte arbeiten und ich war damit beschäftigt ihr den Rücken frei zu halten oder aber mir waren die Zusammenhänge auch nicht so klar.

    Was wollte ich (und eigentlich will es immer noch) nicht alles einigermaßen systematisch aufdröseln und darstellen:

  • Aufklärung (unter besonderer Berücksichtigung von Wieland und Diderot und Saul Ascher)
  • Das Fremde und das Eigene (wäre auch politisch richtig und wichtig. Nach einigermaßen umfassenden Wühlen in Texten und Aufsätzen dämmerte mir, dass man wohl sechs Monate in einer Bibliothek zubringen müsste, um wenigstens ungefähr Richtiges dazu zu sagen.)
  • Eine kleine Geschichte liberalen Denkens, insbesondere mit dem Nachweis, dass Leute wie Baum mit ihrem Verständnis von Liberalismus reichlich exotisch innerhalb dieser Denktradition sind.
  • Moralphilosophie
  • Da selbst rudimentäre Kenntnisse über Marx und Bourdieu heute eine Seltenheit sind, müsste man eigentlich mal so einige fundamentale Sächelchen dazu aufschreiben.
  • Ach ja und Gramsci (oder Simone de Beauvoir oder …), der hätte es auch verdient.
  • Und ach ja: einen Roman habe ich auch in der Mache.


  • Keine Ahnung, ob auch nur eines dieser Vorhaben je zu Ende geführt wird. Manchmal denke ich mir: wenn ich in vier Jahren mein Berufsleben beende, ja dann, dann wird alles anders.

    Manchmal denke ich mir, dass ich das vielleicht erst gar nicht versuchen sollte. So ein Internettagebuch oder wie man das heute nennt, ist schließlich kein Buch und kein Aufsatz. Man schreibt ja eigentlich nur hinein, was einem gerade so durch den Kopf geht. Man umkreiselt ein Thema und am nächsten Tag umschwirrt man das nächste und am übernächsten Tag erfreut man sich eines Ergusses von irgendjemand anders.

    Manchmal denke ich mir auch: es muss doch langweilig und ermüdend sein, immer beim Gleichen zu verweilen. Wie schön ist es doch sich von einem Gedankengang über das aktuell zu Verhandelnde hinaustreiben zu lassen in die unendlichen Weiten des Universums zu Welten, die noch nie ein Mensch gesehen hat. Man siedelt auf fremden Sternen, der Meeresboden ist als Wohnraumer schlossen usw. Folgen wir also usw. am Rande der Unendlichkeit. Statt Schloss umkreiseln Wandervögel schachmatt den Fichtenberg, lasst uns abgelegene Gegenden, in der die Walachen oder Römer wohnen, aufsuchen. (Es ist übrigens ein Irrtum, lieber Tschick, dass es die Pampa nicht gäbe.)

    Ach, na ja.

    Permalink (7 Kommentare)   Kommentieren


    ... 1202 x aufgerufen



    Montag, 3. September 2012
    Henry Kissinger

    Permalink (0 Kommentare)   Kommentieren


    ... 902 x aufgerufen



    Freitag, 31. August 2012
    Reisejournal Sizilien Frühjahr 2012 (24)
    Sonntag 17. Juni

    Die Rückreise steht an. Der Müll wird abgeholt und ich trinke wie jeden Morgen meine drei Tassen Kaffee:
    „Am 16/5 sahen wir wieder einmal ein zum Verkauf angebotenes Haus. Villa mit Garten »beinahe« für uns passend – wenn man sie umbaute ... Kurzum nicht passend. Interessant waren die Leute darin. Der Mann, mein Alter, Verlagsvertreter von Velhagen & Klasing. Vor zwei Jahren das Haus gekauft, jetzt muß er hinaus. Er, seine Frau, seine Tochter – bieder, ruhig u. ganz offenbar tief vergrämt. Am Schreibtisch: das Hakenkreuz. Es ist für diese Vergrämten, Verarmten nichts anderes als eine Kreuz-Hoffnung.“
    (Victor Klemperer: Tagebücher S. 291 29. Mai 1932)
    Das Hakenkreuz als christliches (?) Hoffnungskreuz? Die einzige Stelle übrigens, die den Zusammenhang zwischen ökonomischer Krise und NSDAP thematisiert.
    „Gestern bei der Rektoratsbesprechung wurde gesagt, daß 80% unserer Studenten Hitleranhänger seien.“
    (Victor Klemperer: Tagebücher S. 306 15. Dezember 1932)
    Einer der vielen Mythen, die sich um den Nationalsozialismus ranken, ist, dass er bei den gebildeteren Schichten keinen großen Anklang gefunden hätte.

    Die Verzögerungen nach Palermo durch den Zug aus Roma Termini haben wir einkalkuliert und sind ziemlich früh in Palermo Centrale. Der Bahnhof wird mir wohl niemals ans Herz wachsen.

    Beim Rauchen auf dem Vorplatz geht eine ungewöhnlich unförmige Frau vorbei, die auf ihrem T-Shirt die Aufschrift: „Fashion is my Religion“ spazieren trägt. Das Shirt dürfte aus chinesischer Billigproduktion sein.

    Während ich im Zug nach Punta Raisi (dort ist der Flughafen von Palermo) sitze, sinniere ich vor mich hin, warum ich es noch nicht mal geschafft habe, Tag für Tag die Erlebnisse und Beobachtungen aufzuschreiben. Der Plan war ja zumindest stichpunktartig die Tage zu skizzieren und dann später auszuarbeiten, so dass ein beschreibend anschauliches Bild der Reise entsteht. Es ist einfach zu viel passiert und ich war zu müde oder zu faul, um das Tagebuch einigermaßen konsequent zu führen. Die Leute im 18. Jahrhundert hatten einfach mehr Zeit. Nach elendlangen Eselsritten oder tagelangen Schiffsreisen auf denen nichts weiter passierte als Sonnenaufgänge, Sonnenuntergänge, unterbrochen von Mahlzeiten kann man viel aufschreiben. Zentraler dürfte natürlich sein, dass die Reiseerlebnisse eine ganz andere Bedeutung hatten. Wenn man einmal in seinem Leben über seinen heimischen Wirkungskreis hinauskam, war die Bereitschaft alles zu notieren und die Gedanken und Gefühle zum Erlebten festzuhalten viel größer. Zudem gab es ein Publikum, das nach Neuigkeiten aus aller Welt gierte. Außerdem waren die Reisenden dieser Zeit disziplinierte Leute und nicht so faule Hunde wie ich. Hab ich etwas vergessen?

    Der Flieger kommt, wir steigen ein und verlassen Sizilien.

    Im Flughafen München nehmen wir uns einen Tagesspiegel. Nicht viel Neues in Berlin passiert. Überhaupt: es passiert so wenig, wenn ich nicht da bin. Und während ich noch so vor mich hin sinniere, dass immer genau so viel passiert wie in eine Zeitung hineinpasst und dass wenn man keine Zeitung liest auch nichts passiert, fragt mich die Liebste:
    „Sag mal, wann genau wurde denn nochmal der 17. Juni als Feiertag abgeschafft?“
    „Als der 3. Oktober als Nationalfeiertag eingeführt wurde.“
    „Schon klar, aber 1990 wurde da der 17. Juni gefeiert und dann ein paar Monate später der 3. Oktober eingeführt? Das war doch ein Sonntag? Haben sie uns in dem Jahr einen freien Tag geklaut?“
    „Das weiß ich nicht mehr. Woran ich mich erinnere ist, dass ich einige Jahre vorher mit einem Kumpel beim obstlern saß und wir darüber diskutiert haben ob der 17. Juni nicht ein scheußlich bigotter Feiertag sei und dass er eigentlich ein Gedenktag in der DDR sein sollte. Wenn die DDR ein anderer Staat gewesen wäre selbstverständlich. In unserem besoffenen Kopf wollten wir das mal einem DDR-Grenzer vorschlagen. Nüchtern betrachtet war das keine so gute Idee.“
    „Wenn man dich etwas fragt, bekommt man immer eine Antwort, nur selten die, die man möchte.“

    Permalink (3 Kommentare)   Kommentieren


    ... 1409 x aufgerufen