Der hinkende Bote

Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten

Mein Opa und die Gefühlsvegetarier
In der Kantine setze ich mich mal zu diesem, mal zu jenen. Der Aufbau einer festen Peer-Group hatte sich nie bewerkstelligen lassen, da immer einige auf Trebe sind.
Ich frage also eine Kollegin, die mir auf dem Weg zum Aufzug über den Weg läuft: „Hungrig?“ Sie sagt ja und so sind wir einige Minuten später in der Kantine. Kantinenessen ist – tja – nicht wirklich schlecht, aber auch nicht gut und für meine Gewohnheiten extrem fleischlastig. Nun ja, ich nahm also nicht übermäßig begeistert ein Schnitzel mit Pommes. Die Kollegin nahm die vegetarische Bratwurst mit Kartoffelbrei und so etwas hellem, flüssigem Irgendetwas das nach wenigen Minuten an der Oberfläche brach.
Wir setzen uns.
„Ich würde mich gelegentlich auch ganz gern für das vegetarische Gericht entscheiden. Ich finde es nur meistens so schrecklich lieblos zusammengeschustert. Schade eigentlich, Vorspeisen aus Italien, Spanien oder der Türkei – so ließe ich mir ein vegetarisches Mittagessen durchaus gefallen.“
„Stimmt“, meinte sie, „es ist häufig sehr ähnlich, immer ein Fleischersatz und dann eine Beilage dazu. Wobei ich eigentlich gar keine Vegetarierin bin. Es ist nur so, dass ich, wenn ich das Fleisch da liegen sehe, immer daran denken muss, dass es vor einigen Tagen noch ein lebendiges Tier war. Ich bin so die typische Gefühlsvegetarierin.“

‚Aha‘ dachte ich so bei mir und sah auf den panierten Fladen auf meinem Teller.
„Dich erinnert das Schnitzel hier an die Sau, aus der es geschnitten wurde?“
„Hör auf, sonst kann ich dir nicht mal mehr beim Essen zusehen.“

Eigentlich ist die Kollegin ganz nett und so kann ich mir nicht ganz erklären, warum mich der Teufel geritten hat und ich ihr erzählte, dass ich da ganz anders gestrickt sei.
Mein Opa, erzählte ich ihr, sei immer sehr darauf bedacht gewesen, dass wir Kinder, so bis wir 11 oder 12 Jahre alt waren, weder die Hühner noch die Karnickel im Stall streicheln. Das gäbe nur Ärger, wenn die Tiere dann in den Kochtopf wandern, meinte er. Futter bringen, ausmisten und dann wieder raus aus dem Stall, das war seine Devise.
Ich könne mich noch erinnern, erzählte ich ihr, wie ich als 4- oder 5-Jähriger im Hof des Hauses gestanden hätte und ihm beim Schlachten des Hahns für den Sonntagsbraten zusah. Ich fand das damals sehr faszinierend. Mit der linken Hand das Huhn an den Füssen packen, mit der rechten Hand das Beil nehmen, das Huhn mit dem Kopf auf den Hackklotz und ab. Das Huhn sei noch zwei Meter geflattert, dann sei es tot gewesen. Mein Opa hätte mich danach direkt angesehen und sei aber schnell beruhigt gewesen, als er sah, dass ich nicht erschreckt, sondern fasziniert von dem Vorgang gewesen sei.
„Ich habe das Huhn ohne Widerwillen zu Mittag gegessen. Es schmeckte sehr gut.“
„Hör auf oder ich rede nie wieder ein Wort mit dir.“


Es wachsen heute sehr viele Kinder in Gated Communitys auf, sei es in Kleinmachnow oder Prenzlauer Berg. Da kommt man weder mit Leben und Sterben, noch mit Wild- oder Haustieren in Kontakt, man kriegt komische Vorstellungen, was denn ein Ökosystem ist und irgendwann landet man bei Tierrechtlern oder Tierschützern, wird Veganer, nimmt Drogen oder wählt FDP.
Opa wuchs als Findelkind auf einem Bauernhof auf und das hieß viel Arbeit und wenig Freizeit, das hieß auch, dass er häufig die Schule versäumte, wenn irgendwas auf dem Hof zu tun war. Schließlich sollte sich der Esser rentieren. Damit er sich richtig rentiert wurde beim Essen gespart. Es gab exakt so viel wie der Bauer für ausreichend befand. So nimmt es nicht Wunder, dass mein Opa sich nicht vorstellen konnte, dass einem etwas nicht schmecke oder dass man etwas nicht essen dürfe. Er fand auch die Vorstellung absurd, dass man aus religiösen Gründen an bestimmten Tagen kein Fleisch essen dürfe. Gegessen wurde, was es gerade gab und in den Mengen, die man zur Verfügung hatte oder bis man satt war. Wenn jemand etwas nicht essen wollte, roch er daran, prüfte den Geschmack und sagte dann: „Es ist nicht verdorben.“ Er zwang allerdings auch niemand Speisen zu essen, wie es einige meiner Schulfreunde zu erdulden hatten. Es ging ihm nicht ums Prinzip. Wer nicht wollte, wollte halt nicht und hatte dann eben Pech gehabt.
Nun haben wir andere Zeiten und heute kann es sich ein Kind wie ein Erwachsener – zumindest in weiten Teilen Europas – leisten, seine Nahrung nach sinnvollen und auch weniger sinnvollen Kriterien auszuwählen. Man kann es sich sogar leisten, so viel oder so wenig Nahrung zu sich zu nehmen, dass man sein Leben gefährdet. Es ist in der Regel immer jemand da, der einen rettet, der sich darum sorgt. Man kann es sich also erlauben, aus einer simplen Überlebensnotwendigkeit ein Drama zu machen, ein Schau-Spiel, eine Aufforderung zur Beachtung oder eine Marotte.
Man muss allerdings nicht.
Die Frage wäre dann, warum gewinnen solche Dramen anscheinend immer mehr Anhänger?

Kommentieren




damals, Freitag, 4. Mai 2012, 17:29
Eben aus dem Grunde, den Sie in Ihrer Geschichte schildern: weil wir nie bei einer Schlachtung dabei sind. Wir wissen nicht, wie das Tier gelebt hat und wie es gestorben ist, geschweige denn, was nach der Schlachtung passierte. Und mit den pflanzlichen Lebensmitteln ist es nicht anders - wenn einem da auf dem Hirse-Paket eingeredet wird, dass dies ein traditionelles asiatisches Lebensmittel sei und es daher unbedingt aus China hergekarrt werden müsse, und wenn ich vom Bio-Leinöl erfahre, dass es "aus EU- und Nicht-EU-Landwirtschaft" stammt, also überall und nirgendwoher - da kann man schon die Panik kriegen und anfangen, irrational zu handeln. "Was man wirklich weiß, ist nicht schrecklich", sagte Stig Dagermann.

g., Samstag, 5. Mai 2012, 05:28
Die Unsichtbarkeit der Herstellung von Lebensmitteln ist ein wesentlicher Aspekt. Das sehe ich auch so. Dazu kommt sicher noch, dass immer mehr Leute, Erwachsene wie Kinder, kaum noch kochen und – ja wie soll man das nennen – ‚natürliche’ Lebensmittel überhaupt kennen, weil sie nur noch ‚fertige’ Nahrung zu sich nehmen. Das soll heißen: einen großen Teil der Nahrungsmittel wird nur noch in Form von Industrienahrung, von Convenienceprodukten gegessen. Als ich einer Kollegin fassungslos diese Geschichte erzählte, meinet sie nur lapidar: „Mein Sohn ist 17, er weiß wahrscheinlich auch nicht, was Schnittlauch oder Sellerie ist. Wenn er Hunger hat, kauft er sich irgendwo eine Pizza oder eine Laugenzunge.“ Tja, nur so recht erklärt das, für mich, noch nicht, warum jemand beim Anblick eines Schnitzels in Wallung gerät.

damals, Samstag, 5. Mai 2012, 11:06
Das Gefühl erklärte ich mir laienpsychologisch ungefähr so: Die Frau empfindet angesichts des Schnitzels ein Ohnmachtsgefühl, das aus ihrem Unwissen resutiert. Und dann entwickelt sie Phantasien darüber, wie das Tier wohl ausgesehen haben,wie es gestorben sein mag, ahnt, dass da einiges schrecklich und verkehrt dran ist, hat aber keine Handhabe, das konkret zu überprüfen. Also reagiert sie mit schuldbewusst angstvoller Ablehnung auf alles, was sie an dieses Dilemma erinnert.
Das mag von außen manchmal unsinnig wirken und sicher öfter zu Fehlentscheidungen führen. Aber ist es wirklich unsinnig? Die Trefferquote richtiger Entscheidungen bei der Nahrungswahl ist doch vermutlich nicht niedriger als nach aufwändiger Recherche, vom "gesunden Menschenverstand" mal ganz zu schweigen.
P.S. Die Geschichte von der Kresse ist übrigens köstlich.

g., Sonntag, 6. Mai 2012, 04:25
Hm, Ihr Erklärungsversuch spült mir über das aktuelle Thema hinaus eine ganze Reihe von Erinnerungen ins Gedächtnis, vom Zivildienstkollegen, der zwei Jahre neben einem Schlachthof wohnte über die Schwarzbrennerkollegen meines Vaters bis zu den Hausschlachtungen meiner Kindheit. Und ich versuche mich zu erinnern, ob es Essstörungen vor 40 oder 50 Jahren gegeben hat und ob das etwas mit Vegetariern, Veganern usw. zu tun hat.
Gestern habe ich beim zappen in einer Sendung über Schweinezucht in der Extremadura einen Satz gehört, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht: Die Kinder müssen lernen, das das Leben der Menschen und das Sterben der Tiere zusammen gehört.
Ich lasse das jetzt erst mal noch eine Weile in meinem Kopf kreiseln.

kopfschuetteln, Sonntag, 6. Mai 2012, 06:13
ungefähr, seit es fünf ist, fragt kind1, nachahmend auch kind2: "von welchem tier ist das?", wenn es fleisch gibt. da fängt man an, rechenschaft abzulegen darüber, welches tier sterben mußte (so oder so, so die erwachsene sicht ...).
manches fleisch würden sie verweigern. auch wenn das sterben noch etwas abstraktes ist. aber kinder stellen das leben sowieso auf den kopf und alles in frage.

g., Montag, 7. Mai 2012, 04:46
Wie man heutzutage mit Kindern solche Fragen und Sachverhalte besprechen sollte, macht mich ratlos. So wie Sie es anscheinend machen: einfach unaufgeregt auf alle Fragen antworten, wäre das Einzige, was auch mir dazu einfällt. Bliebe aber noch das Problem, wie ich es in meinem Post angesprochen habe, dass es insbesondere in größeren Städten kaum noch eine Möglichkeit gibt, eigene Alltagserfahrungen zu machen.

kopfschuetteln, Dienstag, 8. Mai 2012, 19:03
alltagserfahren. sie meinen, mit tieren in kontakt kommen, oder mit der natur?
hm. vielleicht hat sich ja der alltag geändert, so daß solche erfahrungen gar nicht mehr alltagserfahrungen sind.
die annahme, daß die lebensmittel aus dem "kaufladen" kommen so wie der strom aus der dose, wird verbreiteter sein, als wir uns vorstellen können. auch wenn auf dem tempelhofer feld gegärtnert wird und es auch in der stadt kinderbauernhöfe gibt, die masse erreicht es wahrscheinlich nicht.
am rande der großen bösen stadt ist das, glaube ich, alles ein bißchen leichter.

g., Mittwoch, 9. Mai 2012, 05:45
Ich dachte an meine eigenen Kindheitserfahrungen: Im Garten hinter dem Haus wurde Gemüse und Obst gezogen, nicht als Hobby sondern als selbstverständlicher Teil der Versorgung mit Nahrung. Einmal im Jahr wurde mit einem Arbeitskollegen eine Sau gekauft, geschlachtet und verwurstet. Wir Kinder hatten bei diesen Tätigkeiten unsere selbstverständlichen Verpflichtungen.