Der hinkende Bote

Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten

Familiengeschichte IV
Der andere Großvater, 1897 geboren, war im passenden Alter, um von 1916 bis 1918 auf irgendwelche Franzosen, die er nicht kannte und die ihm nichts getan hatten, zu schießen. Das hat ihm nicht gefallen und so wurde er Sozialdemokrat, ob er bei der Revolution 1918/19 mitgemacht hat, weiß ich nicht, er wurde aber daraufhin Republikaner. Etwa 1920 fing er als Streckenarbeiter bei der Reichsbahn an und wurde einige Jahre später Vorarbeiter, um dann 1931 oder 1932 im Stellwerk des örtlichen Bahnhofes, als stellvertretender Leiter den Gipfel seiner Karriere zu erreichen. Ein regelmäßiges Einkommen während der Wirtschaftskrise war für einen Familienvater nicht zu verachten.

Am 1. Mai 1933 sollten alle die Hakenkreuzfahne hissen. Er holte seine SPD-Flagge aus dem Schrank und hängte sie vor die Haustüre. Am nächsten Tag kam ein Arbeitskollege zu ihm und sagte:

„Wenn du das nächstes Jahr noch ein mal machst, kommen wir dich besuchen.“

Der Arbeitskollege war Mitglied in einem SA-Sturm. Daraufhin hat Opa das Flaggenhissen gelassen und sich auf gelegentliche Schimpfereien beschränkt, er war kein Widerstandskämpfer und schon gar kein Held.

Ein Eigensinniger, ein Eigenbrötler und anarchischer Rebell war er Zeit seines Lebens und als er Anfang der 70er Jahre in Rente ging, war er zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben mit der Regierung einverstanden.

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jean stubenzweig, Mittwoch, 12. Mai 2010, 08:27
Der einzige war er
wohl kaum, damals, als eben nicht alles und jeder schlecht war. Wenn es sicherlich auch besser gewesen wäre, Deutschland gätte noch ein paar Elsers mehr gehabt. Jedenfalls sehe ich das so, seit ich Anfang der Neunziger mit Hellmuth G. Haasis in Kontakt kam, der begonnen hatte, sich mit dem «Bombenleger» zu beschäftigen und 1999 eine Biographie vorlegte, die 2009 neu herauskam. Ich könnte mir vorstellen, der andere Großvater hätte das auch gerne gelesen. Auch wenn er kein Widerstandskämpfer war.

g., Donnerstag, 13. Mai 2010, 05:12
Ja, der Georg Elser erinnert mich in mancher Hinsicht an meinen Großvater, v.a. dieses eigenbrötlerische, verquere, sich nicht beugen wollen. Allerdings war mein Großvater 1933 schon biederer Familienvater mit 6 Kindern und meine Großmutter hätte niemals zugelassen, dass er Dinge tat, die die Familie gefährdeten. Elser war wohl eher ein (notgedrungener) Vagabund. Die Biografie hört sich interessant an, können Sie sie empfehlen?

jean stubenzweig, Donnerstag, 13. Mai 2010, 12:16
Die Biographie habe ich lediglich in Auszügen gelesen. Aber ich schätze den vielleicht etwas eigenbrötlerischen, verqueren, nein, ungemein sympathischen Autor sehr, alle seine Geschichten (einige sind in weiterblättern ausgestellt) mochte ich immer und mag sie bis heute. Er war es auch, der mir mit zu einer unakademischeren Betrachtungsweise von Geschichte verholfen hat. Und zudem stieß er mir ein wenig die Tür zu einer Welt auf, die ich ihrer Rätselhaftigkeit wegen immer gemieden habe: die zur schwäbischen Geisteshaltung

Überhaupt also mag ich ihn empfehlen. Haasis hat früher, da er, vermutlich seiner Streitbarkeit wegen, häufig keinen arrivierten Verlag mit verkaufsträchtigerem Vertrieb fand, einen Teil seiner Schriften in winzige Häuslein verlagert, quasi selbst verlegt, und das auch noch bibliophil beachtenswert. Gerne denke ich dabei an seine Geschichte vom Joseph Süß, die ich früher gerne empfohlen und auch verschenkt habe.

Haasis ist im Georg-Elser-Arbeitskreis ja in einigen Punkten auch erwähnt (Archiv/Personen). Seine Elser-Biographie ist 2009 bei Nautilus neu erschienen.

Angeregt von diesem Kommentar werde ich ihn wohl bei mir nochmal verwursten, da es bei mir noch ein paar ortsfremde Hingucker gibt. Ich bitte um Vergebung.

damals, Donnerstag, 27. Mai 2010, 14:28
Nur mal so als Vergleich
Schöne Geschichte. Sie erinnerte mich an meinen Großvater, der nahezu derselbe Jahrgang war und ebenfalls Sozialdemokrat und Eisenbahner. Ich wünschte, er wäre es geblieben. Er hat die Revolution mitgemacht, sogar ganz am Anfang, bei der Marine in Wilhelmshaven. Ich hab ihn als Kind mal gefragt, wie das war, und er meinte bloß: „Schön. Wir konnten alle nach Hause gehen.“ Zu Hause jedenfalls trat er – wie sein Bruder – in die SPD ein. Er war Schlosser und nach Hamburg zu Blohm und Voss wollte seine Frau nicht und ins „Werk“ (seine Heimatstadt war nichts anderes als die Arbeitersiedlung eines großen Chemiewerks), dazu hatte er keine Lust. Also ging er zur Bahn, wurde Lokomotivführer. Sein Bruder fing beim Bauamt der Stadt an (natürlich war die Stadt SPD-regiert). Der Bruder verschaffte meinem Großvater einen Posten im Finanzamt und half ihm auch beim Bau eines Hauses. Mitfinanziert wurde es durch den Konsum (die KPD-nahe Ladenkette), die im Erdgeschoss einen Tante-Emma-Laden einrichtete. 1933 übernahm ein frisch eingetretener Nazi den Laden und der Bruder flog raus beim Bauamt. Meinen Großvater ließen sie ein bisschen zittern („Sind Sie der Bruder des berüchtigten …?“), aber dann akzeptierten sie seinen Aufnahmeantrag in die Staatspartei. Er wurde auf den Führer vereidigt und durfte im Finanzamt bleiben. Sein Bruder war lange arbeitslos und wurde bei Kriegbeginn zu der nun wirklich berüchtigten Organisation Todt (Militärbau) eingezogen. Er war nur noch selten zu Hause und erschoss sich 1945 mit der Dienstpistole. Mein Großvater entging dem Kriegsdienst. Nur zum Volkssturm musste er ganz zum Schluss, aber da war schon ziemliches Chaos und seine ganze Truppe ist geschlossen desertiert. Nach 45 wurde er problemlos entnazifiziert, aber er musste fortan doch im Werk arbeiten (wodurch sein Sohn, mein Vater, zum Arbeiterkind wurde und gute Karrierechancen hatte). Es geht uns allen gut, aber die Depression lastet noch heute auf meiner Familie.

g., Samstag, 29. Mai 2010, 05:20
Danke.