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Fundstücke 29. – 32. KW
g. | Freitag, 10. August 2012, 07:32 | Themenbereich: 'Fundstuecke'
Hintergründe und Sichtweisen:
Der deutsch-amerikanische Rassismus des Thilo Sarrazin
RAUL ZELIK Die Krise der Repräsentation, aus linksradikaler Perspektive betrachtet: Liquid Democracy könnte das Rätemodell von morgen sein (ohne die Reflexion von volonté general und volonté de tous geht’s aber nicht, sach ich mal.) via adresscomptoir
Vor 150 Jahren wurde der "Hobrecht-Plan" zur Bebauung der Umgebung Berlins veröffentlicht
Politik und Religion im liberalen Rechtsstaat
Religion versus Selbstbestimmung: Zur Debatte um die männliche Beschneidung (Die Debatte in den Kommentaren ist ungewöhnlich sachbezogen)
Der Blick der Psychotherapeuten auf die Beschneidungsdebatte
Albrecht Müller: Sozialstaat ist mehr als Sozialtransfer
Ingrid Müller-Münch: "Die geprügelte Generation - Kochlöffel, Rohrstock und die Folgen"
Kipping und Schlömer suchen vergeblich nach Gemeinsamkeiten
Wolfgang Wippermann über das KPD-Verbot 1956
Kulturhistoriker über Klischees und Defizite der deutschen Esskultur
kluges und interessantes:
Die Türen der Wahrnehmung: Warum Amerikaner beinahe alles glauben (das wird bei den Deutschen nicht anders sein)
Heiko Werning über Human-Animals Studies, dem akademische Arm des Veganismus
AYING: Tradition und Toleranz (oder: Das gute Leben)
Der Blickwechsel der Kulturen
Schluss mit dem Bankenretten!
Interview mit Noam Chomsky
Über Kathrin Fischer: "Generation Laminat. Mit uns beginnt der Abstieg"
KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 4/12
Zu Literatur und Sprache
Deutsche Untergrundliteratur zwischen DA & JETZT …
Literaturmagazin (hatten wir das schon einmal?)
Wolfram Schütte über William Faulkner: Als ich im Sterben lag
Eine virtuelle Bibliothek (fragen Sie mich nicht was das soll)
31 Fragen an die geneigte Leserin/den geneigten Leser
Geschichten von Liebe und Tod, von Gelehrsamkeit, freier Liebe und Perversion, von Autostoppern, vom Lehrer Gregor, der jede Schülerin Bärbel und jeden Schüler Moritz nennt, von abnormalen Goldhamstern, von mysteriös wandernden Geschirrspülmitteln und Tätern mit fehlendem Gedächtnis. Über Jens Dittmar: Als wär’s ein Stück Papier
Pieke Biermann über: Günther Anders: Die molussische Katakombe und über Günther Anders: Die Kirschenschlacht - Dialoge mit Hannah Arendt
Heiko Arntz (Hrsg.): Der komische Kanon. Deutschsprachige Erzähler 1499 - 1999
Werkstattporträt 1: Woran die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff gerade arbeitet
Neue Wörter und Wendungen:
„wehrlosen Kindern die Köpfe zu tätscheln“ (Gsella)
Elternschaftswahn (Parentesismus)
Über Dörrleichen, Meuchelpuffer und Jungfernzwinger
„Fürzefänger“ (Werfel über Kraus)
katagrapho, gr. ich schreibe herab
der Mehrparteiendemokrat Schily
„Party-Pooper des Jahrtausends“
Die Verbesserung von Welt, Gesundheit oder Laune
amüsantes:
Books on Demand
Sie kennen ja sicher die Theorie von Ursache und Wirkung und sowieso hängt alles mit allem zusammen.
More Hezarfen
Die Kopfschüttlerin war so freundlich mir ein Kleinod zu schenken, ein treffliches Beispiel politischer Korrektheit (Ich denke bei manchen Leuten sofort an den bedreadlockten Momo aus der Lindenstraße)
Lesen im Bett
Franz Dobler erzählt einen Witz
Bier-Bikes gibt es schon lange
Fahrradtypen im Modetest
so dies und das:
Beschneidung als Mittel gegen Onanie
»Generäle essen gerne Erdbeereis und trinken ab und zu mal ein Bier«
Could be worse
Eine Liebesgeschichte
GLASNOST
Marx-Engels-Gesamtausgabe
Entwicklung des Hochfrequenzhandels an den Börsen. Eine anschauliche Grafik für die Notwendigkeit der Transaktionssteuer via fefe
kluges und interessantes:
Zu Literatur und Sprache
Neue Wörter und Wendungen:
amüsantes:
so dies und das:
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Reisejournal Sizilien Frühjahr 2012 (16)
g. | Donnerstag, 9. August 2012, 07:17 | Themenbereich: 'auf Reisen'
Montag 11. Juni 2. Teil
Ausflug nach Monreale, ein Bergstädtchen, acht Kilometer von Palermo entfernt, das durch die Stadtbusse erreichbar ist. Nur Franzosen und Deutsche fahren mit dem Stadtbus, Amerikaner usw. bevorzugen anscheinend das organisierte Reisen. Na ja, vielleicht auch nicht. Das Örtchen selber – recht hübsch am Hang des Monte Caputo über der Conca d’Oro gelegen, der goldenen Muschel, wie die Bucht von Palermo von manchen genannt wird.
Bei klarem Wetter wäre die Sicht überwältigend.
Beherrscht wird der Ort durch den größten und prächtigsten Dom Siziliens.

Der Dom wurde ab 1174 vom Normannenkönig Wilhelm II erbaut. Die Normannen waren vom Papst gerufen worden, um die Araber zu vertreiben. Das hatten sie gemacht, sich aber in der Folge nicht daran hindern lassen arabische Baumeister für ihre Zwecke einzuspannen. Das merkt man dem Dom an.

Das angrenzende Benediktinerkloster ist ebenfalls im arabisch-byzantinischen Stil gebaut.
Die Kapitelle der Säulen sind mit vielerlei Darstellungen verziert.
Hier wird die Kirche vom normannischen Erbauer an die Kirche übergeben.
Am frühen Nachmittag sind wir wieder im Quartier. Mittagsschlaf und dann der obligatorische Rundgang durch den Ort mit anschließendem Sundowner auf der Piazza.
Ausflug nach Monreale, ein Bergstädtchen, acht Kilometer von Palermo entfernt, das durch die Stadtbusse erreichbar ist. Nur Franzosen und Deutsche fahren mit dem Stadtbus, Amerikaner usw. bevorzugen anscheinend das organisierte Reisen. Na ja, vielleicht auch nicht. Das Örtchen selber – recht hübsch am Hang des Monte Caputo über der Conca d’Oro gelegen, der goldenen Muschel, wie die Bucht von Palermo von manchen genannt wird.
Bei klarem Wetter wäre die Sicht überwältigend.
Beherrscht wird der Ort durch den größten und prächtigsten Dom Siziliens.

Der Dom wurde ab 1174 vom Normannenkönig Wilhelm II erbaut. Die Normannen waren vom Papst gerufen worden, um die Araber zu vertreiben. Das hatten sie gemacht, sich aber in der Folge nicht daran hindern lassen arabische Baumeister für ihre Zwecke einzuspannen. Das merkt man dem Dom an.

Das angrenzende Benediktinerkloster ist ebenfalls im arabisch-byzantinischen Stil gebaut.
Die Kapitelle der Säulen sind mit vielerlei Darstellungen verziert.
Hier wird die Kirche vom normannischen Erbauer an die Kirche übergeben.
Am frühen Nachmittag sind wir wieder im Quartier. Mittagsschlaf und dann der obligatorische Rundgang durch den Ort mit anschließendem Sundowner auf der Piazza.
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Reisejournal Sizilien Frühjahr 2012 (Zwischenstück)
g. | Mittwoch, 8. August 2012, 06:33 | Themenbereich: 'auf Reisen'
Wohin des Wegs, meine Damen?
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Reisejournal Sizilien Frühjahr 2012 (15)
g. | Dienstag, 7. August 2012, 06:43 | Themenbereich: 'auf Reisen'
Montag 11. Juni 1. Teil
Der Höllenlärm um halb sieben liegt nicht an der Müllladerin, die heute Dienst hat. Heute werden Flaschen abgefahren.
Morgendliche Lesestunde: Victor Klemperer ist Aufseher des sächsischen Bildungsministerium über die Abiturprüfungen einiger Schulen:
Der Höllenlärm um halb sieben liegt nicht an der Müllladerin, die heute Dienst hat. Heute werden Flaschen abgefahren.
Morgendliche Lesestunde: Victor Klemperer ist Aufseher des sächsischen Bildungsministerium über die Abiturprüfungen einiger Schulen:
„In ZSCHOPAU: der entsetzliche Kasernengeruch des alten Lehrerseminars nach Essen, Dumpfigkeit etc., der Speisesaal mit seinen rohen Tischen u. dem Fraß darauf, die Schlafsäle Bett bei Bett – weiß überzogen, das ist der ganze Unterschied einstiger Kaserne gegenüber. – Der kriechende lavierende Leiter, Oberstudiendirector Singer, hilflos. Das Mittagsbrod in seiner Familie, Frau, Tochter, Lehrerin, Sohn stud neophil, Tochter Schülerin. Tischgebet. Mein brutales Auftreten gegen die Lehrer, sie ungeheure Verkommenheit u. Schaumschlägerei des Lehrbetriebs. – [...] Der biedere Fabrikdirector im Zuge, der mir nachgereist war, der mir die im Hôtel liegen gebliebene Rasierseife überreichte – mit der Bitte, seine in der »Dreistufigen« zurückgewiesene Tochter doch noch zum mündlichen Examen zuzulassen. Ich überzeugte ihn davon, daß es besser sei, das Mädel vom Studium fernzuhalten. Eine wahre Lustspielscene. Unglück über Unglück: der Procurist habe 62000 M. unterschlagen u. nun falle die Tochter durchs Examen! Dies ging ihm ständig durcheinander. Und dann die Frauen! Müssen die Mode des Abiturs mitmachen, bloß weil es Mode sei, bloß weil die Mutter ehrgeizig sei! Er selber habe immer gesagt: heiraten oder in kaufmännische Stellung! Es war sehr komisch, von Zschopau bis Dresden, drei Stunden lang. Und wie der Mann mich ausbaldowert hatte. – In Zschopau das entsetzlichste KleinSTbürgertum, in der Fletscher-Schule die qualvolle Rohheit des Proletariats – in der Dreistufigen endlich Menschen mit Kinderstube u. kultureller Erbmasse.“
(Victor Klemperer: Tagebücher S. 169/170 10. März 1930 )
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Que sera
g. | Montag, 6. August 2012, 06:45 | Themenbereich: 'so dies und das'
Die Kopfschüttlerin hatte mich vor ein paar Tagen über das Flugwesen zu Manfred Krug geführt:
„Que sera “
Das kenn ich doch, aus uralten Zeiten, dachte ich und dann fiel es mir wieder ein. Na klar, es ist Jose Feliciano:
Die Adaption von Manne Krug ist okay, die von Erkan Aki nich so (für meinen Geschmack).
Manche Sachen von Jose Feliciano sind auch heute noch gut hörbar.
Wobei man (ich zumindest) den Titel „Que sera“ kaum lesen kann ohne an Doris Day zu denken. „Que sera, sera“ ist aber ein völlig anderes Lied.
„Que sera “
Das kenn ich doch, aus uralten Zeiten, dachte ich und dann fiel es mir wieder ein. Na klar, es ist Jose Feliciano:
Die Adaption von Manne Krug ist okay, die von Erkan Aki nich so (für meinen Geschmack).
Manche Sachen von Jose Feliciano sind auch heute noch gut hörbar.
Wobei man (ich zumindest) den Titel „Que sera“ kaum lesen kann ohne an Doris Day zu denken. „Que sera, sera“ ist aber ein völlig anderes Lied.
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Schnipsel
g. | Freitag, 3. August 2012, 07:20 | Themenbereich: 'so dies und das'
Manchmal lese ich irgendwo etwas und es fällt mir dazu etwas mehr oder weniger Komisches oder Kluges ein, das schreibe ich dann auf:
- „In einer gerechten Welt gäbe es kein Wetter.“ Stimmt. Also, denke ich auch, manchmal.
- „Sie hat einen Riss im Lätzchen.“ Der Satz lässt sich problemlos auch auf die andere Hälfte der Menschheit umschreiben.
- Wenn Sie meinen das meinen zu müssen, will ich zu ihrem Meinen auch nicht gegenmeinen.
- Deutsch lernende Kanadier finden das Wort 'Fleischwolf' toll. Ich finde das Wort 'Fleischwolf' auch toll.
- „Die Piraten … sind … nicht mehr als eine chaotisierte Form der FDP.“ (Campino) Da ist was dran.
- „Würd ich mich tausendmal lieber von Steve McQueen überfahren lassen.“ Aus der Reihe: Sätze für die Ewigkeit.
- „Das sieht so modern aus, als ob man sich die frische Luft aus dem Internet runterladen müsste.“ Von Hier und das ist auch schön: „Das Haus ist wie eine überfahrene Kröte.“
- Ich glaube, ich muss mal über die ganzen Arschkrampen, die ich in meinem Leben getroffen habe eine zusammenfassende Würdigung schreiben. So ne bunte Mischung.
- Was, Frau Radisch, ist bitteschön eine "weibliche Poetenperspektive"? Tja? Tja!
- „mittendrin hockte dieser verfluchte Mahatma Gandhi im Schneidersitz und hörte jedes Mal auf zu essen, wenn ihm irgendetwas missfiel.“ Lässt Jonas Jonasson seinen Churchill sagen. Also so ein bisschen irgendwie bin ich da ja auf Churchills Seite.
- „Die Hölle ist jener Ort, dessen wir uns nicht versichern wollen. Wir weisen ihn mit einer ausholenden Geste von uns, als wäre er nicht Teil der Welt, als wäre er zumindest nicht jenes Teiles angehörig, auf den wir Anspruch erheben. Eine unserer liebsten Thesen auf unserem Absicherungskurs ist die Motivation des Anderen, der immer der Ferne ist. Nicht wir foltern, sondern der andere foltert, weil er böse ist, weil ihn seine Mutter geschlagen hat, weil ihn sein Vater vergewaltigt hat.
Rasch haben wir uns mit einer These aus dem Staub gemacht, allzumal mit einer These, die uns außer Acht lässt. Wir kommen darin nicht vor. Wie sollten wir auch. Wir sind weder Opfer noch Täter, sind die stillen Beobachter, die sich in die Daunenkissen der vermeintlichen Gewissheit kuscheln.“ Von hier.
Da ist was dran; da ist mehr dran als an Adornos Satz vom richtigen Leben, das es ihm falschen nicht gäbe. Wobei gegen die Thesenbildung nur dann etwas einzuwenden ist, wenn sie nur ohne uns auskommt. Und weiter:
„In »Reflexionen über Henker und Opfer« schreibt Bataille: »Es gibt in einer bestehenden Form moralischer Verurteilung eine kaum greifbare Form der Leugnung. Man sagt letztlich: Zu dieser Gemeinheit wäre es nicht gekommen, wenn es nicht Ungeheuer von Menschen gegeben hätte. Bei diesem Gewalturteil macht man einen Schnitt zwischen den Ungeheuern und dem Möglichen. Man klagt sie implizit an, die Grenze des Möglichen zu überschreiten, statt zu sehen, dass gerade ihre Überschreitung diese Grenze bestimmt.«
„Wir tragen alle Möglichkeiten in uns, sind Henker und Opfer zugleich. Da sollte man nicht zu rasch vorüber eilen…“
„Gutmenschen sind vielleicht die unehrlichsten Teufel unter allen höllischen Plagegeistern, also jene, die sich stets heraus nehmen, sich somit aller Menschlichkeit berauben.“ Das könnte man auch mal jemandem, der es verdient, unter die Nase reiben. Zum Nachdenken anregen würde es aber wohl nicht.
„Die Möglichkeiten von Lebensläufen vereiteln schlicht den einen oder anderen Gang. Der eine endet am Kreuz, der andere schlägt die Nägel.“ - Gutmenschen als unheimliche Emergenz des Systems (welches System weiß ich gerade nicht: Internet, Kapitalismus, Moderne, Protestantismus oder was weiß ich.)
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Reisejournal Sizilien Frühjahr 2012 (Zwischenstück)
g. | Donnerstag, 2. August 2012, 07:00 | Themenbereich: 'auf Reisen'
Dieses rätselhafte Gebäude steht am Ortsrand von Santo Stefano di Canestra. Vor dem Gebäude führt der Fußweg zu Bahnhof und Hafen, hinter dem Gebäude ist die Ortzufahrt. Vier Stockwerke und eine Außentreppe, aber kein Raum, der irgendeine Funktion erfüllt. Die obersten zwei Stockwerke haben einen Sichtschutz aus Beton mit einem schmalen Durchlass. Dahinter könnte man sich umkleiden oder ein Urinal verstecken. Das unterste Stockwerk ist ein einfacher Raum mit vier Wänden und einer Tür nach außen, mit Sperrmüll zur Hälfte gefüllt. Das zweite Stockwerk ist ebenfalls mit einer Art Tür versehen, sogar Fenster wurden eingebaut. Zuerst dachte ich, vielleicht sollte das mal so eine Art Maisonettewohnung werden, aber wenn man in einen andren Raum möchte, müsste man über die Außentreppe gehen. Was könnte das nur für ein Gebäude sein?
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Reisejournal Sizilien Frühjahr 2012 (14)
g. | Mittwoch, 1. August 2012, 06:40 | Themenbereich: 'auf Reisen'
Sonntag 10. Juni 2. Teil
Zwischen Castel di Tusa und Santo Stefano liegt das Fiumara d’Arte, das Tal der Kunstwerke. Wir haben dann doch darauf verzichtet, uns einen Leihwagen zu nehmen und die ganzen Kunstwerke abzufahren.
Der Tag war heiß, aber nicht drückend. Leichter Wind von See her. Nach dem Mittagsschlaf habe ich das Jahr 1929 in den Tagebüchern fertig gelesen. Seltsam: kein einziger Satz zur Weltwirtschaftskrise.
Wir schlendern am Abend noch eine Runde durch den Ort und gehen dann zu unserem üblichen Sundowner auf die Piazza del Duomo. Viel Auftrieb am Sonntagabend, mehr als doppelt so viel Leute wie an anderen Tagen. Wir setzen uns und bestellen, wie üblich. Viele Ältere, viele Frauen. Eine Dame, einige Tische neben uns, regt sich über die Kleidung der jüngeren Frauen auf und sieht missbilligend auf ein Paar das sich küsst. Unruhe vor dem Dom. Nacheinander kommen Abordnungen der verschiedenen Kirchengemeinden der Stadt auf den Platz. An der Spitze jeweils ein kräftiger Mann mit Standarte, danach fünf bis zehn Männer mit unterschiedlich gefärbten Schärpen: die Roten, die Gelben, die Violetten, usw. Auf den Standarten sind die Wappen (sagt man bei Kirchengemeinden so?) und Bezeichnungen der Gemeinden aufgestickt. Die Violetten haben eine Blaskapelle von ca. 30 Personen. Einer der Tubabläser, ein Bär, unrasiert, trägt eine Sonnenbrille und sieht sehr verwegen aus.
„Das ist sicher der Knochenbrecher der örtlichen Mafia.“
„Ach was, das ist ein ganz lieber Bär, der arbeitet unter der Woche in einem Eisenwarengeschäft.“
Der erste Trommler schlägt mechanisch den Rhythmus und lässt seine Blicke schweifen, der zweite Trommler ist erst sieben oder acht Jahre alt und erledigt das Trommeln hoch konzentriert. Die beiden Paukisten quatschen die ganze Zeit miteinander und flirten mit den Damen am Wegesrand.
Die Gruppen verschwinden nach und nach im Dom. Nach etwa einer halben Stunde kommen sie wieder hervor und bauen sich geordnet auf dem Platz auf. Am Anfang, in der Mitte und am Ende des Zuges werden nunmehr Lautsprecher, die über Funk miteinander verbunden sind, an hohen Stangen mitgeführt. Am Schluss marschieren bzw. wanken die Gelben, die unter einem Baldachin irgendeine Reliquie irgendeines örtlichen Heiligen mit sich führen. Der Bischof erzählt über die Lautsprecher irgendetwas Christliches („Misericordia“ usw.), die Musik setzt ein, der Zug singt ein Lied. Die Dame neben uns stimmt in das Lied ein und folgt dem Zug.
Wenn ich den Fotoapparat heute nicht in der Wohnung gelassen hätte ...
Wir bezahlen unsere Rechnung und gehen zum Abendessen: Involtini di pesce spada, sehr lecker.
Zwischen Castel di Tusa und Santo Stefano liegt das Fiumara d’Arte, das Tal der Kunstwerke. Wir haben dann doch darauf verzichtet, uns einen Leihwagen zu nehmen und die ganzen Kunstwerke abzufahren.
Der Tag war heiß, aber nicht drückend. Leichter Wind von See her. Nach dem Mittagsschlaf habe ich das Jahr 1929 in den Tagebüchern fertig gelesen. Seltsam: kein einziger Satz zur Weltwirtschaftskrise.
Wir schlendern am Abend noch eine Runde durch den Ort und gehen dann zu unserem üblichen Sundowner auf die Piazza del Duomo. Viel Auftrieb am Sonntagabend, mehr als doppelt so viel Leute wie an anderen Tagen. Wir setzen uns und bestellen, wie üblich. Viele Ältere, viele Frauen. Eine Dame, einige Tische neben uns, regt sich über die Kleidung der jüngeren Frauen auf und sieht missbilligend auf ein Paar das sich küsst. Unruhe vor dem Dom. Nacheinander kommen Abordnungen der verschiedenen Kirchengemeinden der Stadt auf den Platz. An der Spitze jeweils ein kräftiger Mann mit Standarte, danach fünf bis zehn Männer mit unterschiedlich gefärbten Schärpen: die Roten, die Gelben, die Violetten, usw. Auf den Standarten sind die Wappen (sagt man bei Kirchengemeinden so?) und Bezeichnungen der Gemeinden aufgestickt. Die Violetten haben eine Blaskapelle von ca. 30 Personen. Einer der Tubabläser, ein Bär, unrasiert, trägt eine Sonnenbrille und sieht sehr verwegen aus.
„Das ist sicher der Knochenbrecher der örtlichen Mafia.“
„Ach was, das ist ein ganz lieber Bär, der arbeitet unter der Woche in einem Eisenwarengeschäft.“
Der erste Trommler schlägt mechanisch den Rhythmus und lässt seine Blicke schweifen, der zweite Trommler ist erst sieben oder acht Jahre alt und erledigt das Trommeln hoch konzentriert. Die beiden Paukisten quatschen die ganze Zeit miteinander und flirten mit den Damen am Wegesrand.
Die Gruppen verschwinden nach und nach im Dom. Nach etwa einer halben Stunde kommen sie wieder hervor und bauen sich geordnet auf dem Platz auf. Am Anfang, in der Mitte und am Ende des Zuges werden nunmehr Lautsprecher, die über Funk miteinander verbunden sind, an hohen Stangen mitgeführt. Am Schluss marschieren bzw. wanken die Gelben, die unter einem Baldachin irgendeine Reliquie irgendeines örtlichen Heiligen mit sich führen. Der Bischof erzählt über die Lautsprecher irgendetwas Christliches („Misericordia“ usw.), die Musik setzt ein, der Zug singt ein Lied. Die Dame neben uns stimmt in das Lied ein und folgt dem Zug.
Wenn ich den Fotoapparat heute nicht in der Wohnung gelassen hätte ...
Wir bezahlen unsere Rechnung und gehen zum Abendessen: Involtini di pesce spada, sehr lecker.
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Reisejournal Sizilien Frühjahr 2012 (Zwischenstück)
g. | Dienstag, 31. Juli 2012, 07:23 | Themenbereich: 'auf Reisen'
Der Gestaltungswille schlägt unbarmherzig auch bei Ferienwohnungen zu.
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Reisejournal Sizilien Frühjahr 2012 (13)
g. | Montag, 30. Juli 2012, 06:29 | Themenbereich: 'auf Reisen'
Sonntag 10. Juni 1. Teil
6:30 Uhr Morgenkaffee auf dem Balkon.
Ein schwarzer Kater streift am noch menschenleeren Strand und an der Uferpromenade umher. Er kontrolliert sein Revier. Na? Alle Mädels noch da? Kein Eindringling?
Ein Mann, Mitte 50, grau meliertes, blondes Haar, kommt mit einer großen Plastiktüte an den Strand, blickt sich um und kontrolliert sorgfältig ob die Tüte ein Loch hat. Dann entkleidet er sich. Schuhe, Hose und Hemd werden sehr sorgfältig in der Tüte verstaut und diese dann zugeknotet. Er prüft nochmals ob die Tüte ein Loch hat und ob genügend Luft in ihr ist. Dann schwimmt er zu der Segeljacht in etwa 50 Meter Entfernung, die Tüte immer vor sich her schiebend.
Zurück zu Klemperer.
Auf dem Bahnhof ist es uns nun schon mehrfach passiert, dass der Schaltermensch uns in sein Büro gewunken hat, um uns in fließendem Englisch die Fahrkarten zu verkaufen und uns darauf hinzuweisen, dass die Fahrkarten noch gestempelt werden müssen. Außerdem schrieb er uns unaufgefordert die Abfahrtszeiten von Santo Stefano für den Rückweg auf einen Zettel. Diese und einige weitere Erfahrungen, etwa mit Polizia Local und Carabinieri, verstärken den Eindruck, dass auf Sizilien große Anstrengungen gemacht werden, öffentliche Angelegenheiten bürgerfreundlich zu gestalten. Wenn ich an Neapel, Salerno, ... zurückdenke, scheint das ein Unterschied zu Kalabrien zu sein, wo solche Erlebnisse von Hilfsbreitschaft und Zuvorkommen nur auf dem Land alltäglich-selbstverständlich waren. Fragt sich, ob der Eindruck nur zufällig ist und ob er zutreffend und mit den Bemühungen, die Mafia bedeutungslos zu machen, zusammenhängt?
Okay, ich spekuliere.
Die kurze Fahrt nach Santo Stefano führt uns wieder einmal vor Augen, dass die Familie Pronto eine weitverzweigte Verwandtschaft in Italien hat und anscheinend ein bestimmtes Klingelzeichen auf dem telefonino bevorzugt.
Santo Stefano liegt auf einer Anhöhe etwa hundert Meter über dem Meer. Es ist Sonntagmorgen, die Leute sind noch etwas müde, sitzen in den Bars oder besuchen den Gottesdienst.
Wer für einen Espresso keine Kohle hat, steht auf dem Platz unter den Bäumen und quatscht eine Runde.
Die alten Strategen sitzen in der societá operaia und machen sich einen schönen Tag.
Vom Belvedere hat man einen schönen Blick auf die Autobahn.
Aber eigentlich ist die Via del Palme sehr schön, nur eben menschenleer.
Santo Stefano ist ja die Città delle Ceramiche und so verkaufen vier von fünf Keramikläden auf der Hauptstraße Touristenmüll, der vermutlich in China gefertigt wurde. Richtig liebevoll ist hingegen das Heimatmuseum der Stadt eingerichtet. Traditionelle Keramik wie diese Bodenfliesen
oder dieses Bild

werden neben modernen Formen
ausgestellt. Da kann einem schon einiges gefallen.
Natürlich nicht alles.
Das Herz der Angebeteten aufschließen und den Schlüssel für immer verlieren, ist zweifellos eine erfolgreiche Strategie.
6:30 Uhr Morgenkaffee auf dem Balkon.
Ein schwarzer Kater streift am noch menschenleeren Strand und an der Uferpromenade umher. Er kontrolliert sein Revier. Na? Alle Mädels noch da? Kein Eindringling?
Ein Mann, Mitte 50, grau meliertes, blondes Haar, kommt mit einer großen Plastiktüte an den Strand, blickt sich um und kontrolliert sorgfältig ob die Tüte ein Loch hat. Dann entkleidet er sich. Schuhe, Hose und Hemd werden sehr sorgfältig in der Tüte verstaut und diese dann zugeknotet. Er prüft nochmals ob die Tüte ein Loch hat und ob genügend Luft in ihr ist. Dann schwimmt er zu der Segeljacht in etwa 50 Meter Entfernung, die Tüte immer vor sich her schiebend.
Zurück zu Klemperer.
„Und ich sehe, zum erstenmal sehe ich wirklich, das spanische, französische, italienische Nordafrika in seiner Lage, ich sehe Aegypten u. das heilige Land, wie sie im Raum liegen, ich sehe Griechenland, Macedonien u. Kleinasien, und so vieles was mir nur Literatur, Märchen, Phantom war, wird mir jetzt körperhaft klar u. reale Gegebenheit. Weil ich nun eben die Karte ERLEBE. – Ich sage mir: das KLEINE Hellas, das KLEINE Italien. Die Schiffsschraube am Fahrzeug Europa. Das KLEINE Europa. Immer sind es kleine Völker, kleine Länder, kleine Gruppen gewesen, die geführt haben, u. innerhalb der kleinen Gruppen EINZELNE. Wie ist es möglich, materialistische, collektivistische Lehren aus der Geschichte zu ziehen?“Heute steht Santo Stefano di Canestra, Città delle Ceramiche, auf dem Programm.
(Victor Klemperer: Tagebücher S. 85 12. August 1929, auf einem Frachter im Golf von Oran.)
Auf dem Bahnhof ist es uns nun schon mehrfach passiert, dass der Schaltermensch uns in sein Büro gewunken hat, um uns in fließendem Englisch die Fahrkarten zu verkaufen und uns darauf hinzuweisen, dass die Fahrkarten noch gestempelt werden müssen. Außerdem schrieb er uns unaufgefordert die Abfahrtszeiten von Santo Stefano für den Rückweg auf einen Zettel. Diese und einige weitere Erfahrungen, etwa mit Polizia Local und Carabinieri, verstärken den Eindruck, dass auf Sizilien große Anstrengungen gemacht werden, öffentliche Angelegenheiten bürgerfreundlich zu gestalten. Wenn ich an Neapel, Salerno, ... zurückdenke, scheint das ein Unterschied zu Kalabrien zu sein, wo solche Erlebnisse von Hilfsbreitschaft und Zuvorkommen nur auf dem Land alltäglich-selbstverständlich waren. Fragt sich, ob der Eindruck nur zufällig ist und ob er zutreffend und mit den Bemühungen, die Mafia bedeutungslos zu machen, zusammenhängt?
Okay, ich spekuliere.
Die kurze Fahrt nach Santo Stefano führt uns wieder einmal vor Augen, dass die Familie Pronto eine weitverzweigte Verwandtschaft in Italien hat und anscheinend ein bestimmtes Klingelzeichen auf dem telefonino bevorzugt.
Santo Stefano liegt auf einer Anhöhe etwa hundert Meter über dem Meer. Es ist Sonntagmorgen, die Leute sind noch etwas müde, sitzen in den Bars oder besuchen den Gottesdienst.
Wer für einen Espresso keine Kohle hat, steht auf dem Platz unter den Bäumen und quatscht eine Runde.
Die alten Strategen sitzen in der societá operaia und machen sich einen schönen Tag.
Vom Belvedere hat man einen schönen Blick auf die Autobahn.
Aber eigentlich ist die Via del Palme sehr schön, nur eben menschenleer.
Santo Stefano ist ja die Città delle Ceramiche und so verkaufen vier von fünf Keramikläden auf der Hauptstraße Touristenmüll, der vermutlich in China gefertigt wurde. Richtig liebevoll ist hingegen das Heimatmuseum der Stadt eingerichtet. Traditionelle Keramik wie diese Bodenfliesen
oder dieses Bild

werden neben modernen Formen
ausgestellt. Da kann einem schon einiges gefallen.
Natürlich nicht alles.
Das Herz der Angebeteten aufschließen und den Schlüssel für immer verlieren, ist zweifellos eine erfolgreiche Strategie.
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Reisejournal Sizilien Frühjahr 2012 (12)
g. | Freitag, 27. Juli 2012, 07:09 | Themenbereich: 'auf Reisen'
Samstag 9. Juni
Noch etwas müde von der kurzen Nacht. Meine morgendliche Klemperer-Lektüre beschert mir:
Voßler, bei dem Victor Klemperer studiert hat, ist zu Besuch in Dresden.
Das italienische Ehepaar, das neben uns wohnt, ist immer noch stinksauer über die Ruhestörung der letzten Nacht. Sie teufeln herum und durch die geöffnete Balkontüre schwappt der eine oder andere Satz zu uns herüber. Über das Spanische kann ich einen Teil davon verstehen. (Übrigens: es scheinen sehr nette Leute zu sein. Wenn man nur ausreichend Italienisch könnte.)
Rundgang durch den Ort, Frühstück. So nach und nach versammelt sich Stadt und Umland am Strand.

Eine Kugel Eis im Brötchen, wie es viele Einheimische als Zwischenmahlzeit bevorzugen? Ach nein, besser nicht. Man muss nicht alles ausprobieren.
Die Klemperers machen Urlaub im Tessin.
Noch etwas müde von der kurzen Nacht. Meine morgendliche Klemperer-Lektüre beschert mir:
Voßler, bei dem Victor Klemperer studiert hat, ist zu Besuch in Dresden.
„Am Sonntag Abend erzählte er viel (u. haßerfüllt) von MUSSOLINI, den er für einen Mörder u. skrupellosesten Egoisten hält, ohne tiefere Geistigkeit u. ohne die Macht, Gutes u. Bleibendes zu schaffen. Ichto (?) porco sifilitico habe ihn De Lollis immer genannt. Während der Matteotti-Affäre habe M. sich verloren gegeben u. sich krank zu Bett gelegt. Der Witwe M.’s, die ihn um Hilfe u. Gerechtigkeit anflehte, habe er gesagt, SIE sei jetzt mächtiger als er. Erst als sich niemand gegen ihn erhob, habe er die schleifenden Zügel wieder in die Hand genommen. Er sei ohne persönlichen Mut. (Wirklich?) Er sei ohnmächtig geworden bei einem Attentat, wo die Kugel bloß seine Nase streifte. Als man die Leiche Matteottis suchte u. Muss. machtlos war, erschien im Asino ein Bild. Muss. und ein Negerhäuptling aus den Colonieen. Der Häuptling vertraulich: Eccellenza, MIR können Sie’s doch sagen. Nicht war ihr habt ihn gefressen?! ... Als M. seinen Frieden mit der Kirche machte, sollte auch seine Civilehe kirchlich gesegnet werden. Muss. wollte daraus ein Staatsfest machen. Der Erzbischof von Mailand (?) lehnte das ab: Man könne dem Volk doch nicht zeigen, daß sein Gebieter so lange NEL CONCUBINATO gelebt habe. Der Erzbischof forderte auch Beichte. Muss. war damit einverstanden, er habe einen Priester irgendwo in den Abruzzen zum Freunde. Der Erzbisch. zu einem Freunde: Wieviele Tage hintereinander müsse dieser Mensch beichten! Er könne sich freilich auch in drei Worte fassen: Ho fatto tutto! – V. erzählte auch, wie eine Bande in der Nacht in Croces Palazzo eindrang u. die Fensterscheiben zerbrach. Frau Croce trat den Leuten entgegen u. beschimpfte sie heftig als ehrlos. Worauf sie gedeppt abzogen.“Eine aberwitzige Wahrnehmung des italienischen Faschismus, selbst wenn man in Rechnung stellt, dass die Erzählung von 1928 ist und der Nationalsozialismus erst in den Anfängen sichtbar wird. Wahrscheinlich ist das aber die Wahrnehmung des ‚liberalen’ Bildungsbürgertums dieser Zeit, von demokratischem Bewusstsein keine Spur. Das gilt es im Hinterkopf zu haben, wenn mal wieder von Kommunisten und Nazis, die die Weimarer Republik zerstört hätten, die Rede ist.
(Victor Klemperer: Tagebücher 15. Juni 1928, S. 274)
Das italienische Ehepaar, das neben uns wohnt, ist immer noch stinksauer über die Ruhestörung der letzten Nacht. Sie teufeln herum und durch die geöffnete Balkontüre schwappt der eine oder andere Satz zu uns herüber. Über das Spanische kann ich einen Teil davon verstehen. (Übrigens: es scheinen sehr nette Leute zu sein. Wenn man nur ausreichend Italienisch könnte.)
Rundgang durch den Ort, Frühstück. So nach und nach versammelt sich Stadt und Umland am Strand.

Eine Kugel Eis im Brötchen, wie es viele Einheimische als Zwischenmahlzeit bevorzugen? Ach nein, besser nicht. Man muss nicht alles ausprobieren.
Die Klemperers machen Urlaub im Tessin.
„Ganz italienisch ist die Bevölkerung hier. Wieso eigentlich gehören sie nicht zu Italien? Die Schweiz schlägt einem alle Theorieen vom Wesen einer Nation zuschanden. Aber sie ist Ausnahme.“Oder aber die Theorie, das Nationen ein ‚Wesen’ haben ist Unfug. Damit wäre Klemperers zentrales Paradigma der Literaturbetrachtung allerdings obsolet.
(Victor Klemperer: Tagebücher 5. März 1929, S. 17)
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Reisejournal Sizilien Frühjahr 2012 (Zwischenstück)
g. | Donnerstag, 26. Juli 2012, 07:05 | Themenbereich: 'auf Reisen'
Das Interieur italienischer Regionalzüge ist besonders scheußlich.
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Reisejournal Sizilien Frühjahr 2012 (11)
g. | Mittwoch, 25. Juli 2012, 07:01 | Themenbereich: 'auf Reisen'
Freitag 8. Juni
Kaffeetrinken, Morgenlektüre:
Beim morgendlichen Café mit Cornetto auf der Piazza del Duomo sitzt eine Dame, Mitte 50, am Nebentisch, sehr gestrenges Gesicht. Sie hatte einen Capuccino, ein Cornetto und einen Orangensaft mit hoheitlicher Miene bestellt und hatte nachdem es ihr gebracht wurde an allem etwas auszusetzen. Für ihren Capuccino wollte sie ein Extrakännchen geschäumte Milch und der Blutorangensaft, der hier überall ausgeschenkt wurde passte ihr auch nicht. Sie wartete bis alles bei ihr auf dem Tisch stand und der Kellner wieder weg war, um ihn dann zweimal wieder herbeizurufen, um ihre Ergänzung bzw. ihre Reklamation vorzutragen. Ohne eine Miene zu verziehen, erledigte der Kellner die Anforderungen. Als er an uns vorbeiging, sagte sein Gesicht: Schnepfe!
Sie war wohl nicht der Typ „Apothekersgattin“ sondern die Apothekerin selbst, die auf die Beachtung ihres Standes dringt.
Auf dem Bahnsteig tönt unversehens aus einer Gruppe Italiener eine Stimme, ebenfalls in fliesendem Italienisch, aber mit unverkennbar schwyzerdüteschem Tonfall, unglaublich langsam und betulich. Im Tessin reden sie zwar auch betulich aber nicht so langsam.
Im Nachbarort, etwa 30 Km und 20 Minuten Fahrzeit, in Castel di Tusa (die vielen Burgen haben sie mal gebaut, um Seeräuber abzuwehren und jetzt stehen sie immer noch in der Gegend herum), einem ganz hübschen Städtchen mit einer Burg, einigen Kirchen, dem Strand mit einigen angebrannten Touristen und ein paar Kneipen und Restaurants. In zehn Minuten ist man mit der Besichtigung fertig. Sehr beschaulich.
Als wir wieder in Cefalú ankommen blockiert eine Menge die Türen beim Ausstieg. Ein junger Mann neben uns in der Waggontür brüllt los, man möge doch die Leute zuerst aussteigen lassen. Alles Schimpfen hilft nichts. Wir müssen uns brachial durch die Menge auf dem Bahnsteig kämpfen. Dass Erwachsenen wie Schüler völlig Stulle sind und das Aussteigen blockieren ist in Berlin selten. Meist sind nur die Jugendlichen (und die Touristen aus North Little Rock, Arkansas oder Benelauría, Andalucía) zu doof, um zu begreifen, dass so ein Verhalten für alle nachteilig ist.
14:00 wieder zu Hause. Ein paar Wurst- und Käsebrote, Tomaten, Oliven, eingelegte Carciofi.
Beim Blick von unserem Balkon: Es ist immer wieder auffällig wie extrem unterschiedlich die Körpersprachen der Einheimischen/Touristen und der Krimskrams verkaufenden Nordafrikaner (vermutlich aus Tunesien) sind. Augenfällige Dominanz vs. höfliche Bescheidenheit.
16:30 Klemperer
Der Bräutigam trägt eine Paradeuniform mit Säbel, die Braut in einem schlichten weißen Kleid. Wir gehen weiter und treffen einige hundert Meter entfernt zwei Männer, Ende dreißig, beide in schlecht sitzenden Anzügen. Schlecht sitzend soll heißen: die Hosen etwas zu kurz und die Jacketts spannen sichtbar auf dem Bauch. Einer der Beiden ist ca. 1,90 groß und von gewaltigem Leibesumfang. Zum schwarzen Anzug trägt er ausgelatschte weiße Sneakers. Sie haben sich anscheinend verspätet und eilen der Hochzeitsgesellschaft zu.
Wir schlendern weiter und landen zu einem Campari Soda und einem Bier auf der Piazza del Duomo.
Auf dem Rückweg beobachte ich einen Nordafrikaner, der eine Gruppe Landsleute zusammenscheißt, wahrscheinlich weil sie ihre Stände mit Gürteln, Roleximitaten und Modeschmuck zu früh abgebaut haben. Der Verkauf scheint also organisiert zu sein. Inwieweit das Ganze kriminell abläuft lässt sich natürlich anhand einer einzelnen Beobachtung nur vermuten.
Wir essen zu Abend, sitzen dann noch eine Stunde auf unserem Balkon und beobachten den abendlichen Auftrieb und unterhalten uns.
Gegen ein Uhr nachts entsteht ein Höllenlärm. Etwa 60 bis 80 Motorradfahrer donnern durch unsere Straße. Nach einer halben Stunde haben sie endlich alle ihre Maschinen abgestellt und stehen plaudernd in kleinen Gruppen am Lungomare. Immer mal wieder kommt eine Maschine dazu, wroum, wroum, oder jemand fährt weg, wroum, wroum. Alles sehr gesittet aber laut. Eine weitere Stunde später ist das Bikertreffen beendet. Es wurde weder gesoffen noch geschrien, nur der Lärm der schweren Maschinen hallt von der Häuserfront wieder. Dann kehrt Ruhe ein.
Kaffeetrinken, Morgenlektüre:
„Enorm waren die akrobatischen Leistungen dreier junger Leute u. eines russischen Tänzerpaares. Aber mir ist der russische Tanz unsympathisch. Dieses am Boden Hocken, dieses Springen in Closetstellung ist so unaesthetisch u. unfrei. Es ist mir noch viel peinlicher als das hüftensteife Herumstampfen der Spanierinnen.“Ach, wenn Klemperer nur seinen schriftstellerischen Neigungen nachgegeben hätte und wenn er sich getraut hätte, solche Sprachbilder auch außerhalb eines privaten Tagebuchs zu verwenden.
(Victor Klemperer: Tagebücher S. 267 9. Mai 1928)
Beim morgendlichen Café mit Cornetto auf der Piazza del Duomo sitzt eine Dame, Mitte 50, am Nebentisch, sehr gestrenges Gesicht. Sie hatte einen Capuccino, ein Cornetto und einen Orangensaft mit hoheitlicher Miene bestellt und hatte nachdem es ihr gebracht wurde an allem etwas auszusetzen. Für ihren Capuccino wollte sie ein Extrakännchen geschäumte Milch und der Blutorangensaft, der hier überall ausgeschenkt wurde passte ihr auch nicht. Sie wartete bis alles bei ihr auf dem Tisch stand und der Kellner wieder weg war, um ihn dann zweimal wieder herbeizurufen, um ihre Ergänzung bzw. ihre Reklamation vorzutragen. Ohne eine Miene zu verziehen, erledigte der Kellner die Anforderungen. Als er an uns vorbeiging, sagte sein Gesicht: Schnepfe!
Sie war wohl nicht der Typ „Apothekersgattin“ sondern die Apothekerin selbst, die auf die Beachtung ihres Standes dringt.
Auf dem Bahnsteig tönt unversehens aus einer Gruppe Italiener eine Stimme, ebenfalls in fliesendem Italienisch, aber mit unverkennbar schwyzerdüteschem Tonfall, unglaublich langsam und betulich. Im Tessin reden sie zwar auch betulich aber nicht so langsam.
Im Nachbarort, etwa 30 Km und 20 Minuten Fahrzeit, in Castel di Tusa (die vielen Burgen haben sie mal gebaut, um Seeräuber abzuwehren und jetzt stehen sie immer noch in der Gegend herum), einem ganz hübschen Städtchen mit einer Burg, einigen Kirchen, dem Strand mit einigen angebrannten Touristen und ein paar Kneipen und Restaurants. In zehn Minuten ist man mit der Besichtigung fertig. Sehr beschaulich.
Als wir wieder in Cefalú ankommen blockiert eine Menge die Türen beim Ausstieg. Ein junger Mann neben uns in der Waggontür brüllt los, man möge doch die Leute zuerst aussteigen lassen. Alles Schimpfen hilft nichts. Wir müssen uns brachial durch die Menge auf dem Bahnsteig kämpfen. Dass Erwachsenen wie Schüler völlig Stulle sind und das Aussteigen blockieren ist in Berlin selten. Meist sind nur die Jugendlichen (und die Touristen aus North Little Rock, Arkansas oder Benelauría, Andalucía) zu doof, um zu begreifen, dass so ein Verhalten für alle nachteilig ist.
14:00 wieder zu Hause. Ein paar Wurst- und Käsebrote, Tomaten, Oliven, eingelegte Carciofi.
Beim Blick von unserem Balkon: Es ist immer wieder auffällig wie extrem unterschiedlich die Körpersprachen der Einheimischen/Touristen und der Krimskrams verkaufenden Nordafrikaner (vermutlich aus Tunesien) sind. Augenfällige Dominanz vs. höfliche Bescheidenheit.
16:30 Klemperer
„Auch ein anderer Thema-Einfall kam mir vor einiger Zeit: Der Brief. Wie er sich unter der technischen Vervollkommnung änderte, verkürzte. Seit man telephoniert, seit man Radio hat, seit man Zeitungen hat. Er muß sich auf das Private zurückziehen.“Am Abend, nach dem Einkaufen (Spaghetti, Tonno, Rucola, Tomaten und Limettenfilets gibt es am Abend) noch durch den Ort geschlendert. Eine Hochzeitsgesellschaft zieht durch die Stadt. Am kleinen Fischerhafen lässt sich das Brautpaar fotografieren. Drei Gäste mit gewaltigen Teleobjektiven und preiswerten schwarzen Anzügen sind dafür zuständig.
(Victor Klemperer: Tagebücher 25. Mai 1928, S. 269)
Der Bräutigam trägt eine Paradeuniform mit Säbel, die Braut in einem schlichten weißen Kleid. Wir gehen weiter und treffen einige hundert Meter entfernt zwei Männer, Ende dreißig, beide in schlecht sitzenden Anzügen. Schlecht sitzend soll heißen: die Hosen etwas zu kurz und die Jacketts spannen sichtbar auf dem Bauch. Einer der Beiden ist ca. 1,90 groß und von gewaltigem Leibesumfang. Zum schwarzen Anzug trägt er ausgelatschte weiße Sneakers. Sie haben sich anscheinend verspätet und eilen der Hochzeitsgesellschaft zu.
Wir schlendern weiter und landen zu einem Campari Soda und einem Bier auf der Piazza del Duomo.
Auf dem Rückweg beobachte ich einen Nordafrikaner, der eine Gruppe Landsleute zusammenscheißt, wahrscheinlich weil sie ihre Stände mit Gürteln, Roleximitaten und Modeschmuck zu früh abgebaut haben. Der Verkauf scheint also organisiert zu sein. Inwieweit das Ganze kriminell abläuft lässt sich natürlich anhand einer einzelnen Beobachtung nur vermuten.
Wir essen zu Abend, sitzen dann noch eine Stunde auf unserem Balkon und beobachten den abendlichen Auftrieb und unterhalten uns.
Gegen ein Uhr nachts entsteht ein Höllenlärm. Etwa 60 bis 80 Motorradfahrer donnern durch unsere Straße. Nach einer halben Stunde haben sie endlich alle ihre Maschinen abgestellt und stehen plaudernd in kleinen Gruppen am Lungomare. Immer mal wieder kommt eine Maschine dazu, wroum, wroum, oder jemand fährt weg, wroum, wroum. Alles sehr gesittet aber laut. Eine weitere Stunde später ist das Bikertreffen beendet. Es wurde weder gesoffen noch geschrien, nur der Lärm der schweren Maschinen hallt von der Häuserfront wieder. Dann kehrt Ruhe ein.
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Reisejournal Sizilien Frühjahr 2012 (10)
g. | Dienstag, 24. Juli 2012, 06:27 | Themenbereich: 'auf Reisen'
Donnerstag, 7. Juni 2. Teil
Auf dem Rückweg vom Tempel begegnet uns ein junger Mann, der ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Sojabohnentage 2009“ trägt. Am 6. Juli ist der Tag des Kusses, warum sollte es also nicht auch Sojabohnentage geben. Einer mag halt dies und ein Anderer etwas Anderes.
Wir stiefeln durch die Mittagshitze zum Amphitheater.
Das Bauwerk, das sich anmutig in Form eines S durch das Tal schlängelt stammt nicht aus hellenistischer Zeit.
Nachdem wir alles besichtigt haben, geht es zurück zum Bahnhof. Außerhalb der Ausgrabungsstätte ist nicht viel los in dieser Gegend.
Eine Hündin trabt mäßig interessiert um die Ecke.
Zehn Minuten später fährt auf der nahe gelegenen Straße ein Auto vorbei.
Weitere zehn Minuten später kommt der Koch des Bahnhofsrestaurants mit einem Teller Bratwürste und gebratenem Gemüse heraus, setzt sich an den Tisch in der Ecke des Bahnsteiges und verschlingt seine Mahlzeit in Windeseile und verschwindet wieder.

Nicht viel los hier.
Bisher habe ich in Sizilien noch keine Zikade gehört und auch aus den Wiesen und Feldern rund um Segesta ist keine zu hören.
Ein Mitreisender betritt den Bahnsteig. Grüne Shorts und ein T-Shirt mit einer großen Maus (Jerry) darauf ist nicht cool, obwohl die coolsten Jungs zweifellos in Italien zu Hause sind. Züge mit Airconditioning an einem heißen Tag sind da schon bedeutend cooler.
Cefalú – Segesta sind ca. 170 km. Wir haben also einen Tagesausflug von ca. 340 km gemacht bei einer reinen Fahrzeit von 2:50 (5:40). Ob man mit dem Mietwagen viel schneller und angenehmer gereist wäre?
Auf dem Rückweg vom Tempel begegnet uns ein junger Mann, der ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Sojabohnentage 2009“ trägt. Am 6. Juli ist der Tag des Kusses, warum sollte es also nicht auch Sojabohnentage geben. Einer mag halt dies und ein Anderer etwas Anderes.
Wir stiefeln durch die Mittagshitze zum Amphitheater.
Das Bauwerk, das sich anmutig in Form eines S durch das Tal schlängelt stammt nicht aus hellenistischer Zeit.
Nachdem wir alles besichtigt haben, geht es zurück zum Bahnhof. Außerhalb der Ausgrabungsstätte ist nicht viel los in dieser Gegend.
Eine Hündin trabt mäßig interessiert um die Ecke.
Zehn Minuten später fährt auf der nahe gelegenen Straße ein Auto vorbei.
Weitere zehn Minuten später kommt der Koch des Bahnhofsrestaurants mit einem Teller Bratwürste und gebratenem Gemüse heraus, setzt sich an den Tisch in der Ecke des Bahnsteiges und verschlingt seine Mahlzeit in Windeseile und verschwindet wieder.

Nicht viel los hier.
Bisher habe ich in Sizilien noch keine Zikade gehört und auch aus den Wiesen und Feldern rund um Segesta ist keine zu hören.
Ein Mitreisender betritt den Bahnsteig. Grüne Shorts und ein T-Shirt mit einer großen Maus (Jerry) darauf ist nicht cool, obwohl die coolsten Jungs zweifellos in Italien zu Hause sind. Züge mit Airconditioning an einem heißen Tag sind da schon bedeutend cooler.
Cefalú – Segesta sind ca. 170 km. Wir haben also einen Tagesausflug von ca. 340 km gemacht bei einer reinen Fahrzeit von 2:50 (5:40). Ob man mit dem Mietwagen viel schneller und angenehmer gereist wäre?
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