An einem dieser Sonnabende an denen wir einigermaßen früh aufstanden, um noch vor dem großen Touristenansturm auf dem Bauernmarkt am Münster einzukaufen, schälte ich mich aus dem Bett, hielt meinen Kopf unter die Dusche und versuchte mich an den gestrigen Abend zu erinnern. Wir waren im Reichsadler gewesen, einer Kneipe, die am Kirchentag der Katholiken (ziemlich gefährlich übrigens, so ein Kirchentag) sogar von den Kirchentagsteilnehmern heimgesucht worden war, damals normalerweise aber die übliche Mischung aus jungen Leuten, Drogenfahndern und Verfassungsschützern aufwies. Wir hatten Skat oder Doppelkopf gespielt und es war spät geworden. Wir wankten heim nach Herdern, nur der lange, dürre S. (?) hatte gesagt, dass er mit seinem Fahrrad nach Hause fahren wollte. Wir hatten ihm abgeraten, da er Schwierigkeiten hatte durch die Tür der Gaststätte zu treffen. Okay, wir wankten nach Hause und er wankte um die Ecke zu seinem Fahrrad. Wir kamen alle wohlbehalten zu Hause an.
Am Frühstückstisch sahen wir uns alle wieder, etwas ramponiert, aber guter Dinge. Kaffee trinken, noch eine Runde quatschen, eine Zigarette und dann los zum Wocheneinkauf.
Vor der Haustür sehe ich den S. verzweifelt den Fahrradständer durchsehen.
„Wo ist denn nur mein Fahrrad geblieben?“
„Keine Ahnung, du bist doch gestern Abend damit nach Hause gefahren, oder nicht?“
„Ich glaube ja, doch, ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mit dem Rad gekommen bin.“
„Ziemlich sicher?“
„Natürlich, hier ist doch mein Fahrradschlüssel.“ Er hielt mir den Schlüssel vor das Gesicht.
„Ja schon, das ist dein Schlüssel, aber das heißt doch nicht, dass du mit dem Rad auch gefahren bist.“
„Stimmt, aber welches ist mein Rad?“
„Wenn du das nicht weißt?“
„Es ist blau, denke ich?“
„Tja, wenn du es nicht mehr weißt, dann musst du eben alle Räder versuchen aufzuschließen und das Schloss, das du öffnen kannst, gehört zu deinem Rad.“
Und das machte er dann auch, der S. Nach zehn Minuten hatte er das Rad gefunden, öffnete das Schloss, der Riegel schnappte zurück und gab die Speichen frei. Er beäugte das Rad dann misstrauisch und drehte sich zu mir um.
„Das ist nicht mein Rad.“
„Das ist nicht dein Rad?“ fragte ich.
„Niemals, an meinem Rad war ein Schutzblech lose, dieses hier ist tipp topp und sauber. Das kann nicht mein Rad sein. Ich habe mein Rad noch nie sauber gemacht.“
„Aber der Schlüssel passt?“
„Ja, aber das ist nicht mein Rad.“
Wir sahen uns an, dann sagte er:
„Vielleicht habe ich gestern aus Versehen ein Fahrrad geklaut?“
„Aus Versehen?“ Ich musste lachen.
Auf seinem Gesicht zeigte sich ein Anflug von Verzweiflung.
„Was soll ich denn jetzt machen?
Ich musste noch einmal lachen.
„Na, am besten gehst du zu den Bullen und sagst, Guten Tag, mein Name ist S. Ich habe aus Versehen ein Fahrrad geklaut.“
Ich stellte mir die Gesichter der Polizisten vor und musste lachen.
Auf seinem Gesicht machte sich Panik breit.
„Meinst du?“
Dann dachte ich, es werde Zeit seine Wirrnis zu kanalisieren.
„Weißt du was? Du fährst jetzt mit dem Fahrrad zum Geier, suchst alles ab und wenn dir ein dreckiges Rad mit losem Schutzblech begegnet, siehst du es dir genau an. Vorher gehst du aber noch einmal auf dein Zimmer und sucht einen anderen Fahrradschlüssel und mit dem probierst du dann die, dir bekannt vorkommenden Räder aus. Okay?“
Erleichtert machte er sich von dannen und kurz danach kamen auch alle anderen aus unsrer Truppe und wir machten uns auf den Weg in die Innenstadt. Unterwegs erzählte ich ihnen von dem Problem des S. und so beschlossen wir, vor dem Einkauf noch einen Abstecher zu machen und den S. bei seinem Fahrradproblem zu unterstützen.
Als wir ankamen, stand der S. schon da. Er hatte sein Fahrrad gefunden und auch aufgeschlossen.
Wir beglückwünschten ihn. Er hatte sein Fahrradproblem leichter Hand selber gelöst.
„Na, siehst du, alles kein Problem!“ sagte ich. Er sah mich unglücklich an.
„Ich habe keinen zweiten Schlüssel?“ sagte er zaghaft.
„Wie jetzt?“
„Na, dieser Schlüssel mit dem ich das fremde Fahrrad vorher aufgeschossen habe, das passt auch zu meinem Fahrradschloss.“
„Lass mal sehen.“
Und
„Tatsächlich.“
Und
„Der Schlüssel passt in beide Schlösser.“
Und
„Wie kann das sein?“
„Wahrscheinlich hat der Hersteller nur eine beschränkte Anzahl von Schlössern und dazu passenden Schlüsseln?“
„Schon möglich, aber ausgerechnet hier vor der Kneipe und direkt neben meinem Rad? Das ist unmöglich.“
„Vielleicht hat der Hersteller nur zehn verschiedene Schlösser.“
„Lass uns mal noch einige weitere Schlösser ausprobieren.“
Und das taten wir dann auch, aber kaum hatten wir ein weiteres Schloss geöffnet, kam ein Streifenpolizist vorbei und wir machten uns auf den Weg zum Einkaufen.
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- Hallervorden inszeniert ein Stück, in dem sich in New York ein Jude und ein Afroamerikaner näher kommen. In Berlin treten Didi und ein angemalter Weißer auf und machen daraus eine nette Labersoße. ‚Blackfacing‘ ist da nur ein Teil des Problems.
- Sofaemanzipation trifft natürlich auch etwas.
- Durch stetes Lob, so heißt es, könne man die Herzallerliebste dazu überreden, häufiger einen Hut zu tragen.
- Ich sollte mal eine Geschichte schreiben in der ‚meanwhile urlaubing‘, 'ungeliebte Selbstdenker' und ‚überjähriges Frittierfett‘ vorkommen.
- Dieser ehemalig promovierte Jurist macht jetzt irgendwas mit Medien.
- Die Investoren, diese scheuen Rehe, investieren jetzt nicht mehr so gerne um den Potzdamer Platz herum, sondern anderswo. Was hat sie denn nach anderswo vertrieben?
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Hintergründe und Sichtweisen:
Zu Literatur
Neue Wörter und Wendungen:
so dies und das:
amüsantes:
Wieder viel Kram, ich bitte um Entschuldigung.
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An die neunzehn ausgesiebten Veranstaltungen kann ich mich nicht mehr erinnern. Deutlich wurde allerdings, dass in vielen Grundkursen Selbstdarstellungskünstler unter den Studis und den Dozenten reichlich im Angebot waren. Ob ich mir eine Liste der auf jeden Fall zu vermeidenden Autoren und Texte und natürlich auch bestimmter Dozenten anfertigte, weiß ich nicht mehr. Sinnvoll wäre es auf jeden Fall gewesen.
Hängen geblieben bin ich bei einem Grundkurs über die Frühromantik. Der Dozent, Prof. H.-G. R. war lustig und demonstrierte ad personam mit seiner überbordenden Egozentrik ganz gut das frühromatische Genieideal.
Es war ‚reine’ Literaturwissenschaft, die sich um eine soziohistorische Bestimmung nicht groß scherte. Das ist ja nicht das Schlechteste.
An was ich mich erinnern kann ist Lucinde, ein Roman von Friedrich Schlegel, den ich als grauenhaftes Gestoppel in Erinnerung habe und eben die progressive Universalpoesie.
„Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennte Gattungen der Poesie wieder zu vereinigen, und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will, und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig, und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren, und die Formen der Kunst mit gediegnem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen, und durch die Schwingungen des Humors beseelen. Sie umfaßt alles, was nur poetisch ist, vom größten wieder mehre Systeme in sich enthaltenden Systeme der Kunst, bis zu dem Seufzer, dem Kuß, den das dichtende Kind aushaucht in kunstlosen Gesang. Sie kann sich so in das Dargestellte verlieren, daß man glauben möchte, poetische Individuen jeder Art zu charakterisieren, sei ihr Eins und Alles; und doch gibt es noch keine Form, die so dazu gemacht wäre, den Geist des Autors vollständig auszudrücken: so daß manche Künstler, die nur auch einen Roman schreiben wollten, von ungefähr sich selbst dargestellt haben. Nur sie kann gleich dem Epos ein Spiegel der ganzen umgebenden Welt, ein Bild des Zeitalters werden. Und doch kann auch sie am meisten zwischen dem Dargestellten und dem Darstellenden, frei von allem realen und idealen Interesse auf den Flügeln der poetischen Reflexion in der Mitte schweben, diese Reflexion immer wieder potenzieren und wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln vervielfachen. Sie ist der höchsten und der allseitigsten Bildung fähig; nicht bloß von innen heraus, sondern auch von außen hinein; indem sie jedem, was ein Ganzes in ihren Produkten sein soll, alle Teile ähnlich organisiert, wodurch ihr die Aussicht auf eine grenzenlos wachsende Klassizität eröffnet wird. Die romantische Poesie ist unter den Künsten was der Witz der Philosophie, und die Gesellschaft, Umgang, Freundschaft und Liebe im Leben ist. Andre Dichtarten sind fertig, und können nun vollständig zergliedert werden. Die romantische Dichtart ist noch im Werden; ja das ist ihr eigentliches Wesen, daß sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann. Sie kann durch keine Theorie erschöpft werden, und nur eine divinatorische Kritik dürfte es wagen, ihr Ideal charakterisieren zu wollen. Sie allein ist unendlich, wie sie allein frei ist, und das als ihr erstes Gesetz anerkennt, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide. Die romantische Dichtart ist die einzige, die mehr als Art, und gleichsam die Dichtkunst selbst ist: denn in einem gewissen Sinn ist oder soll alle Poesie romantisch sein.“Ich weiß noch, dass mir als Erstes durch den Kopf schoss: Ziemlich große Fresse, der Schlegel. (Nebenbei: Romantik meint hier romanhaft)
(Friedrich Schlegel: Athenäums-Fragmente 116)
Bei Durchsicht der alten Reclamausgaben fällt auf, dass ich mich wohl einigermaßen intensiv mit Schlegels Brief über den Roman auseinandergesetzt habe. Hier sind die meisten Unterstreichungen sichtbar. Was der Friedrich Schlegel zum Roman meint, ist mir aber nicht in Erinnerung geblieben, obwohl ich mich für Romantheorie immer schon interessiert habe.
Sehr deutlich in Erinnerung ist mir aber nach all den Jahren die Lex R. Dabei handelt es sich, wie uns schon in der Einführungssitzung mitgeteilt wurde, um das nach dem Dozenten benannte Gesetz, dass im Seminar niemand rauchen dürfe außer dem Dozenten und auch der dürfe es nur aus dem geöffneten Fenster (demnach konnte es sich nur um das Sommersemester gehandelt haben) paffend. Die Begründung war so einleuchtend wie simpel. Wenn ihm das Rauchen nicht gestattet würde, könne er kein Seminar abhalten und wenn jeder, der rauchen wolle auch rauche, sei es für die Nichtraucher unerträglich.
Das Seminar war lustig und einigermaßen ertragreich, auch wenn einem vor lauter Arabeskengeklingel ganz komisch im Magen wurde und bis auf die Selbstdarstellungskünste einiger höherer Semester, die wie unser Dozent süffisant anmerkte, wohl nur in einen Grundkurs kämen, um neue Bewunderer zu rekrutieren.
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Dabei ist mir folgende Stelle (S. 56/57) aufgestoßen:
„Der geborene Aufklärer, der Arbeiten jüdischer Dichter ins Deutsche übersetzt, um sie bekannt zu machen, auch wenn das weder im Sinne der Rabbiner noch der Behörden ist, die für die Beschränktheit der Bürger sorgen müssen.geht es weiter im Text von Heinz Knobloch. Die frauenfeindlichen Anklänge in diesem Gedicht sollen hier nicht interessieren. Ich habe den Text von Knobloch so verstanden, auch wenn es nicht explizit gesagt wird und ich denke anders ist er nicht sinnvoll zu interpretieren, dass das Gedicht von einem jüdischen Dichter bzw. eigentlich von einem Dichter, der in hebräischer Sprache schreibt, stammt und von Moses Mendelssohn übersetzt wurde. Da der Autor nicht genannt wird, packte mich die Neugier und ich habe eine Suchmaschine angeworfen. Vielleicht, dachte ich, sind die Werke von Moses Mendelssohn, einschließlich seiner Übersetzungen digitalisiert und der Autor des o. g. Gedichts auffindbar. Ich bin ja immer bereit etwas Neues zu entdecken. Gesagt, getan, nur war mein Erstaunen groß, als ich feststellte, das Gedicht ist keineswegs von einem jüdischen Dichter, sondern von Johann Jakob Engel, Sohn eines Pastors aus Parchim, der wohl mit Mendelssohn befreundet oder doch zumindest gut bekannt war. Texte von Engel bedürfen selbstredend keiner Übersetzung.„Das erste WeibMoses verliert seine Scheu vor Menschen. Er kann sich besser kleiden ...“
Gott schuf der Weiber Erste
Nicht aus des Mannes Scheitel,
Daß sie nicht eitel würde;
Nicht aus des Mannes Augen,
daß sie nicht lüstern würde;
Nicht aus des Mannes Zunge,
daß sie nicht schwatzhaft würde;
Nicht aus des Mannes Ohren,
Sie horchte sonst nach allem;
nicht aus des Mannes Füßen,
Sie liefe sonst nach allem.
Er schuf sie aus der Rippe,
der unbescholtnen Rippe;
Doch haben ihre Töchter
Von jedes Gliedes Fehler
Ein kleines Teil bekommen.
Ist Knobloch da bei der Abfassung des Textes einfach ein Fehler unterlaufen?
Notiz an mich: Seinen Roman mal lesen?
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(Götz Aly und die 68er)
- Artikel in der Fr über das Buch von Aly
- Im Interview: Götz Aly
- Sachfehler in Götz Alys "Unser Kampf"
- Antwort von Peter Schneider
- Peter Grottian, Wolf-Dieter Narr und Roland Roth: Erwiderung auf Götz Aly
- Daniel Cohn-Bendit über die 68er, Götz Aly und die Eitelkeiten der Aufbegehrenden.
- Eine wilde Debatte zur Revolte von 1968 bei den Aschaffenburger Gesprächen.
- Der Frankfurter Kulturdezernent, Felix Semmelroth, und Jan Gerchow, Leiter des Historischen Museums bilanzieren im FR-Interview die Debatte über die Erbschaft von 1968.
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- „Veganer argumentieren ethisch-politisch und führen Gesundheit, Umweltschutz, Speziesismus oder Tierschutz als Gründe für die Entscheidung zu ihrer Lebensweise an. Der Veganismus (eine Ernährungsweise, die Produkte vermeidet, die aus jeglicher Art der Ausbeutung von Tieren stammen, wie Honig, Leder, Kosmetika, die an Tieren getestet wurden, etc.) stellt bestimmte Prinzipien der kapitalistischen Gesellschaft infrage und eröffnet verschiedene Möglichkeiten, diese von innen zu verändern.“
Nö, tut er nicht der Veganismus, er argumentiert gerade nicht ethisch-politisch, sondern rein ethisch, genauer noch: abstrakt ethisch, also keineswegs human und deshalb stellt er bestimmte Prinzipien der kapitalistischen Gesellschaft auch nicht in Frage und keineswegs eröffnet er und schon gar keine verschiedenen Möglichkeiten, diese herrje von innen zu verändern.
Vielleicht mal im Einzelnen: Das Problem ist ja schon die kapitalistische Gesellschaft, denn: was soll das sein? Es gibt eine bürgerliche Gesellschaft (die so heißt weil die Bürger für sie prägend ist, davor gab es eine Ständegesellschaft), die kapitalistisch produziert bzw. in der ein kapitalistische Produktionsverhältnisse herrschen. Na okay, mit etwas gutem Willen kann man das noch durchgehen lassen, sagen wir einfach der Verfasser wollte von einer kapitalistisch produzierenden Gesellschaft sprechen. Dann kommt man aber mit der Behauptung, dass bestimmte Prinzipien dieser Gesellschaft durch den Veganismus in Frage gestellt würden, ins Unterholz: welche Prinzipien mögen das sein? Der kapitalistischen Produktionsweise oder kurz Kapitalismus genannt, ist es eigentlich völlig Wurst, ob Grünzeug oder Fleisch produziert wird, hauptsächlich es kommt mehr und immer mehr Kohle dabei heraus. Ob der Kapitalismus Natur in Form von Viechzeug oder Pflanzen, ob er Land oder Luft verzehrt, ist ihm, wenn er denn jemand wäre völlig wumpe. Hauptsache die Kohle landet an der richtigen Stelle. Ob Sojaschnitzel oder Soylent Green oder ein beliebig anderes moralisch hochstehendes oder moralisch degoutantes Produkt, ob Atomrakete oder veganes Katzenfutter, Mehrwert ist Mehrwert. Und damit erübrigt sich auch, die weiteren Behauptungen näher zu betrachten. Veganismus hat mit Emanzipation oder Veränderung von Gesellschaft nur insofern zu tun, als das einige Menschen (nach Auffassung der Veganer perspektivisch alle) auf Tierprodukte verzichten. Ein Produktionsverhältnis wird damit nicht in Frage gestellt und für den Naturschutz (bei dem geht es nämlich um die Beziehungen der verschiedenen Spezies insgesamt) ist wenig bis nichts gewonnen. - „Denn in Wirklichkeit ist Silvester ein riesiges Sozialexperiment der totalen Durchmischung. Alle Clubs, Kneipen und Restaurants versuchen die Leute auf ihre Partys zu bekommen. … Das wiederum führt aber zu einer extrem volatilen, von Komplexität überfrachteten Kontingenz. … Die Brownsche Molekularbewegung der Welt erhöht sich, bis die Gesellschaft zur Wolke diffundiert. … Die Komplexität steigt und zermalmt immer neue überkommene Ordnungsschemata. … Wir müssen jetzt anfangen, die neue Welt zu imaginieren. Es ist alles so wahnsinnig spannend und die Möglichkeit, sich einzubringen, wird immer größer.”
Whow! Wie kann man nur solche Sätze schreiben? In großer Wirrnis?
- "Ich bin auf dem Weg zum Emir" Christian Wulff und nicht etwa Karl May, zu Diekmanns Mailbox.
- "Die Darwinisten machten aus Darwin ein ähnliches Gespenst wie die Marxisten aus Marx." - Richard David Precht Ja.
- Was denn tatsächlich bei Karl Marx und Friedrich Engels über die „Verelendungstheorie“ steht, wäre auch mal zu recherchieren.
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„Ich denke, Gott weiß, an nichts. Da tritt herein die übergnädige Dame von S.. mit ihrem Herrn Gemahl und wohl ausgebrüteten Gänslein Tochter mit der flachen Brust und niedlichem Schnürleibe, machen en passant ihre hergebrachten, hochadeligen Augen und Naslöcher, und wie mir die Nation von Herzen zuwider ist, wollte ich mich eben empfehlen und wartete nur, bis der Graf vom garstigen Gewäsche frei wäre, als meine Fräulein B.. hereintrat.“Eine übergnädige Dame mit hochadeligen Naslöchern. Hach, von Zeit zu Zeit les’ ich den Alten ganz gerne.
(Goethe: Die Leiden des jungen Werther)
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Als ich letztes Jahr mit meiner Liebsten im Kaiserstuhl zum Wandern, Wurstsalat essen und Wein trinken war, stand natürlich auch ein Abstecher nach Freiburg auf unsrem Programm. Nach einem kleinen Einkauf auf dem Markt am Münster schlenderten wir durch die Altstadt und ich linste in die eine oder andere Gaststätte, sofern sie mir bekannt vorkam. Nun ja, es hat sich sehr vieles verändert und selbst Lokale, die in den 70ern schon seit 300 Jahren Ortsansässig waren, existieren nicht mehr oder sind zu Touristenkaschemmen verkommen. An einer Dönerbude blieb ich stehen und sinnierte in mich hinein.
„Was ist?“ wollte meine Frau wissen.
„Hm? Ich glaube, hier neben dem Dönerladen war mal ein Photo-Porst?“
„Tja und nun nicht mehr oder hast du damals bei Photo-Porst deine erste große Liebe … ?“
„Nein, nein, aber neben Photo-Porst lag damals eine Kneipe, glaube ich.“
Sie sah mich an.
„Also“, sagte ich, „diese Kneipe damals, das war so eine ganz schöne Kneipe, holzgetäfelt und mit großen Tischen und netten Kellnerinnen, zwischen Photo-Porst und einem Durchgang, ich glaube zu einem kleinen Platz, in dem Durchgang war ein Kino, ein wunderschönes Kino, in das wir damals viel gingen und nach dem Film tranken und aßen wir dann noch eine Kleinigkeit in dieser Kneipe. Hm? Aber hier ist kein Durchgang? Dann kann das auch hier nicht gewesen sein.“
„Nein, hier ist kein Durchgang.“
Wir schlenderten weiter.
„Weißt du, diese Kneipe …“
Sie sah mich an.
„Also, eines Abends, als wir aus dem Kino kamen, welcher Film lief weiß ich natürlich nicht mehr. Auf jeden Fall habe ich in dem Kino mal „Jules und Jim“ gesehen, aber wahrscheinlich nicht an diesem Abend? Na egal, auf jeden Fall war – glaube ich – der R. dabei, von dem ich dir schon mal erzählt habe, der bei irgendeiner dieser K-Gruppen und dessen Revolutionslosung „Jägerschnitzel für alle!“ war, weil Jägerschnitzel für ihn das kulinarisch Anspruchsvollste der Welt darstellte. Na egal. Ich glaube, die – wie hieß sie gleich nochmals? – die damals mit diesem einen Kumpel meines Bruders zusammen war, na egal, deren Bruder war auf jeden Fall bei der Polizei von Baden Württemberg und erzählte von seinem Polizeiposten im Hochschwarzwald. Wahrscheinlich gibt es heute gar keine Polizeiposten auf dem Lande mehr?“
„Nein, wahrscheinlich nicht. Was wolltest du von dem Polizisten erzählen?“
„Ja also, ich fragte ihn in der Kneipe, nachdem wir alle unser Viertele und etwas zu essen bekommen hatten, was er denn so mache. Er erzählte dann begeistert, nachdem er mich zunächst kritisch gemustert hatte, von seinem Leben in dem kleinen Ort, von den Besoffenen, die er nach den Festen aus dem Auto holt und wie er den Frauen Bescheid gibt, damit sie ihre besoffenen Männer von der Wache abholen und nach Hause bringen, wie er Jugendliche zusammenstaucht, wenn sie über die Stränge schlagen und davon, dass einige Bauern einmal im Jahr auf der Wache vorbeikämen, um eine Flasche Selbstgebrannten und Schinken und Räucherwürste vorbei brächten. Man kennt sich halt, die Kinder gehen in die gleiche Schule, man ist zusammen bei der freiwilligen Feuerwehr und sofern es nicht um ernste Vergehen ginge, müsse man halt auch mal ein Auge zudrücken. So ein Polizeiposten auf dem Lande wäre ja etwas völlig anderes als in einer größeren Stadt. Er erzählte sich in immer größere Begeisterung und konnte gar nicht mehr aufhören von Räucherwürsten und Dorffesten zu schwärmen.“
„Er scheint ja ein netter Kerl gewesen zu sein?“
„Ja, unbedingt. Irgendwann fragte ich ihn dann, ob es ihm – vor allem im Winter, wenn alles zugeschneit und eine Fahrt nach Freiburg gefährlich und anstrengend würde - nicht manchmal die Decke auf den Kopf fallen würde?“
„Ist das denn schwierig im Winter aus den Bergen nach Freiburg zu kommen?“ wollte meine Liebste wissen.
„Damals schon, damals wurde auf den Nebenstrecken im Schwarzwald nicht gestreut. Eine Fahrt nach Freiburg war im tiefen Winter ein Abenteuer. Heute wird wahrscheinlich für die Wintersportler alles mit Streusalz oder Fahrbahnheizung oder was weiß ich eis- und schneefrei gehalten.“
„Ah ja, aber erzähl weiter.“
„Na ja, auf die Frage, ob es da oben nicht manchmal auch einsam würde, schwieg er eine Weile, trank dann einen großen Schluck Wein und sah mich direkt an: „Weißt du, bevor ich mit meiner Frau – inzwischen haben wir zwei kleine Kinder – in den Schwarzwald gezogen bin, war ich bei der Bereitschaftpolizei. Eines Abends haben sie uns in Mannschaftswagen gesetzt und wir sind mehrere Stunden in Kolonne ins Badische gefahren worden. Wir saßen die ganze Nacht in voller Einsatzausrüstung im Wagen, morgens nur einen Kaffee, kein Frühstück und dann ab auf eine Demonstration. Übernächtigt und hungrig sollst du dann eine Demonstration begleiten und wenn es Ärger gibt, kommt die Anweisung die Demonstranten in Seitenstraßen abzudrängen.“ Er sinnierte einen Moment in sich hinein. „Weißt du, G., da gab es eine Situation, da stand ich plötzlich neben mir und habe gesehen, wie ich mit aller Kraft auf mir völlig unbekannte Leute eingedroschen habe, immer und immer wieder. Da habe ich mich gefragt: was machst du eigentlich hier?“ Er sinnierte wieder in sich hinein. „Na ja, zuhause habe ich das meiner Frau erzählt und sie meinte dann, wenn ich nicht in zehn Jahren mit Magengeschwüren oder einem Alkoholproblem landen wolle, müssten wir uns etwas überlegen. Zwei Monate später habe ich mich auf die freie Stelle oben bei Titisee-Neustadt beworben.“ Wir tranken einen Schluck. „Seit dem habe ich keine Magenprobleme mehr, die Kinder sind glücklich und meine Frau und ich verstehen uns prächtig.“ Er trank einen Schluck. „Es war die beste Entscheidung meines Lebens.“
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Der schöne 27. September
Ich habe keine Zeitung gelesen.
Ich habe keiner Frau nachgesehen.
Ich habe den Briefkasten nicht geöffnet.
Ich habe keinem einen Guten Tag gewünscht.
Ich habe nicht in den Spiegel gesehen.
Ich habe mit keinem über alte Zeiten gesprochen und
mit keinem über neue Zeiten.
Ich habe nicht über mich nachgedacht.
Ich habe keine Zeile geschrieben.
Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht.
( Thomas Brasch)
Der gleichnamige Gedichtband wurde 1980 veröffentlicht. Als ich das Gedicht kurz nach Weihnachten im Foyer des Berliner Ensembles gelesen habe (über das Publikum im BE sollte man auch mal eine Typologie schreiben), fiel mir als erstes Berthold Brecht ein:
Der RadwechselAus den Buckower Elegien, 1953, wohl nach dem 17. Juni. Als ich Brechts Gedicht zum ersten Mal gelesen habe, dachte ich, dass es während der Zeit der Emigration geschrieben wurde. Ein durchaus nahe liegender, aber wie gewöhnlich, Brecht unversehens verkürzender Gedanke.
Ich sitze am Strassenhang
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gerne, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gerne, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?
(Berthold Brecht)
p.s.: Das Stück, Romeo und Julia in der Übersetzung von Thomas Brasch, war übrigens scheußlich inszeniert.
p.p.s.: Und bevor und damit ich es (nicht) vergesse: Brecht schreibt ja nicht: Ich war nicht gerne und auch nicht: Ich werde ...
p.p.p.s.: Thomas Brasch baut sein Gedicht um das Spechen über alte und neue Zeiten herum. Kein, kein, nicht, kein, dann zweimal kein und nicht, kein, kein. Nicht symetrisch, aber vor den Mittelzeilen Außenbezug, danach Innenbezug. Bei Brecht hingegen zwei Subjekte.
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Entschuldigen Sie die Masse an Lesestoff in den Fundstücken, aber über die Feiertage ...
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Hintergründe und Sichtweisen:
kluges und interessantes:
Neue Wörter und Wendungen:
amüsantes:
so dies und das:
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Ja? Na gut, doppelt hält besser:
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