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E.T.A. Hoffmann: Die Automate XIII
g. | Montag, 20. Juni 2011, 06:45 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Jeden Tag gab es lustige Partien; einst waren wir bis zum späten Abend auf dem Karlsberge und in der benachbarten Gegend herumgestreift, und als wir in den Gasthof zurückkehrten, erwartete uns schon der köstliche Punsch, den wir vorher bestellt und den wir uns, von der Seeluft durchhaucht, wacker schmecken ließen, so daß, ohne eigentlich berauscht zu sein, mir doch alle Pulse in den Adern hämmerten und schlugen, und das Blut wie ein Feuerstrom durch die Nerven glühte. Ich warf mich, als ich endlich in mein Zimmer zurückkehren durfte, auf das Bett, aber trotz der Ermüdung war mein Schlaf doch nur mehr ein träumerisches Hinbrüten, in dem ich alles vernahm, was um mich vorging. Es war mir, als würde in dem Nebenzimmer leise gesprochen, und endlich unterschied ich deutlich eine männliche Stimme, welche sagte: ›Nun so schlafe denn wohl und halte dich fertig zur bestimmten Stunde.‹ Eine Tür wurde geöffnet und wieder geschlossen, und nun trat eine tiefe Stille ein, die aber bald durch einige leise Akkorde eines Fortepianos unterbrochen wurde. Du weißt, Ludwig, welch ein Zauber in den Tönen der Musik liegt, wenn sie durch die stille Nacht hallen. So war es auch jetzt, als spräche in jenen Akkorden eine holde Geisterstimme zu mir; ich gab mich dem wohltätigen Eindruck ganz hin und glaubte, es würde nun wohl etwas Zusammenhängendes, irgendeine Phantasie oder sonst ein musikalisches Stück folgen, aber wie wurde mir, als die herrliche göttliche Stimme eines Weibes in einer herzergreifenden Melodie die Worte sang:Es handelt sich hier um die Arie aus Metastasios Opernlibretto “Allessandro nell’Indie” In meiner Ausgabe (Insel Verlag) der Erzählungen ist die Stelle in den Anmerkungen übersetzt: “Bewahre in gutem Andenken, wenn ich sterben muß, wie sehr diese treue Seele dich liebte. Wenn je die kalten Aschenreste noch Liebe empfinden, so werde ich dich noch in der Urne anbeten“»Mio ben ricordati
s' avvien ch' io mora,
quanto quest' anima
fedel t'amò.
Lo se pur amano
le fredde ceneri
nel urna ancora
t'adorerò!«
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E.T.A. Hoffmann: Die Automate XII
g. | Freitag, 17. Juni 2011, 06:32 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
»Du mußt Merkwürdiges gefragt haben,« erwiderte Ludwig, »vielleicht legst du aber selbst in die zweideutige Antwort des Orakels das Bedeutende, und was das Spiel des launenhaften Zufalls in seltsamer Zusammenstellung gerade Eingreifendes, Treffendes hervorbrachte, schreibst du der mystischen Kraft des gewiß ganz unbefangenen Menschen zu, der sich durch den Türken vernehmen läßt.«Vor dem Hintergrund des Lebenslaufes von E.T.A. Hoffmann könnte man die Abkürzungen auflösen: B.: Berlin, K.: Königsberg, D.: Danzig. Man kann es aber genauso gut bleibenlassen.
»Du widersprichst«, nahm Ferdinand das Wort, »in dem Augenblick dem, was wir sonst einstimmig zu behaupten pflegen, wenn von dem sogenannten Zufall die Rede ist. Damit du alles wissen, damit du es recht fühlen mögest, wie ich heute in meinem Innersten aufgeregt und erschüttert bin, muß ich dir etwas aus meinem frühem Leben vertrauen, wovon ich bis jetzt schwieg. Es sind schon mehrere Jahre her, als ich von den in Ostpreußen gelegenen Gütern meines Vaters nach B. zurückkehrte. In K. traf ich mit einigen jungen Kurländern zusammen, die ebenfalls nach B. wollten, wir reisten zusammen in drei mit Postpferden bespannten Wagen, und du kannst denken, daß bei uns, die wir in den Jahren des ersten, kräftigen Aufbrausens mit wohlgefülltem Beutel so in die Welt hineinreisen konnten, die Lebenslust beinahe bis zur wilden Ausgelassenheit übersprudelte. Die tollsten Einfälle wurden im Jubel ausgeführt, und ich erinnere mich noch, daß wir in M., wo wir gerade am Mittage ankamen, den Dormeusenvorrat der Posthalterin plünderten und ihrer Protestationen unerachtet, mit dem Raube gar zierlich geschmückt, Tabak rauchend, vor dem Hause, unter großem Zulauf des Volks, auf- und abspazierten, bis wir wieder unter dem lustigen Hörnerschall der Postillone abfuhren. In der herrlichsten jovialsten Gemütsstimmung kamen wir nach D., wo wir der schönen Gegenden wegen einige Tage verweilen wollten.
Dormeuse: Nachthaube
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Venezia est omnis divisa in partes sex
g. | Donnerstag, 16. Juni 2011, 06:24 | Themenbereich: 'auf Reisen'
und nicht wie die Mehrzahl der anderen Städte in vier Teile, demzufolge gibt es natürlich auch keine Stadtviertel wie im bedauernswerten Paris, sondern Sechstel.
Hier nun die Sestieri di Venezia:
Cannaregio, Castello, San Marco, Dorsoduro, San Polo, und Santa Croce.
Unsere Wohnung lag in Cannaregio, nicht wirklich überraschend an einem Kanal.

Wenn wir ein Boot gehabt hätten, wäre der andere Ausgang des Hauses nützlich gewesen.

In Ermangelung von Straßen verzichtet Venedig auf eine Nummerierung der Häuser entlang der Straßen und zählt einfach die Häuser jedes Stadtsechstels durch. Da aber in den letzten Jahrhunderten in Venedig auch neu und umgebaut wurde, musste allerorten etwas improvisiert werden und so entstand ein heilloses Chaos. Eine Person anhand der Adresse zu finden ist völlig unmöglich. Angeblich blickt außer den Briefträgern sowieso keiner durch, dabei ist es, wenn man sich erst mal einen Überblick verschafft hat, doch ganz einfach.
Unser Haus lag am Rande der Insel der Bronze- bzw. Eisengießer, dem Gheto Novo, das nicht nur das älteste jüdische Wohnquartier in Europa (im Sinne von separiert/isoliert) ist, sondern auch das Älteste in Venedig, während das Gheto vecchio jüngeren Datums ist. Sie sehen, in Venedig kann man sich ganz leicht orientieren.
An unserem ersten Abend schlenderten wir durch diese Nachbarviertel und sahen uns unversehens inmitten tanzender Männer, die das Ende des Sabbat vor ihrem Gemeindezentrum feierten.
Das Nebenhaus am Campo del Ghetto Nuovo beherbergt die Synagoge und das Museo Ebraico di Venezia.
Zwei Häuser weiter hat ein vermutlich israelischer Künstler seine Glaswerkstatt (selbstverständlich Glas, was sonst in Venedig), ob allerdings das, im Schaufenster ausgestellte Schachspiel „Aschkenasim against Sephardim“ den feiernden Männer gefallen hätte?

Na wie dem auch sei, jüdisches Leben in einer Stadt wie Venedig ist natürlich weitgehend touristisch geprägt und so bieten die koscheren Restaurants „typical israelian antipasti“, also Hummus u.ä. an, in das jiddisch sprechende Touristen aus Brooklyn mit Begeisterung strömten, während die Familie aus Israel, die wir bei unserem Bäcker trafen, angewidert auf die Offerte reagierten. Hummus und Falafel und orthodoxe Tischnachbarn können sie auch zu Hause haben.
Die meisten Touristen kommen mit dem Schiff nach Venedig,

rennen einmal um den Markusplatz und reisen dann wieder ab, andere gönnen sich ein schönes Frühstück.

Die Venezianer selbst sind von den Touristenmassen ziemlich unbeeindruckt und gehen ihren Geschäften nach.
Da können die Berliner noch was von lernen.
Hier nun die Sestieri di Venezia:
Cannaregio, Castello, San Marco, Dorsoduro, San Polo, und Santa Croce.
Unsere Wohnung lag in Cannaregio, nicht wirklich überraschend an einem Kanal.

Wenn wir ein Boot gehabt hätten, wäre der andere Ausgang des Hauses nützlich gewesen.

In Ermangelung von Straßen verzichtet Venedig auf eine Nummerierung der Häuser entlang der Straßen und zählt einfach die Häuser jedes Stadtsechstels durch. Da aber in den letzten Jahrhunderten in Venedig auch neu und umgebaut wurde, musste allerorten etwas improvisiert werden und so entstand ein heilloses Chaos. Eine Person anhand der Adresse zu finden ist völlig unmöglich. Angeblich blickt außer den Briefträgern sowieso keiner durch, dabei ist es, wenn man sich erst mal einen Überblick verschafft hat, doch ganz einfach.
Unser Haus lag am Rande der Insel der Bronze- bzw. Eisengießer, dem Gheto Novo, das nicht nur das älteste jüdische Wohnquartier in Europa (im Sinne von separiert/isoliert) ist, sondern auch das Älteste in Venedig, während das Gheto vecchio jüngeren Datums ist. Sie sehen, in Venedig kann man sich ganz leicht orientieren.
An unserem ersten Abend schlenderten wir durch diese Nachbarviertel und sahen uns unversehens inmitten tanzender Männer, die das Ende des Sabbat vor ihrem Gemeindezentrum feierten.
Das Nebenhaus am Campo del Ghetto Nuovo beherbergt die Synagoge und das Museo Ebraico di Venezia.
Zwei Häuser weiter hat ein vermutlich israelischer Künstler seine Glaswerkstatt (selbstverständlich Glas, was sonst in Venedig), ob allerdings das, im Schaufenster ausgestellte Schachspiel „Aschkenasim against Sephardim“ den feiernden Männer gefallen hätte?

Na wie dem auch sei, jüdisches Leben in einer Stadt wie Venedig ist natürlich weitgehend touristisch geprägt und so bieten die koscheren Restaurants „typical israelian antipasti“, also Hummus u.ä. an, in das jiddisch sprechende Touristen aus Brooklyn mit Begeisterung strömten, während die Familie aus Israel, die wir bei unserem Bäcker trafen, angewidert auf die Offerte reagierten. Hummus und Falafel und orthodoxe Tischnachbarn können sie auch zu Hause haben.
Die meisten Touristen kommen mit dem Schiff nach Venedig,

rennen einmal um den Markusplatz und reisen dann wieder ab, andere gönnen sich ein schönes Frühstück.

Die Venezianer selbst sind von den Touristenmassen ziemlich unbeeindruckt und gehen ihren Geschäften nach.
Da können die Berliner noch was von lernen.
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E.T.A. Hoffmann: Die Automate XI
g. | Mittwoch, 15. Juni 2011, 07:06 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Kaum war Ferdinand mit Ludwig allein, so fing er an: »Freund! dir mag ich es nicht verhehlen, daß der Türke in mein Innerstes gegriffen, ja, daß er mein Innerstes verletzt hat, so daß ich den Schmerz wohl nicht verwinden werde, bis mir die Erfüllung des gräßlichen Orakelspruchs den Tod bringt.«Der (ein) Zweifler ist bekehrt.
Ludwig blickte den Freund voll Verwunderung und Erstaunen an, aber Ferdinand fuhr fort: »Ich sehe nun wohl, daß dem unsichtbaren Wesen, das sich uns durch den Türken auf eine geheimnisvolle Weise mitteilt, Kräfte zu Gebote stehen, die mit magischer Gewalt unsre geheimsten Gedanken beherrschen, und vielleicht erblickt die fremde Macht klar und deutlich den Keim des Zukünftigen, der in uns selbst im mystischen Zusammenhange mit der Außenwelt genährt wird, und weiß so alles, was in fernen Tagen auf uns einbrechen wird, so wie es Menschen gibt mit der unglücklichen Sehergabe, den Tod zur bestimmten Stunde vorauszusagen.«
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Es gibt nur einen Palazzo in Venedig,
g. | Dienstag, 14. Juni 2011, 07:18 | Themenbereich: 'auf Reisen'
nämlich den Palazzo Ducale:
alle anderen sind einfache Wohn- und Geschäftshäuser, sind Casas:
Natürlich lebte man in Vendig nicht in so ärmlichen Verhältnissen wie in Pisa, Genua oder Florenz. Erst im 19. Jahrhundert konnte jeder Emporkömmling sein Häuschen Palazzo nennen.
Wie es sich für die Serenissima, die erhabenste Stadt des Mittelalters und der frühen Neuzeit gehört, wurde jedem Reisenden, sei er Diplomat, Händler oder Reisender mit anderen Absichten, die Macht und Bedeutung der Stadt deutlich gemacht. Zum Dogen Venedigs stieg man hinauf:
Jedermann war klar, wenn er hier hinaufstieg: diese Stadt ist reich, sie kann mehr Söldner anheuern als jede andere Stadt, sie kann längere und blutigere Kriege führen als jede andere Stadt.
Es gibt auch nur eine Piazza, die Piazza San Marco, alles Andere sind Piazettas, Piazzales, Largos:
Wer noch nicht ausreichend beeindruckt war, konnte sich durch die Basilica di San Marco einen weiteren Eindruck verschaffen: zusammengeklaut. Alle Händler hatten die Auflage in aller Welt zusammenzuklauen, was Venedigs Pracht und Ruhm mehren konnte. Die Beutestücke wurden dann in die Basilica eingebaut.
Den römischen Bischof hatte man an den Stadtrand verbannt, damit er die Staatsgeschäfte nicht stören konnte.
alle anderen sind einfache Wohn- und Geschäftshäuser, sind Casas:
Natürlich lebte man in Vendig nicht in so ärmlichen Verhältnissen wie in Pisa, Genua oder Florenz. Erst im 19. Jahrhundert konnte jeder Emporkömmling sein Häuschen Palazzo nennen.
Wie es sich für die Serenissima, die erhabenste Stadt des Mittelalters und der frühen Neuzeit gehört, wurde jedem Reisenden, sei er Diplomat, Händler oder Reisender mit anderen Absichten, die Macht und Bedeutung der Stadt deutlich gemacht. Zum Dogen Venedigs stieg man hinauf:
Jedermann war klar, wenn er hier hinaufstieg: diese Stadt ist reich, sie kann mehr Söldner anheuern als jede andere Stadt, sie kann längere und blutigere Kriege führen als jede andere Stadt.
Es gibt auch nur eine Piazza, die Piazza San Marco, alles Andere sind Piazettas, Piazzales, Largos:
Wer noch nicht ausreichend beeindruckt war, konnte sich durch die Basilica di San Marco einen weiteren Eindruck verschaffen: zusammengeklaut. Alle Händler hatten die Auflage in aller Welt zusammenzuklauen, was Venedigs Pracht und Ruhm mehren konnte. Die Beutestücke wurden dann in die Basilica eingebaut.
Den römischen Bischof hatte man an den Stadtrand verbannt, damit er die Staatsgeschäfte nicht stören konnte.
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wieder da
g. | Freitag, 10. Juni 2011, 08:14 | Themenbereich: 'auf Reisen'

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Bis 10. Juni geschlossen
g. | Freitag, 13. Mai 2011, 06:48 | Themenbereich: 'so dies und das'

danach werden wir versuchen, die Frage zu beantworten, ob es in Venedig noch Zwerge gibt.
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E.T.A. Hoffmann: Die Automate X
g. | Donnerstag, 12. Mai 2011, 06:35 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Ludwig bemerkte, daß Ferdinand plötzlich erblaßte, nach einigen Sekunden aber aufs neue fragte und gleich die Antwort erhielt. Mit erzwungenem Lächeln sagte Ferdinand zur Gesellschaft: »Meine Herren, ich kann versichern, daß wenigstens für mich der Türke seine Ehre gerettet hat; damit aber das Orakel ein recht geheimnisvolles Orakel bleibe, so erlassen Sie es mir wohl zu sagen, was ich gefragt und was er geantwortet.«Der größte Zweifler wurde aufs Korn genommen. Wie sagte schon Jesus von Nazareth: „Selig, die nicht sehen und doch glauben.“
So sehr Ferdinand seine innere Bewegung verbergen wollte, so äußerte sie sich doch nur zu deutlich in dem Bemühen, froh und unbefangen zu scheinen, und hätte der Türke die wunderbarsten treffendsten Antworten erteilt, so würde die Gesellschaft nicht von dem sonderbaren, beinahe grauenhaften Gefühl ergriffen worden sein, das eben jetzt Ferdinands sichtliche Spannung hervorbrachte. Die vorige Heiterkeit war verschwunden, statt des sonst fortströmenden Gesprächs fielen nur einzelne abgebrochene Worte, und man trennte sich in gänzlicher Verstimmung.
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Sturmesbrausen, Regen
g. | Mittwoch, 11. Mai 2011, 06:18 | Themenbereich: 'Begegnungen'
Ein unbeampelter Fußgängerüberweg und eine alte Dame mit Rollator, die forsch die vierspurige Hauptverkehrsstraße überquert. ‚Gutes Auge, Junge Frau‘ dachte ich noch bevor sie einige Meter weiter in einem Hauseingang verschwand.
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E.T.A. Hoffmann: Die Automate IX
g. | Dienstag, 10. Mai 2011, 06:46 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Zwei verschiedene Haltungen: Ludwig macht sich über die Figur lustig, Ferdinand ist von Grauen und Neugier gepackt.
So sehr sich Ludwig sträubte, mußte er doch, um nicht für einen Sonderling gehalten zu werden, nachgeben, als mehrere auf ihn einstürmten, ja sich nicht von der belustigenden Partie auszuschließen und im Verein mit ihnen morgen dem mirakulösen Türken recht auf den Zahn zu fühlen. Ludwig und Ferdinand gingen wirklich mit mehreren muntern Jünglingen, die sich deshalb verabredet, hin. Der Türke, dem man orientalische Grandezza gar nicht absprechen konnte und dessen Kopf, wie gesagt, so äußerst wohl gelungen war, kam Ludwigen doch im Augenblick des Eintretens höchst possierlich vor, und als nun vollends der Künstler den Schlüssel in die Seite einsetzte und die Räder zu schnurren anfingen, wurde ihm das ganze Ding so abgeschmackt und verbraucht, daß er unwillkürlich ausrief: »Ach, meine Herren, hören Sie doch, wir haben höchstens Braten im Magen, aber die türkische Exzellenz da einen ganzen Bratenwender dazu!« Alle lachten, und der Künstler, dem der Scherz nicht zu gefallen schien, ließ sogleich vom weitern Aufziehen des Räderwerks ab. Sei es nun, daß die joviale Stimmung der Gesellschaft dem weisen Türken mißfiel, oder daß er den Morgen gerade nicht bei Laune war, genug, alle Antworten, die zum Teil durch recht witzige, geistreiche Fragen veranlaßt wurden, blieben nichtsbedeutend und schal, Ludwig hatte vorzüglich das Unglück, beinahe niemals von dem Orakel richtig verstanden zu werden und ganz schiefe Antworten zu erhalten; schon wollte man unbefriedigt das Automat und den sichtlich verstimmten Künstler verlassen, als Ferdinand sprach: »Nicht wahr, meine Herren, Sie sind alle mit dem weisen Türken nicht sonderlich zufrieden, aber vielleicht lag es an uns selbst, an unsern Fragen, die dem Manne nicht gefielen – eben daß er jetzt den Kopf dreht und die Hand aufhebt« (die Figur tat dies wirklich) »scheint meine Vermutung als wahr zu bestätigen! – ich weiß nicht, wie mir jetzt es in den Sinn kommt, noch eine Frage zu tun, deren Beantwortung, ist sie treffend, die Ehre des Automats mit einem Male retten kann.« Ferdinand trat zu der Figur hin und flüsterte ihr einige Worte leise ins Ohr; der Türke erhob den Arm, er wollte nicht antworten, Ferdinand ließ nicht ab, da wandte der Türke den Kopf zu ihm hin. –Ludwig, dem Spötter wird das Wunder nicht zu Teil.
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Zum Muttertag
g. | Montag, 9. Mai 2011, 06:47 | Themenbereich: 'amuse gueule'
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E.T.A. Hoffmann: Die Automate VIII
g. | Freitag, 6. Mai 2011, 07:08 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
»Du weißt,« nahm Ferdinand das Wort, »daß alles, was du von dem tollen Nachäffen des Menschlichen, von den lebendigtoten Wachsfiguren gesagt hast, mir recht aus der Seele gesprochen ist. Allein bei den mechanischen Automaten kommt es wirklich sehr auf die Art und Weise an, wie der Künstler das Werk ergriffen hat. Einer der vollkommensten Automate, die ich je sah, ist der Enslersche Voltigeur, allein so wie seine kraftvollen Bewegungen wahrhaft imponierten, ebenso hatte sein plötzliches Sitzenbleiben auf dem Seil, sein freundliches Nicken mit dem Kopfe etwas höchst Skurriles. Gewiß hat niemanden jenes grauenhafte Gefühl ergriffen, das solche Figuren, vorzüglich bei sehr reizbaren Personen, nur zu leicht hervorbringen. Was nun unsern Türken betrifft, so hat es meines Bedünkens mit ihm eine andere Bewandtnis. Seine, nach der Beschreibung aller, die ihn sahen, höchst ansehnliche, ehrwürdige Figur ist etwas ganz Untergeordnetes, und sein Augenverdrehen und Kopfwenden gewiß nur da, um unsere Aufmerksamkeit ganz auf ihn, wo gerade der Schlüssel des Geheimnisses nicht zu finden ist, hinzulenken. Daß der Hauch aus dem Munde des Türken strömt, ist möglich oder vielleicht gewiß, da die Erfahrung es beweist; hieraus folgt aber noch nicht, daß jener Hauch wirklich von den gesprochenen Worten erregt wird. Es ist gar kein Zweifel, daß ein menschliches Wesen vermöge uns verborgener und unbekannter akustischer und optischer Vorrichtungen mit dem Fragenden in solcher Verbindung steht, daß es ihn sieht, ihn hört und ihm wieder Antworten zuflüstern kann. Daß noch niemand, selbst unter unsern geschickten Mechanikern, auch nur im mindesten auf die Spur gekommen, wie jene Verbindung wohl hergestellt sein kann, zeigt, daß des Künstlers Mittel sehr sinnreich erfunden sein müssen, und so verdient von dieser Seite sein Kunstwerk allerdings die größte Aufmerksamkeit. Was mir aber viel wunderbarer scheint und mich in der Tat recht anzieht, das ist die geistige Macht des unbekannten menschlichen Wesens, vermöge dessen es in die Tiefe des Gemüts des Fragenden zu dringen scheint – es herrscht oft eine Kraft des Scharfsinns und zugleich ein grausenhaftes Helldunkel in den Antworten, wodurch sie zu Orakelsprüchen im strengsten Sinn des Worts werden. Ich habe von mehrern Freunden in dieser Hinsicht Dinge gehört, die mich in das größte Erstaunen setzten, und ich kann nicht länger dem Drange widerstehen, den wundervollen Sehergeist des Unbekannten selbst auf die Probe zu stellen, weshalb ich mich entschlossen, morgen vormittags hinzugehen, und dich hiermit, lieber Ludwig, feierlichst eingeladen haben will, alle Scheu vor lebendigen Puppen abzulegen und mich zu begleiten.«Ganz in der Nähe von E.T.A. Hoffmanns Wohnung am Gendarmenmarkt stellten die Phantasmagoristen Karl Georg und Johann Karl Enslen ihre Panoramen und Phantoskope (siehe auch S. 6ff.) aus.
Voltigeur: Seiltänzer
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Wundersame Maschinen XVI
g. | Donnerstag, 5. Mai 2011, 06:29 | Themenbereich: 'so dies und das'
Einfach einen Euro reinstecken, auswählen und los gehts!


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E.T.A. Hoffmann: Die Automate VII
g. | Mittwoch, 4. Mai 2011, 06:58 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
»Mir sind«, sagte Ludwig, »alle solche Figuren, die dem Menschen nicht sowohl nachgebildet sind, als das Menschliche nachäffen, diese wahren Standbilder eines lebendigen Todes oder eines toten Lebens, im höchsten Grade zuwider. Schon in früher Jugend lief ich weinend davon, als man mich in ein Wachsfigurenkabinett führte, und noch kann ich kein solches Kabinett betreten, ohne von einem unheimlichen grauenhaften Gefühl ergriffen zu werden. Mit Macbeths Worten möchte ich rufen: ›Was starrst du mich an mit Augen ohne Sehkraft?‹ wenn ich die stieren, toten, gläsernen Blicke all der Potentaten, berühmten Helden und Mörder und Spitzbuben auf mich gerichtet sehe, und ich bin überzeugt, daß die mehrsten Menschen dies unheimliche Gefühl, wenn auch nicht in dem hohen Grade, wie es in mir waltet, mit mir teilen, denn man wird finden, daß im Wachsfigurenkabinett auch die größte Menge Menschen nur ganz leise flüstert, man hört selten ein lautes Wort; aus Ehrfurcht gegen die hohen Häupter geschieht dies nicht, sondern es ist nur der Druck des Unheimlichen, Grauenhaften, der den Zuschauern jenes Pianissimo abnötigt. Vollends sind mir die durch die Mechanik nachgeahmten menschlichen Bewegungen toter Figuren sehr fatal, und ich bin überzeugt, daß euer wunderbarer geistreicher Türke mit seinem Augenverdrehen, Kopfwenden und Armerheben mich wie ein negromantisches Ungetüm vorzüglich in schlaflosen Nächten verfolgen würde. Ich mag deshalb nicht hingehen und will mir lieber alles Witzige und Scharfsinnige, was er diesem oder jenem gesagt, erzählen lassen.«„Was starrst du mich an mit Augen ohne Sehkraft?“: spielt wohl auf diese Stelle im Macbeth an:
Macbeth spricht zum Geist: „Hinweg, aus meinem Gesicht! Laß die Erde dich verhüllen! Deine Beine sind marklos, dein Blut ist kalt, du hast keine Seh-Kraft in diesen Augen, mit denen du mich so drohend anstarrest.“
(3. Aufzug, 5. Szene übersetzt von Christoph Martin Wieland.)
Negromantisches Ungetüm: Nekromantie/Nigromantie.
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