Der hinkende Bote

Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten

Dienstag, 6. Januar 2009
Jean Paul Seebuch
Zwölfte Fahrt ,
die ihn zu unerhörten Gelehrten in ferne Länder führt, nebst einem Seitenhieb auf einen reisenden Dintenschleimer.
„Ich lief zu keinem einzigen Genie in St. Görgen. Mein Stolz würde sich dagegen aufbäumen, wenn ich vor den Thronsessel der so genannten Genies auf unsichtbaren Regenwurmfüßen mich hinziehen wollte, da er und ich das egoistische Pusten und Blasen und sogar die mündliche Leerheit dieses fliegenden Corps seit Jahren kennen; von ihnen ist wenig mehr zu holen als das Weiber- oder Kunkellehn, der Körper, von einem andern, obwohl unberühmten Mann aber sehr oft ein gescheutes Wort, so wie nur unberühmte Leute, deren literaturbriefliche Rezension die Antwort des Freundes ist, die bessern Briefe schreiben.“

( Jean Paul Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch
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Montag, 5. Januar 2009
Deutschland 1918/7
Leipzig 30.12.1918
„Gestern Abend beim Essen mußte ich das Besteck hinlegen u. aufhören, weil mir die Hände zu sehr zitterten u. der Magen sich umdrehte; so sehr ärgerte ich mich über mein Gegenüber, einen kahlköpfigen Handwerksmeister, der seine teure Flasche Rotwein trank u. dabei erklärte, es müsse Blut fließen, die Rache müsse kommen, die Matrosen müßten mit allen abrechnen, die uns betrogen hätten, ‚von den Kohlenbaronen bis zu den Mehrheitssocialisten’. D.h. der Alte verbreitete stupide die Hetzworte der Leipziger Volkszeitung. Ich sagte ihm, er möge sich schämen ...
Auch unsere Frau Streller ist erfreulich. Daß sie ständig die edlen Bayern rühmt u. sinnlos auf Preußen schimpft, mag der Bayerin hingehen. Aber erst war sie blutrot; dann rückte sie vom Spartacus ab – und nun sind die Juden in Berlin an allem schuld ... Ich habe eine solche Verachtung des Volkes in mir, einen solchen Ekel vor allem Volk überhaupt. Demokratie in jeder Form ist noch viel blöder als Despotie. Blöder ist nicht das rechte Wort: verlogener, gemeiner, dümmer, sinnloser, unberechtigter ...“


(Victor Klemperer Tagebücher)
Clara Zetkin arbeitete übrigens für die Leipziger Volkszeitung.
Was für ein Sammelsurium irrationaler Deutungsmuster: die Matrosen sollen uns rächen; das – anscheinend schon alte – Motiv des landsmannschaftlichen Gegensatzes von Bayern und Preußen, die Juden sind an allem schuld; und zu guter Letzt das unzuverlässige Volk, dem man mit Misstrauen begegnen muss (mit elitärem Subtext: ..., gemeiner, dümmer, ...)

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Dienstag, 23. Dezember 2008
Jean Paul Seebuch
Elfte Fahrt ,
die Anlass gibt, über Finsternis und Hoffnung in poetischen Bildern zu schwelgen..
„Auch gehst fort, bleiche Sonne, und als ein weißer Engel hinab ins stille Kloster der Eismauern des Pols und ziehest dein blühendes, auf den Wogen golden schimmerndes Brautgewand nach dir und hüllst dich ein! – Die Blasse im Rosenkleide! Wo ist sie jetzt? Wird sie in ein warmes, reges Auge schimmern zwischen den Eisfeldern? – Ich schaue herab auf den finstern Winter der Welt! Wie stumm und unendlich ists da unten!“


( Jean Paul Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch
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Dienstag, 16. Dezember 2008
Jean Paul Seebuch
Zehnte Fahrt ,
die Giannozzo zum Räsonieren über Vertrauensseligkeit und zu einem Gastmahl führt, nebst einer volkswirtschaftlichen Vorlesung über Verschwendung.
„Ein Ulrichsschlager klagte über die Handwerksmißbräuche und brachte bei, dass der Professor Hausen erwiesen, dass schon einer mittelmäßigen Stadt – wie unsrer z. B., sagt’ er – bloß durch den blauen Montag in 1 Jahr netto 13 541 Tl. 16 Gr. vor die Hunde gehen. O wenn ich diese Saite höre! »Meine Herren!« (fing ich an) »das ist erst nur eine Staats- Bankerutt-Quelle und mehr nicht. Aber ringsum springen die Quellen wie Böcke. Außer der Gesundheit wird durchaus nichts hässlicher verschwendet als ihr Surrogat, die Zeit. Welche entsetzliche Summen kostet einem Land der Schlaf, da es durch strenge Schlaf-Edikte leicht dahin zu bringen wäre, dass es nicht mehr schliefe als jeder Nachtwächter! – Werfen wir nicht jährlich wieder 13 541 Tl. 16 Gr. zum Fenster hinaus, dass wir den Sonntag feiern am – Tage, da wir wie andere Völker nachts in die Kirche gehen könnten, wo die Dunkelheit die Andacht, und die Schlaf-Karenz die Buße nicht verderben würde? – So muss auch nicht als etwas Kleinliches aus der Unkosten-Rechnung alles das ausgelassen werden, was das Land jährlich an zwei Personen einbüßet durch Balbieren, indes mit dem Barte der Staat wüchse – und durch Donnerwetter, weil dabei nur Gebetbücher ergriffen werden – und durch stehende Tischgebete, die man ja sitzend still in sich unter dem Käuen verrichten könnte – und durch fremde Passagiere, denen der Staatsbürger durchs Fenster nachsieht da jeder Narr, der in der Stadt nichts verzehrt und nur durchpassiert, um dieselbe reiten könnte – und besonders durch das allgemeine Müßiggehen und Faulpelzwerk der linken Hand und zweier Füße.«


( Jean Paul Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch
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Montag, 15. Dezember 2008
Deutschland 1918/6
Leipzig 14.12.1918 über die Tage (10. – 13.12.) in München:
„Das akademische Mietsfräulein klagte, die Italiener oder gar Franzosen würden in Deutschland einrücken, weil Spartacus immer mächtiger werde u. das Chaos hervorrufe – u. dann werde es in M. erst recht Wohnungsnot geben. In diesem Punkt beruhigte ich sie. Wir würden mit Spartacus allein fertig werden, u. wenn es auch auf die Barrikaden gehe.“


Wir = die Deutschen? Wahrscheinlich, nur dass eben die Spartakisten auch Deutsche waren.
„Besonders am Eingang der Alfonsschule steht in der Mauer eine steinerne Bank. Dort saß ich im Juli 1915 in Sträflingsdrillich mit Eva, die mir abends meine Post brachte u. mich begrüßte. Ich durfte nicht heraus, war buchstäblich gefangen, weil ich noch nicht grüßen konnte. Ich der 33jährige, der Privatdozent, der Ehemann, der Kriegfreiwillige! Ich weiß, Disciplin ist notwendig u. der Gruß ist ein notwendiges Übel, ich weiß, wie es jetzt ohne diese Disciplin zugeht, ich bin durchaus ‚contrarevolutionär’ gestimmt, ich lache vergnügt, wenn jetzt Theodor Wolff eine ‚klar sichtbare militärische Macht’ fordert, wenn die Regierung Ebert eine ‚freiwillige Volkswehr’ bildet, zu der sie nur Soldaten heranzieht, die über 24 Jahre alt sind u. lange Frontdienst gemacht haben, also gerade das beste Menschenmaterial, das durchgebildetste des alten Heeres! Und dennoch: wenn ich an die Bank denke, oder an den Tag, wo mich der verrückte Hauptmann Berghausen mit dem Tropenkoller in Kasernenarrest brüllte, weil ich den Hacken beim ‚stillgestanden’ zusammenzunehmen vergessen hatte, dann legt es sich geradezu körperlich wie ein Stein auf die Brust, wie eine zusammengepresste Hand um den Hals; ich gedenke dann meiner bittersten Verzweiflungen u. verstehe jede, aber auch jede Sinnlosigkeit der Revolution.“

Von einer Wahlversammlung der unabhängigen Sozialdemokraten:

„Mit einemmale wird es still. Alles sieht nach einer Seitentür, wo ein kleines Gedränge entsteht. Man flüstert: ‚Eisner, Eisner ist da!’ Der gerade redet, bricht ab u. bringt unvermittelt ein Hoch auf Eisner aus. Er ist ein Soldatenrat; er setzt an mit ‚Hurr ...’ unterbricht sich und ruft ‚Hoch, Hoch, Hoch!’ Stürmisches Mitrufen der Menge. Eisner kommt dicht an mir vorbei, u. beim Weggehen sehe ich ihn noch einmal fast in ‚Tuchfühlung’. Ein zartes gebrechliches winziges gebeugtes Männchen. Der Schädel kahl, nicht imposant groß. In den Backen hängen ihm schmutziggraue Haare. Der Vollbart ist rötlich, schmutziggrau, die schweren Augen sehen trübgrau durch Brillengläser, nichts Geniales, nichts Ehrwürdiges, nichts Heroisches ist an der ganzen Gestalt. Ein leidender, verbrauchter, mittelmäßiger alter Mann, dem ich mindestens 65 Jahre gebe.
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Sehr jüdisch sieht er nicht aus, germanisch oder bajuwarisch erst recht nicht.
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Er spricht leise u. ist doch überall verständlich, weil alles ehrfurchtsvoll schweigt. Er sei leidend, er sei auch den Abend über nicht hier gewesen, er könne also alles ablehnen u. widerlegen, weil er nichts gehört habe. Dies ist der erste Witz von vielen, der Witz ersetzt ihm fast immer das Pathos u. wird ihm immer dankbar bejubelt.
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Ein feuilletonistischer Plauderer unter Freunden, die ihm bestimmt zujubeln, er sage, was er wolle, ein vielgeliebter Präsident eines Kegelklubs, ein erfolgssicherer Komiker, der gelegentlich eine moralische Note anschlägt.
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Eisner ist mir rätselhaft: wie kann dieser Feuilletonist, diese Wippchennatur ohne heroische, ohne dictatorische Geste auf das Volk u. nun gar auf die Bayern wirken? Aber eines ist mir gewiß geworden: er herrscht in Bayern, er ist im Volke verankert, das ihn wie einen Gott verehrt. Vielleicht wird er bald fallen, aber zur Zeit stützt er sich gewiß auf das Volk ...
Ich war nach diesem Eisnerabend von Hitze u. Müdigkeit vollkommen erschöpft, ich war um keinen Satz bereichert, den ich nicht 100x aus 101 Zeitungen erfahren hatte; dennoch habe ich den größten Revolutionseindruck empfangen. Unterleitner, Levin, Eisner, die Masse – welche seltsame, rätselhafte, unberechenbare, alogische Angelegenheit!“


(Victor Klemperer Tagebücher)

Klemperer hatte wohl revolutionäres Pathos erwartet. Insbesondere vermisst er einen ‚diktatorischen Gestus auf das Volk, die Masse’. Heute würde wohl ein Journalist etwas von Populismus faseln. Interessant ist auch, dass er anscheinend erwartet hatte, dass Eisner ‚jüdisch’ aussieht. (Solche Bemerkungen, dass jemand jüdisch oder sehr jüdisch aussehe, tauchen häufiger auf. Bei mir löst das keinerlei Assoziationen aus. Außer dem NS-Bild natürlich, aber das wird Klemperer wohl nicht vorgeschwebt sein?)

Kurt Eisner, geboren am 14.5.1867 in Berlin, zunächst Anhänger von Friedrich Naumann, einem der Begründer des ‚modernen Liberalismus’ (der durch den ‚Freiheit oder Sozialismus’-Liberalismus eines Guido Westerwelle inzwischen abgelöst wurde. Insofern ist der Westerwelleliberalismus ein Rückgriff; vormodernistisch?), dann Mitglied der SPD und ab 1917 der USPD. Er proklamierte am 7./8.11. 1918 den Freistaat Bayern und versuchte als Bayrischer Ministerpräsident Rätesystem und Parlamentarismus zu verbinden. Er wurde zwei Monate später, am 21.2.1919 von Graf Arco ermordet.

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Dienstag, 9. Dezember 2008
Jean Paul Seebuch
Neunte Fahrt,
die den Siechkobel und seine Besatzung nach der Steinigung der Festung Blasenstein das Meer erahnen lässt.
„Es machte meine Liebe zum Erdkreis nicht fetter, dass in einem mir unbekannten Städtchen am hellen Mittage ein Haus in vollen Flammen und doch die Zuschauer bloß das Feuer besprechend, nicht begießend dastanden und keine Feuerglocke ging.“

(Anm. „Von solchen schiefen Seitenblicken wimmeln alle Reisehistorien zu Wasser und zu Land. Es ist ja offenbar, dass das Feuer in einem Residenzstädtchen brannte, wo man nicht eher Feuerlärm und Anstalten machen konnte, als bis es der fürstlichen Familie vorher gesetzmäßig angezeigt worden, weil sonst Schreck derselben die unmittelbare Folge vom Trommeln wäre, zumal nachts. Allein da doch auch dieses spätere Notifizieren das Zusammenfahren der Familie nur verschiebt, nicht ersparet: so wär’ es vielleicht vernünftiger angefangen, wenn man ihr – besonders im ersten Schlafe – die ganze Not verhehlte und alles blos leise löschte und nur durch stille Weckanstalten mit den Händen von Bette zu Bette die Leute zusammenbrächte, besonders da ich nicht sehe, inwiefern die Familie dabei interessiert ist, solange das Schloß nicht brennt. D.H.“)



( Jean Paul Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch
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Montag, 8. Dezember 2008
Deutschland 1918/5
Leipzig 8.12.1918
„In Berlin scheint sich für heute eine förmliche Schlacht anzukündigen. Ich las es morgens mit ruhiger Selbstverständlichkeit.
Zähneknirschender Brief von Ella Doehring aus Posen. Sie ist behaglich conservativ in ihren Meinungen, ihr Hass gilt noch immer England; daneben scheinen ihr die Juden besonders schuldig zu sein.“


(Victor Klemperer Tagebücher)
Er spielt wohl auf die „Berliner Aktion“ an:
Eine Gruppe von Stabsoffizieren um Oberst Albrecht von Thaer hatte den Plan für einen gewaltsamen Umsturz ausgearbeitet. Da sich die „Heimattruppen“ in den Revolutionswirren ‚neutral’ verhielten, bzw. sich der Revolution anschlossen, wurden zehn ausgesuchte Frontdivisionen unter dem Kommando von General Lequis nach Berlin beordert um die ‚Ordnung’ wieder herzustellen, ,,wer die Feuerwaffen nicht abliefert, wird erschossen.“ (Albrecht von Thaer: Generalstabsdienst an der Front und in der OHL. Aus Briefen und Tagebucheintragungen 1915 - 1919, hrsg. von Siegfried A. Kaehler. Göttingen 1958, S.273.) Vorausgegangen war ein Angebot der Obersten Heeresleitung an Ebert, ihn zu unterstützen.
Der Rat der Volksbeauftragten stützte den Ebert-Groener-Pakt und sandte ein Telegramm an die Oberste Heeresleitung mit einem Aufruf an die Soldaten: sie wurden auffordert, das Vorgesetztenverhältnis zum Offizier aufrecht zu erhalten. Darüber hinaus wurde der Einfluss der Soldatenräte in der Armee verringert.

Der Aktionsplan für die ‚Berliner Aktion’ sah für die Zeit vom 10. bis 15. Dezember detailliert vor, wann welche der zehn Divisionen in Berlin einmarschieren sollten und welche ‚Ordnungsmaßnahmen’ durchzuführen seien. Am 6. Dezember putschte die Berliner Garnison: die Soldaten drangen in das Abgeordnetenhaus ein, verhafteten den Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte und riefen Ebert zum Reichspräsidenten aus. Ebert verhielt sich zu dieser Aktion neutral, allerdings verschärfte sich das politische Klima.

„Ein Demonstrationszug, der sich auf dem Weg ins Innere der Stadt befindet, wird in der Chausseestraße abgeriegelt. Gardefüsiliere, »Maikäfer« genannt, feuerten mit Maschinengewehren in die Menge. Der Überfall forderte 14 Tote und mehrere Schwerverletzte.“
Quelle

Vor diesem Hintergrund versuchte der Vollzugsrat, den Einmarsch der Truppen zu verzögern. Auf der Kabinettssitzung am 8. Dezember wurde der Beschluss gefasst, dass die zehn Divisionen nur unter Begleitung von Arbeiterabordnungen und nach Beurteilung der Lage durch den Vollzugsrat. So sollte ein Putsch vermieden werden.
Die OHL gab dem kommandierenden General Lequis den Befehl entgegenlautende Anweisungen der Regierung, auch des Kriegsministers, abzulehnen.

Am 10. Dezember 1918 kam es dann zur Vereidigung der Soldaten auf die Republik und zur, inzwischen legendären Aussage Friedrich Eberts:
„Kein Feind hat euch überwunden“
Damit hatte er die Dolchstoßlegende, die in der konservativen Presse seit einigen Wochen diskutiert wurde, auf den Punkt gebracht.

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Freitag, 5. Dezember 2008
Deutschland 1918/4
Leipzig 5.12.1918
„Es ist bitter, sich bei aller Demütigung sagen zu müssen: man vergilt uns Gleiches mit Gleichem: In Aachen hat der belgische Commandant angeordnet (oder in Jülich): bei Strafe standrechtlichen Erschießens grüßen Civilisten unsere Offiziere, indem sie den Bürgersteig verlassen u. den Hut ziehen. Wir haben es im Osten ähnlich gehalten, wie mir seinerzeit Beyerlein aus Rumänien, gestern Kopke aus Polen erzählte.“


(Victor Klemperer Tagebücher)
Trotz persönlicher Not und Nationalbewusstsein/-stolz lässt sich Klemperer anscheinend sein Hirn nicht vernebeln.

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Dienstag, 2. Dezember 2008
Jean Paul Seebuch
Achte Fahrt,
die zunächst in die Irre und dann ins Gefängnis von Mülanz führt.
„Dieser Grimm behagte aber den Narren; sie schritten zum Protokoll und nahmen mich für einen zu nah aufstoßenden Hasen, den der Jäger erst auflaufen lässet, bevor er ihn anplätzt. Scharweber fragte lächelnd meinen Namen und Stand – ich nannte mich nur den Edelmann Giannozzo und beharrte dabei; »aber ich würde mir,« (sagt’ ich) »wenn einer von ihnen stifts- und degenfähig wäre, ein wahres Vergnügen daraus machen, solchen zu erstechen.«“

( Jean Paul Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch
1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. letzte Fahrt)

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Montag, 1. Dezember 2008
Deutschland 1918/3
Leipzig 30.11.1918

„Wir leben vollkommen ruhig u. gleichmäßig; es kommt uns seltsam vor, von ‚Revolution’ zu lesen, der Streit um die rote Fahne auf der Universität erscheint uns kindlich, alles ist hier in völligen friedlichsten Alltag getaucht. Und doch ersieht man aus den Zeitungen, dass das Chaos überall zunimmt, und doch ist es möglich, ja wahrscheinlich, dass wir in kurzem Bürgerkrieg u. alle möglichen Greuel hier wie in ganz Deutschland haben werden. Es ist mit dieser Revolution wie mit der ‚Leere des Schlachtfeldes’. Das meiste geht unterirdisch vor sich; am wenigsten weiß u. sieht, wer mitteninne steht.“


(Victor Klemperer Tagebücher)
Klemperer betreibt philologische Exercitien während eine Art von Revolution, von gesellschaftlichem Umbruch von statten geht. Nicht dass es mir fremd wäre: wenn man die Ereignisse nicht mehr fassen kann, ist es nicht die schlechteste Idee sich in ruhigere Gefilde zu begeben. Trotzdem erscheint es unzeitig.

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