Goethe: Italienische Reise
g. | Montag, 2. Februar 2009, 06:24 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
„Vor gedachtem* Ort beginnt die treffliche Chaussee von Granitsand;...“
( Goethe: Italienische Reise S. 14)
Wie würde so ein Satz heute klingen:
Am Frankfurter Tor beginnt die treffliche Chaussee von Makadam, die uns nach Hoppegarten und ins Märkische führt?
Makadam war in meiner Kindheit im Württembergischen die allgemeine Bezeichnung für den Strassenbelag Asphalt.
(* übrigens: „vor gedacht“ meint: an dem Ort, an dem man zuvor war, den man vorher erwähnt hatte.)
Permalink (0 Kommentare) Kommentieren
... 630 x aufgerufen
Victor Klemperer
g. | Montag, 26. Januar 2009, 10:23 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Romanist, seit 1920 Professor in Dresden, war nicht nur ein aufmerksamer Beobachter des politischen Geschehens, sondern auch ein pointierter Stilist. Seine Charakterisierungen von Personen sind (wahrscheinlich) treffend und haben es mir angetan:
8.2.1920
15. Januar 1922
Und zum vorläufigen Schluss:
5. Mai 1922
8.2.1920
„..., eine kleine dicke Blondine, reizlos mit knalligem Gesicht, dabei laut und etwas eitel.“Oder:
15. Januar 1922
„..., eines mittelalterlichen schlanken langnasigen schielenden Mannes.“Mit Kommata wäre es nicht halb so faszinierend.
Und zum vorläufigen Schluss:
5. Mai 1922
„Er sah im Frack aus wie ein dummer u. dicker Scharfrichter, ...“gefällt mir. Schön, nicht?
(Victor Klemperer Tagebücher)
Permalink (0 Kommentare) Kommentieren
... 653 x aufgerufen
Jean Paul Seebuch
g. | Dienstag, 20. Januar 2009, 09:54 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Letzte Fahrt ,
worin Giannozzo durch Krieg und Gewitter zu Tode kommt und das Journal ein Ende findet.
worin Giannozzo durch Krieg und Gewitter zu Tode kommt und das Journal ein Ende findet.
„Ein Windstoß warf mich plötzlich mitten über die wolkige Brandstätte voll Waffenglanz; ich riss die Lufthähne auf und vergrub mich in den Dampf, worin nur das Basiliskenauge des Todes seine heißen Silberblicke auf- und zutat. – Ich war nicht nahe und tief genug am Blinken der Bajonette – am Feuerregen des Geschützes – am Blutregen auf der Erde – an den Stimmen der Pein – an der weißen Gestalt des Verblutens – Nur die sanfte Musik , die Heroldin des Seufzers aus Liebe und der Träne aus Freude, musste unten im Jammer sprechen wie ein Hohn, und die Heerpauke der Kartaunen schlug mit Erdstößen in die weichen, guten Töne, und die Trommel-Wirbel des kleinen Geschützes gingen fort.“
( Jean Paul Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch
→ 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12.13. letzte Fahrt)
Permalink (0 Kommentare) Kommentieren
... 879 x aufgerufen
Deutschland 1919/6
g. | Montag, 19. Januar 2009, 09:38 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
"Wir dachten unter kaiserlichem Zwange
an eine Republik ... und nun ist's die!
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke - Ssälawih!“
(Kurt Tucholsky)
Permalink (1 Kommentar) Kommentieren
... 744 x aufgerufen
Deutschland 1919/5
g. | Donnerstag, 15. Januar 2009, 09:51 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
17.1.1919

„Man hat heute die Leipziger N.N. gestürmt u. gezwungen, ein Extrablatt zu veröffentlichen u. zu verteilen: ‚Wir verurteilen hiermit auf das entschiedenste die Ermordung Liebknechts u. Rosa Luxemburgs u. erklären, daß diese Zustände nur unter der Regierung Ebert-Scheidemann einreißen konnten.’ Man hat die Abendausgaben der N.N. u. des Leipziger Tgbl’s verbrannt. Im Caféhaus schimpfte uns gegenüber ein ganz anständig aussehender Mann, der sich als Mehrheitssocialist gab, maßlos auf die Neuesten. Diese übrigens, genau wie andere bürgerliche Blätter, verurteilten durchaus das Lynchverfahren. Nur die ‚Tägliche Rundschau’ triumphiert aus widerlichste, es sei gerechte Sühne an der ‚Galizierin’ vollzogen worden.“Am 15. Januar 1919 wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von Freikorpsoffizieren ermordet. Der Machtkampf war damit auf die widerwärtigste Weise beendet.
(Victor Klemperer Tagebücher)

Permalink (1 Kommentar) Kommentieren
... 769 x aufgerufen
Jean Paul Seebuch
g. | Dienstag, 13. Januar 2009, 09:44 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Dreizehnte Fahrt ,
darin ein Badeaufenthalt zum Räsonnieren über hoch und niedrig und schließlich zu einer Predigt führt.
darin ein Badeaufenthalt zum Räsonnieren über hoch und niedrig und schließlich zu einer Predigt führt.
„Die armen Reichen und Vornehmen, die noch immer eine gewisse Passion für die Tugend nicht verlassen will und die vielmehr auf diese erpicht sind wie Spinnen und Mäuse auf Musik, müssen sich aus Unvermögen aufs Anschauen dieser Grazie auf Bühnen, Bildern und romantischen Papieren einziehen; aber wie gerne wären sie gleich euch im Besitz derselben, wenn sichs geben wollte! Ihr wisset kaum, was ihr habt, Zuhörer! – Kränklichkeit gebiert Furcht; aber diese, die sonst die Götter erschuf, vernichtet jetzt das Göttliche. Es ist entsetzlich bis zum Ekelhaften, wie weit ein Gemütsschwächling sich an andern nicht sowohl versündigen kann als an sich, und es ist ordentlich jammerschade, dass er ein Ich hat; so sind auch Leute in physischer Ohnmacht wegen Lähmung der Schließmuskeln nicht in der besten Lage, sondern in ähnlicher.“
( Jean Paul Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch
→ 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. letzte Fahrt)
Permalink (0 Kommentare) Kommentieren
... 872 x aufgerufen
Deutschland 1919/4
g. | Montag, 12. Januar 2009, 09:43 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
10.1.1919
„Ich ging bei der Gelegenheit bis zum Augustusplatz, wo Maschinengewehre aufgefahren sein sollten für die auf morgen angekündigten Demonstrationen (Sympathiestreik für Spartakus in Berlin); ich entdeckte nichts außer friedlichen Jahrmarktsbuden. Überhaupt ist Leipzig immer noch tadellos ruhig. Nur in Leutzsch ist Blut vergossen worden; man hat Züge mit Regierungstruppen angehalten u. entwaffnet, die nach Berlin wollten. ‚Regierungstruppen’ – wie sich das anhört! Und in Berlin ständig auf u. ab wogende Kämpfe, um Bahnhöfe, um Zeitungsgebäude, um das Brandenburgerthor. ... es ist märchenhaft gräßlich, u. man nimmt es als selbstverständlich in Stumpfheit hin, sitzt im Conzert, im Caféhaus, auf der Bibliothek ...“
(Victor Klemperer Tagebücher)
Permalink (0 Kommentare) Kommentieren
... 646 x aufgerufen
Deutschland 1919/3
g. | Freitag, 9. Januar 2009, 09:57 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
7.1.1919
begonnen. Anlass war die Entlassung des Berliner Polizeipräsidenten Eichhorn (USPD). Am 8.1. begannen Regierungs- und Freikorpstruppen unter Führung von Gustav Noske den Aufstand niederzuschlagen. Am 12. 1. 1919 brach der Spartakusaufstand zusammen.
„Harms selber berichtete dann aus Berlin. Man sieht noch nicht klar. Es herrscht Chaos u. beginnender Bürgerkrieg. Sollte es der Regierung nicht gelingen – Noske ist Dictator – durchzugreifen, dann halte ich Deutschland für endgiltig verloren. Dann bekommen wir Ententebesetzung u. gänzlichen Reichszerfall.“Am 4. Januar hatte der so genannte Spartakusaufstand
(Victor Klemperer Tagebücher)
begonnen. Anlass war die Entlassung des Berliner Polizeipräsidenten Eichhorn (USPD). Am 8.1. begannen Regierungs- und Freikorpstruppen unter Führung von Gustav Noske den Aufstand niederzuschlagen. Am 12. 1. 1919 brach der Spartakusaufstand zusammen.
Permalink (0 Kommentare) Kommentieren
... 648 x aufgerufen
Deutschland 1919/2
g. | Donnerstag, 8. Januar 2009, 09:53 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
4.1.1919
„Auch der ‚Siplicissimus’ scheint der Revolution müde zu werden. Gestern zwei treffliche Bilder. ‚Liebknecht II’ auf einem Bajonett-gespickten Automobil: ‚Ich führe Euch herrlichen Zeiten entgegen; wer gegen mich ist, den zerschmettere ich!’ Und Mühsam auf rotem Divan zur Manicure: ‚Maniküren sie mir Schwielen an die Hände, ich bin jetzt im Arbeiterrat!’“Da habe ich doch, trotz des zeitlichen Abstandes, sehr herzlich lachen müssen. Insbesondere Karl Liebknecht, Worte von Wilhelm II in den Mund zu legen, ist genial. Zudem zeigt der Hieb auf Erich Mühsam, dass es eine Kontinuität des ‚sich öffentlich zum Horst machen’ gibt. Tröstlich ist das aber auch nicht.
(Victor Klemperer Tagebücher)
Permalink (9 Kommentare) Kommentieren
... 895 x aufgerufen
Deutschland 1919/1
g. | Mittwoch, 7. Januar 2009, 09:56 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
3. Januar 1919
„Ich werde den Demokraten wählen. Harms u. Kopke sind für den Mehrheitssocialisten, sagen, die Liberalen hätten nie regieren können. Dem setze ich entgegen. Ein Liberaler kann nicht regieren. Denn er vertritt den Einzelnen u. regieren heißt in Masse denken. Aber ich mag mich nicht aufgeben. Der Proletarier fühlt sich als Glied der Masse, die Socialdemokratie vertritt ihn. Ich fühle mich als Individuum. Die Liberalen werden nicht zur Regierung kommen, aber sie werden hier u. da mildernd für den Einzelnen eintreten, wo der Regierende die Massen balanciert ... Der Liberale ist die Hefe im Kuchen.“Ja, ja, der Liberalismus und das Individuum, genauer gesagt: das Individuum als Fetisch. Soll man sich darüber lustig machen? Über die abstruse Entgegensetzung von Individuum und Masse? Über sein Bild vom Proletarier, der sich als Glied fühlt? Darüber, dass ein Einzelner, ein Individuum nicht vertreten werden kann, wenn man es konsequent zu Ende denkt? Es also gar nicht um das Eintreten für den Einzelnen gehen kann? Wie heißt es doch so schön bei den Pythons: „Wir sind alle verschieden!“ „Ja, wir sind alle verschieden!“ „Ich nicht!“ (Das Leben des Brian) Doch doch, ein bisschen darf und muss man sich darüber lustig machen.
(Victor Klemperer Tagebücher)
Permalink (0 Kommentare) Kommentieren
... 955 x aufgerufen
... ältere Einträge