Jean Paul Seebuch
g. | Dienstag, 25. November 2008, 10:15 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Siebente Fahrt ,
worin sich unser braver Luftschiffer als Liebesbote versucht.
worin sich unser braver Luftschiffer als Liebesbote versucht.
„Ich senkte mich zu den lauten festschwebenden Lerchen hernieder und endlich zu den Nachtigallen in Zweigen und berührte einen unbekannten Boden zwischen schlafenden Blumenbeeten – mit Felsen unter Efeu – und Orangenblüten weiß, die der Morgenwind statt der Früchte abschüttelte – mit Rasensitzen, in elysäische Felder hinausgerichtet – und ringendes Morgenrot und Mondlicht durchschnitten einander und vergossen wunderliches Licht auf der Zauberstätte – In der Ferne liefen Pappelreihen vor Lusthäusern vorbei, an runden, heitern, mit Wein übersponnenen Bergen flogen Segel hin, und überall zeigte ein durchsichtiger Kastanienwald eine freudige Welt.“
( Jean Paul Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch
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Deutschland 1918/1
g. | Freitag, 21. November 2008, 09:41 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Leipzig 22.11.1918
Schade ist auch, dass Klemperer nicht weiter auf die ‚allgemeine’ Freiheit, in seiner Sichtweise, vor dem Hintergrund etwa des preußischen Klassenwahlrechtes, eingeht; zumindest die Legitimität eines allgemeinen Wahlrechtes (woran man in diesem Zusammenhang mindestens denken muss) dürfte ihm eingeleuchtet haben?
Seine Sichtweise wirkt durchaus ‚modern‘, in einer ähnlichen Wahrnehmung könnte man auch eine Veranstaltung versprengter K-Grüppler kennzeichnen (ohne den Vorsitzenden und den Arbeiter); ‚modern‘ in dem Sinne, dass er von einem antisozialistischen Impuls geprägt ist, der auch noch heute die (partei-) politischen Debatten prägt.
Eine interessierte Auseinandersetzung scheint es auch damals nicht gegeben zu haben.
Ich hoffte in den Briefen von Rosa Luxemburg eine andere persönliche Sichtweise zu finden: leider Fehlanzeige. Sie stürzte sich nach der Entlassung aus dem Gefängnis sofort in die Arbeit an der Roten Fahne und verfasste anscheinend nur kurze Notizen.
„Die Spartakusgruppe (1,2) tagte gestern in einem ziemlich jämmerlichen Lokal am Brühl, im Hinterhaus (Coburger Hallen). Ein langes verräuchertes Zimmer, nach den Bildern zu schließen (unter denen Wilhelm II nicht fehlte) Verbandszimmer einer Lokomotivführer-Vereinigung. An zwei langen Tischen u. sonst an die Wand gepfropft, ruhig beim Bier 200 – 250 Menschen, meist jung, aber weder gemein noch radaulustig aussehend, einige Frauen, mancherlei Soldaten darunter. Solange wir da waren, sprachen ein stockender, aber bedächtig wägender Vorsitzender, ein referierender Pole oder polnischer Jude mit kaltschnäuzig frecher Geschwindigkeit, ein kragenloser grauhaariger Arbeiter, fließend, ruhig, intelligent, wie ein guter Dozent, ein Unteroffizier von etwa 30 Jahren mit hartem ostpreußischem Accent in leidenschaftlichstem, fanatischstem, überzeugtestem, langsam wuchtendem Kreuzpredigerton. Alle sagten sie, jeder auf seine Art, genau das Gleiche, im Grunde mit einer kindlich naiven Schamlosigkeit: Gegen Nationalversammlung u. gegen Preßfreiheit. Wir sind in der Minorität, die Nationalversammlung würde uns besiegen, die Presse bekämpft uns. Ergo Verhinderung der Nationalversammlung, gewaltsame Beschlagnahmung der Presse für unsere extreme Richtung! Es kommt ihnen eben gar nicht auf allgemeine Freiheit an, sondern auf ihre Befreiung, vielmehr ihre Herrschaft.“Während er den Arbeiter durchaus wohlwollend zeichnet, ist er von dem Unteroffizier offensichtlich angewidert. In der Schlussfolgerung ebnet er dann die Widersprüche wieder ein. Schade.
(Victor Klemperer Tagebücher)
Schade ist auch, dass Klemperer nicht weiter auf die ‚allgemeine’ Freiheit, in seiner Sichtweise, vor dem Hintergrund etwa des preußischen Klassenwahlrechtes, eingeht; zumindest die Legitimität eines allgemeinen Wahlrechtes (woran man in diesem Zusammenhang mindestens denken muss) dürfte ihm eingeleuchtet haben?
Seine Sichtweise wirkt durchaus ‚modern‘, in einer ähnlichen Wahrnehmung könnte man auch eine Veranstaltung versprengter K-Grüppler kennzeichnen (ohne den Vorsitzenden und den Arbeiter); ‚modern‘ in dem Sinne, dass er von einem antisozialistischen Impuls geprägt ist, der auch noch heute die (partei-) politischen Debatten prägt.
Eine interessierte Auseinandersetzung scheint es auch damals nicht gegeben zu haben.
Ich hoffte in den Briefen von Rosa Luxemburg eine andere persönliche Sichtweise zu finden: leider Fehlanzeige. Sie stürzte sich nach der Entlassung aus dem Gefängnis sofort in die Arbeit an der Roten Fahne und verfasste anscheinend nur kurze Notizen.
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Jean Paul Seebuch
g. | Dienstag, 18. November 2008, 11:46 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Sechste Fahrt ,
auf der erneut das Welttheater bestaunt und am Brocken eine Teufelsrede gehalten wird.
auf der erneut das Welttheater bestaunt und am Brocken eine Teufelsrede gehalten wird.
„Auf der Fläche, die auf allen Seiten ins Unendliche hinausfloß, spielten alle verschiednen Theater des Lebens mit aufgezogenen Vorhängen zugleich – einer wird hier unter mir Landes verwiesen – drüben desertiert einer, und Glocken läuten herauf zum fürstlichen Empfang desselben – hier in den brennend-farbigen Wiesen wird gemähet – dort werden die Feuersprützen probiert – englische Reuter ziehen mit goldnen Fahnen und Schabaracken aus – Gräber in neun Dorfschaften werden gehauen – Weiber knien an Wegen vor Kapellen – ein Wagen mit weimarischen Komödianten kommt – viele Kammerwagen von Bräuten mit besoffnen Brautführern – Paradeplätzen mit Parolen und Musiken – hinter dem Gebüsche ersäuft sich einer in einem tiefen Perlenbach, nach dem dabei zusehenden Kniegalgen zu urteilen – lange Fähren mit vielen Wagen ziehen unten über breite Ströme und ich oben gleichfalls, aber ohne Fährgeld – ein Schieferdecker besteigt den Stadtturm, und ein sentimentalischer Pfarrsohn guckt aus dem Schallloch, und beide können (das kann ich viertehalbtausend Fuß hoch observieren, weil die dünne Luft alles näher heranhebt) sich nicht genug über das hundert Fuß tiefe Volk unter sich verwundern und erheben – Gartendiebinnen mit Brustavisen stehen in Prangern wie Heilige in Kapellen sehr umrungen - einer auf Knien und hinter der Binde muss drei Kugeln seiner dreifarbigen Kokarde wegen in den Pelz auffangen – ein für die Kirmes angeputztes Dorf samt vielen nötigen Verkäufern und Käufern dazu – katholische Wallfahrten, von schlechtem Gesang begleitet – ein lachender, trabender Wahnsinniger muss eingefangen werden – fünf Mädchen ringen entsetzlich die Hände, ich weiß nicht warum – über hundert Windmühlen heben im Sturm die Arme auf – die blühende Erde glänzt, die Sonne brennt aus den Strömen zurück, die muntern Schmetterlinge unten sind nicht zu sehen und die hohen Lerchen nur dünn zu hören, oder ich täusche mich sehr – das Leben hier schweigt und ist groß und droht fast – Gott weiß, welcher gewaltige böse oder gute Geist hier in dieser stillen Höhe dem Treiben grimmig-grinsend oder weinend-lächelnd zusieht und die Tatzen ausstreckt oder die Arme, und ich frage eben nichts nach ihm ...“
( Jean Paul Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch
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Jean Paul Seebuch
g. | Dienstag, 11. November 2008, 09:48 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Fünfte Fahrt,
die nach Mülanz und zum Plan einer Jubelrede auf den städtischen Galgen führt.
die nach Mülanz und zum Plan einer Jubelrede auf den städtischen Galgen führt.
„Der Dreizack macht, dass die Bankeruttierer-Firma – ob sie gleich die Reichsgesetze sonst unter die Diebe rubrizieren – nicht wie diese auf Chausseen mit Pistolen und auf Leitern an Fenstern stehen muss (was doch immer so äußerst misslich für Ehre und Leben ist), sondern zu Hause bleiben und auf die anständigste und die sicherste Weise im Schlafrock und Komtoir die Seelenkraft, welche die Philosophie das Begehrungsvermögen nennt, völlig entwickeln kann, indem sie durch eine dem Papier-Adel ähnliche Papier-Kaperei ein Handelsfreund von jedem wird; Freund sagen sie mit den Griechen des Wohlklangs wegen statt Dieb. Nach einiger Zeit lässet der fallite Handelsfreund, anstatt in Häuser einzubrechen, sie bloß fallen, und anstatt viele fremde Kaufläden aufzusprengen, schließet er bloß seinen eigenen zu. ...
Er wartet noch eine kurze Zeit, bis der Gerichtshof ihm die bulla compositionitis, gleichsam den Retour-Kaperbrief, ausgefertigt, und dann zieht er sich, - er müsste denn noch einmal in die See als Algerier stechen – mit dem besten Vermögenszustande und allgemein geehrt samt seiner Familie zurück und verzehrt wie ein Krokodil den Raub auf dem Lande. Welchem Fallierer unter uns ist daher nicht der Galgen venerabel.“
( Jean Paul Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch
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Jean Paul Seebuch
g. | Dienstag, 4. November 2008, 09:33 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Vierte Fahrt,
worin das Liebesglück eines Zensors im ästhetischen Fache geschildert wird.
worin das Liebesglück eines Zensors im ästhetischen Fache geschildert wird.
„Der ganze Tag verdiente überhaupt gar nicht, dass man ihn durchlebte; und am Abend ärgerte mich noch dazu der Abend.“
( Jean Paul Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch
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Jean Paul Seebuch
g. | Dienstag, 28. Oktober 2008, 11:57 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Dritte Fahrt, die ihn von Haifischen träumen lässt und ihn ins Saturnianer Land führt.
„„Ich machte die Sänftenfenster dem frischen Luftzug auf und blies vor Lust mit meinem Posthörnchen hinaus. Drunten auf meinem zurückgelassenen Meersboden stieg ein Dieb in eine Kirche ein – unweit davon stieg ein Mönch aus einem Kloster als Selbstdieb heraus – in den Wald liefen Wilddiebe – auf dem Felde Wächter gegen das diebische Wild – ferner Reisende – Sentimetalisten usw. Was ging mich das tiefe Volk an? Ich ging zu Bette.“
( Jean Paul Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch
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Jean Paul Seebuch
g. | Dienstag, 21. Oktober 2008, 10:40 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Zweite Fahrt ins Königreich Vierreuter, in dem unser braver Luftschiffer in einen homerischen Froschmäusekrieg verwickelt wird.
„Ich könnte ein pläsantes Leben hier oben führen, wenn ich mich nicht den ganzen Tag über alles erboste, was ich mir denke und finde."
( Jean Paul Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch
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Jean Paul Seebuch
g. | Dienstag, 14. Oktober 2008, 13:14 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Erste Fahrt, worin vermeldet wird, wie sich Giannozzo mit seinem Luftschiffe ‚Siechkobel’ erhebt und sein Luft-Schiffs-Journal dem Bruder Graul, auch Leibgeber genannt, zueignet, nebst Anmerkungen des Herausgebers und der Aufklärung darüber, warum dieses Blog den Untertitel ‚Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten‘ trägt.
„ Trefft ihr einen Schwarzkopf in grünem Mantel einmal auf der Erde, und zwar so, dass er den Hals gebrochen: so tragt ihn in eure Kirchenbücher unter dem Namen Giannozzo ein; ..."
( Jean Paul Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch
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