Der hinkende Bote

Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten

Schnipsel
  1. „Auch die Gefährdungen der westlichen Gesellschaften durch Abbau von Bürgerrechten, den massiven Einfluss von Lobbygruppen auf demokratische Entscheidungsträger, die Überdehnung der Freiheit im Namen der Freiheit, die Verwirrung der Begriffe, den Verlust von Sinn -und Wirklichkeitsbezügen in der multimedialen Kommunikationsgesellschaft und die Attraktivität des Populismus wurden von Fukuyama erst viel später erkannt.“ Ich habe ja damals Francis Fukuyama für einen Rechten gehalten, der in Triumphgeschrei ausbricht.
  2. Lann Hornscheidt lehnt »Studierende« als Bezeichnung ab, weil sie der Auffassung ist, dass damit assoziativ Studenten verknüpft sind. Bei mir löst der Begriff die Vorstellung von jungen Menschen allerlei Geschlechts aus, die von einem Hochschulstudium überfordert sind. Ach ja und sie fordert den Standpunkt, dass Gedichte nicht wissenschaftlich seien, heraus. Ehrenwerte Naivität?
  3. „Heute wäre ich in dem Aufzug König der Hipster, doch damals wurde ich dafür zu Recht verkloppt.“ Man kann den Satz auch umdrehen: wer sich für den König der Hipster hält, sollte heute zu Recht verkloppt werden.
  4. „Seit Beginn der historischen Aufzeichnungen (Sumerer, vor etwa 6000 Jahren) sind 2780 "göttliche Wesen" katalogisiert worden.“ Da ist ja einiges über die Jahre zusammengekommen.
  5. eine griffige Formulierung: „Deutschland – mitverantwortlich für den ersten Weltkrieg, alleinverantwortlich für den zweiten“ (Raul Zelik)
  6. "Poppertod löst Wohnungsnot“ Lang, lang ist’s her.
  7. Das ist einfach: welches Magazin ist gemeint mit „Das politische Society-Magazin“?
  8. „Für die Jugend: Das habe ich vor etwa 25 Jahren mit einer sogenannten “Schreibmaschine” geschrieben.“ Heute plinkern die Schreibmaschinen etwas komisch. Neben dem Strich.
  9. Masse und Elite: dazu sollte ich mir mal was durch den Kopf gehen lassen. Zwei Wörter, die in Verruf gekommen sind. Nicht in der gleichen Weise und nicht allseitig berechtigt. Ortega Buch aus den 20ern dürfte, nach allem was man so darüber hört, wenig hilfreich sein.
  10. Gruppenvergewaltigungen sind wohl nicht nur in Indien sondern auch in Ägypten erschreckend häufig. Die Hintergründe dürften sehr unterschiedlich sein. In Indien trifft es in der Regel Frauen aus der niedrigsten Kaste, in Ägypten scheint es sich, zumindest teilweise, um organisierte, politische Strafaktionen zu handeln. (Vergewaltigungen im Rahmen von Kriegen und Bürgerkriegen sind wohl nochmals anderes motiviert)
  11. „Ressentiment heißt Wieder-Fühlen. Es ist das wiederholte Durchleben einer einmal erlittenen Verletzung, Niederlage oder Herabsetzung.“ Wenn sich das Ressentiment nur auf Erlittenes beziehen würde, könnte man damit gut leben, leider bezieht es sich meist auf eine lediglich imaginierte Herabsetzung.
  12. In GB gibt es eine Partei, die Einwanderer mir riesigen Plakaten britischer Promis auf Flughäfen abschrecken will. Mal abgesehen vom Einwanderer abschrecken, in D oder zumindest in Berlin könnte man die Idee modifiziert aufgreifen. Ein überlebensgroßes Udo-Lindenberg- oder Boris-Becker-Plakat könnte manchem Touri die Panik in die Augen treiben.
  13. „das verwerfliche Treiben einer Gruppe von Bösewichtern“ gibt es ja gelegentlich, mit Kapitalismus hat da nur schlicht nichts zu tun. Kapitalismus funktioniert auch ohne Bösewichter; mit guten und edlen Menschen funktioniert er sogar besser.
  14. Bei Krautreporter scheinen keine Luschen, aber auch keine interessanten Leute zu arbeiten.
  15. „Gesoffen Habende sollen nicht Auto fahren.“ Hübsch!

Kommentieren




damals, Donnerstag, 19. Juni 2014, 13:14
Kompromissvorschlag
Nr. 11 ist eine sehr interessante Bemerkung, die mir sofort einleuchtet. Insofern: Ich glaube nicht, dass bei manchen Ressentiments die Herabsetzung "nur imaginiert" ist. Vielleicht hat sie einfach ihren Ort gewechselt: Man hat in einer Hinsicht eine Herabsetzung erlitten, da es aber zu peinlich ist, darüber zu sprechen, verschiebt man sie auf ein Gebiet, auf dem man sich mehr Aufmerksamkeit (=Zuspruch) erhofft, auf dem man selbst aber gar nicht verletzt worden ist.

g., Freitag, 20. Juni 2014, 07:01
Könnten Sie das an einem Beispiel erläutern?

damals, Dienstag, 24. Juni 2014, 14:47
Wenn mein Bruder am Telefon wieder anfängt, über die Geheimdienste zu schimpfen und wie der Staat die Linken verfolgt, dann weiß ich inzwischen, dass das nur bedeutet, dass er auf der Arbeit Stress hat oder bei seiner chronischen Erkrankung die Werte schlechter geworden sind - und zwar unabhängig davon, ob er mit seinem Politisieren jetzt inhaltlich Recht hat oder nicht. Ich hab früher (vielleicht aus alter Brüderkonkurrenz) den Fehler gemacht, von seinen Ressentiments genervt zu sein, anstatt auf den Ton zu hören: Oh, ihm gehts schlecht. Gehts ihm gut, redet er auch gern über Politik, aber dann kann ich richtig schöne Dialoge mit ihm führen und oft viel lernen.
...
Ich hab grad die Quelle nachgegoogelt und festgestellt: Genau das, was mir spontan zu dem Zitat einfällt, schreibt ja auch die Autorin des Artikels selbst, und zwar gleich nach der von Ihnen zitierten Stelle: "Wenn derjenige, der Ressentiment verspürt, auf etwas reagiert, dann hat das nicht unbedingt etwas mit der Situation oder dem Gegenstand zu tun, auf den er sich zu beziehen vorgibt. Vielmehr ist der Gegenstand eine Art Vorwand und der Ursprung der Kränkung von außen oft gar nicht mehr zu erkennen."

g., Samstag, 28. Juni 2014, 06:39
So recht ist mir nicht klar inwiefern das gestresste Schimpfen ihres Bruders Ausdruck eines Ressentiments ist? Auf die Geheimdienste zu schimpfen oder sich zu ereifern, dass Linke verfolgt werden, ist zunächst doch schlicht berechtigt? Ausdruck eines Ressentiments wäre es doch erst dann, wenn seine Klage keinen ursächlichen Grund hätte wie es etwa beim generellen Schimpfen auf Schwule oder Juden oder was weiss ich der Fall wäre. Dass ihr Bruder mit seinem Schimpfen auch Stress abbaut oder in seinem Eifer überzieht, mag nerven, ist aber doch noch nicht Ausdruck eines Resentiments?

damals, Montag, 30. Juni 2014, 00:07
... wahrscheinlich (wie meistens zwischen uns) eine unterschiedliche Verwendung von Begrifflichkeiten. Ich hatte bewusst dieses Beisiel gewählt, um zu demonstrieren, dass, so wie ich das Wort benutze, ein Ressentiment nicht unbedingt völlig unberechtigt sein muss. (So wie ja auch ein Vorurteil durchaus manchmal die Wahrheit treffen kann).
Man kann sich über vieles in der Welt aufregen, oft zu Recht. Und doch klagen Menschen immer wieder über ihre jeweiligen Lieblingsübel ...
Ganz davon abgesehen haben sicher auch die Leute, die über Schwule oder Juden herziehen, Gründe zu klagen (nur dass diese Klage eben nichts mit Schwulen oder Juden zu tun hat, sondern in denen nur einen praktischen Sündenbock sucht).

g., Montag, 30. Juni 2014, 08:26
es ist alles die Schuld der Elefanten!