Der hinkende Bote

Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten

Donnerstag, 8. Juli 2010
Georg Forster: Reise um die Welt 108
(Lauf von der Ascensions-Insel, bey der Insel Fernando da Noronha vorüber, nach den Azorischen Inseln – Aufenthalt zu Fayal – Rückkehr nach England)
„So vollendeten wir, nachdem wir unzählige Gefahren und Mühseligkeiten überstanden, eine Reise, die drey Jahre und achtzehn Tage gedauert hatte. Wir hatten in diesem Zeitpunkt eine größere Anzahl Meilen zurückgelegt, als je ein andres Schiff vor uns gethan; indem alle unsre Curs-Linien zusammen gerechnet, mehr als dreymal den Umkreis der Erdkugel ausmachen. Auch waren wir ebenfalls glücklich genug gewesen, nicht mehr als vier Mann zu verlieren, davon drey zufälliger Weise ums Leben gekommen, und der vierte an einer Krankheit gestorben war, die ihn vermuthlich, wäre er in England geblieben, weit eher ins Grab gebracht hätte.
Der Hauptzweck unsrer Reise war erfüllt; wir hatten nemlich entschieden, daß kein vestes Land in der südlichen Halbkugel, innerhalb des gemäßigten Erdgürtels liege. Wir hatten sogar das Eis-Meer jenseits des Antarctischen Zirkels durchsucht, ohne so beträchtliche Länder anzutreffen, als man daselbst vermuthet hatte. Zu gleicher Zeit hatten wir die für die Wissenschaft wichtige Entdeckung gemacht, daß die Natur mitten im großen Welt-Meere, Eisschollen bildet, die keine Salztheilchen enthalten, sondern alle Eigenschaften des reinen und gesunden Wassers haben. In anderen Jahreszeiten hatten wir das Stille-Meer innerhalb der Wende-Zirkel befahren; und daselbst den Erdbeschreibern neue Inseln, den Naturkundigern neue Pflanzen und Vögel, und den Menschenfreunden insbesondere, verschiedene noch unbekannte Abänderungen der menschlichen Natur aufgesucht. In einem Winkel der Erde hatten wir, nicht ohne Mitleid, die armseligen Wilden von TIERRA DEL FUEGO gesehn; halb verhungert, betäubt und gedankenlos, unfähig sich gegen die Rauhigkeit der Witterung zu schützen, und zu niedrigsten Stufe der menschlichen Natur bis an die Gränzen der unvernünftigen Thiere herabgewürdigt.“
(Forster S. 997/8)


Finis!


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Mittwoch, 7. Juli 2010
Der Grenzverletzer
Als Berlin noch geteilt war und die Frauen schön (die hässlichen haben Svende Merian gelesen), bin ich gelegentlich nach Ostberlin gefahren. Man fuhr mit der U-Bahn unter der DDR hindurch bis zur Friedrichstraße und hatte schon ein gewisses Unsicherheitsgefühl. Tote Bahnhöfe mit grimme guckenden Angehörigen der Grenztruppen vor zugemauerten Bahnhofszugängen. Im Bahnhof Friedrichstraße wurde man dann über schwer durchschaubare Wege in die Grenzübergangsstelle der DDR geführt. Bekannte von mir, die Freunde oder Verwandte in Ostberlin hatten, behaupteten, dass man nach dem zwanzigsten Besuch das Gefühl der Desorientierung in dieser Halle verlieren würde. Mir gelang das nie. Danach ging es in einen Hohlweg, einen mit einem seltsamen Kunststoff eingekleideten Tunnel zur Einreiseschleuse. Damals wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass es sich schlicht um Resopal handelt. Dieser Tunnel war eng, sehr eng und verstärkte noch das Gefühl einer unbestimmbaren Gefahr. Die Farbe des Kunststoffes war grün-gelb-braun, er war an vielen Stellen abgeplatzt und durch die Massen an Besuchern und Touristen in einem Ausmaß schmuddelig, dass man meinte in einer Bedürfnisanstalt zu sein. Es stank widerwärtig nach Putzmittel, vergammelndem Holz und dem Schweiß von Millionen.

In der Einreiseschleuse versuchte man als erfahrener Reisender die Zahl der Sterne auf den Schulterklappen zu erkennen. Ein Stern auf der Schulter einer Frau war furchtbar, ein älterer Mann mit drei Sternen versprach einen zügigen Durchgang.
Dieses Glück hatte ich am Bahnhof Friedrichstraße nie.

Einer vor, die anderen nachrücken. Warten. Einer vor, nachrücken und warten. In die Kabine linsen: eine einsternige Frau! Einer vor, nachrücken und warten. Einer vor, nachrücken und warten.

Im Geiste ging man die Fragen durch, die einem bald gestellt würden: „Waffen, Funkgeräte, Sprengstoff?“ Ernst und wenn es möglich war, etwas devot „Nein!“ antworten. „Presseerzeugnisse?“ Hab’ ich zuhause alle meine Taschen kontrolliert? Flugblätter diverser Gruppierungen, die zum Anzünden des Kachelofens widerspruchlos angenommen und in die Taschen gestopft wurden, aus Mantel, Jacke und Hose herausgenommen? Einer vor, nachrücken und warten. „Besuchen Sie Bekannte in der Hauptstadt der DDR?“ Einer vor, nachrücken und warten.

Ich habe immer den gleichen Fehler gemacht und mich immer gefragt, ob ich blöde oder unrettbar renitent bin.

Man durfte nämlich nicht einfach, wenn der Vorgänger durch war, an den Guckkasten treten und seinen Ausweis und das Visum vorzeigen. Etwa drei Meter vor dem Schalter war ein dicker Strich auf dem Boden. Vor diesem Strich musste man warten, bis der Kontrolleur einen von Kopf bis Fuß gemustert hatte und das Zeichen zum Herantreten gab. Dazu war ich einfach nicht in der Lage. Kaum war mein Vorgänger einen Schritt weitergegangen, bin ich nach Vorne und wollte es hinter mich bringen.

Aus dem Lautsprecher schepperte eine Stimme: „Sofort hinter den Strich zurücktreten!“
Die anwesenden Soldaten fassten ihre Knarren etwas fester und fixierten mich. Zurück hinter den Strich, ein neutrales Gesicht machen und sich examinieren lassen. Das Handzeichen, vortreten. Sollte ich mich entschuldigen? Ach leckt mich doch.
Weitere prüfende Blicke, der Fragenkatalog wird abgearbeitet. Ich antworte, einigermaßen neutral, devot krieg ich nicht hin.
„Ist es in der BeErrDee nicht bekannt, dass man sich an die Grenzregularien anderer Staaten zu halten hat?“
„Doch, doch, aber ich habe halt nicht daran gedacht.“
„Sollten Sie nochmals in die Hauptstadt der DDR einreisen wollen, halten Sie sich gefälligst daran. Sie haben sich einer Grenzverletzung schuldig gemacht. Seien Sie froh: Dieses Mal werden wir noch keine Maßnahmen ergreifen.“
„Äh ja, okay!“
Ich habe immer den gleichen Fehler gemacht, die Reaktionen waren immer gleich in dieser speziellen Mischung aus Einfordern von Unterwerfung und anschließendem pädagogischem Traktat. Ach leckt mich doch.

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Dienstag, 6. Juli 2010
Georg Forster: Reise um die Welt 107
(Zweeter Aufenthalt am Vorgebürge der guten Hoffnung – Lauf von da nach St. Helena und Ascensions-Eiland)
„Unterwegs fragten wir jeden Sklaven, der uns vorkam, wie er von seinem Herrn gehalten würde; weil wir auszumachen wünschten, ob den gedruckten Nachrichten von der Grausamkeit der hiesigen Einwohner zu trauen wäre. Im Ganzen genommen, waren die Antworten der Sklaven für ihre Herren günstig genug, und völlig hinreichend, die hiesigen Europäer von dem Vorwurfe der Grausamkeit loszusprechen.“
(Forster S. 968)

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Montag, 5. Juli 2010
Demagogie
„Demagogie betreibt, wer bei günstiger Gelegenheit öffentlich für ein [politisches] Ziel wirbt, indem er der Masse schmeichelt, an ihre Gefühle, Instinkte und Vorurteile appelliert, ferner sich der Hetze und Lüge schuldig macht, Wahres übertrieben oder grob vereinfacht darstellt, die Sache, die er durchsetzen will, für die Sache aller Gutgesinnten ausgibt, und die Art und Weise, wie er sie durchsetzt oder durchzusetzen vorschlägt, als die einzig mögliche hinstellt.“
(Martin Morlock)

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Freitag, 2. Juli 2010
Der Möglichkeitsroman
Andreas Okopenko veröffentlichte 1970 einen Lexikonroman:
„Lexikon einer sentimentalen Reise zum Exporteurtreffen in Druden“
Gebrauchsanweisungen sind für Romane gewöhnlich unüblich und eigentlich auch für solche sinnlos, da die Handlung Schritt für Schritt hübsch nacheinander ausgeführt wird. Andreas Okopenkos Roman hingegen ist ein Möglichkeitsroman, d.h. wie in einem Lexikon oder auch im Internet können Sie einem Verweis folgen oder eben auch nicht. Ganz wie es ihnen beliebt. Sie kommen dann von A nach B oder nach F, gegebenenfalls über S., Je nach dem, welchen Wegen sie folgen wollen.

Der Roman ist alphabetisch von „Aberdeen“ bis „Zukunft des Rotgebrauchs“ geordnet, die meisten Leser fangen mit dem Eintrag „Anfang der Reise“ an:
“Hochfrühling-Morgen, 6.30. Sich mit der →Straßenbahn fast verirrt haben.
(Die Leute verstanden diese Fertigkeit an ihm doch nie. Ich Kann viele Beispiele aus meiner Jugend anführen:


(Raum für einschlägige Erinnerungen des Lesers.)



)
J geriet in den Strudel des Straßen-Schlussstückes mit den NICHTS ALS Wirtshäusern und Autobushaltestellen nahe der

noch näher

und jetzt war sie schon da die

Brücke.
Man? Er? Ich? – Zur Identifikation des Helden suchen Sie, bitte die →Taufstelle auf. Wen die tiefen Gründe für den Erzählerwechsel nicht interessieren, der folge mir gleich zur → Brücke.“
Sie sehen, es werden ihnen drei Möglichkeiten angeboten weiter zu lesen, abzuschweifen.

Man kann den Roman mehrfach anders lesen, sich auf anderen Wegen im Buch bewegen. Man kann natürlich auch einen völlig anderen Einstieg wählen, sagen wir beim W und dort, sagen wir, mit dem Eintrag „Weg zur Schiffstation“, den Anfang des Eintrages überlesen wir und landen unmittelbar beim zentriert gesetzten:
“Ein Schiff wird kommen

fühlte er

und zwar geschwommen.
(Käm es geflattert,
wär ich verdattert.)
von diesem Reim aus kann man sich dann natürlich zu Melina →Mercouri begeben, wenn man möchte.

Vor einigen Tagen, am 27. Juni 2010, ist er gestorben.

zum weiterlesen in den unendlichen Weiten des Internets:
Im Gegensatz zur wohl eher überkandidelten elektronischen Umsetzung ist die Radioadaption des Lexikonromans sehr schön (zumindest fantasiere ich mir das so aus).

Die böse Sonne D3 von Andreas Okopenko.
Gesammelte Aufsätze und andere Meinungsausbrüche aus fünf Jahrzehnten.
Ein Interviewmit Andreas Okopenko.
Friederike Mayröcker über Andreas Okopenko

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Donnerstag, 1. Juli 2010
Georg Forster: Reise um die Welt 106
(Zweeter Aufenthalt am Vorgebürge der guten Hoffnung – Lauf von da nach St. Helena und Ascensions-Eiland)
„Die großen, merkwürdigen Begebenheiten, die sich während unserer Abwesenheit in Europa zugetragen, waren uns ganz unerwartet und neu. Ein Junger Held hatte mit Gustav Wasas Geiste, Schweden vom Joch der Aristocratischen Tyranney befreyt! Die finstre Barbarey, die sich im Osten von Europa und Asien, selbst gegen Peters Herkulische Kräfte zu erhalten gewußt, war entflohn vor einer Fürstin, deren Gegenwart, so wie das Wunder am Nordischen Himmel, mit Lichtstrahlen die Nacht in Tag verwandelt! Endlich , nach den Greueln des bürgerlichen Krieges, und der Anarchie, hatten die größten Mächte sich in Europa vereinigt, den langerwünschten Frieden in Polen wieder herzustellen; und FRIEDRICH DER GROßE ruhte von seinen Siegen, und opferte den Musen, im Schatten seiner Lorbeeren, selbst von seinen ehemaligen Feinden bewundert und geliebt! Dies waren große, unerwartete Aussichten, die uns auf einmal eröffnet wurden, die das Glück der Menschheit versprachen, und einen Zeitpunkt zu verkündigen schienen, wo das menschliche Geschlecht in erhabnerem Licht als je zuvor erscheinen wird!“
(Forster S. 958/9)

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Mittwoch, 30. Juni 2010
Wo die schönen Trompeten blasen
Achim von Arnim und Clemens Brentano haben zwei Volkslieder in ihrer Sammlung des Knaben Wunderhorn veröffentlicht:
Bildchen

Auf dieser Welt hab ich keine Freud,
Ich hab einen Schatz und der ist weit,
Er ist so weit, er ist nicht hier,
Ach wenn ich bei mein Schätzgen wär!

Ich kann nicht sitzen und kann nicht stehn,
Ich muß zu meinem Schätzgen gehn;
Zu meinem Schatz, da muß ich gehn,
Und sollt ich vor dem Fenster stehn.

Wer ist denn draussen, wer klopfet an?
Der mich so leis aufwecken kann;
Es ist der Herzallerliebster dein,
Steh auf, steh auf und laß mich rein!

Ich steh nicht auf, laß dich nicht rein,
Bis meine Eltern zu Bette seyn;
Wenn meine Eltern zu Bette seyn,
So steh ich auf und laß dich rein.

Was soll ich hier nun länger stehn,
Ich seh die Morgenröth aufgehn;
Die Morgenröth, zwey helle Stern,
Bey meinem Schatz, da wär ich gern.

Da stand sie auf und ließ ihn ein,
Sie heißt ihn auch willkommen seyn;
Sie reicht ihm die schneeweiße Hand,
Da fängt sie auch zu weinen an.

Wein nicht, wein nicht mein Engelein!
Aufs Jahr sollst du mein eigen seyn;
Mein eigen sollst du werden gewiß,
Sonst keine es auf Erden ist.

Ich zieh in Krieg auf grüne Haid,
Grüne Haid die liegt von hier so weit,
Allwo die schönen Trompeten blasen;
Da ist mein Haus von grünem Rasen.

Ein Bildchen laß ich mahlen mir,
Auf meinem Herzen trag ichs hier;
Darauf sollst du gemahlet seyn,
Daß ich niemal vergesse dein.
(Des Knaben Wunderhorn)
Unbeschreibliche Freude

Wer ist denn draussen und klopfet an?
Der mich so leise wecken kann?
Das ist der Herzallerliebste dein,
Steh auf und laß mich zu dir ein.

Das Mädchen stand auf, und ließ ihn ein,
Mit seinem schneeweissen Hemdelein;
Mit seinen schneeweissen Beinen,
Das Mädchen fing an zu weinen.

Ach weine nicht, du Liebste mein,
Aufs Jahr sollt du mein eigen seyn;
Mein eigen sollt du werden,
O Liebe auf grüner Erden.

Ich wollt daß alle Felder wären Papier,
Und alle Studenten schrieben hier;
Sie schrieben ja hier die liebe lange Nacht,
Sie schrieben uns beiden die Liebe doch nicht ab.
(Des Knaben Wunderhorn)
Gustav Mahler hat die beiden Lieder kompiliert, einen Titel hinzugefügt und eine wunderschöne Musik dazu geschrieben:

"Wo die Schönen Trompeten Blasen"

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Dienstag, 29. Juni 2010
Georg Forster: Reise um die Welt 105
(Zweeter Aufenthalt am Vorgebürge der guten Hoffnung – Lauf von da nach St. Helena und Ascensions-Eiland)
„Wir fanden viele Schiffe in der Tafel-Bay, darunter auch ein Englisches India-Schiff, die Ceres, Capt. NEWT, befindlich war. Sobald wir die Einfahrt der Bay erreichten, und an unserm gebleichten Tauwerk, und veralterten Anblick erkannt wurden, schickte Cap. NEWT einen seiner Steuermänner, mit einer Ladung von frischen Lebensmitteln, und dem Anerbieten seiner Dienste, falls unsre Mannschaft krank wäre. Da wir so lange zur See gewesen, rührte uns dies edle Betragen, und wir fühlten mit dem größten Vergnügen, daß wir wieder mit Menschen zu thun hätten. 1

1 “Man würde sehr unrecht thun, wenn man den Herren Schiffs-Capitains der ostinidischen Compagnie, den Charakter andrer Seefahrer beylegen wollte. Ihr Freygebigkeit und Menschenliebe unterscheiden sie mehrentheils von den sogenannten See-Ungeheuern.”
(Forster S. 957)
(veraltert)

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Montag, 28. Juni 2010
Fünfzehn Halbe, aber die Frisur sitzt
Am Freitag sah ich zwei Starktrinker mit schwarzrotgoldenen Basecaps mit je zwei dazu passenden Winkelementen in den Händen nebst Plastiktüten mit den notwendigen Getränken. Eine Wohnung und einen Fernseher hatten sie offensichtlich nicht. Sie flanierten vor dem Bahnhof und waren im Deutschlandfieber, trunken von Bier und Nationalismus.

Das ist wohl einer der Erklärungen: Wer nix is’ (es zumindest so empfindet) und nichts hat, der ist immer noch Deutscher.

Und dann gibt es noch die Leute, die auf dem Nationalstolz ihr Süppchen kochen, aber das ist eine andere Geschichte.

Welchen Grund könnte es geben, auf seine Staatsangehörigkeit stolz zu sein? Stolz ist man ja üblicherweise, weil man etwas besonders gut kann, aber Stolz auf Leistungen, die Leute, die man nicht kennt und mit denen man nicht einmal verwandt ist, vor langer Zeit erbracht haben? (Mal ganz davon abgesehen, dass es in der Geschichte so das eine oder andere Vorkommnis gab, das wenig Anlass zu Stolz geben kann)

Darauf einen...

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Freitag, 25. Juni 2010
Das Deutschlandkondom


Man könnte die Dinger auch ganz leicht abstreifen, aber so etwas tut man nicht, nein, nein:
Is’ er hier, is’ er weg?

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Donnerstag, 24. Juni 2010
Georg Forster: Reise um die Welt 104
(Aufenthalt an den Neujahrs-Eilanden – Entdeckung neuer Länder gen Süden – Rückkehr nach dem Vorgebürge der guten Hoffnung)
„In NEU-GEORGIEN hingegen fehlt es durchaus an Holz, ja an irgend einer anderen brennbaren Materie, und daher ist es meines Erachtens unmöglich, daß Menschen, und zwar nicht etwa dumme, erstarrte PESSERÄHS, sondern selbst die erfahrensten und mit allen Hülfsmitteln bekannten Europäer, dort würden ausdauern können. Schon der Sommer ist in dieser neuen Insel so entsetzlich kalt, daß das Thermometer während unserer Anwesenheit nicht zehn Grade über den Gefrierpunct stieg; und ob wir gleich mit Recht vermuthen können, daß im Winter die Kälte nicht in eben dem Verhältniß zunimmt, als in unsrer Halbkugel, so muß doch wenigstens ein Unterschied von 20 bis 30 Graden statt finden. Höchstens würde es also ein Mensch den Sommer über allhier ausstehen können, die Winterkälte hingegen würde ihn ohnfehlbar tödten, dafern er nemlich keine andre Mittel hätte, sich ihrer zu erwehren, als die das Land hervorbringt. Außerdem, daß SÜD-GEORGIEN auf solche Art für Menschen unbewohnbar ist, so hat es allem Anschein nach, auch nicht das geringste Product, um deswillen europäische Schiffe nur zuweilen dorthin gehen sollten.“
(Forster S. 945)
Die Bewohner der Tierra del Fuego haben wohl in keiner Hinsicht seinen Vorstellungen entsprochen.
(dafern, allhier)

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Mittwoch, 23. Juni 2010
Mömpelgard und Moabit
Als Eberhard der Milde am 13. November 1397 den Ehevertrag für seinen Sohn unterzeichnete, ahnte er wohl nicht, dass um das Jahr 1789, also nur wenige hundert Jahre später, die aufrührerischen mömpelgarder Studenten im Tübinger Stift seinem Nachfahren, dem dicken Friedrich das Leben schwer machen sollten. Sie brachten Ideen mit, die unter den Hegels und Hölderlins im Stift für Aufregung sorgten.

Je nun, in der Folge wurden die linksrheinischen Gebiete an Frankreich abgetreten und Württemberg hatte einen König, der aufgeklärt-absolutistisch herrschte.

Einer seiner Vorgänger, Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg hatte den aus dem Piemont stammenden, französisch sprechenden Waldensern Asyl gewährt. Seit dieser Zeit hat es der Schwabe präsant, wenn es eilt, er fragt nach dem Potschamberle, wenn eine Dame einen modischen Hut trägt, allerdings etwas schenant, denn solche Anzüglichkeiten darf man sich eigentlich auch nicht gegenüber Verwandten oder Freunden erlauben.

1717 siedelte Friedrich Wilhelm I., Markgraf von Brandenburg und König in Preußen nördlich der Spree Hugenotten an. Die in Frankreich verfolgten Hugenotten nannten die Gegend terre de Moab. Sie sollten Maulbeerbäume pflanzen und in Berlin die Seidenraupenzucht etablieren. Das hat dann nicht so gut geklappt, die Hugenotten wurden allerdings für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Berlins unverzichtbar. Neben einigen wenigen, weniger geschätzten Hinterlassenschaften (Lothar die Misere etwa) haben die Hugenotten auch sprachlich ihre Spuren hinterlassen.

So kam es, dass man in Stuttgart wie in Berlin auf dem Trottoir geht und in einer Souterrainwohnung logiert oder es sich auf seiner Schaiselong gemütlich macht.

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Dienstag, 22. Juni 2010
Georg Forster: Reise um die Welt 103
(Aufenthalt an den Neujahrs-Eilanden – Entdeckung neuer Länder gen Süden – Rückkehr nach dem Vorgebürge der guten Hoffnung)
„Hier ließ Capitain COOK die britische Flagge wehen, und begieng die gewöhnliche Feyerlichkeit, von diesen unfruchtbaren Felsen im Namen S. Grosbrittischen Majestät, deren Erben und Nachfolger Besitz zu nehmen! Zwey oder drey Flintenschüsse bekräftigten die Ceremonie, daß die Felsen wiederhallten, und Seehunde und Pinguins, die Einwohner dieser neuen Staaten, voll Angst und Bestürzung erbebten! So flickt man einen Kiesel in die Krone, an die Stelle des herausgerissenen Edelsteins!“
(Forster S. 943)
1776 hatten die amerikanischen Kolonien ihre Unabhängigkeit erklärt, Forsters Reise um die Welt war 1777 erschienen.

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Montag, 21. Juni 2010
Hans Karl Filbingers Beitrag zur Demokratie
In Endingen glaube ich war es, aber das ist ja alles schon so lange her, und eigentlich ist es auch egal, auf jeden Fall in einer der Kleinstädte am Kaiserstuhl. In der Stadthalle war eine große Bürgerversammlung anberaumt worden, obwohl die Landesregierung von Baden-Württemberg das eigentlich für überflüssig hielt. Man war schließlich die Regierung und nur die Studenten wollten damals überall mitdiskutieren, aber wer nahm schon diese Protestler ernst?
Im Kaiserstuhl war man traditionell konservativ, man wählte CDU, mit den gottlosen Sozialdemokraten wollte man nichts zu tun haben. Der Landstrich lebte seit Jahrhunderten vom Weinanbau, blieb gerne für sich. Mit einem gewissen Misstrauen hatte man die Pläne zum Aufbau eines zweiten Ruhrgebietes in der Region zur Kenntnis genommen, aber solange es nicht direkt vor der eigenen Haustüre geschah, ließ man die in Stuttgart einfach machen.
In der Bürgerversammlung sollten die Bevölkerung über das neue Kernkraftwerk im nahen Örtchen Wyhl informiert werden. Da der Ministerpräsident Hans Karl Filbinger seinen Wahlkreis in der Nähe hatte, wollte er selber den Bürgern erklären, dass das Kernkraftwerk kein Problem sei und im Übrigen brauche man die Kernkraft, sonst würden in 20 Jahren die Lichter ausgehen und das wolle doch schließlich niemand. Damit die Protestler die Veranstaltung nicht stören, wurden mehrere Einsatzhundertschaften der Polizei, darunter die kampferprobten Göppinger, in das Städtchen beordert. Sie sorgten dafür, dass niemand, der nicht ortsansässig war, auch nur in die Nähe der Stadt kommen konnte. Hans Filbinger ging von einem Heimspiel aus, schließlich kannte er seine Wähler.

Dies Stadthalle war erst vor wenigen Jahren eingeweiht worden und die Bürger waren stolz auf sie. Langsam füllte sich der Saal an diesem Freitagabend. Einige waren direkt von der Arbeit gekommen und trugen noch Arbeitskleidung, die Meisten hatten aber ihren feinen Anzug angezogen, schließlich kam der Ministerpräsident.

Hans Karl Filbinger wurde vom Bürgermeister begrüßt, der Landrat sagte auch noch einige freundliche Worte und dann trat er ans Mikrofon. Salbungsvoll und inhaltsleer erklärte er den Weinbauern, dass das alles kein Problem sei und dass man schließlich hier unter sich sei und dass diese Protestler sowieso alles Kommunisten und Tagdiebe seien und dass man mit denen nichts zu tun hätte.

Einer der Bauern, ein großer schwerer Mann, dessen Wort in der Gemeinde etwas galt, stand nach der Rede auf und trat in den Gang. Hans Filbinger war überrascht, denn eine Aussprache war nicht vorgesehen. Eigentlich hatte er nur seine Rede halten und dann sofort im Anschluss wieder in seinen Dienstwagen steigen wollen, um nach Stuttgart zurückzufahren.

Der große schwere Mann stellte sich vor und sagte dann, sein Sohn, der Georg, würde in Freiburg studieren und der hätte ihm erzählt, dass durch die Kühltürme des Kraftwerkes der Rhein aufgeheizt würde und dass es dadurch vor allem im Herbst zu verstärkter Nebelbildung im Rheintal und eben auch am Kaiserstuhl käme. Nun wäre es so, dass sie hier vor allem Burgunder anbauen würden und der bräuchte nun mal viel Sonne und dass er vom Wein leben würde und wenn der Wein schlechter würde, dann wäre das natürlich nicht so gut.

Der Ministerpräsident erzählte ihm, dass das alles kein Problem sei und dass man sich doch nicht von den Studenten aufstacheln lassen solle. Die würden doch nur jeden Anlass aufgreifen, um ihr eigenes Süppchen zu kochen.

Der Mann war nicht überzeugt. Er hatte sehr schlechte Erfahrungen mit der Flurbereinigung gemacht. Damals hatten sie auch erzählt, das das alles kein Problem sei, vielmehr würde die Arbeit erleichtert werden. Nur der Wein, der war leider schlechter geworden. Als er eben ansetzte, um zu widersprechen, wurde ihm bedeutet, dass der Herr Ministerpräsident nun leider keine Zeit mehr habe und nach Stuttgart zurück müsse, aber der Ministerialdirigent Sowieso würde dableiben und alle noch offenen Fragen beantworten.

Ein Rumoren ging durch den Saal, Hans Filbinger packte seine Akten und stand auf.
Eine ganze Reihe von Leuten stand ebenfalls auf. Sie waren sauer. Was bildete sich dieser Kerl ein? Hielt hier eine Propagandarede und wollte dann einfach wieder abhauen?

Immer mehr Leute kamen nach vorne, Hans Filbinger sah sich nach seinen Begleitern um und wollte schnell weg aus dem Saal.

Eine alte Frau mit Kopftuch sprang auf, schwenkte ihren Stock über dem Kopf und brüllte in den Saal:
„Hebet s’Filberle, hebet ‚s, es will nach hinten raus!“
Sie rannte so schnell sie konnte, den Stock hoch über ihrem Haupte schwingend, zum Podium. Die Anderen folgten ihr.
Dem Ministerpräsidenten wurde es ungemütlich. So schnell er konnte, verließ er mit seiner Entourage den Saal, während immer mehr Dörfler zu schreien anfingen.

Ich weiß nicht, was im Kabinett in der Folge diskutiert wurde, aber damals wurde auch der CDU klar, dass die Zeiten des Durchregierens vorbei war. Proteste und Bürgerinitiativen mussten Ernst genommen werden.

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