Amphörchen aller Orten
g. | Montag, 27. August 2012, 06:57 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Einen lustigen Streit gab es zum Dessert der Makkaroni. Die Eseltreiber hatten mir abgelauert, daß ich wohl ihre Altertümer mit besuchen wollte, wie sich denn dieses in Sizilien einem Fremden sehr leicht abmerken läßt. Da erhob sich ein Zwist unter den edelmütigen Hippophorben über die Vorzüge ihrer Vaterstädte in Rücksicht der Altertümer. Der Eseltreiber von Agrigent rechnete seine Tempel und die Wunder und das Alter seiner Stadt her; der Eseltreiber von Syrakus sein Theater, seine Steinbrüche und sein Ohr; der Eseltreiber von Alcamo sein Segeste, und der Eseltreiber von Palermo hörte königlich zu und sagte – nichts.
Ich ... steckte also den folgenden Morgen mein Morgenbrot in die Tasche und ging hinunter in die ehemaligen Herrlichkeiten der alten Akragantiner. Was kann eine Rhapsodie über die Vergänglichkeit aller weltlichen Größe helfen? Ich sah da die Schutthaufen und Steinmassen des Jupiterstempels und die ungeheuern Blöcke von dem Tempel des Herkules, wie nämlich die Antiquare glauben; denn ich wage nicht, etwas zu bestimmen. Die Trümmern waren mit Ölbäumen und ungeheuren Karuben durchwachsen, die ich selten anderswo so schön und groß gesehen habe. Sodann gingen wir weiter hinauf zu dem fast ganzen Tempel der Concordia. Das Wetter war frisch und sehr windig. Ich stieg durch die Celle hinauf, wo mir mein weiser Führer folgte, und lief dann oben auf dem steinernen Gebälke durch den Wind mit einer nordischen Festigkeit hin und her, daß der Agrigentiner, der doch ein Mauleseltreiber war, vor Angst blaß ward, an der Celle blieb und sich niedersetzte. Ich tat das nämliche mitten auf dem Gesims, bot den Winden Trotz, nahm Brot und Braten und Orangen aus der Tasche und hielt ein Frühstück, das gewiß Scipio auf den Trümmern von Karthago nicht besser gehabt hat. Ich konnte mich doch einer schauerlichen Empfindung nicht erwehren, als ich über die Stelle des alten, großen, reichen Emporiums hinsah, wo einst nur ein einziger Bürger unvorbereitet vierhundert Gäste bewirtete und jedem die üppigste Bequemlichkeit gab. Dort schlängelte sich der kleine Akragas, welcher der Stadt den Namen gab, hinunter in die See; und dort oben am Berge, wo jetzt kaum noch eine Trümmer steht, schlugen die Karthager, und das Schicksal der Stadt wurde nur durch den Mut der Bürger und die Deisidämonie des feindlichen Feldherrn aufgehalten. Wo jetzt die Stadt steht, war vermutlich ehemals ein Teil der Akropolis. Nun ging ich noch etwas weiter hinauf zu dem Tempel der Juno Lucina und den übrigen Resten, unter denen man mehrere Tage sehr epanorthotisch hin und her wandeln könnte. Die systematischen Reisenden mögen Dir das übrige sagen, ich habe keine Entdeckungen gemacht.
( Johann Gottfried Seume: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802.)
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Auf dem Weg nach Agrigent
g. | Montag, 20. August 2012, 07:33 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Wir ritten von Palermo bis fast an die Bagarie den Weg nach Termini und stachen dann erst rechts ab. Die Partien sind angenehm und könnten noch angenehmer sein, wenn die Leute etwas fleißiger wären. Sowie man sich von der Hauptstadt entfernt, wird es ziemlich wild. Wir kamen durch einige ziemlich unbeträchtliche Örter, und der Abfall der Kultur und des äußerlichen Wohlstandes war ziemlich grell.
( Johann Gottfried Seume: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802.)
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Seume am Ätna
g. | Dienstag, 14. August 2012, 06:28 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Meine Mahlzeit, Freund, war ganz vom Ätna, bis auf die Fische, welche aus der See an seinem Fuße waren. Die Orangen, der Wein, die Kastanien, die Feigen und die Feigenschnepfen*, alles ist vom Fuße und von der Seite des Berges. Ich bin willens, ihn auf alle Weise zu genießen, deswegen bin ich hergekommen; ...*Feigenschnepfen, auch Grassmücken oder Wacholderdrossel genannt, waren in der Küche zu Seumes Zeiten beliebt.
( Johann Gottfried Seume: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802.)
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„Endlich kamen wir in Cefalu an.
g. | Freitag, 6. Juli 2012, 07:00 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Für große Schiffe ist hier wohl kein Hafen zum Aufenthalt. Der Ort hat vermutlich den Namen vom Berge, der einer der sonderbarsten ist. Wir hatten bisher die liparischen Inseln immer rechts gehabt, nun verschwanden sie nach und nach. Von Messina bis Cefalu ist es sehr wild; von hier an fängt die Kultur wieder an etwas besser zu werden. Es kommen nun viele Reisfelder. Bei Cefalu sah ich eine schöne, lange, hohe, herrliche Rosenhecke, deren erste Knospen eben zahlreich üppig aufbrachen. Diese Probe zeigte, was man hier schaffen könnte. Ich hätte dem Pfleger die Hände küssen mögen; es waren die ersten, die ich in ganz Unteritalien und Sizilien sah. Die Leute sind schändliche Verräter an der schönen Natur.“
( Johann Gottfried Seume: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802.)
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„Dresden, den 9. Dezember 1801
g. | Freitag, 29. Juni 2012, 06:50 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Ich schnallte in Grimma meinen Tornister, und wir gingen. Eine Karawane guter gemütlicher Leutchen gab uns das Geleit bis über die Berge des Muldentals, und Freund Großmann sprach mit Freund Schnorr sehr viel aus dem Heiligtume ihrer Göttin, wovon ich Profaner sehr wenig verstand. Unbemerkt suchte ich einige Minuten für mich, setzte mich oben Sankt Georgens großem Lindwurm gegenüber und betete mein Reisegebet, daß der Himmel mir geben möchte billige, freundliche Wirte und höfliche Torschreiber von Leipzig bis nach Syrakus, und zurück auf dem andern Wege wieder in mein Land; daß er mich behüten möge vor den Händen der monarchistischen und demagogischen Völkerbeglücker, die mit gleicher Despotie uns schlichten Menschen ihr System in die Nase heften, wie der Samojede seinen Tieren den Ring.
Nun sah ich zurück auf die schöne Gegend, die schon Melanchthon so lieblich fand, daß er dort zu leben wünschte, und überlief in Gedanken schnell alle glücklichen Tage, die ich in derselben genossen hatte; Mühe und Verdruß sind leicht vergessen. Dort stand Hohenstädt mit seinen schönen Gruppen, und am Abhange zeigte sich Göschens herrliche Siedelei, wo wir so oft gruben und pflanzten und jäteten und plauderten und ernteten und Kartoffeln aßen und Pfirschen: an den Bergen lagen die freundlichen Dörfer umher, und der Fluß wand sich gekrümmt durch die Bergschluchten hinab, in denen kein Pfad und kein Eichbaum mir unbekannt waren.
Die Sonne blickte warm wie im Frühling, und wir nahmen dankbar und mit der heitersten Hoffnung der Rückkehr von unsern Begleitern Abschied.“
( Johann Gottfried Seume: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802.)
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Gebet eines Atheisten, wenn er sich Gott gegenübergestellt sähe
g. | Dienstag, 22. Mai 2012, 06:55 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Vater, der du dich deinem Kinde nicht gezeigt hast, unbegreiflicher und verborgener Weltbeweger, den ich nicht entdecken konnte, verzeih, wenn mein beschränkter Verstand dich nicht erkennen konnte in einer Natur, in welcher mir alles notwendig schien.Aber nicht dass Sie jetzt denken, die Brights wären mir sympathisch. Es war eine andere Zeit, damals, als man für solche Äußerungen noch Gefahr lief, im Gefängnis zu landen.
Verzeih, wenn mein empfindendes Herz deine erhabenen Züge nicht herausfinden konnte unter denen des wilden Tyrannen, den der Aberglaube zitternd anbetet. Wie konnte mein schwaches Gehirn deinen Plan, deine Weisheit durchschauen, da die Welt mir doch nur ein Gemisch von Ordnung und Unordnung darbot, von Gutem und Bösem, von Bildungen und Zerstörungen?
Konnte ich deiner Gerechtigkeit huldigen, da ich das Verbrechen so oft siegen sah und die Tugend in Tränen? Meine Unwissenheit ist verzeihlich, weil sie unwiderleglich war. Wenn du deine Geschöpfe liebst, ich liebe sie wie du, ich habe mich bemüht, sie in meiner Umwelt glücklich zu machen.
Hast du die Vernunft geschaffen, ich habe ihr immer gehorcht; gefällt dir die Tugend, mein Herz hat sie immer geehrt, ich habe sie nach Kräften geübt. Habe ich schlecht von dir gedacht, so geschah es, weil mein Verstand dich nicht begreifen konnte; habe ich schlecht von dir gesprochen, so geschah es, weil mein allzu menschliches Herz sich gegen das abscheuliche Bild empörte, das man von dir machte.
Meine Irrtümer waren die Wirkungen der Natur, die du mir gegeben hast, der Umstände, in die du mich ohne meine Einwilligung hineingestellt äst, der Gedanken, die mein Geist unbewusst gefasst hat.
Bist du gut und gerecht, wie man sagt, so kannst du mich für die Abwege meiner Phantasie nicht strafen, nicht für die Folgen meiner Leidenschaften, nicht für die notwendigen Ergebnisse der Organisation, die du mir gegeben hast. Wolltest du mich hart und ewig strafen, weil ich auf die Vernunft hörte, die dein Geschenk ist, wolltest du mich für meine Täuschungen züchtigen, wolltest du mir zürnen, weil ich in die Schlingen fiel, die du mir überall stelltest, dann wärest du der grausamste und ungerechteste Tyrann, du wärest kein Gott, sondern ein boshafter Dämon, dem ich mich unterwerfen und dessen Wut ich sättigen müßte; aber dann wäre ich stolz darauf, dein unerträgliches Joch abgeworfen zu haben.
(Paul Heinrich Dietrich Baron von Holbach )
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Was auch noch gesagt werden könnte
g. | Dienstag, 15. Mai 2012, 06:55 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Im Zusammenhang mit dem Gedicht von Günter Grass, das in fataler Weise als Katalysator für das Entweichen allerlei dumpfer Ressentiments diente, fiel mir eine Stelle bei Sebastian Haffner ein. Er beschreibt darin die Reaktionen auf die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Endlich habe ich sie gefunden:
„Jeder fühlte sich auf einmal bemüßigt und berechtigt, sich eine Meinung über die Juden zu bilden und sie zum besten zu geben. Man machte feine Unterscheidungen zwischen »anständigen« Juden und anderen; wenn die einen, gleichsam zur Rechtfertigung der Juden – Rechtfertigung wofür? wogegen? – ihre wissenschaftlichen, künstlerischen, medizinischen Leistungen anführten, warfen die anderen ihnen gerade dies vor: sie hätten Kunst, Wissenschaft, Medizin »überfremdet«. Überhaupt wurde es schnell üblich und populär, die Ausübung anständiger und geistig wertvoller Berufe den Juden als Verbrechen oder zum mindesten als Taktlosigkeit anzurechnen.“Aus diesem Anlass habe ich mir die Reaktionen in den Feuilletons anlässlich des Erscheinens der „Geschichte eines Deutschen“ nochmals vorgenommen. Man glaubt es kaum, aber es hat sich jemand bemüßigt und berechtigt gefühlt, die Echtheit der Erlebnisse zu bezweifeln.
( Haffner S. 146)
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„Es muß was Schöns seyn um die Tugend“ X
g. | Mittwoch, 2. Mai 2012, 06:40 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Ach, ich fühl es! Keine Tugend
Ist so recht nach meinem Sinn;
Stets befind ich mich am wohlsten,
Wenn ich damit fertig bin.
Dahingegen so ein Laster,
Ja, das macht mir viel Pläsier;
Und ich hab die hübschen Sachen
Lieber vor als hinter mir.
( Wilhelm Busch: Kritik des Herzens)
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„Es muß was Schöns seyn um die Tugend“ VIII
g. | Mittwoch, 25. April 2012, 10:22 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Wers mit GOTT und Tugend hält/
Kan verdienen Ehr und Geld.
(Hans Aßmann Freiherr von Abschatz)
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„Es muß was Schöns seyn um die Tugend“ VII
g. | Montag, 23. April 2012, 07:19 | Themenbereich: 'Notate und Anmerkungen'
Hoftugend.
Er besitzt die drey schönsten Hoftugenden: er ist ein guter Reuter, ein guter Jäger und ein aussbündiger Säuffer.
( Alamode Politicus, II, 127.)
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