Der hinkende Bote

Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten

Freitag, 12. April 2013
PHOENIX Runde 5/5 Broder, Beck, Erdl und Sonneborn über Political Correctness


Marc Fabian Erdl ist der Vertreter des Krampfes, Broder bringt es auf den Punkt: „Respekt ist nichts Bewahrenswertes.“ Respekt einfordern heißt, sich gegen Einwände, Beschimpfungen und Spott zu immunisieren. Benimmregeln sind Unfug. Wenn die Frankfurter Schule keine Witze über Moslems oder Judengemacht hat, ist diese Zurückhaltung nicht dadurch motiviert, dass sie meinten man dürfe das nicht, sondern dadurch, dass man sich entweder selbst nicht über den Weg trauten oder eben, dass es nicht lustig ist, in einer aufgeheizten ausländerfeindlichen Stimmung beispielsweise Terrorismus und Islam in einen Topf zu packen. Ein Jeder kehre vor seiner eigenen Tür ist ein Akt von Höflichkeit, keine Vorschrift.


Überhaupt: Was soll Political Correctness eigentlich bedeuten? Entweder geht es um die Bewertung eines Sachverhaltes, beispielsweise eines historischen. Oder um Sprachregelungen, d. h. um Benennungen, Stichworte, Redefiguren. Die Auseinandersetzung mit Sachverhalten kann man sinnvollerweise nicht unter PC fassen, sondern nur die Sprechweisen. Wenn ein Sachverhalt geleugnet wird, kann man widersprechen, ihn darstellen und belegen.
Es scheint zwei verschiedene Verwendungszusammenhänge und Motivlagen zu geben. Entweder man will ein Tabu aufbauen oder sich über ein vermeintliches Tabu gegen Einwände immunisieren. Beides ist idiotisch.
Entweder man versucht sich mit den Bewertungen und Sachverhalten auseinander zu setzen oder – was natürlich ebenso legitim ist – man sagt, dass es einem zu blöde ist, mit Leuten zu reden, die nicht akzeptieren wollen, dass es die Shoa gegeben hat bzw. den Sklavenhandel usw. Der Satz: „Das darf man nicht sagen“ ist die Entsprechung von „So darf man das nicht sagen“ . Wenn jemand ein Antisemit ist, redet er antisemitisch, was auch sonst? Wenn jemand antisemitische Floskeln von sich gibt, ist er oder sie entweder Antisemit oder weiß es nicht besser. Im 1. Fall ist das so und man mag sich Gedanken darüber machen, wie man den verhärteten Standpunkt aufbrechen könnte oder man lässt es bleiben, im 2. Fall sollte man sich die Mühe machen, zu überzeugen.
Richtiges (korrektes) oder falsches (unkorrektes) Reden über etwas ist Unsinn.
Ein anderes Thema ist bewusstes oder unbewusstes Beleidigen.

Vor einigen Jahren saß ich mal in einer Kneipe. Am Nebentisch unterhielt sich ein Trupp Hessen und Thüringer über die Juden. Sie waren sich einig, dass ja mal Schluss sein müsste, dass die ewige Rücksichtnahme schlimm sei und dass die Juden sehr geschickt darin seien, ihre Interessen durchzusetzen. Na, und so weiter und so fort.

Irgendwann wurde es mir zu viel und ich ging rüber und widersprach dem Treiben.

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, die Truppe von ihrer Bewertung abzubringen sicher nicht. Mir ging das blöde Gequatsche einfach auf die Nerven und außerdem hinderte es mich daran, mit meiner Frau zu plaudern.
Natürlich kam – vorhersehbar – die Reaktion: „Das darf man wohl in Deutschland nicht sagen.“
„Sie haben es ja gerade gesagt.“
Na und dann entwickelte sich der übliche Ablauf. Jedem Widerspruch wurde mit den gleichen Stereotypen begegnet. Wie gesagt, eigentlich hatte ich auch nichts anderes erwartet, ich wollte aber meinem Ärger Luft verschaffen. Es platzt einem halt hin und wieder die Hutschnur.
Irgendwann fiel mir auf, dass eine Frau aus der Truppe mir intensiv ins Gesicht starrte und nach dem zweiten oder dritten Wortwechsel machte sie Bemerkungen über zusammengewachsene Augen brauen, an denen man „die“ erkenne.
Da war ich dann erst mal fassungslos.
Ich sehe wie der Prototyp des Ariers aus. Darauf kam es diesen Leuten aber natürlich nicht an. Sie konnten und wollten argumentativ nichts entgegensetzen, sie wollten mich mit Beleidigungen vertreiben.
Ich bin kein Jude und so ging mir das auf der persönlichen Ebene am Arsch vorbei. Dieses Anpöbeln hätte wahrscheinlich kaum ein Jude ausgehalten. Wenn Juden anwesend gewesen wären, wäre die Situation wahrscheinlich, nun, eskaliert, weil es nicht zu dulden ist, dass man Menschen beschimpft.
Worauf ich hinaus will: Beleidigungen in konkreten Situationen können unerträglich sein, beleidigende Sprechweisen im öffentlichen Raum und schon gar nicht auf der lexikalischen Ebene, sind nicht das Problem. Sie zu unterbinden ist für die betroffene Gruppe angenehmer, sie macht aber auch das Problem unsichtbar und verhindert eine Auseinandersetzung. Wer Jude, Schwarzer, … ist hat jedes Recht sich gegen Beschimpfungen zu verwahren. Wer kein Jude, Schwarzer, … ist, sollte sich mit dem Dreck auseinandersetzen und wenn er oder sie keinen Bock darauf hat oder sich nicht in der Lage sieht (“Man muss nicht mit jedem reden“ sagte mal ein Freund zu mir.), zu argumentieren oder zurück zu pöbeln, einfach die Klappe halten und nicht versuchen sich vor Ungemach zu schützen.

Liebe Mittelschichtskinder, Meinungsmacher und Gesundbeter in Gesellschaft, Wissenschaft und Medien, lasst mich mit eurer Scheiße zufrieden. Hört auf euch über Herdprämie, türkenfrei oder Behindertentransport aufzuregen, hört auf, jeden mit Samthandschuhen anzufassen und die Sprecherposition über die Wolken zu dropsen. (Und nein: ich bin kein leidenschaftlicher „Neger“-Sager, sondern ein „N-Wort“-Verächter.) Bloß gut, dass man nicht alles lesen muss und der Erste, der sich beschwert, wenn ich einen Köter Köter nenne, kriegt ein paar hinter die Löffel.

Na ja, schon Erasmus von Rotterdam meinte, das man einen Einäugigen nicht einäugig, einen Hinkenden nicht hinkend und einen Schielenden nicht schielend nennen solle. In seiner Gegenwart sei das unhöflich. Womit er recht hat.

Wer noch nicht genug gelesen oder geguckt hat:
Ein einigermaßen vernünftiger Artikel zu PC
Über PC als Nachhall gesellschaftlicher Veränderungen
„Mädchen sind doof“ PC als Verletzung des Kooperationsprinzips (ein kleiner historischer Abriss im Rahmen einer linguistischen Seminararbeit, also nicht zu viel erwarten)
Scheint interessant zu sein (Es ist ja sowieso ein Kommunikationsproblem und kein Sprachproblem.)

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Donnerstag, 11. April 2013
PHOENIX Runde 4/5 Broder, Beck, Erdl und Sonneborn über Political Correctness


Wer darf über wen Witze machen?

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Mittwoch, 10. April 2013
PHOENIX Runde 3/5 Broder, Beck, Erdl und Sonneborn über Political Correctness


Erdl: „ranzige Statements als nachgeholter Widerstand.“ Na ja, es handelt sich eher um eine selten blöde Rechtfertigungsstrategie. Broder widerspricht glücklicherweise.
Über Moers könnte man auch mal etwas schreiben.

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Dienstag, 9. April 2013
PHOENIX Runde 2/5 Broder, Beck, Erdl und Sonneborn über Political Correctness


Volker Beck sagt etwas Vernünftiges: „wenn man die Beschreibung der Welt mit Politik verwechselt.“
Broder schätze ich ja in vieler Hinsicht nicht sonderlich, in dieser Diskussion äußert er sich aber häufig ziemlich klug.

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Montag, 8. April 2013
PHOENIX Runde 1/5 Broder, Beck, Erdl und Sonneborn über Political Correctness

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Donnerstag, 4. April 2013
Sapperlot, da ist jemand besonders „radikal“
„Bis zu meinem 45. Lebensjahr war ich Tierleichenesser. Durch Diskussionen, Sachbücher, Filme und Vorbilder in meinem sozialen Umfeld wurde ich dank meiner Einsichtsfähigkeit, Sensibilität und dem Vorsatz, Widersprüche in der kapitalistischen Lebensrealität aufzulösen, schnell ethisch motivierter Lakto-Varier, wobei dies nur eine Facette meiner linksradikalen politischen Identität ist. Den Schritt in die vegane Lebensweise habe ich noch nicht vollzogen, stehe aber den vielen Veganern in meinem politischen Umfeld positiv gegenüber. Niemals käme ich auf die Idee, diese extremste Form der Verweigerung von Tierverwertungen aller Art als nicht die meine zu kritisieren. Vielmehr bewundere ich diese gelebte Konsequenz.

Anders dagegen meine “Freunde” aus der Tierleichengastronomie. Obwohl gebildet, aufgeklärt und sehr gut informiert, sind sie absolut resistent gegen jede Form der persönlichen Veränderung in Richtung einer Beendigung Ihres Fleischkonsums. Für die Feinschmecker von der Öko-Fleischfront bin ich sogar das personifizierte radikalisierte Feindbild (und das schlechte Gewissen). Denn die tun doch was. Bei denen beschränke ich mich meistens nur noch auf Provokationen, Polemik und Sarkasmus, da in Diskussionen die kognitiven Fähigkeiten abgeschaltet zu sein scheinen.“
Es soll mir niemand erzählen, es gäbe keine „Gutmenschen“ und PC sei eine reine Erfindung der Rechten.
Mit 45+ der Meinung sein, dass Gemüseessen etwas mit Politik, gar noch mit linksradikaler, zu tun hat. Da fällt einem nichts mehr ein. Was bewegt die Leute nur sich in ihrem Identitätsgefasel einzumauern? So groß kann der Distinktionsgewinn doch gar nicht sein, dass man sein unglücklich sein jedermann auf die Nase binden muss? Mission als Politikersatz. (by the way: Ich habe nichts gegen persönliche Konsequenz im Alltag, nur hat das eben gerade nichts mit Politik, die ja gerade auf Gesellschaftsveränderung zielt, zu tun.)

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Mittwoch, 3. April 2013
Geschmackloser Witz


Hart an der Grenze oder schon darüber hinaus? Oder als Reaktion auf das Plakat der Studentinnen legitim?

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Montag, 25. März 2013
Endlich! Der sexistische Bauarbeiter!


Schade dass nie ein Finanzobersekretär der sexistischen Anmache beschuldigt wird. Wahrscheinlich sind die einfach nicht so.

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Freitag, 22. März 2013
Rumbalotte oder „Ruhm und Ehre der baltischen Flotte“ VII
Kommt ein Matrose mit 2 gebrochenen Armen in ein Krankenhaus mit Ordensschwestern. Die alte Nonne wäscht ihn und entdeckt auf seinem Schniedel eine Tätowierung. "Rumbalotte" steht da. Komisch denkt die Nonne, was soll das heißen? Vielleicht sehe ich schlecht, morgen schicke ich eine andere Schwester.
Die 2., ebenfalls schon ältere Nonne kann auch nur "Rumbalotte " lesen.
Am dritten Tag schicken sie eine junge Novizin hin. Die kommt zurück und sagt: Ich weiß gar nicht was ihr wollt, da steht doch ganz deutlich "Ruhm und Ehre der baltischen Flotte".

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Donnerstag, 21. März 2013
Rumbalotte oder „Ruhm und Ehre der baltischen …“ VI
Der Anlass für die Betrachtungen zum obszönen Witz war ja der „Fall Brüderle“, der meines Erachtens wenig mit ‚Sexismus‘ zu tun hat und die nachfolgende ‚#aufschrei“-Debatte, die keine Debatte war, aber eine Diskussion über Sexismus beim Stern erfolgreich verhindert hat.

Nun ein erster Versuch die Gedanken über obszönes Reden, obszöne Witze und Frauenfeindlichkeit zu ordnen. Die Lücken und Unsicherheiten sind – denke ich – offensichtlich. Na ja, wir sind hier ja nicht im Colloquium und so müssen Sie halt ergänzen und/oder widersprechen.

In welchen Situationen und mit welcher Intention wird von wem unanständig oder sexistisch geredet?
  1. Anbaggern
    Als Ausgangspunkt ein Text von Hermann Bausinger .
    Bausingers Differenzierung bäuerlicher, proletarischer und bürgerlicher Geschlechterbeziehungen führt uns zu der These, dass ‚sexistisches‘ anbaggern mittels der obszönen Rede im 19. Jahrhundert wie heute keineswegs etwas mit allgemeinen Geschlechterbeziehungen zu tun hat, sondern mit dem Unterschied legitimer und illegitimer Beziehungen im bürgerlichen, heute muss man wohl sagen im kleinbürgerlichen Milieu zu tun hat. Das heutzutage Normale (und nicht unbedingt das Normative) ist das „sentimental eingefärbte(n) Emotionale(n)“, sexuell gefärbte Annäherungsversuche gelten in diesem Milieu als unangemessen, weil der illegitimen Sphäre zugehörig. Das Überschreiten dieser Grenze ist tabuisiert.

    „Im bürgerlichen Milieu war die Ehefrau weithin freigestellt von der Arbeit außer Haus; die Kinder waren wohlbehütet - und das hieß, vor allem für die Mädchen, gut bewacht. Schon dieser äußere Rahmen erzeugte neue Beziehungsformen;…“

    Auch wenn die Ehefrauen nicht mehr in gleichem Maße von der „Arbeit außer Haus“ freigestellt ist, wachsen die Kinder in diesem Milieu in wahrscheinlich noch größerem Maße als im 19. Jahrhundert wohlbehütet und wohlbewacht auf. Hinzu kommt eine aberwitzige Bedeutungserhöhung der Kinder in Familie und Gesellschaft, die dem Narzissmus von Eltern und Kindern Vorschub leistet und die Beziehungen zwischen „den Geschlechtern“ normativ ritualisiert. Abweichungen werden als Bedrohungen des Selbstbildes wahrgenommen. Die Situation verschärft sich noch durch die zunehmend prekärer werdenden Rahmenbedingungen der Existenzgewinnung im kleinbürgerlichen Milieu. Das „Kontrastprogramm“ der Jugendkulturen von dem Bausinger redet, ist inzwischen nach meiner Wahrnehmung weitgehend marginalisiert und es ist eine Generation von – polemisch ausgedrückt – Tugendbolden herangewachsen, die – ob das gelingt wird die Zukunft zeigen – hegemonial werden möchte.

    Nun, wie dem auch sei, das Zotenreißen ist definitiv kein bei Jungs und Mädels, Frauen und Männern, akzeptiertes Modell. Ganz im Gegenteil: wer das Tabu bricht, landet im Abseits. Bliebe noch das Problem der Lust , das immer mal wieder in das Spannungsfeld von Keuschheit aus Unsicherheit und/oder Liebe einbricht. Recht charmant ist das Thema hier aufgegriffen.


  2. Sexuelle Fantasien und das Tabu der öffentlichen Rede
    Der Freund der australischen Ministerpräsidentin macht einen Witz und löst einen Skandal aus .
    Wenn man sich nun den Skandal von den Geschlechtern her durchdenkt, äußert der Freund der Ministerpräsidentin eine sexuelle Fantasie, wie sie in Männerrunden hinter verschlossenen Türen Gang und Gäbe ist. Das Problem ist das öffentliche Reden und – strafverschärfend – das Faktum, dass er mit einer öffentlichen Person liiert ist. Vom anderen Pol betrachtet ist es, ja was eigentlich? Wenn man sich die konkrete Situation vorstellt, wenn also sich ein Mann bei einer asiatischen Ärztin untersuchen lässt und sie von seinen Fantasien weiß oder er sie zu allem Überfluss auch noch vor oder in der Situation geäußert hat, wäre es eine unverschämte Grenzüberschreitung. Solche Männer gibt es sicherlich, die Mehrheit dürfte es wohl nicht sein und Sanktionen wären zweifellos angebracht und der Mann würde zumindest der Praxis verwiesen. Der obszöne Scherz wurde nur eben gerade nicht in einer konkreten Situation geäußert, sondern in an die (männliche) Allgemeinheit gerichteten öffentlichen Rede. Aber ist die Obszönität damit schon frauenfeindlich? Ausdruck von Herabwürdigung? Oder die Frage anders gestellt: ist die „Reduzierung“ (Begrenzung) auf die Frau als sexuelles Objekt frauenfeindlich? Ich weiß es nicht so genau.

    Keine konkrete Person wird in Alltagssituationen sonderlich begeistert davon sein als Objekt der Begierde in den Fokus zu geraten. Unser Alltag ist sinnvollerweise davon geprägt, dass davon abgesehen wird. Die Verkäuferin will etwas verkaufen und der Kunde will etwas erwerben, man will eine Auskunft haben, oder oder. Als Objekt der Begierde in den Fokus zu geraten ist definitiv begrenzt auf die Situationen der Partnersuche.

    Aber wie verhält es sich mit der allgemeinen, der öffentlichen Rede, die ja keinen direkten Adressaten hat?
    Dass es ein Tabubruch ist, scheint klar zu sein, aber ist es auch beleidigend, ist es herabwürdigend?
    Kann man so sehr Geschlechtswesen sein, dass man es als generelle Reduzierung empfindet?
    Und gibt es dabei einen Unterschied zwischen Männern und Frauen, etwa aufgrund des deutlich höheren Risikos von sexueller Belästigung und Vergewaltigung, die hier zwar nicht in Rede stehen, aber natürlich im Hintergrund immer mitschwingen?
    Ich weiß es schlicht und ergreifend nicht. Da ich Witze und Anspielungen gegen Männer eher nicht als herabwürdigend empfinde, der Pflege des Ansehens der eigenen Potenz wenig abgewinnen kann und auch sonst eine eher schwach ausgeprägte Geschlechtsehre habe, muss ich passen.
    Steht ein Bodybilder vor dem Spiegel und meint zur Freundin: Das
    sind 80Kg pures Dynamit. Sagt Sie: Nur schade dass die Zündschnur so
    kurz ist!
    Eigentlich ist der Bodybuilderwitz so dünne, wenn auch symptomatisch, dass er des Erzählens nicht Wert gewesen wäre, wenn, ja wenn mir nicht dazu die Geschichte einer Bekannten eingefallen wäre, deren loses Mundwerk legendär war. Sie begegnete an einem dieser schwül-drückenden Sommertage, die einen auf recht wunderliche Abwege führen, hier in Berlin auf der Kantstraße einem Typen, dessen Muskelwülste so aus dem T-Shirt hervorquollen, dass … und sagte spontan zu ihm: „Sag mal, kannst Du vor lauter Kraft überhaupt noch laufen?“ (der Typ musste daraufhin ziemlich lachen und da er ein netter Kerl war, sind die Beiden heute noch befreundet.)


  3. Eheklagen: Selbstverständigung der Geschlechter/Paare oder „Keiner trägt das Leben allein.“

    An einer Pommesbude sah ich mal ein Schild: „Die Ehe ist dazu da, Probleme gemeinsam zu lösen, die man alleine nicht hat!“ und direkt darunter: „Ehe ist das Zusammenleben mit einer Frau mit der man keinen Sex hat.“
    Ob der Wurstbratter Zank mit seiner Frau hatte, kann ich nicht sagen. Der Topos der Eheklage (und der untreuen/treuen Ehefrau) ist seit der Renaissance Ausdruck des ökonomisch und sozial prekären Verhältnisses von Eheleuten. (Vorher war das anders.) Wie alt der Topos vom ‚Keinen Sex in der Ehe‘ ist weiß ich nicht. Ich vermute mal, dass er seinen Ursprung erst im Brüchigwerden der Versorgerehe des gehobenen Bürgertums in Verbindung mit dem Ausschließlichwerden der sogenannten romantischen Liebe Ende des 19. Jahrhunderts hat. Im 18. Jahrhundert war wohl die ‚Versorgerehe‘ von sachlichen, also ‚unromantischen‘ Vorstellungen geprägt, die es beiden Eheleuten ermöglichte mit Anderen zu poppen, solange es vertraulich zu ging.
    „Ehe ist, wenn ein bis dahin vollkommen normaler Mann das unbezwingliche Bedürfnis in sich fühlt, für eine ihm bis zu diesem Zeitpunkt wildfremde Frau auf Lebzeiten Kost, Quartier, Kleider und Wäsche gratis beizustellen. Wofür die Gattin ihrerseits sich verpflichtet, getreulich all jene Sorgen mit ihm zu teilen - die er nie haben würde, wenn er sie nicht geheiratet hätte.“
    Wie und in welcher Weise und aus welchen Gründen dann die Eheklagen zu einem der vorherrschendsten Sparten des obszönen Witzes wurden, kann ich nicht sagen. Damit bleibt leider auch die Funktion dieser Art von Scherzen im Dunkel. Da müsst sich mal Einer oder Eine drum kümmern.

    Wie dem auch sei, es ist eine Disziplin für Gsälzbären:
    “Ich glaube, meine Frau ist tot. Im Bett ist sie so wie immer, aber in der Küche sieht es aus wie Sau…”
    Ein Ehemann kommt nach Hause und erwischt seine Frau und deren Liebhaber in flagranti. Wütend brüllt er: „Was treibt ihr denn da?“ Die Frau guckt ihren Liebhaber vielsagend an: „Du wolltest es ja nicht glauben: Mein Mann hat keine Ahnung davon!“


  4. Egopflege von Kerlen
    In Männerrunden so ziemlich aller Stände sind Witze über die überbordende Potenz, die Versicherung der eigenen Manneskraft, sowie das sarkastische und/oder selbstironische Lustigmachen über das Nachlassen derselben häufig anzutreffen. Einige Beispiele wurden dazu ja ausgebreitet. In diese Rubrik gehört dann auch die Bewunderung für die Potenz möglichst unkonkreter Anderer, wobei diese Art von Scherzen immer einen Verweis auf die Potenz des eigenen Geschlechts mitschwingen lässt. Als Beispiel mag der Rumbalotte-Witz dienen.
    Ein Sonderfall ist die Schilderung von „Helden“taten im Krieg, die meines Wissens nicht in Witzform präsentiert werden. Neizel/Welzer berichten darüber. Es geht um Soldaten, die sich mit Vergewaltigungen brüsten. Das dürfte ein Ergebnis der Desozialisation in Kriegszeiten sein. Darüber werde ich, wenn ich es schaffe, nochmals gesondert etwas aufschreiben.


  5. Pubertäre Übungen

    Sex und Partnerschaft sind schwierige Themen für Heranwachsende,da hilft Zotenreißen bei der Aneignung, Eingewöhnung bzw. beim Umgang mit den verschiedenen Tabus. Tatsächlich lernen kann man Verlieben, Liebe und Sex nur durch ausprobieren.


  6. Aggressive Herabwürdigung und Bedrohungen von Frauen aus der Distanz

    Soll heißen: „bei dir wird mir die Hose zu eng“ und ähnliche Kommentare, die teilweise bis zu Vergewaltigungsfantasien und Vergewaltigungsdrohungen gehen und damit im strafrechtlich relevanten Bereich angesiedelt sind. Solche Ausfälle lese ich insbesondere in den Kommentarsektionen von Zeitungen und Zeitschriften.
    Ich nehme da zwei verschiedene Sachverhalte war, die ich nicht wirklich, außer als weitgehend unwissender Hobbypsychologe, erklären kann. Einerseits die aggressive Abwehr feministischer Thesen, etwa durch die Maskulinisten, die sich in ihrer Geschlechtsehre angegriffen fühlen und/oder die Konkurrenz, im Rahmen der enger werdenden Möglichkeiten seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, fürchten. Das zweite wäre dann – zumindest für mich – noch ein nachvollziehbarer (im Sinne von verstehbar) Grund.

    Der andere Sachverhalt, deutlich seltener, sind dann die unmotivierten Ausfälle gegen alle Frauen.
    In diesem Zusammenhang wäre dann wohl sinnvollerweise auch über die Thesen zur ‚rape cultur‘ zu diskutieren, die nach dem derzeitigen Stand meiner Überlegungen wohl mit einem: Nein, aber ... zu beantworten wäre. Nein , weil von einer allgemeinen Billigung von Vergewaltigungen und Nötigungen nicht gesprochen werden kann, aber weil es in der Rechtsprechung immer wieder Urteile gibt, die mehr als bedenklich sind.


  7. kalkulierter Tabubruch: die Zote als ‚Kunst’form im intellektuellen und weniger intellektuellem Genre

    Dazu kann ich dann wohl nur einige Stichworte liefern. In Ermangelung einer Humortheorie, die einigermaßen Substanz hat, lässt sich dazu wenig Gültiges sagen. Ausgangspunkt einer solchen Theorie wäre wohl Jean Pauls Vorschule und das Karnevalsbuch von Bachtin.

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