Der hinkende Bote

Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten

Freitag, 12. November 2010
Ludwig Tieck: Die beiden merkwürdigsten Tage aus Siegmunds Leben XIV
»Sie bringen mich zur Verzweiflung!« rief Siegmund so aus, als wenn er schon wirklich verzweifelt wäre; der Präsident erschrak bei diesem Sprunge über die gewöhnliche Lebensart hinweg, er sicherte sich hinter einen prächtigen Sessel, vor dem Siegmund wie ein begeisterter Prophet stand und Reden führte, wie die verfolgte Tugend.

»O wehe mir, daß ich sah, was ich sah«, fuhr er fort zu klagen, und wandte eine Stelle aus dem Ovidius Naso auf seine Umstände an. »Was konnte ich dafür, daß man Sie nicht in das bewußte Haus hineinlassen wollte? Was konnte ich dafür, daß ich Sie dort traf und wider meinen Willen lachen mußte? Ist Ihnen das Glück eines Menschen nicht teurer, als daß Sie es ganz so vom Zufalle und Ihren Launen abhängen lassen? – Oh, widerrufen Sie Ihr Urteil und verhöhnen Sie mich nicht in meinem Unglücke, denn ich hab es nicht verdient, schicken Sie mich nicht so ohne Trost fort, und bestrafen Sie, wenn Sie können, den Zufall, nicht mich.«
Der Präsident aber lässt ihn trotz oder eher wegen dieses Gefühlsausbruches abblitzen.
»Mein Freund«, antwortete der Präsident mit einer unausstehlichen philosophischen Kälte – »Ihr Unglück besteht ja eben darin, daß Sie mit diesem Zufall zusammengetroffen sind. Ist dies nicht vielleicht ein Wink des Verhängnisses, daß Sie unglücklich sein sollen? Ja, es ist Ihr Verhängnis, denn Sie sind ja unglücklich und haben nicht die Kunst verstanden, mein Herz zu Ihrem Vorteil einzunehmen, weil es das Schicksal nicht so haben will. Bewundern Sie die Anzahl von Zufällen, die sich gleichsam mühsam aneinandergereiht haben, um diese Wirkung hervorzubringen.«

»Ich sehe nichts als Ihren Zorn und Unwillen, Ihre Hartherzigkeit mit meinem Unglücke«, antwortete Siegmund. – »Können Sie, ohne Reue zu fühlen, so ungerecht sein?«

»Ungerecht?« Der Präsident fing unwillig dies Wort auf. – »Und wo liegt denn, mit Ihrer Erlaubnis, die Ungerechtigkeit? – Wenn ich einen Freund habe, der mir schon seit lange eine Menge von Gefälligkeiten erzeigt hat, und ich finde nun endlich Gelegenheit, ihm wieder etwas Vorteilhaftes zuzuwenden, sollt ich es da unterlassen, und diesen Nutzen einem Menschen gönnen, der mir fremd ist? Warum soll ich meinem Freund nicht nützen, wenn ich die Gelegenheit dazu in Händen habe? – Ich halte es nicht für ungerecht, sondern für meine erste Pflicht. – Sie können nicht für den Zufall, aber ich ebensowenig für den, daß die Stelle schon meinem guten Freunde versprochen ist. – Leben Sie wohl.«


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Donnerstag, 11. November 2010
Ein Gespräch unter Bäumen I
von Navene über den Dosso Spirano nach Malcesine
Berge und Meer, zur Not tut‘s dann auch mal ein größerer See, sind für einen Urlaub, der in erster Linie der Erholung und nicht zum Kennenlernen neuer Länder und Kulturen dienen soll, für unseren Geschmack genau das Richtige. Nichts ist erholsamer als ausgedehnte Wanderungen. Wobei man ja auch beim Erholen mal was Neues dazu lernen kann. Na egal.

Wir haben uns jedenfalls entschlossen den Bus 8:30 Uhr Richtung Riva zu nehmen, weil die Schüler dann schon alle weggeschlossen sind und die meisten Touristen noch beim Frühstück sitzen.

Am Ortsrand von Malcesine stiegen fünf deutsche Touris (3 Männer, 2 Frauen) ein, alle mit den gleichen (nur die Farben waren unterschiedlich) Outdoorjacken eines bekannten Herstellers. 3,50 € will der Busfahrer pro Fahrgast bis zum Ziel haben. Der Erste der Truppe verwickelt den Fahrer in eine Debatte über den Fahrpreis. Einige Tage vorher habe er nur 3,30 € bezahlt. Die Debatte wird zunächst auf Deutsch, dann auf Englisch geführt, obwohl der Fahrer ganz offenkundig nur einige Brocken der beiden Sprachen kann und nichts versteht. Nach einiger Zeit sieht der Diskutierer die Sinnlosigkeit seiner Beschwerde ein und meint abschließend, zu wem auch immer, dass der Fahrpreis wohl von Tag zu Tag und von Fahrer zu Fahrer wechsle. Seltsam, ich bezahle immer den gleichen Preis für dieselbe Strecke.
Wenige Minuten später, in Navene stiegen wir aus und verließen die Touristengruppe mit ihren Fahrpreisproblemen.

Navene ist nicht gerade eine Stadt und so trafen wir so früh am Morgen nur eine alte Frau auf dem Weg zum Bäcker und eine schwarze Katze, die uns nicht mochte. Am Ende des Ortes stiefelten wir an einer öden, anscheinend seit einigen Jahren nicht mehr benutzten Ferienanlage vorbei und ab in den Wald.

Bald tauchte das Schild des ‚Parco Gardesana Orientale‘ (wenn sie genau hinsehen: im Naturpark darf man die Giftschlangen nicht mit Stöckelschuhen ärgern; sehr löblich das) auf und der Bewuchs wurde immer dichter. Wir hatten gehofft, häufiger einen Blick auf den See und die Ortschaften am Ufer werfen zu können, aber kaum mal eine Lücke, statt dessen dichter, weitläufiger Baumbewuchs, also nicht das, was man mal eben mit zehn Leuten und ein paar Motorsägen in Ordnung bringen könnte.

Die Wanderung ist wenig anspruchsvoll, breite gepflegte Wege und nur gelegentlich ein Stein- oder Geröllfeld. Nach etwa einer halben Stunde waren wir am ersten Abzweig, jetzt nach links, Richtung Norden. Der Weg stieg sanft an und so gingen wir gemächlich voran. Einige Vögel zetern und warnten die Verwandtschaft vor unserer Anwesenheit.

„Was träumst du?“
„Ach nichts besonders, ich lese gerade die Vogelscheuche von Tieck und da tauchen nach einigen Seiten Elfen und Kobolde auf und weil wir hier gerade durch den Wald laufen, linse ich ab und zu ins Unterholz, ob sich da oder dort drüben, bei den Farnen nicht ein Kobold unseren Blicken entziehen will. Wer einen Kobold sieht, der darf ihm auch Befehle geben, heißt es.“

Sie lächelte.
„Ein Märchen?“
„Der Tieck? Nein, eigentlich nicht. Es ist eine Gesellschaftssatire. Im doppelten Sinn: zu einen geht es um eine literarische Gesellschaft, die von einer von Kobolden oder waren es Elfen? zum Leben erweckten Vogelscheuche geführt wird, zum anderen um die Funktionsweise von Gesellschaft überhaupt.“
„Wie? Eine Erzählung mit märchenhaften Elementen?“
„Ja, Hintergrund bzw. Anlass ist wohl, dass sich Ludwig Tieck über eine Literarische Gesellschaft , und ihre literaturpolitischen Ansichten so geärgert hat, dass er sie auf diese Weise auf den Arm genommen hat. Und da sie wohl sehr hirnrissige Ansichten vertreten haben, kam er auf die Idee, das Wirken von Kobolden dafür verantwortlich zu machen. Ein grandioser Spaß. Na, und da er auch ein wunderbarer Schriftseller war, war ihm auch klar, dass solche Ansichten nicht von ungefähr kommen, sondern etwas mit der historischen Situation und der Gesellschaft zu tun haben. Er hat sich dann also auch seinen Frust über die politische Lage von der Seele geschrieben.“


Wir gingen weiter. Wie war das noch mal gleich, dachte ich bei mir, die Stelle an der der Kobold Puck (ja bei Shakespeare kommt er auch vor, der Puck.) durch die Gerichtsszene irrlichtert und dem durchreisenden Prinzen erläutert, dass die, aufgrund bestimmter Umstände zum Leben erweckte Vogelscheuche, für die Staatskunst multifunktionale Fähigkeiten erlangt habe:
„Glauben Sie mir, er kann Ihnen, so, wie er da liegt, in einem Umsehn, Constitutionen aller Art, und für alle Provinzen und Reiche und Umstände machen. Mit einer Kammer, oder mit zweien, populäre, demokratische, monarchische oder oligarchische, im aristokratischen Sinn oder im liberalen, mit Repräsentanten nach Geldeswerth oder Korporationen, hierarchisch und völlig antimonarchisch, mit und ohne Sektionen, mit Juden, mit und ohne Pairs. Sektionen, Assisen , Wahlbezirke, öffentliche Ankläger, Jury, nebst Cultur und Agricultur, Cultus und Menschenmenge, Dreifelder-Wirthschaft und Brache, alles, alles liegt wie Würfel und durcheinander geschüttete Worte vor den Augen seines Geistes, er darf nur wie zufällig hinein greifen, und er wird immer das Richtige erwischen.“ (S. 426)
1835 als die Novelle geschrieben wurde, waren in Deutschland (bzw. Preußen, Österreich oder der deutsche Bund) heftige politische Debatten en vogue. Zu keiner Zeit wurde mehr und heftiger debattiert, über Politik und Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft.
Ob das zu gründende Deutschland eines mit oder ohne Preußen oder Österreich oder mit beiden sein sollte. So, als ob das in einer Diskussion festzulegen wäre und es wurde gerungen, um das, was eigentlich deutsch sei, wer weiß das schon so genau. Etwas später dann, auf den Germanistentreffen, meinte man so allerlei herausgefunden zu haben, mit Schleswig oder mit Holstein oder mit beiden?
Es wurde debattiert, ob dem gemeinen Volk denn überhaupt das Stimmrecht zuerkannt werden könne? Eigentlich sind doch nur die gebildeteren Stände in der Lage über das Wohl und Wehe der Nation abzustimmen?

„Wenn du vor dich hin träumst, fliegst du irgendwann noch mal auf die Schnauze.“
„Aber nein, hier ist der Weg doch nicht zu verfehlen, nur etwas geröllig. Wenn es schwieriger wird, erwache ich schon rechtzeitig.“
„Na gut.“


Eine Erzählung, dachte ich bei mir, die märchenhafte Elemente mit einschließt, ist eine hübsche Idee, das müsste man auch mal ausprobieren. Da spielen wir mal ein bisschen mit herum. Im ernsten Ton würde das wohl nicht funktionieren? Hm? Nein! Irgendwelche Wunder, die immer wieder geschehen? Oberammergau in der Großstadt? Nein, das nimmt einem keiner ab, oder als Kriminalgeschichte? Hm, hm, hm? Ein Art Tatort mit Hexen? Oder Riesen? Quatsch, zu weit von den üblichen Leseerwartungen weg. Oberammergau meets Berlin; first we take Oberammergau and then we take Berlin? Der Herrgottsschnitzer von Oberammergau kommt nach Berlin? Na ja, jetzt drücken wir Oberammergau mal aus der Phantasie. Dieses Lied, wie ging das noch? war das im Blauen Bock? Wann habe ich eigentlich das letzte Mal den Blauen Bock gesehen, das muss, ach das war noch, bevor Heinz Schenk den Blauen Bock übernommen hatte? Also diese Lied, wie ging das noch mal: ‚Wenn in Oberammergau oder in Unterammergau, …‘ Hm, außer dem Refrain ist mir nichts in Erinnerung geblieben. Quatsch, weg damit.

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Mittwoch, 10. November 2010
Ludwig Tieck: Die beiden merkwürdigsten Tage aus Siegmunds Leben XIII
Es gibt Momente im Leben, wo die Verlegenheit Stoß auf Stoß so auf uns einstürmt, daß wir uns endlich in blinder Verzweiflung widersetzen. Dies ist der Augenblick, wo alles Tierische im Menschen gewöhnlich die bessere geistige Materie zu Boden ringt, der gefährliche Augenblick, in welchem der Mensch allen feinern Empfindungen Abschied gibt, wo er in seinem Gegner den fühlenden Menschen verkennt und bloß den Feind wahrnimmt. In diesem stürmischen Augenblicke entdeckte Siegmund dem Präsidenten seine ganze Lage wie er seinen vorigen Posten aufgegeben habe, weil er die hiesige Ratsstelle gewiß geglaubt, wie er Geld aufgenommen und nun nicht wieder zu bezahlen wisse, wie ihn jetzt plötzlich tausend Unannehmlichkeiten bestürmten, an die er bis dahin gar nicht gedacht habe.
Es kommt wie es fast zwangsläufig kommen muss:
Der Präsident zuckte die Schultern eine Mitleidsbezeugung, mit der die Leute noch freigebiger sind, als mit Seufzern. Es kam ihm sogar ein Einfall, den er für witzig hielt, so daß er ihn unmöglich unterdrücken konnte.

»Sie glaubten«, sagte er mit sehr spitzigem Munde, »daß guter Rat hier so teuer sei, daß man Sie auf den Händen tragen würde.«

Man sieht, es war ein Wortspiel, die verschrieenste Abart unter den verschiedenen Arten des menschlichen Witzes; daß es außerdem noch unartig war, bedarf gar keiner Erwähnung.
Wie heißt es doch so schön: Wer Witze hat, braucht für den Spott selbst nicht mehr zu sorgen, oder so ähnlich.

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Dienstag, 9. November 2010
Der kürzeste Fluss der Welt
liegt in Cassone, wenige Kilometer südlich von Malcesine. Er ist 175 Meter lang und so ist eine Wanderung von der Quelle bis zur Mündung bewältigbar.

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Montag, 8. November 2010
Ludwig Tieck: Die beiden merkwürdigsten Tage aus Siegmunds Leben XII
Das Benehmen des Präsidenten setzte sich leicht wieder zu einer zurückstoßenden Kälte, die den vornehmen Leuten so leicht zu Gebote steht. Siegmund war in einer Verwirrung, die alles konfundierte, was er dachte und was er sagen wollte, die prästabilierte Harmonie war auf einige Minuten in ihm gestört, und er stammelte dem Präsidenten eine unzusammenhängende Entschuldigung ins Gesicht, daß er ihn gestern abend unbekannterweise in der bewußten Gegend ausgelacht habe. Der Präsident fragte sehr ernsthaft und wie verwundert, was er meine, und Siegmund vermochte es kaum, sich auf seinen Beinen aufrecht zu erhalten.
Nun ja, auch wenn Siegmund über das gestrige Erlebnis einfach hinweggegangen wäre, würde sich seine Lage nicht besser darstellen.
Als er sich etwas erholt hatte, sah er ein, daß ihm unter diesen Umständen nur zwei Wege offenständen, entweder sogleich den Präsidenten zu verlassen, Pferde zu nehmen, und nach seiner Geburtsstadt zurückzureisen, oder den Versuch zu machen, alles auf eine feine Art wieder ins Geleise zu bringen. Er entschloß sich zum letzten, da er sich erinnerte, daß er die gehoffte Stelle schon immer als sein Eigentum angesehen und darnach alle Einrichtungen getroffen habe. Er fiel sich in den Zügel, und suchte bei der Dämmerung aller Sinne und Begriffe den rechten Weg wiederzufinden. Aber ich möchte den Mann sehn, der nach so vielen Unglücksfällen noch fein sein kann und doch ein Deutscher ist.
Nicht ganz einfach, die Situation auf feine Art zu retten.
Der Präsident war verstockt genug, dem armen Sünder auch nicht einen einzigen Schritt entgegenzutun, oder ihm Pardon anzubieten er hatte vielleicht ein Wohlgefallen an den Krümmungen und wunderbaren Windungen des Supplikanten, der die Füße in alle mögliche Tanzpositionen brachte, der die Uhrkette und die Augenbraunen kniff, und nichts sehnlicher wünschte, als der Präsident möchte seine goldene Dose zur Erde fallen lassen, um sie ihm mit der demütigsten Behendigkeit wieder reichen zu können.
Sehen wir uns an, wie Siegmund glaubt, es bewerkstelligen zu können.
Nach den gewöhnlichen Eingangsredensarten, von – »Leidtun« – »wünschen ein andermal dienen zu können« – den Trauerkutschen, die unsre Hoffnungen so oft zu Grabe begleiten, kam endlich die abschlägliche Antwort zum Vorschein, die schon lange den armen Kandidaten wie ein herannahendes Gewitter geängstigt hatte. Siegmund war ohne Trost, als jetzt der kleine Bellmann durch den Saal ging und ihn der Präsident sehr freundlich in sein Zimmer beschied, in welches er ihm sogleich folgen würde. Es fiel ihm schneidend ein, wie er gestern den Gönner des kleinen Mannes gespielt habe, und dieser heut mit einem Menschen so vertraut umging, der ihm fürchterlich war. Der Präsident suchte jetzt absichtlich die Visite abzukürzen, so wie Siegmund sie verlängerte, ohne eigentlich zu wissen, warum er es tat. – Der Präsident sagte ihm endlich, daß der Mann, den er eben gesehn habe, derjenige wäre, dem die Stelle schon versprochen sei, auf die er gehofft habe. Siegmund fiel aus den Wolken.
Er ist am Boden zerstört. Wie sollte es auch anders sein.

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Freitag, 5. November 2010
Ludwig Tieck: Die beiden merkwürdigsten Tage aus Siegmunds Leben XI
Als er in Gedanken seine Komplimente wiederholt, mehrmals leise und zahm auf dem getäfelten Boden auf und ab gegangen war, seine Uhr aufgezogen, ob es gleich noch nicht Zeit war, Tabak aus einer recht eleganten Dose, einem Präsente, genommen hatte, um es sich von neuem ins Gedächtnis zu rufen, daß er doch auch schon ehemals mit vornehmen Leuten, und zwar auf einem ziemlich vertrauten Fuße, umgegangen sei, trat der Präsident endlich zu ihm in das Zimmer, und hielt nachlässig den Brief des Generals in der Hand.
Die Geschichte steuert auf die erste Pointe zu.
Verbeugungen, gnädig und demütig, und von beiden Seiten ein Schritt plötzlich zurück, Verlegenheit, besonders auf Siegmunds Gesichte, indem man sich gegenseitig erkannte: denn der Präsident war niemand anders, als der alte Mann, den er gestern im Mondenscheine vor der Tür seines Gasthofs so derb ausgelacht hatte.
Die Situation ist wohl nur noch sehr schwer zu retten und die Stelle dürfte schon jetzt nicht mehr zu gewinnen sein.

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Donnerstag, 4. November 2010
Die schlichte Schönheit der deutschen Sprache


kann man auch im Ausland bewundern.

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Mittwoch, 3. November 2010
Ludwig Tieck: Die beiden merkwürdigsten Tage aus Siegmunds Leben X
Nachdem sie durch mehrere Straßen gegangen waren, zeigte ihm der Bediente gerade vor ihm ein sehr ansehnliches Haus, dessen vornehme Treppe, die großen Fenster und alles von dem aristokratischen und reichen Besitzer zeugten. Das Herz fing ihm an etwas zu klopfen, da er nun in kurzem den Mann persönlich vor sich sehen sollte, der seinem Glücke den Ausschlag geben konnte. Er hatte sich den Präsidenten so viel als möglich gedacht, aber es war doch immer ein fremder Mensch, mit dem er jetzt in Unterhandlungen treten sollte; sein Anzug erschien ihm jetzt bei weitem nicht so vorteilhaft, und auf dem hallenden, mit Marmor gepflasterten Flure schien es ihm sogar, als wäre er nicht Menschenkenner genug, um den Präsidenten so ganz in seine Gewalt zu bekommen, als er sich erst eingebildet hatte.
Eine kurze Atempause bleibt ihm noch.
Er ward in das Vorzimmer geführt, um auf die Ankleidung des Präsidenten zu warten, er schickte ihm die Briefe des Generals hinein, und hatte Muße genug, um die ängstlich prächtige Möbilierung des Zimmers zu mustern.
Hier stockt mein Lesefluss: was ist eine ängstlich prächtige Möblierung? Betont angepasst?

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Dienstag, 2. November 2010
Mit dem Schiff
bewegt man sich angenehm und meist ziemlich flott. Nachteile gibt es natürlich auch.

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Montag, 1. November 2010
Ludwig Tieck: Die beiden merkwürdigsten Tage aus Siegmunds Leben IX
Dann ging er gedankenvoll im Zimmer auf und ab, und sagte zu sich selbst:
»Es kann mir nicht fehlschlagen, meine Empfehlungen sind zu gut und dringend; es wäre Beleidigung des Generals, wenn man mir die Stelle versagte: Und warum sollt ich eine unnütze und lächerliche Deutschheit und Biederkeit und wie die närrischen Titel weiter heißen mögen, affektieren? Man empfiehlt sich den Menschen immer auf das vorteilhafteste, wenn man recht demütig erscheint, und sich gar nicht zu empfehlen sucht; man darf nur die Leute selber sprechen lassen, und sie finden, daß man ganz außerordentlich vernünftig redet. – Bis jetzt haben die eingebildeten Weltreformatoren noch nichts genützt, aber wohl sich und andern geschadet. – Wenn es in unserer Welt dazugehört, daß man schmeichelt um ein Amt zu bekommen, ebenso, wie man sich examinieren läßt – je nun, so kann ich nicht begreifen, warum ich nicht etwas schmeicheln sollte, um in einen Zustand zu geraten, daß ich mir kann schmeicheln lassen. Das Ganze ist doch wahrhaftig nicht unangenehmer, als wenn ich auf der Hierherreise mit dem Wagen umgeworfen und einen Arm gebrochen hätte, und doch wäre es wahrlich auch nur geschehn, um hier Rat zu werden. Der Präsident hat viele Schwächen, sie sollen mir ebenso viele Haken werden, um mein Glück zu ergreifen.«
So von seiner eigenen Rede gestärkt, kann er sich ans Werk machen, seine Neugier auf die wunderschöne Nachbarin gegenüber kann man auch nebenher befriedigen.
Als er diese Rede geendigt hatte, ging er zum Wirt hinunter, um sich jemand von seinen Leuten auszubitten, der ihn zum Präsidenten führen könne. – »Was ist das für ein Mädchen, die dort drüben wohne?« fragte er den Wirt zu gleicher Zeit ganz vorübergehend.
Die Auskunft ist dann allerdings nicht nach seinem Geschmack.
Der Wirt schüttelte bedenklich den Kopf. – »Es ist eine von denjenigen«, sagte er halb lächelnd und halb böse – »nun, Sie verstehen mich wohl; sie lebt so auf ihre eigne Hand, wie man so zu sagen pflegt. Eine niederträchtige Kreatur! sie hat schon manchen jungen Mann ausgezogen. – Nehmen Sie sich nur vor der boshaften Person in acht«, setzte er spottend hinzu, »sie kann sich so fromm und unschuldig stellen: ein wahres Krokodil, ein Ungeheuer!«
Ob der Wirt mit seinem Urteil recht hat? Siegmund nimmt es zunächst für bare Münze.
Siegmund hatte nicht Zeit, um den Schmähungen des Wirts noch länger zuzuhören, er ging und sahe nach den Fenstern des Mädchens hinauf, sie blickte ihm nach, und er schickte ihr nach dem, was er soeben gehört hatte, einen sehr verächtlichen Blick zu, und ging in die nächste Quergasse, ohne sich noch einmal umzusehn.
Zuerst einem Schleimer beispringen und dann noch einem Wirt etwas glauben, aber wenn’s der Wahrheitsfindung bzw. der Geschichte dient?

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Freitag, 29. Oktober 2010
Ludwig Tieck: Die beiden merkwürdigsten Tage aus Siegmunds Leben VIII
Er wachte mit den angenehmsten Vorstellungen auf, die Sonne schien hell in sein Zimmer, und die freundlichen Tapeten und ihre Kupferstiche lachten ihm entgegen er ließ sich frisieren und zog sich an.
Alles ist bestens, sogar
– Das hübsche Mädchen lag wieder im gegenüberliegenden Fenster, er grüßte, sie dankte, er sah noch einigemal hinüber, und stellte sich dann vor den Spiegel, um seinen Anzug und Anstand zu mustern.
Jetzt aber heißt es sich wappnen für das Bewerbungsgespräch.

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Donnerstag, 28. Oktober 2010
Vivaldi im Sturmesbrausen
In Malcesine liegt eine alte Burg der Skaliger , die den Großmächten Venedig und Florenz bis Mitte des 14. Jahrhunderts das Leben schwer machten. Die Stadtverwaltung von Malcesine hat vor einigen Jahren im Schatten der Burg ein Veranstaltungszelt errichtet, das sehr schön gelegen ist. In einen der Burghöfe wurde Pylone gesetzt und über den Hof ein Zeltdach gespannt, das mit Stahlseilen fest verankert wurde. Fest? Sagen wir: ziemlich fest.



An der Bushaltestelle hatten wir das Plakat mit der Ankündigung gesehen.
Vivaldi höre ich zu Hause eher selten, aber in den Ferien, am Gardasee, in einer mittelalterlichen Burg bzw. fast schon im Freien? Klar. Und Benacus Chamber Orchestra hört sich ja seriös an. Ziemlich seriös, oder?



Der Reiseführer klärte dann darüber auf, dass die Römer den Gardasee Lacus Benacus nannten (wahrscheinlich). Himmel Hilf, ein Schülerorchester? Nein, so schlimm war es nicht.

Herbstlich war es an diesem Abend, etwas windig, aber nicht regnerisch. Eigentlich ein schöner Abend und wir dachten, dass zwei Stunden in einer alten Burg bei klassischer Musik ein gelungener Abschluss unseres Tages werden würde.

Wir waren etwas zu früh dran, die beiden netten Mitarbeiter der Stadtverwaltung bauten noch ihren Tisch auf, mussten die Programme, die Abendkasse, die Eintrittskarten, usw. auspacken und auslegen. Die Ankündigungen der nächsten Konzerte mussten noch an Tisch und Wehrmauern befestigt werden, aber nach einigen Minuten war alles bereit und wir konnten Karten kaufen und den Burgweg hinauf die wenigen Schritte bis zum überdachten Hof machen.

Noch nicht sehr viele Zuhörer. Wo ist ein guter Platz? Da vorne rechts.

Wir setzten uns. Ein Windstoß blies uns die Jacken hoch. Doch etwas kalt hier so direkt neben der Mauer, zumal anscheinend der Wind heute Abend dauerhaft vom See an den Felsen entlang in den Hof blasen wollte. Na gut, dann auf die andere Seite des Hofes.

Besser, viel besser, kaum Windböen. Das Zelt füllt sich langsam. Erstaunlich wenig Deutsche, dafür viele Briten und Amerikaner. Die Deutschen stellen zwar zwei Drittel der Touristen, hier im Konzert liegt ihr Anteil bei etwa 10% bis 15%, ein kulturloses Volk diese Deutschen.

Ein Windstoß bringt das Dach zum flattern, die Halteseile dehnen sich unter hellem Seufzen. Die Pylone, an denen das Zeltdach befestigt sind geben anscheinend etwas nach. Na ja.
Quietsch. Knarz. Knatter.

Die Musiker betreten die Bühne, das Publikum fröstelt und spendet Beifall.
Quietsch. Knarz.

Eine eloquente Dame des Fremdenverkehrsamtes begrüßt das Publikum und erzählt ein wenig über die Geschichte der Konzerte, des Orchesters und dann noch ein paar Sätze zu Vivaldi. Ganz nett, ganz informativ.
Zunächst auf Italienisch.
Quietsch. Knatter.

Dann auf Deutsch.
Knarz. Knatter.

Dann auf Englisch.
Knatter. Quietsch.

Wir klatschen Beifall und das Konzert beginnt mit dem Nachstimmen der Instrumente.
Pling, pling, pling.
Quietsch. Knarz.

Pling, pling, pling, pling.
Quietsch. Quietsch.


Ein Windstoß droht die Notenblätter im Saal zu verteilen, die Musiker greifen hektisch nach den Blättern und passen ihre Wäscheklammern den aktuellen Windverhältnissen an.
Quietsch. Knarz. Knatter.

Das Konzert beginnt.
Quietsch. Quietsch. Quietsch. Quietsch.

Die Seile bemühen sich eine Art zusätzlichen Basso continuo Vivaldi an die Seite zu stellen. Irgendwie interessant.
Quietsch. Knarz. Quietsch. Knarz.

Ein junger Mann mit Oboe betritt die Bühne und klemmt umständlich seine Noten an den Ständer.
Knatter. Knatter. Knatter.

Die Blätter fliegen auf der Bühne herum. Alle helfen beim aufsammeln. Hoffentlich kriegt er die Reihenfolge wieder hin. Geht es weiter?
In Bälde, zunächst muss dem Dirigenten und der ersten Geige die Hand geschüttelt werden.
Quietsch. Knarz. Knatter.

Jetzt aber.
Knarz. Knatter.

Nach fast jedem Takt müssen die Wäscheklammern umgesteckt werden, der Dirigent lächelt aufmunternd dem Oboenspieler und freundlich-entschuldigend dem Publikum zu.
Quietsch. Knarz. Quietsch. Knarz.

Die Flötistin kommt mit dem Wind deutlich besser zurecht als der Mann mit der Oboe.

Pause. Wir haben sie nötig und die Musiker wohl auch. Zeit für eine Zigarette.
„A wengderl anstrengend ist es aber schon?“
„Es hat aber durchaus auch seinen Scharm.“
„Ja, Vivaldi im Sturmesbrausen.“
„Stimmt.“
„Der erste Geiger, wirft seine Tolle bei jeder Bewegung des Bogens nach hinten. Jung und egozentrisch muss man sein, wenn man ein berühmter erster Geiger werden will.“
„Stimmt.“

Wir gehen wieder in den Hof.
Quietsch. Quietsch. Quietsch.

Es geht weiter.
Quietsch. Quietsch. Quietsch.

Den folgenden Komponisten kannte ich nicht: Allesandro Marcello und das Concerto in do minore natürlich auch nicht
.
Knarz. Knatter.

Zum Abschluss noch einmal Vivaldi.
Hebt das Dach ab?

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Mittwoch, 27. Oktober 2010
Ludwig Tieck: Die beiden merkwürdigsten Tage aus Siegmunds Leben VII
Der Freund des Präsidenten ward ein Freund Siegmunds, und bekräftigte alles, was dieser sagte, mit sehr gewichtvollen Blicken, die er langsam in der Gesellschaft herumgehn, und dann an dem überwundenen Gelehrten hängen ließ. Siegmund war ohne es zu wollen der Sprecher in diesem langweiligen Parlamente geworden, und alle Augen waren nach seinem Munde gerichtet. Man fragte den Wirt heimlich, wer der verständige Fremde sei dieser aber wußte es selber nicht, und man hatte von Siegmund nur eine desto größere Hochachtung, da man seinen Namen und Charakter nicht kannte.
Nun es scheint ja alles noch mal gut gegangen zu sein.
Die Gäste zerstreuten sich nach und nach, nur der kleine dicke Mann blieb mit Siegmund im Zimmer dieser spürte jetzt einen weit größeren Mut, da er mit seinem Verteidiger das Feld behalten hatte. Er wagte es jetzt dreister, sich in philosophischen Sentenzen zu ergießen, und Siegmund war gutmütig genug, alles zu bestätigen, da er einmal sein Sekundant geworden war. Beide versprachen es sich, Freunde zu bleiben und sich öfters zu besuchen. – Man trennte sich und Siegmund ging schlafen.
Und so endet der erste von zwei merkwürdigen Tagen in Siegmunds Leben. Die Figuren, das Umfeld und die Ereignisvoraussetzungen für den weiteren Fortgang sind angelegt.

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Dienstag, 26. Oktober 2010
Blumen und Unterhosen

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