Der hinkende Bote

Almanach für Matrosen, wie sie sein sollten

Montag, 23. September 2013
Denis Diderot: "Die geschwätzigen Kleinode" 17
Die beiden Betschwestern

Seit einigen Tagen blieben die Kleinode vor dem Sultan in Ruhe. Er war mit wichtigen Geschäften überhäuft, und so blieben die Wirkungen des Ringes aus. In dieser Zwischenzeit machten sich zwei Damen aus Branza zum Gelächter der ganzen Stadt.

Sie waren berufsmäßige Betschwestern. Sie trieben ihre Liebeshändel in möglichster Stille und genossen eines so guten Rufes, das ihn selbst die Bosheit ihrer Mitschwestern verschonte. Man sprach in den Moscheen nur von ihrer Tugend. Die Mütter hielten sie ihren Töchtern zum Muster vor, die Männer ihren Frauen. Beider Hauptgrundsatz war, Ärgernis erregen sei die schlimmste Sünde. Diese Gleichheit, ihre Gesinnungen und vorzüglich die Schwierigkeit, ohne große Mühe ihren Nächsten zu erbauen, der so scharfsichtig ist und so gerne Arges denkt, war mächtiger als die Verschiedenheit ihrer Gemütsstimmung und erhielt eine genaue Freundschaft zwischen beiden.

Zelidens Brahmine verfügte sich zu Sophien; Sophie fand ihren Gewissensrat bei Zeliden; jede brauchte nur mit sich selbst zu Rate zu gehn, um zu wissen, wie es mit dem Kleinod der andern stände. Aber die allgemein verbreitete sonderbare Plauderhaftigkeit der Kleinode setzte beide in peinliche Besorgnis. Sie sahen die Zeit herannahen, wo ihnen die Larven entfallen, wo sie den guten Namen verlieren würden, um dessentwillen sie sich fünfzehn Jahre lang verstellt und geängstigt hatten, was ihnen jetzt große Ungelegenheiten bereitete. Es gab Augenblicke, besonders für Zeliden, wo sie gern ihr Leben hingegeben hätten, um so verschrien zu sein, als der größte Teil ihrer Bekannten. – »Was wird die Welt sagen? Wie wird mein Mann mich behandeln? Wie? Diese so zurückhaltende, so bescheidene, so tugendsame Frau, diese Zelide ist nicht besser wie die andern? Ich möchte verzweifeln, wenn ich daran denke. O ich möchte es am liebsten nie wieder tun, nie jemals getan haben!« rief Zelide erregt aus.

Sie befand sich gerade bei ihrer Freundin, die eben diese Betrachtungen anstellte, aber nicht so sehr dadurch erschüttert ward. Zelidens letzte Worte brachten sie zum Lächeln. »Lachen Sie nur, gnädige Frau, halten Sie sich nicht zurück, lachen Sie laut auf,« sprach Zelide empfindlich. »Sie haben wohl Ursache.« – »Ich kenne wie Sie,« antwortete Sophie kalt, »die Größe der Gefahr, die uns droht. Aber wie sollen wir ihr entgehn? Denn das werden Sie mir doch wohl zugeben, daß Ihr Wunsch unerreichbar scheint?«

»Denken Sie auf ein Mittel,« versetzte Zelide. »Was soll ich mich länger quälen?« fragte Sophie, »mir fällt nichts ein. Wir können uns freilich in der Provinz vergraben; aber die Vergnügungen Banzas verlassen und dem Leben entsagen, ist meine Sache nicht. Damit würde mein Kleinod schlecht zufrieden sein!« – »Was machen wir also?« – »Ja, was machen wir nur?« – »Wir überlassen alles der Vorsehung und lachen schon jetzt, wie ich es eben tat, über jede Nachrede. Ich habe bis jetzt nichts unversucht gelassen, einen guten Namen mit Vergnügungen zu vereinigen. Muß man einem von beiden durchaus entsagen, so wollen wir wenigstens unser Vergnügen behalten. Bisher waren wir einzig in unsrer Art. Von nun an gleichen wir hunderttausend anderen. Scheint Ihnen das so hart?«
»Ja wohl,« erwiderte Zelide. »Es scheint mir allerdings hart, daß ich denen gleichen soll, welchen ich bis jetzt die tiefste Verachtung bezeugte. Diese Schmach zu vermeiden, geh' ich lieber bis ans Ende der Welt!«
»Glück auf den Weg, meine Liebe,« sagte Sophie, »ich bleibe hier. Aber noch eins: sehn Sie sich doch vorher nach einem Mittel um, das Ihrem Kleinod verbietet, unterwegs zu plaudern.«
»Wahrlich,« versetzte Zelide, »der Scherz ist hier sehr übel angebracht, und Ihre Unerschrockenheit ...«
»Sie irren, Zelide, ich bin nichts weniger als unerschrocken. Aus bloßer Ergebung laß ich den Dingen ihren Lauf, den ich nicht ändern kann. Ehrlos sowie so, will ich mir wenigstens den Kummer darüber bis zuletzt aufsparen.«
»Entehrt!« rief Zelide mit Tränen. »Entehrt! Welch ein Schlag! Das überleb' ich nicht! Verdammter Bonze, der du mich ins Verderben stürztest! Ich liebte meinen Gemahl. Ich war tugendhaft geboren, ich würde ihn noch lieben, hättest du nicht dein Amt und mein Vertrauen gemißbraucht! Entehrt, teure Sophie!«

Sie konnte nicht fortfahren, ein Schluchzen unterbrach ihre Worte, und sie warf sich verzweifelnd auf ein Sofa, Zelide fand nun den Gebrauch ihrer Stimme wieder, um weinend auszurufen: »Ach, liebste Sophie, daran gehe ich noch zugrunde. Ich muß zugrunde gehen. Nein, meinen guten Namen überleb' ich nicht!«
»Zelide, liebe Zelide, übereilen Sie sich mit dem Sterben nicht,« sagte Sophie, »vielleicht, wer weiß ...« »Mir hilft kein Vielleicht! Ich muß sterben!« – »Vielleicht könnte man doch ...« – »Man kann nichts, sag' ich Ihnen. Aber was meinen Sie denn? was könnte man?« – »Man könnte vielleicht den Kleinoden das Plaudern wehren.« – »Ach Sophie! Sie suchen mich durch falsche Hoffnung zu trösten! Sie hintergehn mich!« – »Nein, nein, ich hintergehe Sie nicht, hören Sie nur auf mich, statt dieser törichten Verzweiflung nachzugeben. Man erzählt mir viel von Frenicol, Colipilo, von Mundknebeln und von Maulkörben.« – »Was haben Frenicol, Colipilo und die Maulkörbe mit der Gefahr zu tun, die uns bedroht? Was soll mein Galanteriehändler hier? Und was ein Maulkorb?«
»Das will ich Ihnen sagen, meine Liebe. Ein Maulkorb ist eine vortreffliche Erfindung. Frenicol hat sie erdacht, die Akademie genehmigt und Colipilo verbessert. Darum nennt dieser letztere sich den Erfinder.« – »Nun wohl, was hilft mir diese treffliche Erfindung Frenicols, die die Akademie genehmigte und ein Esel verbesserte?« – »Sie sind von einer Heftigkeit, die über alle Begriffe geht. Diese Maschine wird einfach angemacht, und das Kleinod wird sofort stille, ob es nun will oder nicht.« – »Ist das wirklich wahr, meine Liebe?« – »Die Leute sagen's.« – »Das muß man gleich untersuchen,« versetzte Zelide.

Sie zog an die Klingel, ein Kammermädchen erschien, sie schickte nach Frenicol. »Warum nicht nach Colipilo?« fragte Sophie. »Frenicol macht weniger Aufsehen,« antwortete Zelide. Der Juwelier ließ nicht auf sich warten. »Willkommen, Frenicol,« sagte Zelide. »Eilen Sie zwei Frauenzimmer aus einer großen Verlegenheit zu reißen.« – »Was befehlen Sie, meine Gnädigen? Brauchen Sie etwas von Kleinoden?« – »Nein, wir haben selbst zwei Kleinode und möchten gern ...?« – »Sie unter der Hand veräußern? Gut, meine Gnädigen, lassen Sie sehn. Ich nehm sie oder tausche sie um ...« – »Sie irren sich, Herr Frenicol, wir haben nichts auszutauschen.« – »Ach, ich verstehe! Ihre Gnaden besitzen etwa ein Paar Ohrgehänge, die Sie so verlieren möchten, daß die gnädigen Herrn Gemahls sie bei mir wiederfänden?« – »Keineswegs. Aber so sagen Sie ihm doch, Sophie, worum es sich handelt!« – »Frenicol,« fuhr Sophie fort, »wir brauchen zwei ... Was, Sie verstehn mich immer noch nicht ...?« – »Wie soll ich verstehn, gnädige Frau? Sie sagen ja nichts?« – »Man kann doch auch gewisse Dinge nicht bei Namen nennen,« antwortete Sophie, »wenn man auf Sittsamkeit hält.« – »Aber,« erwiderte Frenicol, »der Name gehört doch zur Sache. Ich bin ja Juwelier und kein Rätselrater!« – »Diesmal aber müssen Sie dennoch raten.« – »Je mehr ich Sie ansehe, meine Gnädigen, desto minder versteh' ich Sie. Wenn man so jung, so reich und so schön ist wie Ihre Gnaden, so braucht man sich doch nicht mit nachgemachten Dingen zu behelfen. Übrigens muß ich Ihren Gnaden gestehn, ich handle mit so etwas nicht. Mit solchem Zeug mögen junge Kollegen handeln, die eben erst anfangen.«

Unsre frommen Damen fanden das Mißverständnis des Galanteriehändlers so lustig, daß sie beide zu gleicher Zeit in ein Gelächter ausbrachen, worüber er die Fassung verlor. »Erlauben mir Ihre Gnaden,« sagte er, »daß ich mich untertänigst empfehle. Ich hoffe, Ihre Gnaden haben Spaß genug mit mir gehabt.« »Bleiben Sie, bleiben Sie, lieber Herr,« sprach Zelide und lachte immer fort, »das war unsre Absicht nicht. Aber aus Mangel an Verständnis verfielen Sie auf solche possierliche Gedanken ...« – »Es liegt nur an Ihro Gnaden, ob ich endlich besser verstehe. Was steht zu Ihrem Befehl?« – »Lassen Sie mich nur erst auslachen, Frenicol, ehe ich Ihnen antworte.«
Zelide lachte bis zum Ersticken. Der Galanteriehändler dachte bei sich, sie habe hysterische Zufälle oder sei verrückt geworden, und gab sich in Geduld. Endlich hörte Zelide auf. »Nun gut,« sprach sie, »von unsern Kleinoden ist die Rede; von unsern, verstehn Sie, Herr Frenicol? Es ist Ihnen wahrscheinlich bekannt, daß es seit einiger Zeit Kleinode gibt, die wie Elstern schwatzen: nun möchten wir nicht gern, daß die unsrigen diesem bösen Beispiel folgten.« – »Ah! jetzt versteh ich alles,« erwiderte Frenicol, »Ihro Gnaden brauchen einen Maulkorb.« – »Sie haben's getroffen. Man hat mir ja immer gesagt, Herr Frenicol sei nicht auf den Kopf gefallen ...« – »Ihro Gnaden sind zu gnädig. Ich führe solche Maulkörbe von allen Sorten und eile sogleich, Ihro Gnaden einige vorzulegen.«

Frenicol ging fort. Unterdessen umarmte Zelide ihre Freundin, dankte ihr für ihren Rat, »und ich,« sagt der gelehrte Afrikaner, »ich ruhte derweil ein wenig aus, bis er wieder kam.«

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Sonntag, 22. September 2013
wichtige Informationen zur Bundestagswahl

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Freitag, 20. September 2013
Du hast die Wahl
Liebe?



oder



Beides geht nicht.

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Donnerstag, 19. September 2013
Denis Diderot: "Die geschwätzigen Kleinode" 16
Die Maulkörbe

Während die Brahminen Brahma reden ließen, Pagoden herumtrugen und die Völker zur Buße ermahnten, dachten andre darauf, aus der Plauderhaftigkeit der Kleinode Vorteil zu ziehen.

Die großen Städte wimmeln von Menschen, welche das Elend erfinderisch macht. Sie stehlen nicht, sie beutelschneiden nicht, aber sie gehören zu den Beutelschneidern, wie die Beutelschneider zu den Spitzbuben. Sie wissen alles, tun alles, haben ein Geheimnis für alles. Sie kommen und gehn und schleichen sich ein. Man findet sie bei Hofe, in der Stadt, auf dem Rathause, in der Kirche, im Schauspiel, in den Häusern der Freude, in der Oper, im Kaffeehause, bei den Sitzungen der Akademie. Sie geben sich zu allem her, was man von ihnen verlangt. Sucht ihr eine Stelle? sie wissen den Weg zum Minister. Habt ihr einen Rechtshandel? sie kennen den Advokaten. Liebt ihr das Spiel? sie sind Bankhalter. Die Tafel? sie sind Brüder, Freimaurer. Die Weiber? sie führen euch bei Aminen oder Akaris ein. Welcher von beiden wollt ihr eine Krankheit abkaufen? Wählen Sie nur, sobald sie Ihnen geworden ist, werden die Leute dafür sorgen, sie wieder wegzuschaffen. Ihre Hauptbeschäftigung ist, die schwache Seite einzelner Menschen auszuspähn und die Einfalt des Publikums zu benutzen. Sie sind es, die an den Ecken der Gassen, an den Kirchtüren, am Eingang der Schauspielhäuser, auf Spaziergängen gedruckte Ankündigungen austeilen lassen, wodurch man ihnen gratis die Nachricht gibt, daß Herr Soundso wohnhaft im Louvre, in Saint Jean, im Tempel oder in der Abtei unter dieser und jener Aufschrift im soundsovielten Stocke von neun Uhr morgens bis zwölf Uhr mittags die Leute in seiner Wohnung betrügt und den übrigen Teil des Tages in der Stadt.

Kaum fingen die Kleinode an zu reden, als ein Betrüger dieser Art, in allen Häusern von Banza einen kleinen gedruckten Zettel herumtragen ließ von folgender Gestalt und Inhalt. Oben stand mit großen Buchstaben: »Achtung, Ihr Damen!« Gleich darunter in kleinerer Schrift: »mit allergnädigster Bewilligung des Herrn Groß-Seneschall und Genehmigung der königlichen Akademie der Wissenschaften.« Und ganz unten: »Signor Colipolo, Mitglied der königlichen Akademie zu Banza, der königlichen Gesellschaft zu Monoemugi, der kaiserlichen Akademie zu Biafara, der Naturforschenden Gesellschaft zu Monomotapa, des Erekkischen Instituts, der königlichen Akademie zu Beleguanza und Angola, wohlbestellter Professor der Schnurrpfeiferei, der sich seit mehreren Jahren des Beifalls des Hofes, der Stadt und der Provinz erfreut, hat soeben zum Besten des schönen Geschlechts tragbare Maulkörbe oder Mundknebel ersonnen, die den Kleinoden die Sprache benehmen, ohne ihren natürlichen Verrichtungen Einhalt zu tun. Sie sind schicklich und bequem. Man findet ihrer von jeder Größe, für jedes Alter und zu allen Preisen. Er hat schon die Ehre gehabt, Personen von höchstem Stande damit aufzuwarten.«

Man braucht nur einer bestimmten Körperschaft anzugehören, so hat man gewonnen Spiel. Mag eine Leistung noch so lächerlich sein, sie findet Lobredner und Liebhaber. Also hatte auch dem Colipolo seine Erfindung Glück. Man drängte sich in Menge zu ihm. Galante Damen fuhren in ihrer eignen Kutsche hin, sittsame Frauen nahmen einen Mietwagen, fromme schickten ihren Beichtvater oder ihren Diener, sogar Klosterpförtnerinnen fanden sich ein. Alle wollten einen Maulkorb haben, und von der Herzogin bis zur Bürgersfrau hatte jedes Frauenzimmer den seinigen, entweder aus Mode oder aus Bedürfnis.

Die Brahminen, welche die Plauderhaftigkeit der Kleinode als eine göttliche Strafe angegeben und sich Sittenverbesserung oder andere Vorteile davon versprochen hatten, begleiteten mit Seufzern die Erfindung einer Maschine, die die Rache des Himmels und ihre Hoffnungen vereitelte. Eben von ihren Kanzeln herabgestiegen, eilen sie wieder hinauf, donnern, wüten, schleudern Bannstrahlen, verkünden Weissagungen, erklären die Maulkörbe für ein Werk der Hölle und sprechen denen die Seligkeit ab, die sich ihrer bedienen würden. »Ihr Weltkinder,« riefen sie, »tut die Maulkörbe von euch, unterwerft euch dem Willen Brahmas! Möge die Stimme der Kleinode die Stimme eures Gewissens erwecken; möget ihr nicht erröten, die Sünden zu bekennen, die ihr euch nicht schämet zu begehn!«

Sie riefen umsonst. Die Maulkörbe ließen sich so wenig durch Predigten abschaffen, als die bloßen Arme und die durchsichtigen Schleier. Man ließ sie ruhig in ihren Tempeln sich den Schnupfen holen. Man trug die Mundknebel und legte sie nicht eher ab, bis man gesehn hatte, sie wären zu nichts gut, oder bis man ihrer müde war.


„Professor der Schnurrpfeiferei“ hübsch.

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Mittwoch, 18. September 2013
Schnipsel
Manchmal lese ich irgendwo etwas und was mir dazu einfällt, schreibe ich dann in der Hoffnung auf, es nicht mehr zu vergessen (und kommentieren will man ja auch nicht überall … eigentlich fast nirgendwo):

  1. Aus der Reihe ‚Klainigkeit was Kinder frait‘: In der Antike schaute man Vögeln beim Fliegen zu. Fliegen beim Vögeln zuzusehen, war hingegen unüblich.
  2. Was haben Franz Josef Strauß, Joschka Fischer, Stefan Raab, Anton Schlecker, Werner Gladow, Johann Jacob Astor und Uli Hoeneß gemeinsam?
  3. Zum Definitionsmachttheorem: „Wird jemand von einem 40-Tonner überfahren, rufst du wahrscheinlich erst dann den Rettungsdienst, wenn er sich als verletzt definiert hat.“ Die Gegenposition: „Ein freier Oberkörper hat in linken Räumen nichts zu suchen.“ (Hinweis: der letzte Satz soll keine Satire sein)
  4. „Haben wir noch Valium im Haus?“ ein zeitloser und schöner Satz, für fast jede Debatte geeignet/notwendig.
  5. „hysterische Mittelschicht“ erklärt zwar nichts, kann aber recht gemein eingesetzt werden.
  6. „Im Einklang mit der "Kritischen Theorie" hat man ja immer so gerne gesagt, Kritik müsse nicht konstruktiv sein.“ Diese Haltungen habe ich anscheinend aus meiner Erinnerung weitgehend getilgt. Stimmt aber, häufig in der Regel blieb ‚Kritik‘ im Allgemeinen.
  7. Wettervorhersage: Auch wenn sich der dichte Niebel in Kürze verziehen wird, der Niederschlag bleibt noch auf Jahre erhalten.
  8. Wie wohl die Bundestagswahl 2017 ausgehen wird?
  9. Hat irgendjemand genug Wissen über die indische Gesellschaft, um mir die Gruppenvergewaltigungen erklären zu können? Oder eine Idee, wo man sich dazu im Netz schlau machen kann? Dieser Artikel nennt lediglich nicht belastbare Zahlen, aber keine Gründe und der hier bleibt immerhin schon mal an der Oberfläche
    (die bekannteren Suchmaschinen haben nicht weiter zutage gefördert, auch scholar nicht) Erste Ansätze hier: „Gewalt gegen Frauen in Südostasien und China“ , allerdings nichts zu Indien.
  10. Schlau isser, der Jürgen Trittin. Anstatt sich beim Schaugrillen für den Veggie-Day eine dieser ekelhaften Tofuwürste zu nehmen, aß er nur gegrilltes Gemüse. Für einen kurzen Moment dachte ich daran, ihm eine seiner Würste aufzunötigen, aber dann kam ich zu dem Schluss: Politiker im Wahlkampf haben es auch nicht leicht. Da muss man sie nicht noch zusätzlich quälen.
  11. Ich war ja – wenn auch sehr am Rande – an den damaligen Diskussionen in der AL bzw. den Grünen bzgl. pädophilen Forderungen aus den Schwulenverbänden dran. Ich muss mal ausführlicher in meinem Gedächtnis kramen. So grob erinnere ich mich, dass keiner der ALer sonderlich viel von diesen Thesen gehalten hat. Mehrheitlich waren sie aber der Auffassung, dass man benachteiligte Gruppen unterstützen müsse. Spontan muss ich dabei natürlich an die aktuellen Diskussionen über Sprecherstandpunkte, Empowerment und Definitionsmacht denken. Ob die heutigen Quatschpopel auch mal von ihren Diskussionen eingeholt werden?
  12. Ich bin ja auch oft in einem „sehr porösen Zustand“ oder so ähnlich.
  13. „Die Verdirndelung der Welt“ las ich als Erklärungsmuster für das Ergebnis der Landtagswahl in Bayern. Nun ja. In anderem Zusammenhang könnte man die Redewendung aber durchaus benutzen.
  14. Max Goldt sei ein „preisgekrönter Alltagssatiriker“ las ich jüngst. Wasndas? Er kriegt Preise dafür, dass er jeden Tag Witze macht? (Schreibt Goldt Satire? Geht es dabei um Alltag? Einen Presi hat er mal bekommen, das ja.)

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Dienstag, 17. September 2013
Denis Diderot: "Die geschwätzigen Kleinode" 15
Die Brahminen

Da die Gelehrten sich genugsam über die Kleinode ausgesprochen hatten, bemächtigten sich ihrer die Brahminen. Die Religion zog ihre Plauderei vor ihren Richterstuhl, und ihre Diener behaupteten, Brahmas Finger offenbare sich an diesem Werk.

Zu dem Ende ward eine allgemeine Kirchenversammlung ausgeschrieben. Diese beschloß, die besten Federn mit dem förmlichen Beweis zu beauftragen, daß dieses Ereignis übernatürlich sei. Bis aber die Arbeit derselben im Druck erscheinen könne, wollte man diese These in Disputationen, im Privatgespräch, im Beichtstuhl und in öffentlichen Predigten behaupten.

Daß dies Ereignis übernatürlich sei, darüber waren alle einstimmig. Weil man aber in Kongo zwei Grundursachen annahm und sich gewissermaßen zu einer Art der Lehre der Manichäer bekannte, so waren die Stimmen darüber geteilt, welcher von beiden Grundursachen man das Geschwätz der Kleinode zuschreiben müsse.

Die, welche niemals aus ihrer Klause herausgekommen waren und nichts durchblättert hatten als ihre Bücher, schrieben dies Wunder dem Brahma zu.

Nur Er, sagten sie, vermag den Lauf der Natur zu unterbrechen. Die Zeit wird lehren, was Er dabei für weise Absichten hat.

Die Gewissenräte der Damen aber, so man häufiger in den Alkoven traf und öfter in den Schlafgemächern der Frauenzimmer, als in ihren Betzimmern überraschen konnte, fürchteten, irgendein redseliges Kleinod möchte ihre Heuchelei entlarven. Darum schoben sie diese Plaudereien auf Rechnung Cadabras, einer bösartigen Gottheit, der Brahma und seine Diener von jeher befeindete.

Gegen dieses letztere System ließen sich schreckliche Einwürfe machen, auch beförderte es nicht so geradezu die Sittenverbesserung. Seine Verteidiger selbst waren dagegen nicht blind. Aber es kam darauf an, sich selbst zu decken, und sobald das der Fall ist, gibt es keinen Diener der Religion, der nicht hundertmal die Pagoden und ihre Altäre opferte. Mangogul und Mirzoza gingen regelmäßig zum Gottesdienste Brahmas. Die Zeitung unterließ niemals, dem ganzen Reich Nachricht davon zu geben. An einem hohen Festtage befanden sie sich in der großen Moschee. Der Brahmine, an dem die Reihe war, das Wort des Herrn zu verkündigen, bestieg die Kanzel, erbaute den Sultan und die Favorite mit Phrasen, Komplimenten und Langeweile und verbreitete sich beredsam des längeren über die Art, sich in Gesellschaften auf gottgefällige Weise niederzusetzen. Er belegte seine Meinung mit Sprüchen ohne Zahl, als er, auf einmal von heiligem Eifer ergriffen, folgenden Wortschwall losließ, der um so mehr Eindruck hervorrief, als er gänzlich unerwartet kam.

»Was vernehm' ich in jeder Gesellschaft? Ein dunkles Gemurmel, ein unerhörter Laut rührt an mein Ohr. Die Ordnung der Natur ist verkehrt. Bisher hatte Brahmas Gnade der Zunge die Gabe zu reden beigelegt, jetzt hat seine Rache sie andern Werkzeugen mitgeteilt. Und welchen Werkzeugen? Ihr kennt sie, meine andächtigen Zuhörer. Bedurfte es denn noch eines Wunders, um dich aus deiner Dumpfheit zu erwecken, du toll und töricht Volk? Hatten deine Sünden nicht schon Zeugen genug, daß selbst ihre hauptsächlichsten Werkzeuge ihre Stimme noch erheben mußten? Zweifelsohne war das Maß ihrer Sünde voll, da der Zorn des Himmels neue Strafen erdachte. Vergeblich hüllst du dich in Finsternis, vergeblich wählst du stumme Gehilfen deines Frevels. Vernimmst du sie jetzt? sie sagen allenthalben gegen dich aus und offenbaren deine Schande der Welt. O Brahma, der du in Weisheit regierest, o Brahma, dein Urteil ist gerecht! Dein Gesetz verdammt den Diebstahl, den Meineid, die Lüge und den Ehebruch; es untersagt die Bosheit der Verleumdung, die Schleichwege des Ehrgeizes, die Wut des Hasses und die Hinterlist des Betruges. Deine getreuen Diener sind nicht müde geworden, diese Wahrheiten deinen Kindern zu verkündigen und sie mit den Strafen zu bedrohen, die dein gerechter Zorn dem Übertreter vorbehält. Aber umsonst! Die Törichten ergaben sich dem Taumel ihrer Leidenschaft, sie folgten dem Strom, sie verachteten unsern Rat, sie verlachten unsere Warnungen, sie achteten nicht unseres Banns. Ihre Laster wuchsen, wurden stark, wurden viel. Die Stimme ihrer Ruchlosigkeit stieg bis zu dir empor. Wir konnten der furchtbaren Zuchtrute nicht vorbeugen, die du über sie ausstreckst. Lange flehten wir deine Barmherzigkeit an, jetzt laßt uns preisen deine Gerechtigkeit. Deine Schläge haben sie getroffen; werden sie nicht zu dir zurückkehren? Deine Hand liegt schwer auf ihrem Haupt; werden sie sie nicht erkennen? Aber ach! ihr Herz ist verstockt, aber wehe! ihre Augen sind verblendet. Denn sie wagen es, diese Wirkung deiner Macht einem blinden Naturspiel zuzuschreiben. Die Toren sprechen in ihrem Herzen: es ist kein Brahma! Alle Eigenschaften der Materie sind uns noch nicht bekannt, und dieser neue Beweis ihres Daseins beweist nichts, als die Unwissenheit und Leichtgläubigkeit derer, die ihn uns entgegenstellen. Auf diesem Grund haben sie Systeme gebaut, Hypothesen erdacht, Experimente aufgestellt. Aber Brahma sitzt auf seinem ewigen Stuhl und blickt herab auf ihr eitles Beginnen, Brahma lacht ihrer, und der Herr spottet ihrer. Ihre frevelhafte Weisheit ist verwirrt, und die Kleinode zerbrachen wie Glas den ohnmächtigen Zaum, den man ihrer Geschwätzigkeit anlegen wollte. Bekennen soll es endlich, das hochmütige Gewürm, die Schwäche seiner Vernunft und die Vergeblichkeit seiner Anstrengungen. Aufhören soll es endlich, Brahmas Dasein zu leugnen oder seiner Macht Schranken setzen zu wollen. Es ist ein Brahma. Er ist allmächtig, und er weist sich uns nicht minder deutlich in seinen schrecklichen Strafen, als in seiner unaussprechlichen Gnade.

Aber wer hat über unser unglückliches Land diese Strafen heraufbeschworen? Sind es nicht deine Ungerechtigkeiten, du begehrlicher und treuloser Mann? Deine Buhlereien und Liebesrasereien, o Weib, du schamloses Weltkind? Deine Ausschweifungen und dein schändlicher Frevel, du niederträchtiger Wollüstling? Dein Geiz gegen unsere Klöster, du Habgieriger? Deine Pflichtvergessenheit, du feiler Richter? Dein Wucher, du unersättlicher Kaufmann? Deine Weichlichkeit und dein Unglauben, du gottvergessener weibischer Höfling? Und ihr, der ihr zuerst unter seiner Geißel blutet, ihr Frauen und Mädchen, versunken im Schlamm der Sünde, was kann es euch fernerhin helfen, wenn wir gar unsere Amtspflicht vergessend Stillschweigen bewahrten über eure Verirrungen? Tragt ihr nicht eine Stimme in euch selbst, der ihr noch weniger entrinnen könnt, als der unsrigen? Sie verfolgt euch überall. Überall wirft sie euch eure unreinen Begierden vor, eure sträflichen Neigungen, eure lasterhaften Beziehungen, eure Sorge zu gefallen, eure Künste anzulocken, eure Schlauigkeit festzuhalten, die Unbändigkeit eurer Wollust und die Wut eurer Eifersucht. Was säumt ihr denn, Cadabras Fesseln abzuwerfen und zu Brahmas sanften Geboten zurückzukehren? Aber bleiben wir bei unserem Gegenstande. Die Weltkinder setzen sich, sagte ich euch, auf eine Gott mißfällige Art nieder aus neun Ursachen. Erstlich usw.«

Diese Predigt machte Eindrücke von ganz verschiedener Art. Mangogul und die Sultanin, die allein um das Geheimnis des Ringes wußten, fanden: der Brahmine habe das Geschwätz der Kleinode eben so glücklich mit Hilfe der Religion erklärt, als Guallonorone durch das Licht der Vernunft. Die Damen und Stutzer des Hofes behaupteten, die Predigt sei aufrührisch und der Prediger ein Schwärmer. Der übrige Teil seiner Zuhörer betrachtete ihn als einen Propheten, weinte, betete, geißelte sich sogar und veränderte seine Lebensart nicht.

Selbst in den Kaffeehäusern sprach man davon. Ein schöner Geist entschied, der Brahmine habe die Frage nur obenhin berührt, seine Rede sei ein frostiges, geschmackloses Wortgepränge. Aber nach der Meinung der Betschwestern und Erleuchteten war dieses ein Stück so gründlicher Beredsamkeit, als nur irgendeins seit hundert Jahren in den Tempeln gehört worden sei. Mir scheint, der schöne Geist und die Betschwestern hatten recht.


Nach den Wissenschaftlern salbadern versuchen die Priester das Phänomen zu erklären. „Die Gewissenräte der Damen“ ist eine schöne Formulierung. 1748 waren die Argumente pro Religion schon die gleichen wie heute.

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Montag, 16. September 2013
Wir haben die Wahl
Wen wähl ich denn? Wen wähl ich denn?

Das Kind?


Die Brille? <br >


Oder doch das Bübchen?
das Bübchen

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Freitag, 13. September 2013
Denis Diderot: "Die geschwätzigen Kleinode" 14
Physiologische Versuche

Es war am fünfzehnten des Monats * * als Guallonorone der Akademie seine Denkschrift über das Geschwätz der Kleinode vorlas. Da er mit großer Zuversicht untrügliche und mehrfach erprobte Versuche ankündigte, so blendete er damit die meisten. Beim Publikum hielt eine Zeitlang der günstige Eindruck an, den es empfangen hatte, und man glaubte fast zwei Wochen lang, Guallonorone habe eine treffliche Entdeckung gemacht.

Seinen Triumph zu vollenden, kam es nur drauf an, daß er diese lärmig ausposaunten Versuche vor der versammelten Akademie wiederholte. Man berief deswegen eine Sitzung, die außerordentlich glänzend war. Die Minister begaben sich in dieselbige, der Sultan verschmähte nicht, dabei zu sein, nur machte er sich unsichtbar.

Mangogul war groß im Monolog-Halten. Die Oberflächlichkeit der Unterhaltung seiner Zeit hatte ihn daran gewöhnt, lieber mit sich allein Selbstgespräche anzustellen: »Dieser Guallonorone,« sagte er zu sich selbst, »ist entweder ein Marktschreier, wie er im Buche steht, oder der Genius, mein Beschützer, ist ein großer Dummkopf. Wenn mein Professor, der doch sicherlich kein Hexenmeister ist, abgeschiedenen Kleinoden die Sprache wieder zu geben imstande ist, so tat mein Genius sehr übel, sich dem Teufel zu verschreiben, um sie lebendigen Kleinoden zu verleihen.«
Noch war Mangogul in diese Betrachtung versunken, als er sich schon mitten in seiner Akademie befand. Guallonorone hatte, wie man sieht, alle Kenner von Kleinoden in Banza zu Zuschauern. Um mit seinem Publikum vollkommen zufrieden zu sein, fehlte ihm nichts, als daß er sein Publikum mit sich zufriedenstellte, aber der Ausgang seiner Versuche war so unglücklich wie möglich. Guallonorone nahm ein Kleinod, setzte es an den Mund, blies, daß ihm der Atem verging, tat es beiseite, nahm es wieder auf, ergriff ein anderes; denn er hatte Kleinode mitgebracht von jedem Alter, jeder Größe, jedem Stande, und jeder Farbe. Aber er mochte immer blasen: man hörte nichts als unartikulierte Töne, von ganz andrer Art, als er versprochen hatte.

Darauf entstand ein Murren, das ihn für einen Augenblick aus der Fassung brachte. Er erholte sich aber bald und entschuldigte sich damit, solche Versuche schickten sich nicht wohl vor soviel Personen. Damit hatte er recht.

Mangogul war sehr aufgebracht, verließ die Versammlung und erschien im Augenblick vor der Favorite: »Nun, gnädigster Herr,« fragte die, sobald sie ihn erblickte, »wer hat recht, Sie oder Guallonorone? Sind seine Kleinode wundertätig?« Der Sultan ging auf und ab, ohne zu antworten. »Ihre Hoheit scheinen unzufrieden?« sagte die Favoritsultanin. »O Madame,« antwortete der Sultan, »die Unverschämtheit dieses Guallonorone geht zu weit! Ich will nichts mehr von ihm wissen. Was wird die Nachwelt sagen, wenn sie erfährt, daß der große Mangogul Hunderttausende von Gnadengehältern auf solche Menschen verwandte, indes tapfere Offiziere, die mit ihrem Blute seiner Stirn Lorbeer netzten, mit vierhundert Pfund Sold vorliebnehmen mußten? Nein, das ist mir zu toll! Meine gute Laune ist auf einen Monat dahin!« Hier schwieg Mangogul und ging von neuem auf und ab im Gemach der Favorite. Er ließ den Kopf hängen, stand still, ging wieder ein Stück und stampfte mit dem Fuß. Endlich setzte er sich, erhob sich schnell wieder, sagte der Sultanin gute Nacht, vergaß sie zu umarmen, und begab sich auf sein Zimmer.

Der gelehrte Afrikaner, der sich durch die Geschichte der glorwürdigsten Regierung Eguebzeds und Mangoguls unsterbliche Verdienste erwarb, fährt in seiner Erzählung also fort: Mangoguls Zorn ließ vermuten, daß er alle Gelehrten aus seinem Reiche verbannen werde. Keineswegs! Tags darauf stand er heiter auf, ritt am Morgen spazieren, speiste am Abend im Garten des Serails unter einem prächtigen Zelt mit Mirzoza und seinen Günstlingen und schien ganz und gar keine Regierungssorgen zu haben. Die Mißvergnügten im Staate, die Nörgler von Kongo, die Neuigkeitskrämer von Banza, unterließen nicht, dieses Benehmen sehr zu tadeln. Und was haben solche Leute nicht zu tadeln? »Heißt das,« sagten sie auf ihren Spaziergängen und in ihren Kaffeehäusern, »heißt das Staatsverwaltung, wenn man den ganzen Tag herumreitet und sich des Abends zu Tische setzt?« »O! daß ich Sultan wäre,« sagte ein Titulär-Rat, der ein ganzes Vermögen im Spiel verloren hatte, von seiner Frau geschieden war und seine Kinder unerzogen herumlaufen ließ, »daß ich Sultan wäre! der Wohlstand des Landes sollte viel blühender sein! Ich wäre der Schrecken meiner Feinde und die Liebe meiner Untertanen. Es sollte mir nur sechs Monate kosten, meine Polizei anders einzurichten, ein neues Gesetzbuch einzuführen, meine Armee auf einen andern Fuß zu bringen und eine Seemacht zu schaffen. Alle Häfen sollten Kriegsschiffe fassen können. Den dürren Sand verwandelte ich alsbald in fruchtbares Erdreich, die Feldwege in feste Heerstraßen. Abschaffen würde ich oder doch um die Hälfte vermindern die Steuern. Und was die Gnadengehälter anlangt, meine Herren Schöngeister, so dürftet Ihr höchstens einmal daran riechen. Gute Offiziere, Pongo Sabiam! Gute Offiziere, alte Soldaten, Beamte, die wie unsereins ihre Arbeitskraft und ihre Nachtruhe opfern, um den Völkern Recht zu schaffen! Das sind die Männer, denen ich meine Wohltaten würde zuteil werden lassen.« »Denkt Ihr noch daran, Ihr Herren,« ließ sich jetzt ein alter, zahnloser Staatsmann vernehmen, der nur noch drei Haare auf dem Kopfe hatte, dessen Rock an den Ellenbogen durchlöchert war, und der zerrissene Manschetten trug, »denkt Ihr noch an unseren großen Kaiser Abdelmaleck aus der Dynastie der Abyssinen, der vor zweitausenddreihundertfünfundachtzig Jahren regierte? Denkt Ihr noch daran, wie der zwei Sterndeuter an den Pfahl schlagen ließ, weil sie sich bei einer Sonnenfinsternis um drei Sekunden verrechnet hatten? und seinen Leibarzt ließ er lebendigen Leibes auseinandersägen, weil er ihm an einem Tage, den der Kalender als unglücklich angab, ein Abführmittel verordnet hatte!«

»Und was sollen uns,« fragte ein anderer, »was sollen uns die nichtsnutzigen Brahminen? Dieses Gezücht, das sich mit unserm Blute mästet? Die überreichen Stiftungen, von denen sie schwelgen, die weit eher uns zukommen?« Ein anderer meinte: »Was wußte man vor vierzig Jahren von einer lothringischen Kirche und von lothringischen Likören? Man hat sich einem Luxus ergeben, der die baldige Vernichtung des Reiches bedeutet und der eine notwendige Folge der Geringschätzung der Pagoden und der Sittenlosigkeit ist. Solange man an der Tafel des großen Kanoglu nur einfaches Rindfleisch aß und nur Sorbet trank, wer wußte da etwas von ausgeschnittenen Kleidern, von Martinscher Schminke, von Rameauscher Musik? Die Mädchen von der Oper waren damals ebenso menschenfreundlich als heutzutage, aber um weit billigeren Preis. Aber seht Ihr wohl, der Fürst ist es, der alles verdirbt. Ja, wenn ich Sultan wäre ...!« »Wenn du Sultan wärst,« antwortete ein alter Soldat, der mit genauer Not dem Gemetzel der Schlacht von Fontanoy entgangen war und der an der Seite seines Fürsten am Tage von Laufeld einen Arm verloren hatte, »dann würdest du noch mehr Dummheiten machen, als du jetzt zum besten gibst. Ach, Freund, du kannst deine Zunge nicht im Zaum halten und willst ein Reich regieren? Du bist nicht einmal Herr in deinem eignen Hause und möchtest dich in Staatsgeschäfte mischen? Halt das Maul, Unglücksmensch! Ehre die Mächte dieser Erde und danke deinem Schöpfer, daß er dich in einem Staate geboren werden ließ und unter der Regierung eines Fürsten, dessen Klugheit seine Minister erleuchtet und dessen Tapferkeit jeder Soldat bewundert, ihn, der gefürchtet ist von seinen Feinden und geliebt von seinen Völkern und an dem man weiter nichts aussetzen kann, außer daß er vielleicht Leute deines Schlages mit zu vieler Nachsicht behandeln läßt.«


Wäre ja schon interessant gewesen wie die praktischen Versuche des Herrn Professors so im Detail von statten gingen.

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Donnerstag, 12. September 2013
»Früher war’s einfacher, da gab’s noch nicht so viel Vergangenheit.« (Karl Lagerfeld)




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Mittwoch, 11. September 2013
Denis Diderot: "Die geschwätzigen Kleinode" 13
Die Oper

Die Oper war das einzige Schauspiel in Banza, das sich hielt. Cedeef und Cisdisfisgisais, jener ein alter Mann, und dieser jung an Ruhm wie an Jahren, beides gepriesene Tonkünstler, arbeiteten wetteifernd für die lyrische Bühne. Diese beiden Originale, ein jeder hatte seine Anhänger. Nichtkenner und Graubärte hielten's mit Cedeef, junge Leute und Virtuosen mit Cisdisfisgisais; und die Kenner, alt und jung, hegten viel Achtung für alle beide.

Cisdisfisgisais, sagten diese, ist vortrefflich, wenn er gut ist, aber er schläft zuweilen, und wem widerfährt das nicht? Cedeef bleibt sich mehr gefestigt und gleichmäßig. Er ist voll von Schönheiten; doch wird man keine bei ihm antreffen, wovon sich bei seinem Nebenbuhler nicht auch Beispiele und auffallendere Beispiele finden ließen. Dieser hingegen hat Züge, die ihm eigentümlich sind, die man bei niemand antrifft als bei ihm. Der alte Cedeef ist ungekünstelt, natürlich, einfach, zuweilen zu einfach, das ist sein Fehler. Der junge Cisdisfisgisais ist eigenartig, glänzend, gekünstelt, gelehrt, zuweilen zu gelehrt, aber das ist vielleicht der Fehler seiner Zuhörer. Jener hat nur einen Anfangskniff, einen sehr schönen Anfangskniff, aber er wiederholt ihn bei jedem seiner Stücke. Dieser kommt von einem Gedanken in den andern, und man möchte jeden festhalten, um ihn wieder und wieder zu hören. An der Hand der Natur wandelt Cedeef die Pfade der Melodie; Nachdenken und Erfahrung ließen Cisdisfisgisais die Quellen der Harmonie entdecken. Wer wird je so richtig reden und solch ein Gewicht auf seine Worte legen, wie der Alte? Wer hingegen wird leichte Arien, wollüstige Weisen und ernste Symphonien schaffen wie der Junge? Cedeef allein versteht den Vortrag. Vor Cisdisfisgisais hatte niemand die zarten Abstufungen von der Zärtlichkeit zur Wollust, von der Wollust zur Leidenschaft, von der Leidenschaft zur Gemeinheit unterschieden. Einige Anhänger des letzteren behaupten sogar, Cedeefs Vortrag sei dem des anderen überlegen. Aber man sollte weniger auf die Ungleichheit ihrer Begabung hinweisen als auf die Verschiedenheit der Dichter, die sie verkörpert haben. »Lest nur, lest,« rufen sie in die Szene mit Dardono, »und ihr werdet die Überzeugung gewinnen, daß wenn man Cisdisfisgisais einen guten Text gibt, so wird er auch so reizende Szenen schreiben wie Cedeef. Dem mag sein, wie ihm will, zu meiner Zeit hielt sich das Publikum an die tragischen Kompositionen des ersten und drängte sich zu den komischen des letzten.«

Gerade damals war ein Meisterstück von Cisdisfisgisais auf die Bühne gebracht, das nur die wenigen Zuhörer eingeschläfert hätte, wenn die Favorite so neugierig gewesen wäre, es sich anzusehen. Zwar eine periodische Unpäßlichkeit der Kleinode kam seinen Neidern zu passe, und die Hauptdarstellerin mußte absagen. Die zweite, ihre Stellvertreterin, sang bei weitem nicht so gut, aber sie entschädigte durch ihr Spiel. Und nichts hielt den Sultan und die Favorite ab, das Schauspiel mit ihrer Gegenwart zu beehren.

Mirzoza war angekommen. Mangogul erscheint. Der Vorhang geht hoch. Man beginnt. Alles ging ausgezeichnet. Die Leistung der Sängerin Chevalier ließ ganz die sonstige Darstellerin Le Maure vergessen, und so kam man zum vierten Akte. Da, mitten im Chor, der dem Sultan zu lange dauerte und der auch die Favorite schon zum zweiten Male gähnen machte, kam Mangogul auf den Einfall, seinen Ring gegen alle Sängerinnen zu drehen. Nie sah man ein Bild von seltsamerer Komik auf der Bühne. Dreißig weibliche Gestalten verstummten auf einmal, sperrten das Maul weit auf und blieben in der theatralischen Stellung stehn, die sie angenommen hatten. Unterdessen gurgelten ihre Kleinode aus Leibeskräften, liederliche Stückchen, Burschenlieder, Bänkelsängerpossen, bekannte kleine Arien mit verkehrten Worten und mehr dergleichen, je dem Wesen einer jeden angemessen. Bei der hieß es: »Ach, liebe Frau Base, hört einmal.« Bei jener: »Wie, zum zwölften Male schon!« Hier: »Blasino, wißt, hat mich geküßt!« Dort: »Pater Cyprian sagt, was ficht Euch an?« Kurz, alle schrien durcheinander und machten einen so merkwürdigen und tollen Lärm, daß ein solcher Chor weder früher noch später nie erhört worden: »O du ... Blusius, wirst ... ficht Euch an ...«

(Hier wird das Manuskript ganz unleserlich.) Das Orchester geigte unterdessen lustig drauflos, und das Gelächter des Parterres, der Logen und der Galerie vereinigte sich mit dem Getöse der Instrumente und dem Gesang der Kleinode, um die Kakophonie vollkommen zu machen.

Einige Schauspielerinnen fürchteten, ihre Kleinode möchten ermüden, Dummheiten zu singen, und anfangen, sie zu sagen. Darum flüchteten sie hinter die Kulissen und kamen mit der Furcht davon. Denn Mangogul hielt sich überzeugt, daß das Publikum nichts Neues von ihnen erfahren würde, und zog seinen Ring zurück. Alsdann verstummten die Kleinode, das Gelächter hörte auf, das Theater ward ruhig, das Stück ging wieder an und nahm ein friedliches Ende. Der Vorhang fiel, der Sultan und die Sultanin fuhren weg, und die Kleinode unsrer Schauspielerinnen begaben sich dahin, wo man ihrer in andrer Absicht wartete, als um sie singen zu hören.

Dieser Vorfall erregte großes Aufsehn. Die Männer lachten, die Weiber erschraken, die Bonzen nahmen Ärgernis daran, und den Akademikern brummte der Kopf. Was sagte aber Guallonorone? Guallonorone triumphierte. Er hatte in seiner Abhandlung behauptet, die Kleinode würden dereinst auch singen. Jetzt hatten sie gesungen. Diese Erscheinung verwirrte seine Kollegen, ihm war sie ein neuer Lichtstrahl und befestigte vollends sein System.
Kritik adeligen Kulturvergnügens, die Oper ist wahrlich keine moralische Anstalt.

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Dienstag, 10. September 2013
mach doch mal was mit Blumen, irgend was nettes ...

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Montag, 9. September 2013
Denis Diderot: "Die geschwätzigen Kleinode" 12
„Das Spiel

Die meisten Damen, die sich mit der Mamimonbanda zum Spiel setzten, waren sehr eifrig darauf erpicht, das konnte man sehn, ohne so scharf zu beobachten wie Mangogul. Leidenschaft für das Spiel versteckt sich am wenigsten. Sie offenbart sich durch auffallende Zeichen beim Gewinn wie beim Verlust. »Woher kommt ihnen diese Spielwut?« sprach er zu sich selbst. »Wie können sie sich entschließen, die ganze Nacht hindurch um einen Pharaotisch zu sitzen und vor ängstlicher Erwartung eines Asses oder einer Sieben zu zittern? Dieser Wahnsinn beeinträchtigt ihnen Gesundheit und Schönheit, wenn sie welche besitzen, ganz zu schweigen von den anderen Unannehmlichkeiten, worein sie noch geraten werden. Ich möchte hier wohl noch einen seinen Streich spielen,« sprach er leise zu Mirzoza. »Was nennen Ihre Hoheit hier einen feinen Streich?« fragte die Favorite. »Ich drehe,« antwortete Mangogul, »meinen Ring gegen die ausgelassenste Spielschwester, ich frage ihr Kleinod aus, und dieses Sprachrohr warnt alle schwachen Männer, die töricht genug sind, ihren Weibern zu erlauben, die Ehre und das Glück ihres Hauses auf eine Karte oder auf einen Würfel zu setzen.«

»Der Gedanke gefällt mir sehr,« erwiderte die Favorite. »Aber wissen Ihre Hoheit, daß die Manimonbanda soeben bei ihrem Pagoden geschworen hat, sie wolle keine Gesellschaft mehr bei sich dulden, wenn sich die Engastrimathen noch ein einziges Mal in ihrer Gegenwart derartig vergessen.« – »Welch ein Wort nannten Sie, Wonne meiner Seele?« fragte der Sultan. »Die züchtige Manimonbanda bedient sich dessen,« antwortete die Favorite, »für alle, deren Kleinode reden können.« – »So hat es sicherlich ihr einfältiger Brahmine erfunden, der sich viel darauf zugute tut, daß er Griechisch kann und seine Muttersprache nicht versteht. Aber Manimonbanda und ihr Kapellan mögen mir's nicht übelnehmen, ich habe große Luft, Manillens Kleinod auszufragen; und es wäre wohl gut, daß ich mein Fragamt hier errichte zur Erbauung meines Nächsten.« »Glauben Sie mir, gnädigster Herr,« versetzte Mirzoza, »ersparen Sie der Großsultanin diesen Verdruß. Das können Sie tun, ohne daß Ihre und meine Neugier dabei etwas verliert. Versetzen Sie sich in Manillens Wohnung.« »Ihnen zu Gefallen will ich mich dahin begeben,« antwortete Mangogul. »Aber wann?« fragte die Sultanin. »Um Mitternacht,« sprach Mangogul. »Um Mitternacht spielt sie noch,« sagte die Favorite. »So wart' ich bis zwei Uhr morgens,« versetzte Mangogul. »Sie vergessen, gnädigster Herr,« erwiderte Mirzoza, »daß drei gerade die schönste Stunde für die Spielerinnen ist. Wollen Ihre Hoheit nur auf mich hören, so überraschen Sie Manille im ersten Schlafe, zwischen sieben und acht Uhr morgens.« Mongogul befolgte Mirzozens Rat und besuchte Manille um sieben Uhr. Ihre Dienerinnen brachten sie gerade zu Bette. Er schloß aus der Traurigkeit, die auf ihrem Gesicht lag, daß sie unglücklich gespielt habe. Sie ging auf und ab, stand still, sah in die Höhe, stampfte mit dem Fuß, drückte die Hand auf ihre Stirn und murmelte etwas zwischen den Zähnen, das der Sultan nicht verstand. Die Mädchen, die sie entkleideten, gaben ihr zitternd nach; sie brauchten viel Zeit, mit ihrem Dienst fertig zu werden, und erduldeten mancherlei Unwillen, der sich nicht blos in Worten äußerte. Endlich legte sich Manille schlafen, ihr ganzes Abendgebet bestand aus Verwünschungen gegen das verdammte As, das siebenmal hintereinander verloren hatte. Kaum waren ihre Augen verschlossen, als Mangogul den Ring gegen sie kehrte. Und ihr Kleinod erhob ein Klagegeschrei: »Ach! ich bin leider kaput und matsch!« Der Sultan lächelte, Ausdrücke des Spiels sogar von Manillens Kleinod zu hören. »Nie,« fuhr es fort, »spiel ich wieder gegen Abidul, er betrügt. Von Dares will ich auch nichts mehr wissen, er sprengt die Bank. Ismal ist ein wackrer Spieler, man kann seiner aber nicht habhaft werden. Mazulin war gut genug, ehe er durch Crissas Hände ging. Zulmis ist eigensinnig. Rica gutwillig, aber er sitzt auf dem Trocknen. Was mach ich mit Lazuli? Der spielt nicht hoch, wenn die schönste Frau von Banza vor ihm stände. Molli ist ein elender Gauner. Kurz, alle Spieler sind keinen Rechenpfennig wert, und man weiß nicht mehr, mit wem man sich einlassen soll.«

Nach dieser Jeremiade erzählte das Kleinod, wie sehr ihm von jeher mitgespielt worden, und wozu seine Gebieterin im Unglück zuweilen hatte greifen müssen. »Ohne mich,« sprach es »wäre Manille schon hundertmal ruiniert. Des Sultans Schatzkammer könnte die Schulden nicht abtragen, die ich bezahlt habe. Einmal verlor sie in einer Sitzung an einen Bankier und an einen Domherrn zehntausend Dukaten. Sie besaß nichts mehr als ihren Schmuck. Aber den hatte ihr Gemahl erst kürzlich ausgelöst, so daß sie ihn nicht von neuem dran wagen durfte. Doch sie bekam Karten in die Hand, und das Unglück sandte ihr eine Ahndung von Gewinnst, wie es immer tut, wenn es jemand zugrunde richten will. Man drang in sie, sich zu erklären. Manille blätterte die Karten durch, griff in ihre Tasche, von der sie sicherlich wußte, daß sie leer sei, nahm die Karten wieder vor, sah sie. von neuem an und sprach kein Wort. ›Was setzen Ihre Gnaden?‹ fragte der Bankier. ›Ich setze,‹ sagte sie, – ›ich setze mein Kleinod.‹ ›Wie viel gilt's?‹ fragte der Bankier. ›Hundert Dukaten,‹ antwortete Manille. Der Domherr stand auf. So viel schien ihm das Kleinod nicht wert. Der Bankier schlug ein. Manille verlor und bezahlte. Die törichte Eitelkeit, ein Kleinod von Stande zu besitzen, verblendete den Bankier. Er bot sich an, meine Gebieterin im Spiel freizuhalten, wenn ich seinem Vergnügen dienen wollte. Der Handel war gleich geschlossen. Aber Manille spielte hoch, und ihr Lieferant war nicht unerschöpflich, so sahen wir bald den Boden seiner Kasse.«

Meine Gebieterin hatte zum Pharao eine glänzende Spielgesellschaft eingeladen. Die ganze Bekanntschaft stand auf der Liste. Es sollten nur Golddukaten gesetzt werden dürfen. Wir rechneten auf unsers Liebhabers Börse. Aber am Morgen dieses großen Tages schrieb uns der Lump, er habe keinen Dreier und ließ uns in der größten Verlegenheit. Wir mußten uns heraushelfen und durften keinen Augenblick verlieren. Endlich ergaben wir uns einem alten Brahminen-Oberhaupt, dem wir einige Gefälligkeiten sehr teuer bezahlen ließen, um die er lange vergebens anhielt. Die Sitzung kostete ihm doppelt so viel, als die jährliche Einnahme seiner Pfründe.

Nach einigen Tagen kam der Bankier wieder zurück. Er wollte verzweifeln, wie er vorgab, daß die gnädige Frau ihn gerade nicht bei Kasse gefunden hatte. Er rechnete immer auf ihre Güte. »Da verrechnen Sie sich, mein Lieber,« antwortete Manille. »Es schickt sich nicht, daß ich Sie weiter empfange. Solange Sie imstande waren, mir zu borgen, wußte die Welt, warum ich Sie ertrüge. Jetzt, da Sie zu nichts gut sind, würde meine Ehre darunter leiden.«

Diese Rede verdroß den Bankier und mich auch, denn es war vielleicht der beste Junge in Banza. Er vergaß sich so weit, Manillen vorzuhalten, sie koste ihm mehr als drei Opernmädchen, die ihm viel mehr Vergnügen gemacht haben würden. »Ach!« rief er seufzend aus, »warum hielt ich mich nicht an mein kleines Wäschermädel? Die war närrisch in mich verliebt! Die war so glücklich, wenn ich ihr ein seidnes Tuch gab!« Manille fand keinen Geschmack an dem Vergleich, unterbrach ihn in einem Ton, vor dem er erbebte, und befahl ihm, sich augenblicklich zu entfernen. Der Bankier kannte sie und wollte lieber friedlich die Treppen hinuntergehn, als aus dem Fenster springen müssen.

Manille borgte in der Folge von einem andern Brahminen, der, wie sie sagte, sie im Unglück tröstete. Der Heilige ward der Nachfolger des Kaufmanns, und wir zahlten ihm mit gleicher Münze. Sie verlor mich noch öfter, und man weiß ja, daß Spielschulden die einzigen sind, die Leute von Welt bezahlen.

Trifft es sich, daß Manille gewinnt, so ist sie die tadelloseste Frau in Kongo. Das Spiel ausgenommen, ist alsdann ihr Betragen so musterhaft, daß man darüber erstaunt. Man hört kein böses Wort von ihr. »Ihre Tafel ist gut besetzt, ihre Putzhändlerin und ihre Leute sind gut bezahlt. Sie beschenkt ihre Bedienten, löst zuweilen ihre Kostbarkeiten ein und tut ihrem Hunde schön und ihrem Gemahl. Aber dreißigmal monatlich setzt sie alle diese liebenswürdigen Eigenschaften und ihr Geld auf ein Pique-As. Dies Leben hat sie geführt, wird sie führen, und der Himmel weiß, wie oft ich noch versetzt werde!«

Hier schwieg das Kleinod, und Mangogul ging schlafen. Man weckte ihn um fünf Uhr abends, und er begab sich in die Oper, woselbst er der Favorite versprochen hatte, sich einzufinden.“


Gesellschaftliche Bloßstellung als Erziehungsprogramm geht anscheinend zu weit und der Wert eines Beischlafs sinkt mit dem gesellschaftlichen Ansehen.

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Freitag, 6. September 2013
Denis Diderot: "Die geschwätzigen Kleinode" 11
Frage und Antwort

„Während sich die Akademie mit der Redseligkeit der Kleinode beschäftigte, sprach man in Gesellschaften von nichts anderm, gestern und heute und viele Tage hintereinander. Der Gegenstand war unerschöpflich. Zu der Wahrheit gesellte sich die Lüge. Alles fand Glauben. Ein Wunder machte das andere wahrscheinlich. Die Unterhaltung lebte sechs Monate lang davon.

Der Sultan hatte nur drei Versuche mit seinem Ring angestellt, und doch erzählten sich die Hofdamen der Mamimonbanda, was die Kleinode einer Präsidentin und einer Gräfin gesprochen haben sollten. Die frommen Geheimnisse einer Betschwester waren dadurch an den Tag gekommen; viele Frauenzimmer, die nicht zugegen waren, sollten gleichfalls geplaudert haben, und der Himmel weiß, was man ihren Kleinoden in den Mund legte. Man sparte sogar nicht mit Zötchen. Von Tatsachen schritt man zu Betrachtungen. »Der Zauber,« sagte eine der Damen, »denn ein Zauber liegt auf den Kleinoden, versetzt uns allerdings in eine sehr peinliche Lage. Man muß ja immer besorgen, ein freches Gerede aus sich herausgehn zu hören!« – »Aber, gnädige Frau,« antwortete eine andre, »die Angst nimmt uns an Ihnen wunder. Wenn ein Kleinod nichts Lächerliches zu sagen hat, was liegt daran, ob es spricht oder schweigt?« – »Daran liegt so viel,« erwiderte die erste, »daß ich gern die Hälfte meines Schmuckes für Gewißheit gäbe, daß das meinige schweigen werde.« »Wahrlich,« versetzte die zweite, »wer die Verschwiegenheit der Leute so teuer erkauft, muß seine guten Gründe haben.« »Meine Gründe sind nicht besser, wie die jeder andern,« antwortete Cephire, »aber ich bleibe bei meinem Gebot. Meine Ruhe ist um zwanzigtausend Taler nicht zu teuer erkauft. Ich gestehe offenherzig, ich bin mir meines Kleinods ebensowenig sicher, als meines Mundes, und der hat mir in meinem Leben manchen Streich gespielt. Man berichtet mir alle Tage so viel unglaubliche Abenteuer, die ein Kleinod erzählt, bezeugt, haarklein geschildert haben soll, daß, wenn ich auch drei Vierteile davon abziehe, doch noch Schändliches genug übrigbleibt. Lügt mein Kleinod nur halb so viel als die andern, so bin ich verloren. Ist es nicht genug, daß unser Betragen von den Gefühlen unsers Kleinodes abhängt, muß auch unser guter Name auf seine Aussage gegründet sein?« »Ich gehe,« sagte die lebhafte Ismene, »auf diese unendlichen Erörterungen weiter nicht ein. Reden die Kleinode durch Brahma, wie mir mein Brahmine beweist, so wird Brahma ihnen nicht erlauben, zu lügen. Der bloße Zweifel wäre Gotteslästerung. Also rede mein Kleinod, wann und wie viel es will. Was kann es zu sagen haben?«

Und siehe da, es erhob sich eine dumpfe, gleichsam unterirdische Stimme, gleich einem Widerhall: »Vielerlei!« Ismene, die nicht ahnte, woher diese Antwort käme, ward empfindlich, stellte ihre Nachbarinnen zur Rede und vermehrte die Belustigung der Gesellschaft. Dem Sultan war ihr Irrtum willkommen, er verließ seinen Minister, mit dem er beiseite gesprochen hatte, und näherte sich ihr: »Sind Sie auch sicher, schöne Frau, daß nicht eine dieser Damen um Ihre Heimlichkeiten weiß, und daß diese Kleinode nicht so boshaft sind, Geschichten wachzurufen, dessen sich das Ihrige nicht mehr entsinnt?«

Mangogul wußte seinen Ring so geschickt zu drehen, daß er dadurch ein sonderbares Gespräch zwischen der Dame und ihrem Kleinode veranlaßte. Ismene war sich immer selbst genug gewesen, und hatte nie einer Vertrauten bedurft, darum antwortete sie dem Sultan: »Gnädigster Herr, alle Kunst der Lästerzungen, kommt bei mir zu kurz.« »Vielleicht!« antwortete die unbekannte Stimme. – »Vielleicht? wie das?« gab die über den beleidigenden Zweifel gekränkte Ismene zurück. »Was habe ich von Ihnen zu befürchten?« – »Alles, wenn sie soviel wüßten wie ich.« – »Und was wissen Sie?« – »Vielerlei, sag ich Ihnen.« – »Vielerlei ist gar nichts gesagt. Wollen Sie sich deutlicher erklären?« – »Gewiß.« – »Hab ich etwa Herzensangelegenheiten gehabt?« – »Nein.« – »Ränke? Abenteuer?« – »Allerdings.« – »Mit wem, bitte? Mit Stutzern? Mit Militärpersonen? Mit Senatoren? Einem Offizier?« – »Nein.« – »Mit Schauspielern?« – »Nein.« – »Oder mit meinen Pagen, meinen Bedienten, meinem Beichtvater? oder dem Sekretär meines Gemahls?« – »Nein!« – »Also Sie Aufschneider, da sind Sie mit Ihrer Weisheit zu Ende!« – »Noch nicht ganz!« – »Mit wem sollte ich denn also etwas vorgehabt haben? Und wann denn? Vor oder nach meiner Hochzeit? Antworten Sie, Frechling!« – »Ach, Madam, hören Sie auf zu fragen und zwingen Sie Ihren allerbesten Freund nicht zu um so schlimmeren Geständnissen!« – »Reden Sie nur, mein Lieber. Sagen Sie, sagen Sie alles; ich mach mir aus Ihnen so wenig, daß ich nicht einmal Ihre Indiskretion fürchte. Sagen Sie alles, was Sie wissen. Ich bitte, ich befehle!« »Was verlangen Sie, Ismene?« rief mit einem tiefen Seufzer das Kleinod. – »Die Huldigung der Tugend!« – »Nein, tugendhafte Ismene, so erinnern Sie sich nicht mehr des jungen Osmin, des Sangiac Zegris, Ihres Tanzmeisters Alaziel, Ihres Singmeisters Almura?« – »Das sind Lügen!« rief Ismene, »so durft ich mich gar nicht vergehn! Meine Mutter war viel zu wachsam! Wenn mein Gemahl hier wäre, der könnte bezeugen, wie er mich in der Hochzeitsnacht gefunden hat, so wie er es nur wünschen konnte.« – »Alcine ist Ihre Freundin,« antwortete das Kleinod.

»Eine so lächerliche und plumpe Beschuldigung, erwiderte Ismene, verdient nicht, daß man sich darauf einlasse. Ich weiß nicht, welcher Dame das Kleinod gehört, das so viel von mir wissen will, doch das bezeug' ich, meinem Kleinod ist kein Sterbenswort davon bekannt.« – »Und meines, gnädige Frau,« antwortete Cephire, »begnügt sich vollkommen damit, zugehört zu haben.« Die andern Damen versicherten eben das, und man setzte sich zum Spiel, ohne genau zu wissen, wer in dem obenverzeichneten Gespräch eigentlich das Wort genommen habe.“

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Donnerstag, 5. September 2013
Von Ost nach West, deutsche Fälle
Gestern saß ich mit einigen Bekannten zusammen, Ost- und Westberliner. Wir unterhielten uns über Backwaren, präziser: ob die östlichen Halbluftschrippen besser seien als die westlichen Backshopschrippen. Die Wessis verteidigten die Halbluftschrippen, die Ossis brachen eine Lanze für die Backshopschrippen. (Backshopschrippen liest sich so locker weg, jetzt sprechen sie das aber mal vor sich hin: Backshopschrippen, Backshopschrippen, Backshopschrippen. Da wird ihnen das Problem der Unterhaltung etwas klarer.) Wir konnten uns dann nicht einigen ob die Halbluftschrippen oder die Backshopschrippen salzärmer waren. Da heute überall alles gleich schmeckt, ist das natürlich eher eine Frage für Historiker.

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